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Beiträge mit dem Schlagwort ‘Geld’

Und wieder meckern die Torhüter

Guido Tognoni am Donnerstag den 29. März 2018

Gehört zu den bekanntesten Ball-Meckerern dieses WM-Jahres: David de Gea bei einem Spiel in Manchester. (Foto: Getty Images)

Der WM-Ball heisst wieder Telstar, wie schon 1970 in Mexiko. Damals hiess er genau Telstar Durlast, heute Telstar 18. Telstar war ein Satellit, der in den 60er-Jahren eine neue Epoche des internationalen Fernsehens eröffnete, indem via diesen Satelliten Ausstrahlungen über Kontinente möglich wurden. Dass ein Fussball wie der Satellit hiess, war wohl mehr als Zufall: Mit den interkontinentalen Übertragungen, die fast gleichzeitig mit der Erfindung des Farbfernsehens einsetzten, begann die überaus segensreiche Verbindung zwischen Fussball und Fernsehen. Beide haben massgeblich zur gegenseitigen Verbreitung beigetragen und den Fussball zum Milliardenspiel entwickelt. Fussball und Fernsehen sind bis heute eine perfekte Symbiose geblieben.

Adidas, seit 1970 ununterbrochen Lieferant des WM-Balls, hat damals mit dem schwarz-weissen Ball nicht nur ein ausgeprägt fernsehtaugliches Spielgerät, sondern auch eine geometrisch anspruchsvolle Konstruktion entwickelt. Die Kugel wurde von 20 Sechsecken und 12 Fünfecken umfasst. Zudem machte Gummi der Schweinsblase den Garaus. Spätere Modelle hatten Namen wie Azteca, Etrusco, Tango, Questra, Fevernova, Tricolore, Fabulani oder Brazuca und liessen nicht nur beim «Teamgeist» meist unschwer auf das Veranstalterland schliessen. In dieser Hinsicht wäre diesmal Sputnik vielleicht passender als noch mal Telstar. Den ersten Ball mit Ventil gab es übrigens erst 1950 in Brasilien. Zuvor waren Bälle ventillos und – kaum vorstellbar – auch aus Baumwolle. Kunststoff löste später Leder ab. «Das runde Leder» gibt es seit langer Zeit nur noch für die Reporter.

Fifa ignoriert die Meckereien – mittlerweile

Jeder für eine WM-Endrunde neu geschaffene Fussball ist mittlerweile ein Marketinginstrument für Adidas, den Dauerpartner der Fifa. Allerdings läuft die Marketingmaschinerie nicht immer wie geschmiert, denn einige Torhüter spielen nicht wunschgemäss mit. Obwohl der Ball weiterhin rund ist, reklamieren die Ballfänger mit dem ihnen eigenen Reflex alle vier Jahre, dass das neue WM-Modell nicht gut sei. Diesmal haben sich Pepe Reina (Napoli), David de Gea (Manchester United) und André ter Stegen (Barcelona) als bekannteste Meckerer gemeldet. Ter Stegen findet den WM-Ball Telstar 18 «total merkwürdig». Das wird auch in vier Jahren wieder der Fall sein. Bis dahin hat sich die Fussballwelt zwar mit dem total merkwürdigen Spielgerät angefreundet, aber die Torhüter werden vor den Wüstenspielen in Katar 2022 erneut reklamieren, dass der Ball unerwartete Flugeigenschaften habe.

Bei der ersten Fussballweltmeisterschaft 1930 in Uruguay wurden die Reklamationen von der Fifa noch ernst genommen. Aufgrund verschiedener Vorlieben der beiden Mannschaften eröffnete der Schiedsrichter das Endspiel mit dem von Argentinien gewünschten «Tiento» und pfiff die zweite Halbzeit mit dem von Uruguay favorisierten «T-Model» an. Mit dem eigenen Ball machte Uruguay aus einem 1:2 ein 4:2.

Wahnsinn mit Fortsetzung

Guido Tognoni am Donnerstag den 27. Juli 2017

Goldjunge: Was ist Neymar wert? 200 Millionen, 250 Millionen? Warum nicht 300 Millionen? Foto: Patrick Semansky (AP Photo, Keystone)

Zu den wenigen Vorteilen des Rentenalters gehört, dass man einigermassen den Überblick über die vergangenen Jahrzehnte hat. Und wer den Überblick über die vergangenen Jahrzehnte hat, der stellt fest, dass sich in den letzten 50 Jahren tausendmal die Phase wiederholt hat, in der die Fussballpräsidenten und die Medien verlauten liessen, so gehe es nicht mehr weiter. Die wiederkehrende Phrase in der regelmässigen Phase also. Gemeint waren und sind vor allem die Transfersummen im Fussball, aber auch das Geschäftsgebaren in anderen Sportarten. Und obwohl der Europäische Gerichtshof 1995 versucht hatte, mit dem Urteil im Fall Bosman ein Exempel gegen die Transferzahlungen zu setzen, ging es bald danach mit den grossen Summen erst richtig los. Seither wechseln die Spieler den Verein nicht erst bei Vertragsende, sondern während eines laufenden Arbeitsverhältnisses.

Auch Bayern begrenzt sich nicht

«So kann es nicht weitergehen», lautet seither alle Jahre wieder die Losung. Dieses Pflichtbekenntnis glauben inzwischen nicht einmal mehr jene, die es regelmässig aussprechen. Auch Uli Hoeness, ebenfalls seit Jahrzehnten ein Mahner im Weltfussball, redet heute wieder einmal von «Wahnsinn». Aber Bayern München hat in der Vergangenheit nicht sonderlich viel getan, um die Ausgaben für den Einkauf von Spielern glaubhaft zu begrenzen. Zwar holen die Bayern keinen Messi oder Ronaldo oder Neymar, aber dafür zahlen sie für andere Spieler, die sie eiligst zu Hoffnungsträgern stilisieren, objektiv schwer vertretbare Summen. Falls man in diesem absurden Spiel überhaupt von objektiv reden kann, denn wenn Pep Guardiola oder ein Scheich einen Spieler zu welchem Preis auch immer will, ist das ein sehr subjektives Ereignis. So kostete beispielsweise der 18-jährige Renato Sanches (Benfica Lissabon) die Bayern 35 Millionen Euro. Hat jemand diesen Spieler in der vergangenen Meisterschaft gesehen?

Nichts mit der Basis zu tun

Der vielbeklagte Wahnsinn wird weitergehen, sei es mit den Transfersummen, den Salären oder gleich mit beidem. Offenbar gibt es ausreichend viele Leute, die leicht verdientes Geld ebenso leicht und ziemlich spekulativ auszugeben bereit sind. Gestern die Amerikaner, heute die Araber und Chinesen, morgen wohl die Inder, irgendwann die Mongolen. Der Fussball an der Spitze ist längst eine Industrie, die sich selbst antreibt und am Leben erhält. Mit dem Fussball an der Basis hat das nichts mehr zu tun. Aber die Bedenken, dass sich die Fans von diesem Treiben abwenden würden, waren bisher falsch. Der Fussball zieht gesamthaft mehr denn je zuvor.

Ist das alles so schlimm? 200 oder 250 Millionen für Neymar, oder warum nicht gleich 300 Millionen? Es ist in der Tat völlig absurd. Aber Wahnsinn hin oder her – es lässt sich bis heute niemand finden, der unter solchen Auswüchsen ernsthaft leidet.

Wann kommt die Transfersteuer der Fifa?

Guido Tognoni am Mittwoch den 5. April 2017

Neymar ist der aktuelle Kandidat für einen 200-Millionen-Euro-Transfer. Foto. Paulo Whitaker (Reuters)

Der erste 200-Millionen-Transfer der Geschichte ist nur eine Frage der Zeit. Der unter dem Namen Silva Santos Junior unbekannte und als Neymar sehr bekannte Stürmer des FC Barcelona ist der wahrscheinlichste Kandidat, um diese irre Summe zu bewegen. Und als Käufer kommt noch vor den englischen oder chinesischen Bietern Real Madrid infrage, dies allein schon, weil niemand den FC Barcelona lieber ärgern möchte als der ewige Rivale aus der Hauptstadt.

Neymars Transfersumme soll vorderhand noch auf 190 Millionen Euro festgeschrieben sein. Doch wer 190 Millionen für zwei gut trainierte Beine ausgibt, der kann gleich auch fünf Prozent mehr und damit 200 Millionen hinlegen und die entsprechenden Schlagzeilen ernten. Falls Fussball vernünftig wäre (er ist es nicht): Jeder Verein, dem für einen Star 200 Millionen Euro angeboten wird, müsste diesen Spieler sogleich mit einem Trainingsverbot belegen, damit er sich nicht noch verletzen kann, bevor der Transfer vollzogen ist.

Im obszönen Bereich

Es ist nutzlos, sich über das verrückte Treiben auf dem Transfermarkt auszulassen. Das Geld ist offenbar vorhanden, und seitdem China das Prestige des Fussballs erkannt hat, sind die Lohn- und Transfersummen ohnehin noch mehr in jenen obszönen Bereich gestiegen, in dem sie angelangt sind, seitdem das Fernsehen dem Fussball als Geldmaschine dient. Die Summen sind einzig halbwegs vergleichbar mit jenem Geld, das in der Kunst für angesagte Maler ausgegeben wird. Mit dem Unterschied allerdings, dass ein Neymar echt ist, was man nicht von jedem teuer erstandenen Van Gogh sagen kann.

Skala von 1 bis 5 Prozent

Was soll die Fifa machen? Soll sie eingreifen und Höchstlimiten ansetzen mit dem Ergebnis, dass sogleich Wege gefunden werden, um diese Vorschrift zu umgehen? Die Transfersummen gleich abschaffen würde die Falschen treffen und die Löhne nur noch mehr erhöhen. Zudem ist davon auszugehen, dass bei einem Verbot der Transfersummen die Gelder einfach unter dem Tisch die Hände wechseln würden. Es bleibt eine dritte, die wohl vernünftigste Option: Die Fifa besteuert die Transfers, und zwar möglichst progressiv, beispielsweise mit einer Skala von 1 bis 5 Prozent, je nach Höhe der Summe. Die Einnahmen wären beträchtlich, Projekte für die sinnvolle Verwendung des Geldes sind leicht zu finden.

Die Versuchung der Steuerhinterziehung wäre im Fussball natürlich nicht kleiner als anderswo. Aber die Fifa hätte es in der Hand, die Fehlbaren umso drastischer zu bestrafen. Sie müsste es nur wollen.

Sepp Blatter zahlt immer

Guido Tognoni am Donnerstag den 8. Januar 2015
FIFA, FUSSBALLWELTVERBAND, FIFA PRAESIDENT,  EXEKUTIVKOMITEE

Wenn er in die prallvolle Fifa-Kasse greift, reiben sich auch die Präsidenten der nationalen Fussballverbände die Hände: Sepp Blatter. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Es war eine überaus frohe Weihnachtsbotschaft: jeweils 1,3 Millionen Dollar lässt Präsident Sepp Blatter nach der WM-Endrunde 2014 und im Wahljahr 2015 aus der prallen Fifa-Kasse an die Verbände überweisen, wobei weitere kleine Gefälligkeiten kurz vor der Wahl im Mai nicht auszuschliessen sind, wie die Geschichte zeigt. Es hätte auch doppelt so viel sein können: finanziell strotzt die Fifa vor Gesundheit, wie übrigens die Uefa ebenso. Die beiden Dachverbände sind wahre Geldmaschinen. Es gibt kein Gut auf der Welt, das in den vergangenen 30 Jahren eine derart grosse Wertsteigerung erfahren hat wie der internationale Fussball. Besondere Anstrengungen waren keine nötig, die Marktlage brachte das einfach mit sich. Für die Erfinder des Fernsehens müssten als Dank in den Hauptquartieren in Zürich und Nyon längst einige grosse Kerzen brennen.

Was macht nun der Präsident des Verbandes von, sagen wir, Montserrat mit 1,3 Millionen Dollar? Verteilt er sie unter die 5000 Einwohner, oder baut er ein für internationale Spiele taugliches Fussballfeld, falls es auf der kleinen Karibikinsel dafür noch Platz hat? Auch die Vorsitzenden von Sierra Leone, Osttimor und Kiribati geraten vielleicht ins Grübeln: Drängt sich ein neuer Verbands-Mercedes für den Präsidenten auf, geschmückt mit einigen Tornetzen, oder soll das ganze Geld doch lieber für ein Nachwuchsprogramm verwendet werden?

Vor Sepp Blatters Geldsegen sind sie alle gleich: die Kleinen und die Grossen, ein Verband gleich eine Stimme, Liechtenstein hat im Kongress und bei der Geldverteilung dasselbe Gewicht wie die Fussball-Lokomotive Deutschland, Hongkong ist gleich schwer wie China, Andorra so bedeutungsvoll wie Brasilien, Martinique wie Frankreich. Man kann das demokratisch finden oder auch nicht. Tatsache ist, dass sich kein Fifa-Präsident je gegen dieses System auflehnen wird, denn so lange einer nicht gerade in krimineller Absicht mit der Verbandskasse auf den Mond fliegt, sichert ihm dieses Wahlsystem und der ständig steigende Geldfluss im Kongress der 209 Landesverbände jede Wiederwahl. Und so lange das Geld derart üppig fliesst, ist es den Verbandsvertretern letztlich auch egal, ob Franz Beckenbauer, Michel Platini, Sepp Blatter oder ein anderer auf der Fifa-Bühne jeweils die Festansprache hält.

Nun wird es ein weiteres Mal Sepp Blatter sein, dessen Mission bekanntlich nie zu Ende geht. Kein Herausforderer kann je mehr Geld versprechen, als es der Amtsinhaber tut. Und im Gegensatz zu den Politikern fallen die finanziellen Versprechen nicht ins Leere. Sepp Blatter kann immer zahlen.