Beiträge mit dem Schlagwort ‘Fussball’

So wird der neue GC-Präsident scheitern

Guido Tognoni am Mittwoch den 27. März 2019

Der neue GC-Präsident Stephan Rietiker am 27. März in Zürich. (Foto: Keystone/Walter Bieri)

«Ich will den Club wie ein Unternehmen führen», sagt der neue Grasshopper-Präsident Stephan Rietiker.

Ein tödlicher, verbotener, unsäglich dummer Satz! Wenn ein neuer Präsident im Schweizer Eishockey oder Fussball einen Verein übernimmt, darf er grundsätzlich jeden Unsinn erzählen. Er darf auch damit kokettieren, dass er von Fussball und Eishockey nichts versteht. Schliesslich sind alle glücklich, dass man überhaupt einen neuen Präsidenten gefunden hat. Aber der neue Präsident darf niemals sagen, dass er den Club wie ein Unternehmen führen will. Damit offenbart er, dass er von Sport wirklich gar nichts versteht. Und dass die PR-Abteilung seines Clubs gegenüber dem neuen Präsidenten versagt und ihn schlampig auf seinen ersten Auftritt vorbereitet hat.

Stephan Rietiker hat nur dann eine Chance, wenn er das Gegenteil von dem macht, was er verspricht: Er darf den Club nicht wie ein Unternehmen führen. Rietiker wird sehr schnell lernen: Ein Sportclub ist eben kein normales Unternehmen. Das hat schon jeder erfahren und erleiden müssen, der gemeint hat, er müsse nur die Führungstheorien der Handelshochschule St. Gallen anwenden und sogleich kehre der Erfolg ein. Wer aus der Privatindustrie aus was für Gründen auch immer von Sportkenntnissen völlig unbeleckt einen professionellen Sportclub übernimmt, wird mit solchen Prinzipien eine Bruchlandung erleiden. Die Namensliste erfolgreicher Unternehmer und anderer Berufsleute, die im Sport mit den sogenannten modernen Managementversprechen gescheitert sind, ist noch länger als die Liste der in jüngster Vergangenheit gescheiterten GC-Präsidenten.

Fussball ist unberechenbar

Fussball ist nicht Bücherwissen. Fussball lernt auch niemand aus den zahllosen Managementfibeln, die den Markt überschwemmen. Fussball ist nicht berechenbar. In der Wirtschaft gibt es keine Zerrungen, Kreuzbandrisse, Hands im Strafraum und Fehlentscheidungen der Schiedsrichter, die über das Haben oder Nichthaben von 50 Millionen entscheiden. Und im Gegensatz zur übrigen Wirtschaft ist im Fussball der Instinkt für sportliche Entwicklungen viel wichtiger als hohle Führungsprinzipien (die zudem auch in der Wirtschaft oft nicht praktikabel sind). 50 Prozent aller Fussballtransfers und Trainerengagements sind Flops. Das ist auch in hoch professionalisierten Vereinen der Fall. Aber ein guter Präsident verhindert, dass die Flopquote Richtung 100 Prozent tendiert, und passt auf, dass er mit den übrigen 50 Prozent halbwegs Erfolg hat.

Stephan Rietiker wird zu Beginn seiner Amtszeit mit reichlich Geld aus der Grasshopper-Trutzburg eingedeckt. Aber Geld ist nur eines von vielen Problemen des einstigen Nobelclubs. Und Geld wird niemals das ersetzen, was bei den Grasshoppers in den vergangenen Jahren gefehlt hat: sportliche Führungskompetenz. Wenn Stephan Rietiker seine für den Sport aussichtslosen Führungsprinzipien nicht sogleich über Bord wirft, wird sich daran nichts ändern.

Die skurrilste Zeitmess-Panne

Guido Tognoni am Mittwoch den 27. Februar 2019

Wie lange noch? An der WM 90 gabs noch keine elektronischen Zeitangaben. (Foto: iStock)

Das Zeitnahme-Theater bei den Weltcuprennen in Crans-Montana ist peinlich. Peinlich im Jahr 2019 und besonders peinlich für das Land der Uhrmacher. Wir sind ja nicht Nordkorea. Aber Pannen kommen vor.

Blenden wir 29 Jahre zurück. WM-Endrunde in Italien. Europa steht unter dem Hooligan-Schock, und die Fifa verbannt Englands Nationalmannschaft für die Vorrunde nach Sardinien. Die italienische Regierung erlässt während der Spieltage ein völlig überrissenes Alkoholverbot über das ganze Land, das erstaunlicherweise weitgehend eingehalten wird. Der gebotene Fussball ist ziemlich trostlos, aber das italienische Wetter und die gute Stimmung sorgen für eine schöne WM. Die Zuschauer stehen im Bann von grossartigen Spielern wie Diego Maradona, Roberto Baggio und Lothar Matthäus, alle im Zenit ihres Könnens. «Un’ estate italiana», der schönste WM-Song aller Zeiten mit Gianna Nannini und Edoardo Bennato, klingt in allen Radios und Stadien.

Italia 90 ist die erste WM mit mobilen Telefonen, schwere, unförmige Dinger, aber sie funktionieren. Ich stehe in Neapel am Spielfeldrand und rufe spasseshalber einen Freund an, der in Baden am Bildschirm sitzt. «Siehst du mich?» – «Ja, ich sehe dich, aber warum zum Teufel spielt ihr noch?» – «Was ist denn los?» – «Ihr spielt schon 8 Minuten zu lang!», schreit der Freund ins Telefon. Ich verstehe gar nichts, denn die Fifa lässt die Matchuhren nach 45 Minuten stoppen, und elektronische Anzeigen gibt es noch nicht. Was ein Videobeweis ist, weiss noch kein Mensch, und auf dem Feld spielen Italien gegen Argentinien. Napolis Maradona gegen den Gastgeber Italien, und dies in Neapel. Niemand schaut auf die Uhr.

Ein Schiedsrichter in Trance – und keiner merkts

Schiedsrichter Michel Vautrot schaut auf die Uhr, aber er merkt nicht, dass sie stillsteht. Der Franzose ist zu dieser Zeit der vielleicht beste seines Fachs und wurde deshalb nicht für den Final, sondern für diesen brisanten Halbfinal aufgeboten. Er ist wie in Trance, völlig absorbiert vom Spiel und den 60’000 Zuschauern im Stadion San Paolo. Er sieht und merkt nicht, dass sein Linienrichter Peter Mikkelsen verzweifelt ständig Zeichen geben will und mit dem Zeigefinger auf seine Uhr tippt. Michel Vautrot lebt sein eigenes Spiel. Irgendwann pfeift er ab, viel zu spät.

Phänomenal war, dass diese unendlich anmutende Überzeit in ganz Italien von niemandem bemerkt wurde, weder von den Zuschauern noch von den Journalisten und schon gar nicht vom Schiedsrichterinspektor. Und zum Glück für Michel Vautrot passiert in dieser Phantomphase nichts, kein Tor, kein umstrittener Entscheid, keine turbulente Szene. In der Garderobe merkt er, dass er auf seiner Uhr die Stopptaste gedrückt und nicht wieder gelöst hat.

Das Spiel endete nach Toren von Toto Schillaci und Claudio Caniggia 1:1, Argentinien gewann das Elfmeterschiessen. Und Michel Vautrot blieb der Tiefpunkt seiner glanzvollen Karriere als Schiedsrichter erspart. Ein Tiefpunkt, der sein Geheimnis blieb.

Maurer und Infantino: Verliebt in Saudiarabien

Guido Tognoni am Donnerstag den 24. Januar 2019

Ueli Maurer begrüsst Saudiarabiens Botschafter Hisham Alqahtani beim Neujahrsempfang. (Foto: Keystone/Alessandro della Valle)

Weiss unser Bundespräsident Ueli Maurer eigentlich, was in Saudiarabien abgeht? Ist ihm bewusst, dass im November 2017 ein wichtiger Teil der saudischen Wirtschaftselite im Hotel Ritz in Riad eingesperrt wurde, dass es in diesem vornehmen Hotel Folterungen gab und dass den Eingesperrten die Freiheit mit Enteignungen und Geldzahlungen abgepresst wurde? Will Ueli Maurer das alles überhaupt wissen? Für den Auftragsmord am oppositionellen Journalisten Jamal Khashoggi in der saudischen Botschaft in Ankara hat Maurer, prominentes Mitglied der SVP, die sonst ihre freiheitlichen Werte überall und lautstark propagiert, jedenfalls die Absolution erteilt. Und für die Unterzeichnung des Vertrags über den gegenseitigen Informationsaustausch in Steuerfragen konnte es Ueli Maurer nicht schnell genug gehen, um nach Riad zu pilgern, obwohl der Austausch nicht gegenseitig, sondern nur einseitig vonstattengehen wird – von Bern nach Riad.

Fussballpiraterie mit lahmen Konsequenzen

Infantino und Saudiarabiens Kronprinz Muhammad an der WM 2018. (Fotos: Keystone)

Aber lassen wir die hohe Politik. Saudiarabien gebärdet sich nicht nur gegenüber Oppositionellen höchst unkonventionell. Seit Monaten stiehlt der TV-Sender mit dem demonstrativ provokativen Namen beoutQ (halte dich von Qatar fern) der Konkurrenz aus Katar, BeIn (sei dabei), das elektronische Satellitensignal und sendet Fussball (und auch Unterhaltungssendungen von anderen Rechtehaltern), ohne dafür zu bezahlen. Die Fifa hat untätig zugeschaut, wie die Saudis den von Saudiarabien neidvoll gehassten Katarern die hoch bezahlten Rechte für die WM-Endrunde in Moskau gestohlen haben.

Hat die Piraterie lange geduldet: Fifa-Präsident Infantino.

Erst dieser Tage konnte sich die Fifa dazu aufraffen, zusammen mit der Uefa, der englischen Premier League und der Bundesliga offen gegen diese Piraterie Stellung zu beziehen. Ob das damit zusammenhängt, dass Fifa-Präsident Gianni Infantino – zurzeit genauso verliebt in die Saudis wie Ueli Maurer – seinen kühnen Plan des Rechteverkaufs der Fifa an eine Investorengruppe mit saudischer Beteiligung ohne Kollateralschaden nicht realisieren können wird, bleibe dahingestellt.

Wo bleibt die Macht des Fussballs?

Die rein verbalen Verurteilungen dürften die Saudis nicht beeindrucken. Sie fühlen sich stark und sicher. Dabei hätte es die Fifa längst in der Hand gehabt, dem Rechtediebstahl ein Ende zu setzen. Eine simple Massnahme, die bei weniger einflussreichen Verbänden reichlich angewandt wird, hätte ausgereicht: die Androhung eines Ausschlusses aus der Fifa.

Dieser Schritt wäre einfach und für alle ohne juristische Akrobatik verständlich. Und er wäre wirksam. Das wäre ein sinnvoller Einsatz der viel zitierten Macht des Fussballs. Bis heute sind Faszination und Einfluss des saudischen Geldes wichtiger als der Schutz der Rechteerwerber, welche die Fussballfunktionäre reich machen.

Das besonders schöne Tor des Monats

Guido Tognoni am Donnerstag den 20. September 2018

Schoss das Tor des Monats: Serdal Celebi, Blindenfussballer des FC St. Pauli. (Foto: Keystone/Axel Heimken)

Es gäbe vieles zu beschreiben und fast ebenso vieles zu beklagen im aktuellen Fussball. Aber lassen wir für einmal das Jammern und freuen wir uns an einer Randnotiz des globalen Milliardenspiels: In Deutschland hat ein blinder Fussballer den Wettbewerb um das Tor des Monats gewonnen. Seit 1971, also seit 47 Jahren, lässt die ARD das Fernsehpublikum diese Auszeichnung wählen, sie ist ein lebendes und ungebrochen beliebtes Fossil in unserer umgepflügten Fernseh-Landschaft.

So kam es, dass der zuvor völlig unbekannte 34-jährige Serdal Celebi einen schönen Torschuss feiern kann, den er selbst gar nicht gesehen hat. Celebi gehört zu den vier Feldspielern des FC St. Pauli, die sich auf dem von Banden eingerahmten Kleinfeld mit Worten und einem Ball verständigen, der rasselt, sobald er in Bewegung ist. Sehen dürfen nur die Torhüter, während die Feldspieler mit einer Augenabdeckung spielen, sodass jede vielleicht noch verbliebene Sehkraft bei allen Spielern unterbunden wird.

Inmitten des grossen Bundesliga-Klamauks

Es gibt in dieser Geschichte mehrere schöne Aspekte: dass professionelle Fussballclubs sich auch um Behinderte kümmern, wie dies bei St. Pauli geschieht; dass es angepasste und ein auf die besonderen Bedürfnisse zugeschnittene Spielfelder und -regeln gibt und sogar eine Bundesliga für Blindenfussball; dass auch Video-Aufzeichnungen gemacht werden und ein schönes Tor schliesslich den Weg bis in die «Sportschau» der ARD findet.

Besonders erfreulich ist dabei, dass das Fernsehpublikum sich die Chance nicht entgehen liess, einem behinderten Fussballer eine ganz besondere Reverenz zu erweisen. Inmitten des grossen Klamauks der Bundesliga und des übrigen professionellen Fussballs, fern vom Fangeschrei und ausserhalb der grossen Schaufenster des Sports haben Tausende von Fussballfans instinktiv das Richtige getan – und nicht etwa einen Nationalspieler, sondern einen blinden Fussballer geehrt. Das tut gut.

Über-Coach Christian Constantin

Guido Tognoni am Dienstag den 18. September 2018

Er kontrolliert: Christian Constantin auf der Trainerbank des FC Sion. Foto: Keystone

50 Trainer in 20 Jahren. Nur Diego Maradona fehlt in der illustren Liste. Sobald der Ball ruht, ist Sions Präsident Christian Constantin der grösste Unterhaltungsfaktor im Schweizer Fussball. CC hätte längst einen Sonderpreis verdient. «Trainerfresser» nennt ihn die NZZ mittlerweile und droht damit dem Jubiläumscoach Murat Yakin gleich das nächste Ungemach an, während Constantin und Yakin sich gegenseitig loben und erklären, dass sie sich mögen.

Das ist allerdings nicht aussergewöhnlich. Kein Clubpräsident engagiert einen Coach, den er nicht riechen kann. Coaches hingegen können nicht allzu wählerisch sein, die Reihe der arbeitslosen Trainer ist lang und wird immer länger. Der Fussball produziert viel mehr Trainer, als er absorbieren kann.

Er reagiert einfach schneller als die anderen

Verstehen sich: Murat Yakin und Christian Constantin. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

CC und Yakin schätzen sich also. Die Frage ist nur, wie lange das anhält. Bei Christian Constantin ist die Vertrauensbasis bekanntlich sehr schmal und die Geduld kurz. Das empört die Branche und die Medien jedes Mal gleichermassen. Gehen wir einmal davon aus, dass diese Empörung berechtigt ist, obwohl jeder Coach weiss, auf wen er sich beim FC Sion einlässt. Dennoch muss die Frage gestellt werden, inwiefern die rastlosen Trainerwechsel dem Club geschadet haben. Sion erlitt – unter dem finanziell hasardierenden Christian Constantin – 2003 einen Zwangsabstieg, spielt aber seit zwölf Jahren wieder in der obersten Liga, erreicht zwischendurch mit wem auch immer den Cupfinal und hat erst vor einem Jahr erstmals ein Endspiel verloren. Dieses 0:3 gegen Basel hätte Sion auch mit Jürgen Klopp passieren können. Und als CC im Jahre 2011 wieder einmal mit der Fussballbürokratie herumstritt und mit einem Abzug von 36 Punkten bestraft wurde, rettete ihn der Lizenzentzug von Xamax vor dem Abstieg. Ein Kandidat für den Meistertitel war Sion gegen den übermächtigen FC Basel nie und ist es auch nicht gegen die neue Nummer 1 der Schweiz, die Young Boys.

Die Gesamtbilanz des FC Sion in den vergangenen 20 Jahren wäre wohl auch mit 5 statt 50 Trainern nicht besser. Christian Constantin macht mit seinem Club nur das, was jeder Coach mit seinen Spielern tut: Er wechselt aus, wenn er den Eindruck hat, dass die Form nicht stimmt. Ohne über Stilfragen debattieren zu wollen: Christian Constantin reagiert einfach schneller als die anderen. Er ist nicht nur Eigentümer, Zahlmeister, Transferchef, Show-Master und Präsident des Vereins, sondern auch dessen emotional gesteuerter Über-Coach.

Ob man ihn schätzt oder auch nicht: Es macht Spass, ihn zu verfolgen. Nun erst recht mit einem Murat Yakin in seinem Windschatten.

Warten auf Vladimir

Guido Tognoni am Mittwoch den 18. Juli 2018

Schweigen ist nicht genug: Vladimir Petkovic ist seit der Niederlage gegen Schweden verschwunden. (Foto: Getty Images)

Mit dem absurden Theaterstück «Warten auf Godot» hat sich der Dramatiker Samuel Beckett vor über 60 Jahren Weltruhm verschafft. Seine beiden Figuren Estragon und Vladimir warten einen Theaterabend lang auf Godot, der nie kommt. Es ist ein Werk der Literatur, das viel Deutungsspielraum offenlässt.

Unsereiner wartet nicht auf Godot, sondern auf Becketts Hauptdarsteller Vladimir. Und der Deutungsspielraum ist viel enger als bei Beckett. Wir warten auf Vladimir Petkovic, eine Figur des Welttheaters namens Fussball. Vladimir ist weg, seit dem eher unrühmlichen Ausscheiden aus dem WM-Turnier in Russland, er ist nirgends zu finden, und es drängt sich die Frage auf, was denn der Schweizer Nationalcoach dieser Tage tut. Ist er auf den Malediven beim Untertauchen oder sinniert er auf einem Doppeladlerhorst über seine Zukunft? Will Vladimir Petkovic etwa ins Kloster? Ist ihm die Niederlage gegen Schweden so nahe gegangen, dass er seine persönliche Balance wieder suchen muss? Kann der Verband, dessen selbstverschuldete Erschütterungen allmählich verebben, seinen bestbezahlten Angestellten nicht dazu anhalten, für einige Hunderttausend Fussballfans ein paar persönliche Gedanken zum Turnierverlauf seiner Mannschaft zu erläutern?

Auf ein Wort

Vladimir Petkovic war noch nie ein Lautsprecher. Seine eher dezenten, wohl abgezirkelten Stellungnahmen haben sich immer wieder wohltuend vom allgemeinen Fussballgeschwätz abgehoben. Das Reden in der Öffentlichkeit ist offensichtlich nicht Petkovics Stärke, und das muss es auch nicht sein. Aber zu einer WM-Endrunde gar nichts sagen ist zu wenig, wie enttäuscht ein Trainer auch sein mag. Schweigen ist in diesem Fall alles andere als Gold. Es geht bei unserem Vladimir nicht wie bei Beckett gleich um den Sinn des Lebens. Aber es geht immerhin um die liebste Freizeitbeschäftigung der Einwohner jenes Landes, das mit Vladimir und seiner Mannschaft gefiebert hat.

Ein Wort wäre ein Wort. Für Ferien, Besinnung und Selbsterkenntnis würde einem Nationalcoach auch nach einer Medienkonferenz immer noch ausreichend viel Zeit verbleiben.

Wie Blatter die WM 2002 rettete

Guido Tognoni am Donnerstag den 7. Juni 2018

Die Lösung für das WM-2002-Problem hiess für den damaligen Präsidenten Sepp Blatter: Urs Meier. (Foto: Valerie Pinauda)

Jede WM-Endrunde bringt ihre besonderen Geschichten hervor. 1986 in Mexiko beispielsweise Maradonas unvergessliche «Hand Gottes» im Spiel gegen England, 1990 in Italien die Tränen Paul Gascoignes, 1994 in den USA Roberto Baggios Elfmeter in den Nachthimmel von Los Angeles, 1998 die unerklärliche Passivität Brasiliens im Endspiel gegen Frankreich, 2014 das monumentale 1:7-Debakel Brasiliens gegen Deutschland, als die Brasilianer schon bei der Nationalhymne vor dem Spiel zu heulen begannen.

Dazwischen lag 2002 mit dem wundersamen Durchritt der südkoreanischen Mannschaft. Sie beendete vor einheimischem Publikum die Gruppenspiele an erster Stelle. Danach schlug sie in den Achtelfinals Italien und warf in den Viertelfinals gleich auch noch Spanien aus dem Turnier. In beiden Partien spielten die Schiedsrichter eine höchst unrühmliche Rolle. Der später als Drogenschmuggler verurteilte Byron Moreno aus Ecuador benachteiligte Italien krass, der Ägypter Gamal Mahmoud Abdel Ghandour tat danach das Gleiche mit Spanien. Das deutsche Magazin «Focus» schrieb vom «Festival falscher Pfiffe».

Was war da los?

Die WM in Japan und Südkorea war vom Zeitpunkt der Vergabe an politisch belastet. Der damalige Fifa-Präsident João Havelange hatte die Endrunde 2002 längst Japan versprochen, doch die Europäer wollten diesen Alleingang des Brasilianers nicht akzeptieren und unterstützten im Exekutivkomitee den Südkoreaner Chung Mong-joon. Japan musste zähneknirschend in eine geteilte Endrunde mit dem Erzrivalen Südkorea einwilligen, um das Turnier nicht ganz zu verlieren.

Chung Mong-joon war zu dieser Zeit nicht nur Präsident des südkoreanischen Verbandes, sondern wollte das Land auch als politischer Präsident führen. Um seine Präsenz am Fernsehen zu erhöhen, begrüsste er wenn immer möglich die Mannschaften auf dem Feld, und da auch die anderen Mitglieder des Exekutivkomitees der Fifa sich diese Chance nicht entgehen lassen wollten, mussten die Spieler während des ganzen Turniers vor dem Anpfiff Händedrucke von ihnen völlig unbekannten Funktionären erleiden.

Kein Handschlag, richtiger Entscheid

Was gibt es Besseres für einen Politiker als eine erfolgreiche Nationalmannschaft? Der Durchmarsch der Südkoreaner war für Chung Mong-joon ein Geschenk. Über die Frage, wie dieser Durchmarsch gegen Mannschaften wie Italien und Spanien zustande kam, darf jeder Fussballfan auch heute noch nach Herzenslust spekulieren. Jedenfalls stand Südkorea nach skandalträchtigen Entscheiden der Schiedsrichter im Halbfinal gegen Deutschland. Sollte ein weiteres seltsames Ergebnis bevorstehen, würde es erneut kuriose Schiedsrichterentscheide geben? Diese Situation bereitete Sepp Blatter, der mittlerweile Präsident der Fifa war, einige Sorgen. Ein Finalist oder gar Weltmeister Südkorea wäre ein Ausgang der WM, der zu viele Fragen aufwerfen würde.

Blatter schritt zur Tat und wechselte für das Spiel Südkorea – Deutschland eigenmächtig den vorgesehenen Schiedsrichter aus und Urs Meier ein. Der Schweizer wurde zwar um die Chance des Finalspiels gebracht, verschonte aber dafür das Turnier vor weiteren negativen Schlagzeilen. Südkorea verlor den Halbfinal gegen Deutschland, Chung danach die Wahl zum Präsidenten Koreas. Bei der Verabschiedung der WM-Schiedsrichter gab Chung Mong-joon Urs Meier als Einzigem nicht die Hand. Sepp Blatter hatte richtig gehandelt.

Wie knackt Infantino die Nuss?

Guido Tognoni am Donnerstag den 31. Mai 2018

Im Interessenkonflikt: Fifa-Präsident Infantino wird es kaum allen recht machen können. (Foto: Getty Images)

Am Persischen Golf herrscht weiterhin Psychokrieg. Der von den Vereinigten Arabischen Emiraten (UAE) und Saudiarabien angezettelte Wirtschaftsboykott des kleinen Nachbarn Katar ist zwar verpufft und erweist sich als Schuss in das eigene Knie, aber der Streit hat mittlerweile die Fifa erreicht. Das Thema reicht allerdings weit über den Fussball hinaus. Seit Herbst des vergangenen Jahres betreibt Saudiarabien in der Region veritable Fernsehpiraterie, indem zuerst Fussballspiele, dann auch andere Sendungen ohne Rechtekauf vom Satelliten in die Haushalte ausgestrahlt werden. Das Ausmass dieses Rechtsbruchs hebt die bestehende internationale Fernsehordnung aus den Angeln; und weil Fussball fast alle angeht, ist der Fall zu einem Politikum geworden.

Das katarische Fernsehunternehmen BeIn, das zum Al-Jazeera-Netzwerk gehört, hat in jüngster Vergangenheit in grossem und teurem Stil Sportrechte eingekauft, darunter jene der Champions League und der Fussball-WM – auch das eine Quelle des Neides unter den verfeindeten arabischen Brüdern. BeIn heisst übersetzt gewissermassen «sei dabei».

Im Rahmen des Katar-Boykotts stehlen die Saudis seit einigen Monaten nicht nur das Satellitensignal, das die Bilder transportiert, sondern verkaufen die technische Empfangsbox erst noch unter dem provokativen Vermarktungstitel «beoutQ» – «sei ausserhalb Qatar». Der wirtschaftliche Schaden für die Rechtehalter in Doha ist gross und droht noch viel grösser zu werden, wenn dieser Zustand während der WM-Endrunde in Russland andauern sollte, zumal von dieser Piraterie auch die Länder der WM-Teilnehmer Ägypten und Tunesien profitieren würden.

Was macht Fifa-Präsident Gianni Infantino?

Nachdem alle Vermittlungsversuche gescheitert sind, zieht Doha die Notbremse und verklagt die Saudis bei der Fifa. Der Vorteil einer solchen Aktion liegt darin, dass der Fussball schneller und wirksamer reagieren kann als alle herkömmlichen juristischen Verfahren. Was macht nun Fifa-Präsident Gianni Infantino? Die rechtliche Lage ist klar: Infantino müsste die Rechtekäufer aus Katar schützen und Saudiarabien, Ägypten und Tunesien mit Ausschluss aus der WM drohen, sofern die betreffenden Fernsehanstalten die Verträge der Fifa nicht respektieren. Die politische Lage ist weniger klar: Der Fifa-Präsident hat zu den Saudis ein mehr als nur herzliches Verhältnis, dies ungeachtet der Tatsache, dass die WM-Endrunde 2022 in Katar stattfindet. Hinter der geheimnisvollen 25-Milliarden-Offerte für zwei neue globale Wettbewerbe, mit der Infantino den internationalen Fussball aufschreckte und eine scharfe Gegenreaktion von Uefa-Präsident Aleksander Ceferin provozierte, steht auch Saudiarabien.

Dieses Projekt ist vorderhand schubladisiert. Die Fernsehpiraterie von 64 Endrundenspielen der Saudis hingegen kann nicht einfach ausgesessen werden. In zwei Wochen beginnt in Moskau die Weltmeisterschaft, ausgerechnet mit Russland – Saudiarabien. Bis dahin muss Gianni Infantino die politisch harte Nuss geknackt haben.

Kindischer Champagner, kitschige Kinder

Guido Tognoni am Donnerstag den 17. Mai 2018

Kinder-Jubel: Die Young Boys feiern ihren Meistertitel 2018 nach dem Spiel in Bern. (Fotos: Kurt Schorrer)

Nichts gegen schönen Jubel im Sport. Der Ausdruck von überschäumender Freude gehört zum Sport wie die Niedergeschlagenheit des Verlierers. Sport ohne

Denn Papa ist nicht nur Fussballprofi, sondern auch Spassvogel.

Emotionen ist fast nicht vorstellbar. Im Massensport gibt es entsprechend massenweise Emotionsschübe, denen regelmässig auch Politiker gerne erliegen, während der einsame Bergsteiger die Freude für sich alleine zu geniessen versteht. Aber es gibt Vorgänge, die auf die Nerven gehen. Zum Beispiel die kindische Spritzerei mit dem Champagner in der Formel 1 und einigen anderen Sportarten. Seit Jahren das gleiche Ritual, Flasche schütteln und die Umgebung wird abgeduscht. Das ist ziemlich doof. Demgegenüber ist die Ehrenrunde mit einer Flagge um den Körper, wie das die Leichtathleten bei grossen Wettkämpfen tun, schon fast ein ausgereifter Vorgang.

Was soll das?

Schlimm sind die mitgebrachten Kinder bei den Siegesfeiern der Fussballer. Jetzt, da die Meisterschaften entschieden

werden und die letzten Partien anstehen, entdecken einzelne Spieler ihre innige Vaterliebe und tragen im grössten Trubel ihre kleinen Kinder zur Schau. Was soll das? Muss Papi den Kleinen zeigen, wie sehr er bejubelt wird? Bricht nach einem grossen Sieg die totale Vaterliebe derart durch, dass möglichst die ganze Welt daran teilnehmen soll? Warum nicht gleich auch die Ehefrau auf dem Rasen mitjubeln lassen?

Oder warum genau sind die Kinder auf dem Platz?

Es würde keinem Fussballer jemals einfallen, seine Frau oder Freundin in die Mannschaftskabine mitzunehmen. Aber Kinder auf das Spielfeld schleppen, das geschieht immer wieder. Dass vor allem kleine Kinder bei Jubelszenen auch ein Sicherheitsproblem sein können, ist nur ein Nebenaspekt. Letztlich ist das Kindertragen bei Jubelfeiern vor allem kitschig. Den Beweis, dass sie gute und fürsorgliche Väter sind, sollen die Fussballer lieber zu Hause anstatt während der Arbeitszeit inmitten siegestoller Mitspieler erbringen. Auch wenn dort nicht Zehntausende zuschauen, sondern nur die Ehefrau.

Wichtiger als die Musik und guter Fussball

Guido Tognoni am Donnerstag den 10. Mai 2018

Wäre das Wetter nicht so gut gewesen, würde man die WM 2006 in Deutschland nicht als Sommermärchen bezeichnen. Foto: AP Photo/Markus Schreiber

Die Diskussionen um den musikalischen und vor allem literarischen Gehalt des neuen Schweizer WM-Songs wecken Erinnerungen an ein besonders schönes Lied: «Un’estate italiana» – ein italienischer Sommer, gesungen von den damaligen Stars Gianna Nannini und Edoardo Bennato, komponiert vom Südtiroler Giorgio Moroder. Wem anders als den Italienern kann der vielleicht schönste WM-Song aller Zeiten gelingen? Die WM war jedenfalls musikalisch bestens eingebettet, der Text weckte Träume, Bella Italia war Bella Italia und machte einmal mehr Bella Figura. Der Song wird heute noch gespielt.

Italia ’90 war nicht nur in musikalischer Hinsicht eine aussergewöhnliche WM-Endrunde. Die Fussballwelt stand 1990 immer noch unter dem Schock der Fan-Ausschreitungen, die Katastrophe von Brüssel wirkte auch fünf Jahre später noch nach. England wurde für die Gruppenspiele aus Sicherheitsgründen gleich nach Sardinien verbannt, und in ganz Italien herrschte an Spieltagen Alkoholverbot – eine kulinarisch verheerende Massnahme, aber sie wurde weitgehend eingehalten. Der gebotene Fussball war ziemlich schlecht, jedenfalls in keiner Weise vergleichbar mit dem Angriffsspiel unserer Tage.

Der frühere Schweizer Internationale und Meistertrainer Daniel Jeandupeux machte mit einer privaten Studie und einem Schreiben an den damaligen Fifa-Generalsekretär Sepp Blatter darauf aufmerksam, wie wenig der Ball effektiv im Spiel war. Blatter reagierte, und seither wird der Ball nach Fehlschüssen nicht mehr minutenlang von den Tribünen heruntergeholt, sondern es liegen reihenweise Ersatzbälle bereit. Es war die vielleicht wichtigste Konsequenz aus diesem spielerisch mickrigen Turnier, in dem übrigens Franz Beckenbauer als Bundestrainer mit dem Finalsieg über Maradonas Argentinien den Höhepunkt seines sportlichen Lebenswerks erreichte.

Das Niveau ist zweitrangig

Stören sich die Zuschauer an einer WM-Endrunde am schlechten Niveau? In Italien war das jedenfalls nicht der Fall. Viel wichtiger als guter Fussball ist an einem solchen Turnier das gute Wetter und eine halbwegs manierliche Leistung der Gastgebermannschaft.

Italia ’90 war in dieser Hinsicht ebenso schön wie etwa die WM 2006 in Deutschland, wo das Wetter so gut mitspielte, dass bisweilen der Verdacht aufkam, Gewitterwolken seien mit Wetterraketen vertrieben worden. Ohne dieses Wunderwetter würde man jedenfalls nicht vom legendären Sommermärchen sprechen, welches die Erinnerungen an dieses Turnier prägt.

Wünschen wir uns für Russland schönes, warmes Wetter. Nicht WM-Songs schaffen die Stimmung in den Städten und Stadien, sondern möglichst viel Sonnenschein. Sollte Russland dazu noch hie und da ein Spiel gewinnen, umso besser.