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Beiträge mit dem Schlagwort ‘Christian Constantin’

Über-Coach Christian Constantin

Guido Tognoni am Dienstag den 18. September 2018

Er kontrolliert: Christian Constantin auf der Trainerbank des FC Sion. Foto: Keystone

50 Trainer in 20 Jahren. Nur Diego Maradona fehlt in der illustren Liste. Sobald der Ball ruht, ist Sions Präsident Christian Constantin der grösste Unterhaltungsfaktor im Schweizer Fussball. CC hätte längst einen Sonderpreis verdient. «Trainerfresser» nennt ihn die NZZ mittlerweile und droht damit dem Jubiläumscoach Murat Yakin gleich das nächste Ungemach an, während Constantin und Yakin sich gegenseitig loben und erklären, dass sie sich mögen.

Das ist allerdings nicht aussergewöhnlich. Kein Clubpräsident engagiert einen Coach, den er nicht riechen kann. Coaches hingegen können nicht allzu wählerisch sein, die Reihe der arbeitslosen Trainer ist lang und wird immer länger. Der Fussball produziert viel mehr Trainer, als er absorbieren kann.

Er reagiert einfach schneller als die anderen

Verstehen sich: Murat Yakin und Christian Constantin. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

CC und Yakin schätzen sich also. Die Frage ist nur, wie lange das anhält. Bei Christian Constantin ist die Vertrauensbasis bekanntlich sehr schmal und die Geduld kurz. Das empört die Branche und die Medien jedes Mal gleichermassen. Gehen wir einmal davon aus, dass diese Empörung berechtigt ist, obwohl jeder Coach weiss, auf wen er sich beim FC Sion einlässt. Dennoch muss die Frage gestellt werden, inwiefern die rastlosen Trainerwechsel dem Club geschadet haben. Sion erlitt – unter dem finanziell hasardierenden Christian Constantin – 2003 einen Zwangsabstieg, spielt aber seit zwölf Jahren wieder in der obersten Liga, erreicht zwischendurch mit wem auch immer den Cupfinal und hat erst vor einem Jahr erstmals ein Endspiel verloren. Dieses 0:3 gegen Basel hätte Sion auch mit Jürgen Klopp passieren können. Und als CC im Jahre 2011 wieder einmal mit der Fussballbürokratie herumstritt und mit einem Abzug von 36 Punkten bestraft wurde, rettete ihn der Lizenzentzug von Xamax vor dem Abstieg. Ein Kandidat für den Meistertitel war Sion gegen den übermächtigen FC Basel nie und ist es auch nicht gegen die neue Nummer 1 der Schweiz, die Young Boys.

Die Gesamtbilanz des FC Sion in den vergangenen 20 Jahren wäre wohl auch mit 5 statt 50 Trainern nicht besser. Christian Constantin macht mit seinem Club nur das, was jeder Coach mit seinen Spielern tut: Er wechselt aus, wenn er den Eindruck hat, dass die Form nicht stimmt. Ohne über Stilfragen debattieren zu wollen: Christian Constantin reagiert einfach schneller als die anderen. Er ist nicht nur Eigentümer, Zahlmeister, Transferchef, Show-Master und Präsident des Vereins, sondern auch dessen emotional gesteuerter Über-Coach.

Ob man ihn schätzt oder auch nicht: Es macht Spass, ihn zu verfolgen. Nun erst recht mit einem Murat Yakin in seinem Windschatten.

Schattenseiten des Fussballs

Guido Tognoni am Montag den 23. Oktober 2017

Erfolgreich, aber unterbezahlt: Die US-Nationalspielerinnen Mallory Pugh und Lindsey Horan (rechts) nach einem Treffer im Spiel gegen Neuseeland. Foto: Aaron Doster (Reuters)

Englands Fussball hat wieder einen Rassismusskandal, Brasilien ebenfalls. In Frankreich steht der katarische Präsident von Paris Saint-Germain, Nasser al-Khelaifi, unter Korruptionsverdacht. In New York bereitet die Justiz einen weiteren Verfahrensschritt gegen korrupte Fussballfunktionäre aus dem «Fifa Gate» vor. Der russische Präsident der AS Monaco musste wegen einer privaten Geschichte zum Kadi. In Dänemark bestreiken die besten Spielerinnen die Nationalmannschaft, weil sie mehr Geld wollen. In Uruguay streiken alle Spieler des bezahlten Fussballs, weil sie überhaupt Geld wollen. In ganz Grossbritannien sind nicht weniger als 331 Clubs in Verfahren wegen sexueller Missbrauch-Tatbestände verwickelt.

In den USA wird festgehalten, dass die gemäss eigener Einschätzung grösste und beste Nation der Welt seit 1930 an Weltmeisterschaften der Männer nur 6 Spiele gewinnen konnte,  während die viel schlechter bezahlten Frauen weitaus mehr Erfolge hatten als ihre leistungsschwachen Kollegen, was zu Rücktrittsforderungen an den amtierenden Präsidenten geführt hat. Nordirlands Nationalcoach wird der Fahrausweis entzogen, weil er im Suff herumfuhr. In Kosovo verprügeln Fans einige Spieler gleich auf dem Feld. Der amtierende Präsident des südafrikanischen Verbandes wird von einem Opfer öffentlich der Vergewaltigung bezichtigt. In Guinea macht sich ein früherer Verbandspräsident aus dem Staub und ausser Landes, weil ihm die massive Veruntreuung von Fifa-Geldern vorgeworfen wird.

Auch die Schweiz kann mithalten

Das ist ein kleiner Querschnitt aus dem täglichen Irrsinn aus der Umwelt des Fussballs. Die Schweiz kann da übrigens auch mithalten: Christian Constantins Ohrfeigen und Fusstritte, gezielt appliziert gegen seinen Kritiker Rolf Fringer, sind in diesem Getümmel ein ganz besonderer Leckerbissen. In Zürich spielen wieder einmal gewaltbereite Krawallanten am Samstag mit der Polizei Fangis, sie werden bei ihrem Wochenendvergnügen sofort wieder freigelassen. Zudem bemüht sich die Schweizer Bundesanwaltschaft in Bern unverdrossen, etwas Licht in die düsteren Geschäfte der früheren Fifa-Granden zu bringen. So viel in Kürze zu den Schattenseiten des Fussballs.

Aber auch die Sonne scheint: Chelsea und Roma lieferten sich in der Champions League ein mitreissendes 3:3, Trainer-Oldie Jupp Heynckes haucht im Alter von 72 Jahren seinen Bayern aus München frisches Leben ein, der FC Basel nutzt seine Chance gegen schwache Russen von ZSKA Moskau und liegt im Königswettbewerb an zweiter Stelle, die Young Boys bleiben im gleichen Wettbewerb ungeschlagen, selbst der gebeutelte FC Lugano zeigt, dass er noch gewinnen kann, und dies sogar in der Europa League. Murat Yakin bestätigt sich als Zauberer an der Seitenlinie. Das alles tröstet uns locker über die Fehlkicks und Missgriffe von Roman Bürki und Yann Sommer in der Bundesliga hinweg.

Silenzio Squadra

Marco Keller am Dienstag den 12. Januar 2016

Macht doch euren Mist allein: Palermos Trainer Davide Ballardini sagt gar nichts mehr. Foto: Keystone

Einige wenige Begriffe aus dem italienischen Fussball haben den Weg in die internationale Sportsprache gefunden. «Catenaccio» zählt dazu, «silenzio stampa» auch, das Schweigen von Spielern und Funktionären gegenüber den Medien. Wie die Beispiele Paulo Sousa und José Mourinho zeigen, sind diese Begriffe geläufig bis nach Portugal. Schweigen ist am Stiefel eine durchaus akzeptierte Form der Kommunikation, und seit Sonntag gibt es in der Serie A eine noch nicht offizielle Weiterentwicklung, «silenzio squadra», das Nichtreden mit dem eigenen Team.

Palermo gewann das Duell in den Tabellenniederungen bei Hellas Verona 1:0, und alle jubelten – bis auf einen: Trainer Davide Ballardini. «Er hat uns nicht auf das Spiel vorbereitet, weder vorher noch nachher etwas zu uns gesagt. Wir hatten keinen Trainer», erklärte Goalie Stefano Sorrentino den verdutzten Medien. Der Captain der Equipe von Michel Morganella war daran kaum unschuldig. Am Samstag war es zu einem lautstarken Disput zwischen Sorrentino und dem Trainer gekommen, als dieser seinem Schlussmann mitteilte, er müsse auf die Ersatzbank. Der exzentrische Präsident Maurizio Zamparini übernahm die ungewohnte Rolle des Vermittlers, Sorrentino spielte und hielt den Sieg mit unglaublichen Paraden fest. Ballardini, dick vermummt, registrierte es mit der Emotionalität eines Ölgötzen.

Kein Spekulant, wer diese Woche Bewegung auf Palermos Trainerbank erwartet. Was unter der Ägide Zamparinis nichts Neues wäre. Im Vergleich zu ihm ist Christian Constantin ein Muster an Berechenbarkeit, seit 2002 hat Zamparini auf Sizilien 29 Trainer verschlissen.