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Beiträge mit dem Schlagwort ‘Hooligans’

Nulltoleranz jetzt!

Florian Raz am Donnerstag den 7. Mai 2015
Unschöne Szenen in der Langstrasse. Ein 6-Punkte-Plan könnte sie verhindern.

Unschöne Szenen in der Langstrasse. Ein 8-Punkte-Plan könnte sie verhindern. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Die Langstrasse, Zürichs Ausgehmeile par excellence, droht wegen einiger weniger für viele zum grössten Ärgernis zu werden. Anwohner klagen über zu viel Lärm, eine kurdische Motorradgang provoziert einen Grosseinsatz der Polizei, wegen einer Schlägerei mussten die Gesetzeshüter die Strasse sperren.

Klar ist: Jetzt muss etwas geschehen. Viele Väter trauen sich nicht mehr, mit ihren Söhnen in der Langstrasse ins Puff zu gehen, um das traditionelle «1. Mal» zu feiern, weil sie fürchten, von einem betrunkenen Polier mit Benzin übergossen zu werden. So kann es nicht weitergehen. Zumal es der Steuerzahler ist, der für die Einsätze der Polizei tief ins Portemonnaie greifen muss.

Ich fordere deshalb: Nulltoleranz jetzt! Und weiss Andreas Brunner hinter mir, den ehemals Leitenden Oberstaatsanwalt des Kantons Zürich. Der schreibt in der «SonntagsZeitung» sehr zu Recht: «Die nächsten Schritte sollten ohne Rücksicht auf radikale und leider auch friedfertige Partygänger erfolgen, geht es doch um die Kultur Langstrasse.»

Bereits soll Hans-Jörg Käser, der Präsident der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD), mit Fachleuten zu einer Reise nach Grossbritannien aufgebrochen sein, wo sich konsequente Massnahmen gegen Ausgänger (Ausgeher?) in einem erfreulichen Pub-Sterben manifestieren.

Lächerlich, dass Club- und Bar-Besitzer versuchen, die Verantwortung abzuschieben, indem sie behaupten, den Lärm ausserhalb ihrer Schuppen und den Drogenkonsum ganz allgemein nicht gross beeinflussen zu können.

Leider funktioniert auch die viel zitierte Selbstregulierung des Partyvolkes nur ungenügend. Dabei wäre es doch wirklich nicht zu viel verlangt, wenn die ach so friedliebenden Feierabendgänger ihren Einfluss geltend machen würden auf Drogenhändler, Messerstecher und Schusswaffenbesitzer.

Was zu tun ist, liegt auf der Hand. Ich präsentiere meinen 8-Punkte-Plan:

  1. In Hochrisiko-Nächten (Freitag, Samstag, Zahltag) darf an der Langstrasse nur noch alkoholfreies Bier ausgeschenkt werden. Mit Ausnahme der VIP-Zonen in Clubs, wo der Champagner natürlich weiterhin fliessen darf.
  2. Die Clubbetreiber müssen bei der Polizei für jede Party eine Bewilligung einholen.
  3. Leider sind es immer wieder Partygänger von auswärts, die für Probleme sorgen. Sie dürfen deswegen künftig nur noch mit sogenannten Party-Bussen an-  und auch wieder abreisen. Als Sammelplatz für Aargauer Langstrasse-Fahrer bietet sich Lenzburg an.
  4. Führen sich auswärtige Partygänger schlecht auf, wird die Langstrasse für Auswärtsfeiernde gesperrt.
  5. Vor dem Eintritt in die Langstrasse müssen sich alle einer strengen Personenkontrolle unterziehen. Bei berechtigtem Verdacht auf Drogen-Schmuggel ist eine Intimkontrolle durch die Polizei möglich.
  6. Die Clubbesitzer werden angehalten, ihre Kundschaft schon im Eingangsbereich durch private Firmen filmen zu lassen und diese Aufnahmen später der Polizei zu übergeben.
  7. Gerade auf Tanzflächen kommt es immer wieder zu unkontrollierbaren Situationen, die zu Gewalt führen (falsche Freundin angetanzt, Bier über das T-Shirt des Nachbarn geleert). Deswegen sind in Clubs und Bars nur noch fix vergebene Sitzplätze erlaubt.
  8. Wer sich unangemessen aufführt (Bier mit Alkohol in der Hand, lautes Lachen, Joint), erhält ein Rayonverbot. Bei Wiederholung wird eine Meldepflicht ausgesprochen auf dem lokalen Polizeiposten (Dienstag–Samstag).

Ich bin mir sicher, dass mit diesen einfach umzusetzenden Massnahmen schon bald Ruhe, Friede und auch ein wenig Freude herrschen wird an der Langstrasse.

Was dieser Blog mit Fussball zu tun hat? Das ist mir soeben entfallen.

Und sie wollen Fans sein

Thomas Schifferle am Dienstag den 24. Februar 2015
Ein blutender Feyenoord-Anhänger wird am Nachmittag vor dem Roma-Spiel in der Nähe der Spanischen Treppe in Rom abgeführt. Foto: Yara Nardi (Reuters)

«Wilde Tiere, Kriminelle»: Ein Feyenoord-Anhänger wird am Nachmittag vor dem Roma-Spiel in der Nähe der Spanischen Treppe in Rom abgeführt. Foto: Yara Nardi (Reuters)

Es sollte eigentlich eine normale Fussballwoche im Februar sein. Was daraus wurde, ist beschämend.

  • Samstag, der 14.: In Mönchengladbach stürmen rund 30 Kölner Ultras den Platz, vermummt und in weisse Ganzkörperanzüge gekleidet. Gladbachs Sportdirektor Max Eberl vergleicht sie mit «wilden Tieren»; für den führenden CDU-Politiker Wolfgang Bosbach sind Typen, die Bengalos zünden und auf einen Platz rennen, «keine Fans, sondern Kriminelle». Der 1. FC Köln schliesst einen Fanclub namens Boyz umgehend aus.
  • Sonntag, der 15.: Luzerner Fans treiben einen Gesinnungsgenossen vor sich her, der sich als orthodoxer Jude verkleidet hat. Die jüdische Gemeinde ist entsetzt, der St. Galler Staatsanwalt Thomas Hansjakob erklärt den Vorfall erstaunlicherweise zum Fasnachtsscherz.
  • Dienstag, der 17.: Paris Saint-Germain und Chelsea bestreiten den ersten Achtelfinal in der Champions League. Nicht ihr 1:1 gibt danach tagelang zu reden, sondern ein kurzes Video aus der Metrostation Richelieu-Drouot: Eine kleinere Gruppe von Chelsea-Hooligans verweigert einem farbigen Franzosen den Zutritt zur Bahn und grölt: «Wir sind Rassisten, und so lieben wir es.» Ihnen drohen laut französischem Recht bis zu drei Jahre Gefängnis oder 50’000 Franken Busse. In einem Radiointerview behauptet ein Engländer, der dabei war: «Der Wagen war voll. Es war eine Art von Selbstverteidigung. Die Presse hat das alles nur aufgeblasen. Wie immer.»
  • Donnerstag, der 19.: Vor dem Europa-League-Spiel bei der AS Roma wütet der aus Rotterdam angereiste Feyenoord-Mob und hinterlässt eine Spur der Verwüstung. Auf 8 Millionen Euro wird der Sachschaden an Gebäuden, Denkmälern oder Autos geschätzt. 25 Hooligans haben Bussen von bis zu 45’000 Euro erhalten, einzelne sollen, so der «Corriere della Sera», den Betrag gleich bezahlt haben.
  • Samstag, der 21.: Die Polizei stoppt FCZ-Fans auf dem Weg zum Derby, weil sie wiederholt illegales Feuerwerk zündeten. Die Konfrontation ist heftig und dauert Stunden. Im Stadion übt die Südkurve den Protest und räumt ihre Plätze. Für die Vorfälle macht sie die Polizei verantwortlich. Es hätte auch überrascht, wenn sie eine klügere Version abgegeben hätte.

Eigentlich sollte es nur ums Spiel gehen. Diese eine Woche hat wieder einmal nur eine tiefe Fassungslosigkeit darüber hinterlassen, was Typen anrichten, die «wenig im Hirn» haben. Auch das sagt Gladbachs Eberl.

Die Vorfälle sind nicht zu vergleichen. Im Schlepptau von Chelsea und Feyenoord wüteten Hooligans, in Mönchengladbach und Zürich standen die Ultras im Mittelpunkt – die also, die vorgeben, das Fansein erfunden zu haben, die das Gefühl haben, der Fussball würde ohne sie nicht existieren, die sich wichtiger nehmen als das Spiel selbst.

In Hannover hat sich Präsident Martin Kind gegen einen Teil der Ultras zu Wehr gesetzt. Er nimmt damit in Kauf, dass sie deshalb nicht mehr zu den Spielen kommen und die Stimmung im Stadion weniger euphorisch ist. Er tut das, weil er ihre Gewaltexzesse nicht toleriert. In Köln ist das Stadion auch eine Woche nach dem Gladbacher Vorfall ausverkauft. Die Stimmung ist «angenehm», sagt Trainer Peter Stöger. Es muss ein Stich ins Herz der Ultras sein, die glauben, ohne sie sei auf den Tribünen nichts los.

Der «Kölner Stadt-Anzeiger» kommentiert:

«Entgegen anders lautender Beteuerung gewinnt der Fussball im Stadion, wenn das ununterbrochene Geschrei und der unabhängig vom Spielverlauf hochinszenierte Dauer-Support (kurz: «Stimmung») aus den Ultra-Ecken plötzlich fehlen. Das Spiel findet im Gegenteil zu sich selbst zurück. Wenn es langweilig wird auf dem Platz, verstummt es auf den Rängen; wenn es hitzig wird, reagiert das Publikum angemessen erregt und vor allem im Takt und in Entsprechung mit den Ereignissen auf dem Platz; wenn der Gegner drückt, werden die Nervosität und das Kribbeln der Leute im Stadion spürbar; und wenn ein Tor fällt, entlädt sich der Jubel authentisch und ohne die Vorgabe von Leuten, die – das darf man nicht vergessen – mit dem Rücken zum Spielfeld Sprechchöre, Klatschrhythmen und Lieder vorgeben und so ihren Irrtum zelebrieren, relevanter Teil des Ganzen zu sein. Wer aber vertritt die Interessen derer, denen das einfach nur auf die Nerven geht? Und die – das muss man sich mal vorstellen! – einfach nur ins Stadion gehen, um Fussball zu gucken?»

Genau aus diesem Grund stört es auch nicht, wenn im Letzigrund die Südkurve leer bleibt wie am Samstag beim Derby.