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Beiträge mit dem Schlagwort ‘FC Bayern München’

Was wir alle von Niko Kovac lernen können

Florian Raz am Donnerstag den 19. April 2018

Der mit den Medien tanzt: Niko Kovac beherrscht die Kunst der doppelten Verneinung. (Foto: Keystone)

Und es stimmt eben doch: Fussball ist eine Schule fürs Leben. Letzte Woche war mal wieder so ein Moment, in dem das sehr schön zu beobachten war. Man kann nur hoffen, dass all die kleinen Ronaldos, Neymars und Shaqiris auf den Pausenhöfen dieser Welt gut zugehört und etwas mitgenommen haben für ihren weiteren Weg.

Es ging darum, ob Niko Kovac demnächst Trainer des wunderbarsten aller FCBs dieser Welt werden solle, des FC Bayern München. Irgendwann war das Thema so drängend, dass sich der damalige Trainer der Eintracht aus Frankfurt zu einer Stellungnahme gezwungen sah. Also sagte Kovac den grossartig gedrechselten Satz: «Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass ich im nächsten Jahr hier nicht Trainer bin.» Und so sah das aus.

Es ist so wie es ist: Niko Kovac und die Kunst der doppelten Verneinung. (Video: Hessischer Rundfunk)

Noch einmal, einfach weil ich so begeistert bin: «Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass ich im nächsten Jahr hier nicht Trainer bin.» Das ist so ein toller Satz, weil Kovac beweist, dass er ein Meister der doppelten Verneinung ist. Minus mal Minus gibt Plus und so.

Sie sind verwirrt? Lassen Sie einfach die Verneinungen weg, und Sie erhalten den eigentlichen Sinn des Satzes:  «Es gibt einen Grund, daran zu zweifeln, dass ich im nächsten Jahr hier Trainer bin.»

Et voilà! Ein paar Tage später wurde bekannt, dass Niko Kovac Trainer des besten FCB aller FCBs wird. In Frankfurt mögen sie ihn seither merkwürdigerweise nicht mehr so richtig. Dabei hat der Mann kein bisschen gelogen!

Natürlich habe ich die Technik sofort auf mein eigenes Leben übertragen. Zum Beispiel, als die ältere Tochter danach fragte, ob wir noch vor den Sommerferien in einen Erlebnispark nahe der Grenze gehen: «Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass wir in ein paar Wochen nicht dort sind, mein Mädchen.» Oder als die Kleinere beim Bräteln fragte, ob sie nachher noch etwas Süsses haben dürfe: «Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass es nachher nichts Süsses mehr gibt.» Da lacht das Kinderherz.

So, jetzt warte ich auf die nächste nette Lektion, die ich beim Fussball aufschnappe. Vielleicht das nächste Mal bei einem lokalen Club, den Grasshoppers etwa. Ich denke, es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass man bei denen nicht lernt, wie man Ruhe in einen Betrieb bekommt.

Vom dem Schiedsrichter sind nicht alle gleich

Guido Tognoni am Donnerstag den 22. Februar 2018
Nachspielzeit

Jeder weiss, wie schnell Arjen Robben zu Boden geht: Der Bayern-Spieler wird am 17. Februar von Wolfsburg-Verteidiger Gian-Luca Itter am Ärmel gezupft. Foto: Swen Pförtner (Keystone)

«Too big to fail» – zu gross zum Scheitern. Dieser Begriff wurde in der Öffentlichkeit vor allem in der Zeit der Finanzkrise mit den wankenden Banken bekannt und sollte erklären, dass Grossbanken auch trotz des Versagens der hoch bezahlten Manager für das Wirtschaftssystem derart wichtig sind, dass man sie nicht in den Konkurs schlittern lassen darf. Hierzulande erinnern wir uns an die UBS, die mit einem kühnen staatlichen Eingriff gerettet worden ist.

Wer sich regelmässig Fussballspiele anschaut, kommt immer wieder nicht um den Eindruck herum, dass es das «Too big to fail» auch im Sport gibt. Zwei Beispiele aus jüngster Vergangenheit: Im Champions-League-Spiel FC Basel – Manchester City wird der Basler Dimitri Oberlin mit dem Ball am Fuss vom Argentinier Nicolàs Otamendi im Strafraum der Engländer rüde gerammt. Im Mittelfeld wäre dieser Bodycheck zweifellos gepfiffen worden, und die Spekulation ist erlaubt, dass das gleiche Foul eines Baslers mit einem Elfmeter bestraft worden wäre. Aber der Pfiff gegen Manchester blieb aus. Statt Elfmeter für Basel, der das Spiel vielleicht in eine andere Richtung gelenkt hätte, folgt der Torreigen der Weltauswahl aus Manchester.

Oder am Wochenende bei Wolfsburg – Bayern München: In der letzten Spielminute dringt der renommierte Bayern-Spieler Arjen Robben in den Strafraum der Wolfsburger ein und wird dort vom unbekannten Verteidiger Gian-Luca Itter am Arm gezupft. Im Mittelfeld hätte Robben diese Berührung kaum gespürt und wäre mit dem Ball am Fuss weitergelaufen. Im Strafraum hingegen bricht der Holländer gleich zusammen, und der Schiedsrichter fällt darauf rein. Nicht zum ersten Mal hat auch der renommierte Franck Ribéry einem Gegner einen Schlag ins Gesicht versetzt, diesmal traf es den wenig bekannten Renato Steffen. Und nicht zum ersten Mal kam Ribéry vom renommierten FC Bayern mit einer Gelben Karte davon.

Der Videobeweis hat nichts geändert

Es ist immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich Strafraumszenen von den Schiedsrichtern nach wie vor bewertet werden. Das Hilfsmittel Video hat da nicht viel verändert. Und es ist ebenso erstaunlich, wie unterschiedlich die Schiedsrichter einzelne Spieler behandeln. Jeder weiss, wie leicht Arjen Robben in den Strafräumen zu Boden geht, und jeder kennt mittlerweile die unbeherrschten Reaktionen Franck Ribérys. Da wird ein Bodycheck durchgelassen und ein Schlag ins Gesicht ebenso, dort ein Zupfer mit Elfmeter bestraft. Aber Basel ist eben nicht Manchester City, und Wolfsburg ist auch nicht Bayern.

«Too big to fail» gibt es – leider – auch im Fussball. Man könnte darüber Bücher schreiben.

Der Fall des Kaisers

Guido Tognoni am Donnerstag den 21. Dezember 2017

War einmal …: Franz Beckenbauer hat keine Auftritte mehr und lebt in seiner eigenen kleinen Welt. (Foto: Getty Images)

Die Szene war eindrücklich und bleibt haften: Unverhofft trat er aus einem Restaurant und vor die Kamera, Franz Beckenbauer, fast nicht zu erkennen, er ging leicht nach vorn gebeugt, mit Dächlikappe und in Jeans statt Massanzug, zu sehen war ein klappriger alter Mann. Franz Beckenbauer ist 72. Diesem Mann widmete die ARD am Dienstagabend einen längeren Beitrag mit dem Titel «Der Fall des Kaisers». Es war ein etwas bizarres Filmwerk über eine lebende Legende, über den weltweit berühmtesten lebenden Deutschen, über einen Mann, für den der Begriff «Lichtgestalt» hätte geprägt werden müssen, falls es ihn zuvor nicht bereits gab.

Nur: Franz Beckenbauer ist nicht mehr Lichtgestalt und mochte auch nicht in die Kamera reden. Wie er überhaupt nicht mehr reden mag seit einiger Zeit. Keine Analysen mehr bei Sky, keine Kolumnen in der «Bild», keine Interviews, selbst die Nachbarn in einer ruhigen Ecke Kitzbühels sehen ihn kaum mehr. Nach Jahrzehnten im Scheinwerferlicht hat sich der einstige grosse Strahlemann Franz Beckenbauer in seine eigene kleine Welt abgekapselt. Die ARD-Filmer machten wohl das Beste aus ihrem Bemühen, einen bedeutenden Zeitgenossen zu beschreiben, der nicht mehr über sich reden will. Dass der Film erst spät abends ausgestrahlt wurde, war wohl eine Mischung aus Achtung vor dem Betroffenen und der Einsicht, dass der Reportage das wohl wichtigste Element fehlte: Ex-Kaiser Franz, der über Kaiser Franz spricht.

Das grösste Opfer von allen

Jene, die über Franz Beckenbauer sprachen, taten das unterschiedlich subtil, aber jeder mit dem grösstmöglichen Respekt. Während Paul Breitner und Uli Hoeness ihren früheren Teamkollegen durchwegs vehement verteidigten, mischte sich beim Bayern-Politiker Edmund Stoiber und dem Fussballexperten Marcel Reif auch leise Kritik in das Mitgefühl. Auch Gefährten, die Franz Beckenbauer nach wie vor lieben, äusserten ihre Vorbehalte darüber, dass er sich nicht zu jenen Vorgängen äussert, die seit geraumer Zeit auf das viel gepriesene deutsche Sommermärchen ihre Schatten werfen (die Rede ist von der WM-Endrunde 2006 und die Umstände der erfolgreichen Bewerbung). Schatten, in welche die deutsche und Schweizer Justiz mit viel Aufwand seit Jahren Licht bringen möchten. Es wäre keine Überraschung, wenn der grosse Aufwand letztlich vergeblich wäre.

Die Korruptionsaffären der Fifa machten auch vor Franz Beckenbauer nicht halt. Der Klimawechsel aus der unbeschwerten Epoche, in der in den obersten Sphären des Fussballs alles möglich und alles erlaubt war, in die Zeit der Aufklärung und Kriminalisierung von zuvor üblichen Vorgängen in den grauen, dunkelgrauen und schwarzen Bereichen des Sports war abrupt. Dazu kamen bei Franz Beckenbauer der Tod seines Sohnes Stefan und eine schwere Herzoperation. Was ihm am meisten zugesetzt hat, wird wohl sein Geheimnis bleiben. «Nach einer solchen Operation bist du nicht mehr der gleiche Mensch», sagt Beckenbauer-Freund Günter Netzer und spricht dabei aus eigener Erfahrung.

Der Höhenrausch des Fussballs hat in den vergangenen Jahren viele Opfer gefordert, die Sühneliste der Gesperrten und Geächteten wird immer noch länger und länger. Wer Franz Beckenbauer zu den Tätern zählen möchte, soll das tun. Der einst Unantastbare hat nicht einmal mehr Lust, sich zu verteidigen. Tatsache ist, dass er im trüben Spiel des Funktionärsfussballs das grösste Opfer von allen ist. Franz Beckenbauer liess sich tief fallen, freiwillig und viel zu tief. Unverdientermassen tief.

Büsst Carlo Ancelotti für den dipitus impudicus?

Guido Tognoni am Donnerstag den 23. Februar 2017

Bayern Münchens Trainer verleiht dem Stinkefinger neuen Schub. Foto: Matthias Schrader (Keystone)

Der Mittelfinger hat höchstens bei Konzertpianisten, Gitarristen und Stargeigern die gleiche monumentale Bedeutung wie im Fussball. Dort darf jeder die Daumen hochhalten, mit dem Zeigefinger drohen oder loben, oder den kleinen Finger dem Gegner in die Nase stecken. Aber Mittelfinger geht nicht. Richtige Berühmtheit erlangte der Mittelfinger zwar erst durch eine Geste des früheren deutschen Mittelfeldstrategen Stefan Effenberg, der nach dem offenbar sport-ethisch unsachgemässen Gebrauch von Bundestrainer Berti Vogts von der WM-Endrunde 1994 aus den USA nach Hause verbannt worden ist. Effenberg machte den Mittelfinger unter dem Titel Stinkefinger weltweit populär.

Angesichts solcher Bedeutung musste sich auch der Duden dieses Begriffs annehmen. Das Wort Stinkefinger ist gemäss Duden maskulin (als der Stinkefinger), logischerweise ein Substantiv, und die Ehre, in den Duden aufgenommen zu werden, erfuhr der Stinkefinger im Jahr 1996. Als Synonym gibt der Duden einzig «Mittelfinger» an, und wer in der Sprachbibel blättert, stösst alphabetisch vor dem Stinkefinger auf Stinkbock, Stinkbombe und Stinkdrüse. Der Schluss ist erlaubt, dass alle Begriffe zumindest nicht positiv besetzt sind.

Der Stinkefinger – beleidigend und obszön

Und nun also Carlo Ancelotti, der Trainer von Bayern München. Er verleiht dem Stinkefinger neuen Schub. Der ansonsten überaus besonnene Italiener gibt zu, den Stinkefinger erhoben zu haben, und zwar, weil er nach der turbulenten Schlussphase des Spiels Hertha Berlin – Bayern München, das wie üblich erst mit einem Torerfolg der Münchner zu Ende ging, auf dem Weg in die Kabine bespuckt worden sei. Entdeckt wurde dieser Frevel am sittlichen Benehmen nur durch eine der zahllosen Kameras, die in Deutschland Fussballspiele begleiten.

Hat Carlo Ancelotti im politisch korrekten Deutschland und im politisch noch korrekteren Deutschen Fussball-Bund eine Chance, straflos bespuckt zu werden? Das ist fraglich. Ein Trainer namens Norbert Düwel aus Berlin wurde einst vom DFB für einen Stinkefinger mit 3500 Euro gebüsst, es liegt also nebst Stefan Effenberg ein weiterer Präzedenzfall vor. Und auf Wikipedia, wo dem Stinkefinger (lateinisch: dipitus impudicus, italienisch: dito medio, englisch: fuckfinger) ein ansehnliches Kapitel samt Skizzen des korrekten Gebrauchs gewidmet wird, lernt man zwar, dass der gestreckte Mittelfinger «häufig» als beleidigende Geste verwendet wird, aber leider nicht in Deutschland. Da gilt der Stinkefinger immer als obszön, zumal der gestreckte Mittelfinger bei den Griechen und Römern einen erigierten Penis dargestellt haben soll.

Carlo Ancelotti hätte den Ringfinger strecken müssen.

Geldgeil ohne Ende

Christian Andiel am Donnerstag den 22. September 2016
Barcelona's Lionel Messi, right, scores his second goal past Bayern's goalkeeper Manuel Neuer during the Champions League semifinal first leg soccer match between Barcelona and Bayern Munich at the Camp Nou stadium in Barcelona, Spain, Wednesday, May 6, 2015. (AP Photo/Emilio Morenatti)

Neuer gegen Messi – das lockt Fans, Sponsoren und das Geld. Aber immer nur Neuer gegen Messi… Foto: Keystone

«Der Teufel scheisst auf den grössten Haufen.» Gewohnt prägnant brachten es die Autoren des Dortmunder Fanzines «Schwatzgelb» wieder mal auf den Punkt. Dabei gings nun für einmal sogar nicht um das im Ruhrpott besonders ungeliebte Bayern München, zumindest nicht explizit. Es ging um nichts weniger als «ein Gespenst, das im europäischen Fussball umgeht», wie die Kollegen von «11 Freunde» schreiben. Es geht um eine europäische Superliga, die schon seit längerer Zeit droht, die der Champions League das Wasser abgraben soll und den reichsten Clubs ihren Status auf immer und ewig zusichern soll.

Bei der Uefa macht man sich grosse Sorgen, für den neuen Präsidenten Aleksander Ceferin wäre eine Superliga ein «Krieg gegen die Uefa» – und meint damit ihre wichtigste Einnahmequelle Champions League. Die grossen spanischen, italienischen und deutschen Clubs hingegen sehen ihre Chancen schwinden gegenüber den zunehmend zahlungskräftigeren Clubs in England. In der Bundesliga kommt erschwerend die «50+1»-Regel hinzu, kein Besitzer darf mehr als 50 Prozent der Anteile eines Vereins besitzen. Das ist zwar inoffiziell längst hinfällig (siehe Wolfsburg, Leverkusen, Hoffenheim, Leipzig, Hamburg), dennoch hält es hochpotente Investoren aus Asien, Saudiarabien und Russland bislang ab.

Die perfekte Drohkulisse

Eine Superliga also soll es richten. Real und Bayern, Barcelona und Chelsea, Juventus und Manchester City fortan nur noch unter sich. Das soll für Spektakel sorgen, für TV- und Werbeeinnahmen. Funktioniert das auf Dauer? Bleibt es wirklich ein Spektakel ohne die heimische Liga, ohne die frechen «Kleinen», ohne zumindest mögliche Sensationen?

Vermutlich nicht. Und das wissen die Abramowitschs und Rummenigges, und sie werden dieses Risiko nicht ohne Not eingehen. Denn eines sind sie alle: geldgeil ohne Ende. Und sie wissen mit Macht umzugehen. Die Diskussionen um die Superliga sind deshalb in erster Linie als Drohung zu verstehen. Gegenüber der Champions League. Es wirkt. Gerade eben wurde der Modus wieder den Wünschen der Reichen angepasst: Ab 2018 gehören den vier Verbänden Spanien, Italien, Deutschland und England 16 der insgesamt 32 Startplätze fix. Das heisst unter anderem, dass zum Beispiel der Schweizer Meister keinen festen Startplatz mehr hat. Zudem wurde der Verteilschlüssel der TV-Einnahmen in der Champions League weiter zugunsten der Grossen verändert.

Grenzenloser Zynismus

Und wenn damit der Fussball – auch ohne europäische Superliga – irgendwann kaputt geht, weil kein System überlebt, das derart aus dem Gleichgewicht ist? Was bitte soll das die Mächtigen und Reichen kümmern, die haben ihre Millionen und Milliarden längst gesichert. Dass Rummenigge beim Lob über die neuen Vereinbarungen von «Solidarität mit den Kleinen» sprach, ist schon zu frech und zynisch, als dass man es noch kommentieren könnte.

President of the Football Association of Slovenia and candidate for the UEFA presidency Aleksander Ceferin speaks during an interview with Reuters in Athens, Greece September 13, 2016. REUTERS/Alkis Konstantinidis - RTSNI92

Uefa-Präsident von Mutkos Gnaden: der Slowene Aleksander Ceferin. Foto: Reuters

Denn es wird immer weitergehen. Irgendwann fragen sich die Reichen zum Beispiel: Ja, warum sind wir eigentlich nicht immer für die Achtelfinals gesetzt? Prompt bauen sie die Drohkulisse Superliga wieder auf. Schwupps, schon wirds von der Uefa umgesetzt. Dass sich deren neuer Präsident Ceferin auf ein Netzwerk des nun wirklich mehrfach schwer diskreditierten russischen Sportministers Witali Mutko stützt, sagt eigentlich auch schon alles über die moralische Integrität des europäischen Fussballverbandes der «Nach-Platini-Ära». Einer wie Ceferin weiss, wies geht im Milliardengeschäft, Sätze wie der mit dem Krieg gegen die Champions League darf man getrost als Funktionärs-Gewäsch abtun. Mit ihm an der Uefa-Spitze müssen sich Abramowitsch, Rummenigge & Co. keine Sorgen um die Umsetzung ihrer Gier und Machtgelüste machen.

Der Kümmerer

Christian Andiel am Donnerstag den 18. August 2016


Schlechte Neuigkeiten für (fast) alle Fussballfans: Bayern wird in der kommenden Saison das Triple holen. Das lässt sich deshalb nicht vermeiden, weil das ohnehin starke Kader nun von einem Trainer betreut wird, der nicht sich, sondern die Spieler in den Vordergrund stellt. Carlo Ancelotti hat bei allen seinen bisherigen Stationen bewiesen, dass er ein unglaubliches Gespür für die Menschen um sich herum hat. Er ist ein gewiefter Taktiker, aber er stellt nicht sein Denken, seine Ideen über alles und verliert dabei den Respekt vor den Fähigkeiten des Gegners. Ancelotti ist also nichts weniger als ein Anti-Pep, er erinnert vielmehr an Jupp Heynckes, den Vorgänger von Guardiola. Und was war das Erbe jenes ehrgeizigen, erfahrenen, bescheidenen, sympathischen Heynckes? Genau, das Triple.

In einer lesenswerten Biografie mit dem passenden Titel «Quiet Leadership – Wie man Menschen und Spiele gewinnt» (für eine Leseprobe klicken Sie bitte hier) bringt uns Ancelotti sein Denken nahe, er erzählt von seinem Leben, von seiner Kindheit in sehr einfachen Verhältnissen. Der Vater war Bauer, die Familie lebte von der Herstellung von Parmesankäse. 50 Prozent der Einkünfte mussten an den Eigentümer des Landes abgegeben werden. Ancelotti hat seine Herkunft nie vergessen, und dennoch kann er mit den Superstars der restlos überteuerten Fussballwelt so umgehen, dass einer nach dem anderen im Buch eine wahre Lobeshymne auf den ehemaligen Trainer abgibt: «Er ist ein unglaublicher Mensch» (Cristiano Ronaldo), «Er ist der beste Trainer aller Zeiten» (Zlatan Ibrahimovic), «Für mich ist er das Nonplusultra» (John Terry), «Für mich ist er ein Freund, und ich vermisse ihn» (Paolo Maldini).

Lächerliche Gesten sind ihm fremd

Bei Ancelotti muss Thomas Müller nicht bis nach dem allerletzten Spiel nach drei Jahren warten, ehe er sagt, nun habe der Trainer endlich Mensch sein können, wie er das bei Guardiola tat. Und was nur zeigt, wie sehr sich der Katalane selbst überhöht hat und wie das Umfeld diese Hybris übernommen hat. Ancelotti liebt den Fussball, aber er wird ihm nie wichtiger sein als die Menschen um ihn herum. Paul Clement, sein langjähriger Wegbegleiter als Assistent, sagt: «Carlo ist ein Kümmerer.» Dass ihm das immer wieder als Schwäche ausgelegt wird, dass er zu weich und nachgiebig im Umgang mit Spielern sei, das zeigt nur eines: wie dämlich Mächtige und Entscheider im Fussball halt zumeist sind.

Die Liebe zum Fussball lässt Ancelotti auch die nötige Demut wahren. Er schreibt: Die Menschen im Stadion «zahlen nicht, um mich an der Seitenlinie zu sehen oder Pep Guardiola oder Sir Alex Ferguson». Also wird Ancelotti nicht auf lächerliche Art während eines Penaltyschiessens demonstrativ auf einen Stuhl neben der Seitenlinie sitzen und den Blick vom Geschehen wenden, er wird nicht während eines Spiels bis fast zum Mittelkreis rennen, um Goalie Manuel Neuer nach einem minimalen und folgenlosen Fehler publikumswirksam zusammenzustauchen.

Wie läuft es mit den Chefs?

Auf eines darf man freilich schon gespannt sein: das Verhältnis zwischen Ancelotti und seinen Chefs. In seiner Autobiografie macht der Italiener deutlich klar, was er von Einmischungen von oben und ganz oben hält, wie sehr es ihn anwidert, wenn man auf Konkurrenten oder Schiedsrichter verbal einprügelt. Er sieht sich auf der Seite der Spieler und des Spiels, sonst nichts. «Ich verbringe nicht sehr viel Zeit mit dem Präsidenten», schreibt er etwa, dieser Teil der Kommunikation sei ihm nicht sehr wichtig. Blöd nur, dass der Präsident beim FC Bayern bald wieder Uli Hoeness heisst. Daneben schwurbelt ein Karl-Heinz Rummenigge auch gerne zu allem und jedem irgendetwas. Und das in einer Phase, in welcher der interne Machtkampf zwischen den beiden Gockeln wieder heftig entfacht werden wird.

Aber die Störfeuer der selbstherrlichen Chefs werden leider der Konkurrenz nichts nützen, weil auch Rummenigge und Hoeness am Menschen Ancelotti abprallen. Gut für den Italiener, schlecht für die anderen Vereine.

Ein deutsches Missverständnis

Blog-Redaktion am Mittwoch den 4. Mai 2016

Ein Gastbeitrag von Tobias Escher*

Nachspielzeit

Wieder das Aus im Champions-League-Halbfinal: Hat Pep Guardiola in den Augen der deutschen Experten wieder alles falsch gemacht? Foto: Tobias Hase (Keystone)

Düstere Stimmung im «Doppelpass», in Deutschlands selbst ernanntem Fussballstammtisch Nummer eins. Sendezeit will auch bei Sport 1 gefüllt werden, und kein anderes Thema bringt so viel Quote wie der FC Bayern. Woche um Woche bespricht die Runde die wenigen wichtigen und die vielen, vielen unwichtigen Themen, die an der Säbener Strasse entstehen. Und momentan gibt es eminent wichtige Themen rund um den FC Bayern zu besprechen.

Das Aus gegen Atlético in den Halbfinals der Champions League. Thomas Müller beim 0:1 im Hinspiel nur auf der Bank. Danach unentschieden gegen Gladbach, damit keine Meisterschaft drei Spieltage vor Schluss. Katastrophenstimmung. Pep Guardiola habe alles falsch gemacht, was ein Trainer falsch machen könne, so der Tenor. Moderator Thomas Helmer stellt die grosse Frage: «Wer coacht Pep?» Wer coacht also den Trainer, der in der Bundesliga sämtliche Rekorde gebrochen hat, der drei Meistertitel in drei Jahren gefeiert hat, der in jedem Jahr das Champions-League-Halbfinale erreicht hat?

Irgendwas ist schiefgelaufen zwischen Pep Guardiola und Fussballdeutschland. Der «Kicker» attestiert dem Spanier «krasse Defizite im menschlich-psychologischen Bereich» und wirft ihm vor, «ohne Empathie» zu agieren und nach «rein fussballspezifischen Erwägungen» aufzustellen. Guardiola, der Taktiktüftler ohne Herz – das ist das Bild, das Fussballdeutschland hat.

Nicht nur Guardiolas Auftreten ist den Deutschen nach drei Jahren immer noch fremd. Auch sein Spielstil. Die Sportjournalisten erklären Guardiolas Spielphilosophie selten. Er selbst gibt keine Interviews, speist Fragen auf Pressekonferenzen mit «Super, super»-Phrasen ab. Guardiola erklärt sich und sein Spiel nicht. Das ist medienpolitisch höchst unklug, sind viele deutsche Sportjournalisten es doch gewohnt, von den Protagonisten gesagt zu bekommen, wieso sie gespielt haben, wie sie gespielt haben. Guardiola macht sich jedoch rar und hofft, dass andere sein Spiel erklären – eine Hoffnung, die sich nach drei Jahren als recht illusorisch erwiesen hat.

Bayern's Robert Lewandowski, left, scores his side's second goal during the Champions League second leg semifinal soccer match between Bayern Munich and Atletico de Madrid in Munich, Germany, Tuesday, May 3, 2016. (AP Photo/Michael Probst)

Der Moment der Hoffnung: Robert Lewandowski (links) erzielt das 2:1, doch dabei blieb es – und das war zu wenig. Foto: Keystone

Guardiolas Juego de Posición ist heute das, was vor zwanzig Jahren die Viererkette war: eine grosse Unbekannte, die nur wenige Eingeweihte verstehen. Der grosse Johann Cruyff führte es einst bei Barcelona ein. Die Idee: Durch eine kluge Raumaufteilung gewinnt man Spiele. Guardiola gibt vor, wie die Spieler sich auf dem Feld zu positionieren haben, welche Laufwege sie wählen sollen, wer wann welchen Pass zu spielen hat. Dazu teilt er das Spielfeld in rund zwanzig Zonen ein. Es sollen sich nie zwei Spieler in einer Zone aufhalten, möglichst nicht mehr als zwei in einer vertikalen oder drei in einer horizontalen Linie stehen. Nur so könne man dem Spieler am Ball jederzeit mehrere Anspielstationen bieten und den Gegner dominieren.

Das vielleicht grösste Missverständnis betreffend Guardiola: Nicht das System entscheidet, welche Einzelspieler auflaufen, sondern die Einzelspieler bestimmen das System. Guardiola will seine Spieler in Situationen bringen, in denen sie ihre Stärken einbringen können. Bei Barça bedeutete dies, für Lionel Messi, Xavi und Andres Iniesta Räume im Mittelfeld zu öffnen. Die wichtigsten Bayern-Spieler sind jedoch keine Mittelfeldspieler, sondern Jérôme Boateng und Xabi Alonso sowie Douglas Costa, Franck Ribéry und Arjen Robben. Die ersten beiden bauen das Spiel aus der Tiefe auf, die letzten drei sollen für Durchbrüche sorgen.

Guardiola gibt feste Abläufe in seinem Positionsspiel vor, um sicherzustellen, dass die wichtigsten Spieler das tun können, was sie am besten können. Boateng soll möglichst viele lange Pässe spielen, Robben in Eins-gegen-eins-Situationen gelangen. Dazu passt Guardiola sein System an, ständig. Jeder Gegner hat ein anderes System, andere Schwachstellen. Deshalb braucht Guardiola unterschiedliche Formationen, unterschiedliche Spieler, unterschiedliche Laufwege, um erfolgreich sein zu können.

«Bring deine Spieler in eine Position, in der sie erfolgreich sein können», sagte Dallas-Mavericks-Besitzer Mark Cuban einmal. Das ist die Quintessenz von Peps Arbeit, die grosse Kontinuität in seinem Schaffen. Deshalb muss auch ein Thomas Müller mal auf der Bank sitzen, wenn Guardiola nicht das Gefühl hat, er könne seine Stärken gewinnbringend zur Geltung bringen.

In Deutschland hat sich Guardiola aber auch verändert. Der Spanier ist konservativer geworden, denkt defensiver. Die Absicherung der eigenen Angriffe ist ihm noch wichtiger als zu Barça-Zeiten. Die Bayern dominieren nicht in erster Linie über ihr Passspiel. Sie gewinnen praktisch jeden zweiten Ball nach einer Flanke. Es ist spanischer Juego de Posición mit einem grossen Schuss deutscher Tugenden. Kein Spieler verkörpert diese Veränderung in Guardiolas Wesen so stark wie Arturo Vidal, der Kämpfer, der diese Saison der Garant war für die starken Bayern-Momente.

Und doch schraubte Guardiola lange Zeit weiter an seinem Traum vom perfekten, formvollendeten Fussball. Nie kam ein deutsches Team so nah an dieses Ideal heran, nie hat eine deutsche Mannschaft den Gegner so dominiert wie Guardiolas Bayern beim 7:1-Erfolg gegen den AS Rom oder in den ersten sechzig Minuten des Hinspiels gegen Juventus Turin. Nicht unter Udo Lattek, nicht unter Ottmar Hitzfeld und auch nicht unter Jupp Heynckes.

Doch schon Franz Beckenbauer hatte als Nationaltrainer festgestellt: «Schön gespielt? So ein Schmarrn. Der Deutsche will den Erfolg sehen.» Guardiola wird an nichts anderem gemessen als am Triple, dem Gewinn aller drei grossen Wettbewerbe.

Dahinter steckt der grosse, ungelöste Widerspruch Fussballdeutschlands. Einerseits sagt der urdeutsche Ingenieursgedanke: Man braucht nur die richtigen Teile, um einen Mercedes zu bauen. Guardiola habe gefälligst die Bayern-Teile so zusammenzustecken, dass am Ende ein Triple dabei herauskommt. Verletzungen, Form, Matchglück – all das zählt nicht. Andererseits herrscht in Fussballdeutschland noch immer ein massives Desinteresse an der Frage, wie Trainer ihre Autos bauen. Man wird im «Kicker» nie das Wort «Juego de Posición» lesen und es auch nie im «Doppelpass» hören. So lässt sich eine Debatte über die Leistung eines Trainers am Ende nur anhand von Silbertrophäen führen.

* Tobias Escher ist der Autor des Buchs «Vom Libero zur Doppelsechs», Journalist und schreibt für das Online-Fussballmagazin «Spielverlagerung». Der Beitrag erschien zuerst im Blog Miasanrot.de, er wurde für den TA-Blog minimal aktualisiert.

Der böse, böse Jogi

Christian Andiel am Samstag den 30. Januar 2016

Der Beweis: Bundestrainer Joachim Löw (links) will Jérõme Boateng aufs Übelste beeinflussen. Ein Glück für den Verteidiger, dass er von seinem Club geschützt wird. Foto: Keystone

Gut, gibts den Karl-Heinz Rummenigge. Da hat der Chef des FC Bayern aber mal wieder mit aller Deutlichkeit gezeigt, wo im deutschen, ach, was sag ich da: im Weltfussball der Hammer hängt. An der Säbener Strasse in München nämlich. Was erlaubt sich Löw, hat sich der Rummenigge gedacht, als der Bundestrainer einmal mehr eine seiner unverschämten Einmischungen nicht lassen konnte. Löw hatte gesagt, er plane für die Europameisterschaft im Sommer mit Jérõme Boateng, obwohl sich der Bayern-Abwehrrecke verletzt hat und wohl vier Monate ausfällt. Für Rummenigge ist dies logischerweise genau das, was Löw in seinem hinterhältigen Schwarzwälder Hirn ausgebrütet hat. Ein dickes Lob an den designierten Abwehrchef, vielleicht sogar ein Ansporn für Boateng in psychisch schwierigen Zeiten? Ha, so denkt nur ein dummer, naiver Mensch.

Rummenigge weiss natürlich ganz genau: Damit erhöht sich die Gefahr, dass Boateng den Heilungsverlauf beschleunigt, einen Rückfall erleidet und noch länger ausfällt. Löws vermeintliche Hilfestellung ist also nichts anderes als eine raffiniert versteckte Attacke auf den besten Fussballclub des Universums (inklusive Zwergplaneten).

Das klingt zwar nun ein bisschen komisch, weil Rummenigge immerhin Pep Guardiola als Trainer beschäftigt. Und gerade der ist bekannt dafür, dass er Spieler auch dann einsetzt, wenn sie praktisch von der letzten Verletzung her noch am Tropf hängen. Guardiola sagt: «Wenn es heisst, ein Spieler fällt sieben Wochen aus, dann möchte ich, dass es sechs sind.» Es gibt Mediziner, die sagen, dass genau deshalb so viele Spieler – Ribéry, Robben, Thiago – bei den Bayern immer wieder verletzt und nach der «Genesung» auch schnell wieder weg sind. Aber was kümmert das Guardiola? Er arbeitet schliesslich nur bei Clubs mit Unmengen an Geld, die werden doch für Ersatz und Nachschub sorgen können. Und schliesslich hatte Guardiola selbst als Spieler mit der Einnahme von Dopingmitteln bewiesen, was er unter Siegeswillen und Loyalität gegenüber Club und Trainer versteht.

Aber was wir mit diesen Bemerkungen zu Guardiola tun, ist übelste Einmischung in Bayern-interne Vorgänge. Und da versteht Rummenigge so wenig Spass wie bei unmoralischen Angeboten von Löw gegenüber Boateng. Er droht dem DFB, er werde dem Abwehrspieler die Freigabe verweigern. Vielleicht darf ja gar kein Bayern-Spieler mit zur EM. Und wer weiss, vielleicht gehen die Bayern ganz weg aus der Bundesliga, wenn alle immer nur Böses für sie wollen.

Vielleicht spielen sie dann ja nur noch in Katar. Da sind eh alle viel lieber und netter zu den Bayern. Warum heisst denn der Münchner Flughafen nicht «Uli Hoeness Airport», nach dem grössten Wohltäter, den Deutschland  hervorgebracht hat? Warum wird dem Club nicht der deutsche Meistertitel auf Lebenszeit verliehen, damit man sich die mühsamen Reisen nach Darmstadt, Ingolstadt oder Sinsheim ersparen kann (was, nebenbei, auch das Verletzungsrisiko drastisch senken würde)?

Das sind doch alles üble Machenschaften, hinter denen der DFB, dessen Haupt-Scherge Löw, die Lügenpresse und überhaupt die ganze neidgeplagte Welt steht. Aber nicht mit den Bayern! Jetzt schlagen sie zurück. Jetzt setzt Guardiola den Boateng so schnell wieder ein, dass er zur EM und bis weit ins Jahr 2018 ausfällt. Tja, was nun, Jogi Löw?

Pope Francis receives an autographed fottball from Bayern Munich's CEO Karlheinz Rummenigge during a private audience with the soccer team at the Palace of the Vatican in Vatican City, October 22, 2014. REUTERS/Alexander Hassenstein/Pool (VATICAN - Tags: SPORT SOCCER RELIGION) - RTR4B4TZ

Wer dem Papst (rechts) ethische Grundsätze mithilfe eines Fussballs näherbringt, soll sich vom DFB verscheissern lassen? Ha, nicht mit Karl-Heinz Rummenigge! Foto: Reuters

Ausgerechnet Ancelotti!

Christian Andiel am Dienstag den 22. Dezember 2015
Bayern Munich's coach Josep Guardiola and Real Madrid's coach Carlo Ancelotti (2nd R) gesture to their players during their Champion's League semi-final second leg soccer match in Munich April 29, 2014. REUTERS/Kai Pfaffenbach (GERMANY - Tags: SPORT SOCCER) - RTR3N4UT

Zwei zeigen ihrer Mannschaft den Weg, aber nur eine gewinnt 4:0: Pep Guardiola (2.v.l.) und Carlo Ancelotti (2.v.r.) beim Halbfinal der Champions League zwischen Bayern und Real im April 2014. Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters

Das ist nicht fair vom FC Bayern München. Es hätte durchaus adäquate Nachfolger von Pep Guardiola gegeben, die den Selbstdarsteller perfekt ersetzt hätten. Allen voran natürlich José Mourinho, Louis van Gaal ist auch bald wieder frei (allerdings hatten sie den an den Säbener Strasse schon mal an der Backe), zur Not hätte selbst ein Michael Frontzeck gepasst.

Aber was machen die Bayern? Sie verpflichten ausgerechnet Carlo Ancelotti, den Schmusebär aus der Emilia-Romagna. Als FC-Bayern-Hasser muss man sich ernsthaft fragen: Steckt Kalkül dahinter? Wollen sie gerade uns im Innersten treffen? Schliesslich droht die gleiche Gefahr wie einst bei Jupp Heynckes’ zweiter Amtszeit: dass einem der Club fast schon sympathisch wird.

Wie Heynckes ist Ancelotti ein Trainer, der sich nicht wichtiger nimmt als die Spieler oder gar den ganzen Club bzw. die Liga. Nun ist es ja für einen Deutschen angesichts der trostlosen Bilanz gegen italienische Mannschaften in Pflichtspielen weiss Gott nicht einfach, irgendetwas am italienischen Fussball zu mögen. Ausser Ancelotti. Schon zu aktiven Zeiten war er der Kopf des grossen Milan. Und auch wenn die niederländischen Stars wie Gullit oder Van Basten die Schlagzeilen dominierten, so sagt Coach Arrigo Sacchi: «Ancelotti war mein wichtigster Spieler, er hat weiter gedacht als alle anderen.»

Und weil Denken im Prinzip das Gegenteil von Esoterik ist, schwurbelt Ancelotti auch nicht im Guardiola-Idiom, als sei Fussball eine Geheimwissenschaft, die nur auserwählte Katalanen wirklich verstehen (von denen es schliesslich auch nur einen gibt). Ancelotti ist ein Trainer, dem es um seine Spieler geht, und der ein System spielen lässt, das sie ebenfalls verstehen und das zu ihnen passt. Bodenständig halt, Fussball als Spiel, nicht als Philosophie.

So gewann er als Aktiver zweimal die Champions League, als Trainer dreimal, und Letzteres mit zwei verschiedenen Clubs (Milan, Real). Zahlen, von denen Guardiola noch träumen muss. Und vergessen wir nicht die magische Nacht des 29. April 2014: Da nahm der so bieder wirkende, stets ruhige Ancelotti mit seinem Real Madrid die Pep-Eleven in deren Allianz-Arena im Halbfinale der Champions League aber dermassen auseinander. Mit Mitteln, über die Guardiola sich weigern würde bloss nachzudenken: mutiges Pressing, präzise Konter. 4:0 hiess es am Ende. (Vielleicht aber denkt der FC Bayern einfach immer noch in alten Mustern: Wer gegen uns gewinnt oder ein Tor schiesst, den holen wir.)


Kann man immer schauen, wenns im Leben mal grad nicht so gut läuft: Bayern – Real 0:4. Quelle: Youtube

In einem schönen Porträt schreibt die «Süddeutsche» über Ancelotti: «In 40 Jahren Fussball scheint dieser Mensch sich keinen einzigen Feind gemacht zu haben.» Sollen wir Bayern-Feinde da jetzt ausscheren? Vielleicht hilft das Prinzip der Differenzierung: Ancelotti ist Ancelotti ist Ancelotti. Der FC Bayern, das sind Matthias Sammer, Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeness. Und die muss man weiterhin nicht mögen.

Was macht eigentlich Klopp?

Christian Andiel am Mittwoch den 15. Juli 2015
Borussia Dortmund coach Juergen Klopp and his wife Ulla pose for a photo before the team's party at Britain's Natural History Museum in London May 26, 2013, following their Champions League defeat against Bayern Munich at Wembley stadium.   REUTERS/Federico Gambarini/Pool    (BRITAIN - Tags: SPORT SOCCER ENTERTAINMENT) - RTX101D8

Endlich mal Zeit für Gattin Ulla: Jürgen Klopp gibt momentan Ruhe. Foto: Keystone

Die Schweizer Liga geht schon wieder los, in den anderen Ländern haben die Fans ein wenig länger Verschnaufpause. In Deutschland wird wieder verzweifelt nach dem neuen Bayern-Jäger gefahndet. Dabei ist die Sache klar: Der VfL Wolfsburg muss es richten, mit seinen VW-Millionen im Rücken, mit dem unaufgeregten Dieter Hecking an der Seitenlinie, Manager Klaus Allofs dahinter und vor allem mit dem famosen Kevin De Bruyne auf dem Platz. Das sieht auch Dortmunds Boss Hans Joachim Watzke so, er hat seinem Club ganz andere Ziele gesteckt, nach dem Ende der Ära Jürgen Klopp gehe es um eine Art Neubesinnung beziehungsweise -orientierung.

Was aber muss Wolfsburg tun, um die Bayern hinter sich zu lassen? Gegen die Kleinen punkten. Denn nimmt man nur die vier Erstplatzierten der vergangenen Saison und schaut sich die Bilanz untereinander an, so ergibt sich ein überraschendes Bild:

  1. Wolfsburg, 12 Punkte, 15:9 Tore
  2. Gladbach, 11 Punkte, 7:2 Tore
  3. Bayern, 7 Punkte, 4:9 Tore
  4. Leverkusen, 4 Punkte, 8:14 Tore

Damit das auch gegen defensiver orientierte Mannschaften fortan besser wird, wurde vor allem Max Kruse für 12 Millionen Euro von Gladbach geholt. Dafür geht Josip Drmic (10 Millionen) von Leverkusen nach Gladbach, sein Landsmann Admir Mehmedi wiederum ersetzt ihn für 6 Millionen bei Bayer und entkommt so mit Freiburg dem Gang in die 2. Liga. Wie auch Roman Bürki, der künftig in Dortmund mit Roman Weidenfeller um die Position als Goalie Nummer 1 kämpft.

Das ganz grosse Transfertheater wars also nicht in der Bundesliga. Für den (doppelten) Knall waren wieder einmal die Bayern zuständig. Erst holten sie den Brasilianer Douglas Costa und sorgten für den Rekordtransfer des Sommers in der Bundesliga: 30 Millionen Euro war ihnen die Alternative zu Franck Ribéry wert. So viel haben einst auch Mario Gomez und Manuel Neuer gekostet, teurer waren beim FC Bayern bislang nur Javi Martinez (40 Millionen) und Mario Götze (37 Millionen).

Liebe Fans, ich möchte mich bei euch für die unglaublichen gemeinsamen Jahre beim FC Bayern München bedanken! Dear Fans, after 17 incredible years at FC Bayern, 15 national titles, winning the historical triple and uncountable other highlights that I was fortunate enough to experience with my incredible team, all you exceptional fans and the co-workers at Säbener Straße and Allianz Arena, I have decided to take a new career step. This decision was very hard to make because you and FCB have, are and will always be an extremely important part of my life. Nevertheless, I would like to again gain experience at a new club. My destination is Manchester United. I hope you understand my decision. No one can take away the incredible journey we had together. #MiaSanMia

Posted by Bastian Schweinsteiger on Sonntag, 12. Juli 2015

Quelle: Facebook

Wesentlich mehr Gesprächsstoff gab es freilich um Bastian Schweinsteiger, der den Club nach 17 Jahren verlässt und für 18 Millionen Euro zu Manchester United geht – und zu Louis van Gaal, der Schweinsteiger noch richtig schätzt. Anders als Pep Guardiola, der dem körperlich doch einigermassen ramponierten Mittelfeldmotor nicht mehr richtig trauen mochte. Schweinsteiger ist aber tatsächlich nicht der Zauberer, der das Spiel so schnell macht, wie von Guardiola verlangt. Wie sehr aber wird Schweinsteiger als Identifikationsfigur fehlen? Es gab Unmutsäusserungen der Bayern-Fans, aber das stecken die Bosse an der Säbenerstrasse so was von locker weg, im Vergleich zu den Kämpfen rund um die Neuer-Verpflichtung ist das Ponyhof.

Die Bayern haben sich also weiter nach den Wünschen Guardiolas gerichtet, sie rücken immer weiter von ihrer Philosophie ab, dass der Trainer nicht zu viel Macht haben darf im Club. Das bringt zumindest so lange wieder lustige Diskussionen, bis der Vertrag des Katalanen nicht über 2016 hinaus verlängert ist.

Aber apropos Trainervertrag. Was macht eigentlich Jürgen Klopp? Bei ihm hatte man ja das Gefühl, dass er nach dem Rücktritt in Dortmund zwischen den weltbesten Clubs aussuchen könnte: Real oder Barça, City oder Manchester United, Arsenal oder Liverpool – was hättens denn gerne? Doch um Klopp ist es ruhiger als früher zu nachtschlafender Zeit. Hat sich da einer überschätzt? Eher nicht. Eher waren es die deutschen Medien, die sich mit Möglichkeiten und Gerüchten überboten haben. Klopp hat es wohl tatsächlich ernst gemeint mit der Auszeit, die er sich nach sieben Jahren beim BVB nehmen wollte, obwohl der ein oder andere interessierte Club angefragt habe. Oder wie sein Berater Marc Kosicke (wenn der Meister schweigt, muss der Adlatus sprechen) gegenüber Spox.com sagt: «Jürgen will jetzt mit seiner Frau Sachen erleben, zu denen er lange nicht gekommen ist.»

Das klingt herzig. Aber irgendwann wird Klopp genug Museen besucht, Opern gehört und Wanderungen in abgelegenen, TV-freien Zonen gemacht haben. Und dann sei die Premier League gemäss Kosicke «sehr spannend», dabei müsste es nicht zwingend einer der vier Topclubs sein. Klopp tut also momentan nichts, aber er ist bereit. Und er wird jedes Mal genannt werden, wenn irgendwo ein Trainer wackelt – oder wenn Bayern mal nicht mit drei Toren Differenz gewinnt.