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Beiträge mit dem Schlagwort ‘Bundesliga’

Das besonders schöne Tor des Monats

Guido Tognoni am Donnerstag den 20. September 2018

Schoss das Tor des Monats: Serdal Celebi, Blindenfussballer des FC St. Pauli. (Foto: Keystone/Axel Heimken)

Es gäbe vieles zu beschreiben und fast ebenso vieles zu beklagen im aktuellen Fussball. Aber lassen wir für einmal das Jammern und freuen wir uns an einer Randnotiz des globalen Milliardenspiels: In Deutschland hat ein blinder Fussballer den Wettbewerb um das Tor des Monats gewonnen. Seit 1971, also seit 47 Jahren, lässt die ARD das Fernsehpublikum diese Auszeichnung wählen, sie ist ein lebendes und ungebrochen beliebtes Fossil in unserer umgepflügten Fernseh-Landschaft.

So kam es, dass der zuvor völlig unbekannte 34-jährige Serdal Celebi einen schönen Torschuss feiern kann, den er selbst gar nicht gesehen hat. Celebi gehört zu den vier Feldspielern des FC St. Pauli, die sich auf dem von Banden eingerahmten Kleinfeld mit Worten und einem Ball verständigen, der rasselt, sobald er in Bewegung ist. Sehen dürfen nur die Torhüter, während die Feldspieler mit einer Augenabdeckung spielen, sodass jede vielleicht noch verbliebene Sehkraft bei allen Spielern unterbunden wird.

Inmitten des grossen Bundesliga-Klamauks

Es gibt in dieser Geschichte mehrere schöne Aspekte: dass professionelle Fussballclubs sich auch um Behinderte kümmern, wie dies bei St. Pauli geschieht; dass es angepasste und ein auf die besonderen Bedürfnisse zugeschnittene Spielfelder und -regeln gibt und sogar eine Bundesliga für Blindenfussball; dass auch Video-Aufzeichnungen gemacht werden und ein schönes Tor schliesslich den Weg bis in die «Sportschau» der ARD findet.

Besonders erfreulich ist dabei, dass das Fernsehpublikum sich die Chance nicht entgehen liess, einem behinderten Fussballer eine ganz besondere Reverenz zu erweisen. Inmitten des grossen Klamauks der Bundesliga und des übrigen professionellen Fussballs, fern vom Fangeschrei und ausserhalb der grossen Schaufenster des Sports haben Tausende von Fussballfans instinktiv das Richtige getan – und nicht etwa einen Nationalspieler, sondern einen blinden Fussballer geehrt. Das tut gut.

Das Märchen von Youssoufa Moukoko

Guido Tognoni am Freitag den 15. September 2017

Youssoufa Moukoko beim U-16-Match Österreich-Deutschland (13. September 2017). Foto: Jakob Gruber (Keystone)

Erinnert sich noch jemand an Freddy Adu? Das war jener junge Mann, der als 14-Jähriger in den USA und danach weltweit als Fussball-Wunderkind gefeiert wurde. Die Sportjournalisten überschlugen sich vor Begeisterung und kündeten Freddy Adu als neuen Pelé an. Adu, gemäss eigenen Angaben am 2. Juni 1989 in Ghana geboren, erhielt als Teenager von Nike einen bestens dotierten Ausrüstervertrag. Man hätte glauben können, der Weltfussball habe einen neuen Messias gefunden.

Der damals vermeintlich 14-Jährige Freddy Adu. Foto: Mitch Jacobson (EPA, Keystone)

Freddy Adu spielte für die USA gleichzeitig in der Nationalmannschaft U-16 und U-20 und nahm an beiden von der Fifa organisierten Weltmeisterschaften teil. Niemand fand das aussergewöhnlich. Das heisst: Niemand wagte, auszusprechen, dass da mit dem Alter etwas nicht stimmen könnte. Dabei würden 9,9 von 10 Fussballtrainern bestätigen, dass ein 16-Jähriger nicht auf Weltebene in der Auswahl der besten 20-Jährigen eine Rolle spielen kann. Aber das Märchen von Freddy Adu und die Marketing-Begleitmusik vernebelten jeden Ansatz von Kritik. Freddy Adu musste die neue Fussball-Ikone sein.

Vor 10 Jahren erhielt Adu folgerichtig einen Vertrag in Europa, von Benfica Lissabon. Was folgte, war ein einziger Abstieg, eine Ausleihe nach der anderen, und heute ist Freddy Adu mit offiziell 28 Jahren vereinslos. Als er mit Erwachsenen spielen musste, war er ohne Chance. Anders ausgedrückt: Er hatte (aus juristischen Gründen muss man sagen: vermutlich) bald einmal keinen Altersvorsprung mehr und reihte sich in die vielen afrikanischen Spieler ein, die sich mit falschen Altersangaben und dem im Jugendbereich entscheidenden biologischen Altersvorsprung eine Karriere in Europa ebnen wollten und wollen.

Es ist bizarr

Heute heisst das neue Wunderkind Youssoufa Moukoko. Seine Vorfahren lebten zu Bismarcks Zeiten sicher noch nicht in Deutschland, aber nun spielt er als Kamerun-Deutscher für Borussia Dortmund und wird als 12-Jähriger gefeiert, weil er im Juniorenbereich nach Belieben Tore erzielt. Seine Bilanz in der U-17-Bundesliga steht nach fünf Spielen bei 13 Toren. Wie gesagt, als 12-Jähriger, der sich auch in der germanischen U-16-Nationalmannschaft als Torjäger bejubeln lässt!

Es ist bizarr: Alle tun so, als ob ein 12-Jähriger in der Altersklasse U-17 eine dominierende Rolle spielen könnte. Fragen zu seinem Alter sind offenbar unschicklich. Interessant wäre, zu erfahren, was seine Mit- und Gegenspieler über ein Phänomen denken, das angeblich fünf Jahre jünger ist als sie und ihnen den Ball zwischen den Beinen durchspielt und sie im Strafraum stehen lässt.
Jeder würde Youssoufa Moukoko eine Karriere gönnen. Aber niemand darf überrascht sein, wenn sie frühzeitig endet. Wie jene von Freddy Adu, und wie jene des gefeierten Nii Lamptei, 1991 in Italien mit Ghana U-16-Weltmeister und wie Adu aus Tema stammend. Auch Lamptei machte keine aufsteigende Karriere: Anderlecht, Aston Villa, PSV Eindhoven, Coventry City, Venezia, Unión Santa Fe, Ankaragücü, União Leiria, Greuther Fürth, Shandong Luneng, Al-Nassr, Asante Kotoko and Jomo Cosmos hiessen seine Clubs.

Wer glaubt, Youssoufa Moukoko sei ein Wunderspieler, soll das glauben. Wer denkt, ein 12-Jähriger könne unter 17-Jährigen aufgrund seines aussergewöhnlichen Talents selbst international bestehen, soll so denken. Und wer sich wundert, dass sich in Deutschland fast niemand darüber wundert, wie ein 12-Jähriger auf dem Fussballplatz die Alterslücke von fünf Jahren locker überwindet, wundert sich zu Recht.

Bratwurst statt Showeinlage

Blog-Redaktion am Montag den 29. Mai 2017


Wütende Fussballfans pfeifen Helene Fischer aus. Video: Tamedia/Twitter/ARD

Pause in Berlin. Zwischen Dortmund und Frankfurt steht es im DFB-Pokalfinal 1:1. Zeit, um durchzuatmen? Mitnichten. Für manche beginnt jetzt, wo der Ball ruht, das Highlight dieses Abends: Helene Fischer gibt ein Kurzkonzert. Die deutsche Sängerin führt mit ihren Ohrwürmern durch die Pause. Atemlos durch die Berliner Nacht quasi. Immerhin: Die zweite Halbzeit beginnt planmässig.

Nicht etwa so wie eine Woche zuvor, als Anastacia in der Münchner Allianz-Arena sang und sich der Start der zweiten Halbzeit hinzog, weil der Abbau der Bühne länger dauerte. Sie polarisieren jedenfalls, die Halbzeitshows, die im deutschen Fussball gerade en vogue sind. Dass Helene Fischer für den DFB-Pokalfinal gewonnen werden konnte, zelebrierte der deutsche Fussballverband zuvor richtiggehend. Schliesslich war es ein Novum, das Endspiel um eine musikalische Darbietung zu ergänzen.

Marketing-Menschen würden von einer Eventisierung sprechen. Tönt gut, fand aber keinen Anklang. Fischer kam, sang und wurde mit Pfiffen eingedeckt. Es war ein klares Statement der Fans. Für die Pausenwurst und gegen musikalische Halbzeitkost. Für den Fussball und gegen das immer bunter werdende Rahmenprogramm. Die Fans in Deutschland haben genug.

Dass die Anhänger mit der Kommerzialisierung des Fussballs ihre liebe Mühe haben, ist keine Annahme, keine Momentaufnahme, sondern empirisch bewiesen. Vor kurzem wurde eine Studie veröffentlicht, die besagt, dass jeder zweite Fussballfan in Deutschland sich früher oder später vom Profifussball abwenden werde, sollte die Fussballkommerzialisierung sich in diese Richtung weiterentwickeln.

«Ein Warnsignal für alle Vereine»

Beachtung fand die Studie vor allem deshalb, weil es sich um die gegenwärtig grösste wissenschaftliche Untersuchung im deutschen Profifussball handelt. 17’330 Fans wurden dafür befragt. Durchgeführt wurde die Studie von einem Verein, der den Clubanhängern eine Stimme geben will und sich «FC Playfair» nennt. Dahinter stehen mit Claus Vogt und André Bühler ein Sportökonom sowie ein Unternehmer, beide Fans des VFB Stuttgart.

Den «Stuttgarter Nachrichten» sagten sie, dass der Fussball vor einer Zeitenwende stehe. «So, wie es jetzt läuft, macht es den Fans immer weniger Spass.» Gemäss ihrer Studie finden acht von zehn Fussballfans, dass der Profifussball aufpassen müsse, sich nicht noch weiter vom Fan zu entfernen.

Bühler sagte der «Zeit» vor kurzem: «Ich empfehle dem Profifussball einen Schritt zurück. Wie im Wirtschaftsleben, da schätzt man das Prinzip der Gesundschrumpfung. Das ist gut fürs Produkt.» Ein Produkt, das mittlerweile die Hälfte der Zuschauer langweilig findet.

Nur in wenigen Fanlagern nehmen sie die Lage des deutschen Fussballs anders wahr. In Leipzig beispielsweise erachten sie die Kommerzialisierung als nicht wirklich schlimm. In München sind sie überzeugt, dass die Liga wirklich spannend ist. Der Tenor aber ist klar: So kann es nicht weitergehen. «Unsere Studie muss ein Warnsignal für alle Vereine sein», meint André Bühler.

Es ist nämlich nicht so, dass die Befragten grundsätzlich gegen den Kommerz sind. 66,5 Prozent der Fussballfans befinden die Vermarktung von Fussballvereinen im Profifussball als notwendig. Nur sagt Claus Vogt, dass die Grenze der Überkommerzialisierung eben nicht nur erreicht, sondern überschritten sei. Helene Fischers Auftritt ist ein Paradebeispiel dafür.

*Calvin Stettler ist Journalist.

Kein Schweiza Toahüta

Guido Tognoni am Donnerstag den 27. April 2017

Erfrischend echt: Yann Sommer redet wie ein Schweizer. (Bild: Reuters/Ints Kalnins)

Borussia Mönchengladbachs Torhüter Yann Sommer gehört, wie etwa Roger Federer, zu jenen Schweizer Sportlern, die bei ihren öffentlichen Auftritten nichts falsch machen können. Beide blieben im Laufe ihrer Karriere bisher skandalfrei. Sommer sieht wie Federer gut aus, er hält fast alle Bälle, und er kann bei seinen Interviews den Akkusativ vom Apéritif unterscheiden. Vor allem: Yann Sommer redet Deutsch wie ein Schweizer in Deutschland, wie zuletzt am späten Dienstagabend in der ARD nach dem verlorenen Elfmeterschiessen gegen Eintracht Frankfurt. Er lässt auch nach mehreren Jahren Bundesliga den meist völlig untauglichen Versuch bleiben, als Schweizer wie ein Deutscher zu sprechen.

Denn solche Versuche nerven. Ob am Radio, im Fernsehen oder bei irgendwelchen Interviews, ob hochdekorierte Sportler oder national bekannte Nachrichtensprecher: Schweizer, die statt zweiundzwanzig zweiundzwanzich und statt dreissig dreissich sagen, bemühen sich am falschen Ort. Altmeister Beni Thurnheer wäre es nie eingefallen, sprachlich einen Deutschen zu mimen, und dennoch fiel er keineswegs ab, als er etwa mit Günter Netzer, einem natürlich begabten Künstler der gepflegt gesprochenen hochdeutschen Sprache, über die Fussball-Nationalmannschaft berichtete.

Unnötige und misslungene Versuche

Die Sportmoderatoren und -reporter des Schweizer Fernsehens, um bei diesen zu bleiben, sind glücklicherweise nicht vom versuchten Bühnendeutsch infiziert. Bei der Konkurrenz von Teleclub tönt es hingegen extrem bemüht: Die Reporter reden beim Tor vom Toa, beim Torhüter vom Toahüta, der vielgepriesene Denker und Lenker im Mittelfeld wird zum Denka und Lenka, und unsere braven Müller, Meier, Keller und Widmer werden zu Mülla, Meia, Kella und Widma. Dabei tönt Yann Somma statt Yann Sommer aus einer Schweizer Kehle nicht nur gekünstelt, sondern genauso angestrengt wie die Bemühungen, das schweizerische rollende r aus den Tiefen der Kehle auszusprechen.

Wir amüsieren uns, wenn Deutsche in der Schweiz versuchen, unser Grüezi mit ihrem Grüzi zu imitieren, was ohnehin ein ebenso hoffnungsloser wie unnötiger Versuch ist, die Integration in unser Land über die Sprache zu beweisen. Genauso unnötig sind die Versuche von uns Tellensöhnen und -töchtern, krampfhaft jene sprachliche Tonalität und Finessen zu bemühen, die nun einmal nicht uns, sondern den Deutschen eigen sind. So versucht Yann Sommer nicht so zu klingen wie Manuel Neuer, sondern wie ein Schweizer, der in der Schule am Zürichsee Hochdeutsch gelernt hat. Er spricht nicht wie ein Schweiza Toahüta, sondern wie ein Schweizer Torhüter.

 

Benennt den Profifussball um!

Thomas Kistner am Montag den 6. Februar 2017
Nachspielzeit

Die Berater verdienen kräftig mit: Der wechselwillige Dortmunder Aubameyang. Foto: Sascha Schürmann (AFP)

Immer Ärger mit den Zugvögeln: Das Wechseltheater, integraler Bestandteil des Fussballgewerbes, hält aktuell Klubs in Dortmund und London auf Trab. Bei West Ham United erzwang der Franzose Dimitri Payet seinen Transfer nach Marseille, im Ruhrgebiet erhielt Pierre-Emerick Aubameyang einen Maulkorb zu dem Thema, das er zuletzt öffentlich allzu sehr strapazierte: Ein Wechsel im Sommer nach Spanien könnte die Laufbahn des Gabuners perfekt abrunden.

Beide Profis haben Verträge, Aubameyang gar bis 2020. Was seine Aussage, er müsse jetzt mit 27 Jahren «die nächste Stufe» seiner Karriere anpeilen, als sinnfrei entlarvt: dass er zu Vertragsende in Dortmund 31 sein wird, wusste er bei Unterzeichnung.

Alles Spielchen. In der Summe zeigen sie, dass man den Profifussball in Spielerberaterfussball umbenennen sollte. Bezogen auf die Herrschaften, die hier faktisch allein das Sagen haben; die schon jeden Dorfplatz nach 13-jährigen Rohdiamanten abgrasen, um sie am Ende der Verwertungskette mit persönlichen Gewinnmargen in bis zu zweistelliger Millionenhöhe zu verhökern. Eine völlig aus der Zeit gefallene Handelsstruktur, die einen riesigen Graubereich für transnationale Milliardenflüsse schafft – und die Frage aufwirft, wie viele von denen, die so gern wehklagen über die Landplage der Fussballdealer, selbst profitieren von der Schattenwirtschaft. Auch dieses Thema taucht ja ständig auf, zuletzt dank der Enthüllungsplattform Football Leaks.

Reglementierung wäre problemlos möglich

Gäbe es ein Interesse, das Transfergeschäft halbwegs sauber, fair und transparent abzuwickeln, liesse sich das ziemlich einfach umsetzen. Der Fussball, vom Weltverband Fifa über die Nationalverbände, Ligen und Profiklubs, schreibt sich seine Regeln ja selbst. Da spricht nichts gegen eine scharfe Reglementierung der Wechselwirtschaft. Denkbar wäre etwa eine verbindliche, an Ausbildung und Vermittlungsstandards gekoppelte Lizenzierung aller Spielerberater – und deren feste Anbindung an Verbände und Ligen. So wäre ein Berater bezahlter Dienstleister des Betriebs, nicht Preistreiber im Dienste des eigenen Kontos.

Mit dem Wissen aus 50 Jahren Transfergeschäft liesse sich ein Pflichtenheft erstellen, das die Interessen der Spieler (haben die nicht sogar Gewerkschaften?) ebenso wie die der Klubs umfasst. Würde so ein lizenzierter Dienstleister mit 200’000 Euro im Jahr entlohnt, würden sich fähige Betriebswirtschaftler um den Job reissen. Und die Berater, all die Papas und Onkels, Klempner und Pizzabäcker? Die haben in einem sauberen Geschäft keine Rolle zu spielen. Sie könnten sich weiter um die private Vermögensverwaltung ihrer Klientel kümmern. Bis zum letzten Cent.

Aber das will niemand. Im Gegenteil. In Deutschland haben Verband und Liga im Vorjahr publiziert, dass die Profiklubs allein von März 2015 bis März 2016 mehr als 127 Millionen Euro an Berater zahlten. Zu viel der Transparenz – die Publikation entfällt künftig wieder, teilte die Liga kürzlich mit. Klar, die Geschäfte boomen, und seit 2010 sollen sich die Gesamtkosten aller Bundesligaklubs für Beratergagen verdoppelt haben. Besser also kein grosses Thema draus machen.

Das Schreckgespenst der Bundesliga

Christian Andiel am Donnerstag den 25. August 2016

Was war das für ein grandioser Tag für die Fussballromantiker und die unermüdlichen Kämpfer für das Gute und Ehrliche. Dynamo Dresden, der Club mit der grossen Tradition und der erklecklichen Zahl an schwer gewaltbereiten Fans, schmiss das höherklassige Team von RB Leipzig hochkant aus dem DFB-Pokal. Ach, was jauchzte da das Herz des wahren Fans, als der verhasste Club des Brauseherstellers aus Österreich unterging. Und was wird für ein Gefeixe geherrscht haben, als Dynamo-Fans den abgeschlagenen und blutigen Kopf eines echten Bullen auf die Laufbahn ums Spielfeld geworfen haben. Unappetitlich sind schliesslich immer nur die anderen, nie man selbst. (Kurze Frage an die Chefs von Dynamo: Wie bringt man unbeobachtet einen Bullenkopf ins Stadion?)

Keine Frage: Es gibt Punkte, die abstossen bei Rasenball Leipzig, dem milliardenschweren Spielzeug von Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz. Die Vereinsstruktur ist so gestaltet, dass es nur eine Handvoll «Mitglieder» gibt, deren einzige Aufgabe es ist, die Alleinherrschaft von Mateschitz nicht infrage zu stellen. Als bei Servus TV, einem anderen Mateschitz-Projekt, Mitarbeiter mit der Gründung eines Betriebsrates drohten, kündigte der öffentlichkeitsscheue Machtmensch für diesen Fall prompt die Schliessung des Senders an. Es gibt Servus TV noch, einen Betriebsrat gibt es nicht. RB Leipzig holt zudem mit den Milliarden, die zur Verfügung stünden, nicht gestandene Stars, sondern eher junge Spieler mit Perspektive – machen damit aber den deutschen Markt für Talente ziemlich kaputt.

Der Stil von Ralf Rangnick

Das ist alles höchst unangenehm. Und einige Kritiker sagen, zumindest die Sache mit der Mitgliederstruktur hätte von der Liga als Grund genommen werden können, um RB Leipzig den Aufstieg zu versagen. (Ich bin da skeptisch, Leute wie Mateschitz haben immer die besseren Anwälte.) Aber Fakt ist: RB ist jetzt oben angekommen, und sie werden vieles tun, um irgendwann in die Champions League zu kommen und um den Meistertitel mitzukämpfen. Und sie werden das unter der Ägide von Sportchef Ralf Rangnick so tun, wie er es schon beim vergleichbaren Projekt in Hoffenheim pflegte: mit vor allem jungen Spielern, die einen begeisternden, offensiven Stil pflegen.

Nur: Ist das böse? Darf Mateschitz sein Geld nicht dort einsetzen, wo er will? Natürlich ist er ein Kotzbrocken, aber ist Martin Kind, der selbstherrliche Boss in Hannover, ein Sympathieträger? In Hamburg gibt es den schwerreichen Sponsor Klaus-Michael Kühne, der immer dann einen teuren Spieler kauft, wenn der Abstieg droht. Ohne Kühne geht nichts beim HSV, das offizielle Budget ist absurd, der Club ist faktisch in seiner Hand. Wo sind die Proteste, und wer stellt die heiklen Fragen, wenn die Relegation durch einen restlos absurden Schiedsrichterentscheid zugunsten der Hamburger ausgeht?


Freiburgs Trainer Christian Streich über die Qualitäten und Möglichkeiten von RB Leipzig. Quelle: Badische Zeitung / Youtube

Die Macher in anderen Vereinen sind besorgt. Das ist klar. Freiburgs Coach Christian Streich verweist auf die unbegrenzten Möglichkeiten im finanziellen Bereich, geleistet von einem Mäzen, der wieder weg ist, wenn er die Lust verliert. Streichs Kollege bei St. Pauli, Ewald Lienen, erklärt, warum man einst auf der Website das Firmenlogo zensiert habe, «wir machen keine Werbung für diesen Konzern». Auch dank Red Bull Leipzig ist in der gesamten Szene die Diskussion über die verrohten Sitten im Fussball ausgebrochen. Am Sonntag sagte zum Beispiel Marcel Reif im «Doppelpass» auf Sport 1 im Zusammenhang mit dem Transferwahnsinn, er habe Bedenken, «dass das eine Art der Kultur wird, mit der möchte ich nichts mehr zu tun haben». Machen Sie sich als Reif-Fan nun aber bitte nicht zu viele Sorgen. Er bleibt uns (Gott sei Dank!) erhalten, denn auch Reif wurde reich und berühmt als Mitglied des Showbusiness Fussball, das nun in der Bundesliga als vorläufigen Höhepunkt all der Entwicklungen der vergangenen Jahre den Aufstieg von RB Leipzig erlebt hat.


Ewald Lienen (St. Pauli) erklärt, warum eine Zensur nötig war. Quelle: Deutschland sagt Nein zu RB Leipzig / Youtube

Immerhin haben die Fans wieder einen klaren Feind, nachdem Bayer Leverkusen, VW Wolfsburg, SAP Hoffenheim und Audi Ingolstadt längst normal und akzeptiert sind. Die Vorbereitungen zu Protest und Randale laufen auf Hochtouren, gebündelt bei Facebook unter «Deutschland sagt Nein zu RB Leipzig». Da heisst es zum Beispiel: «Dann gibt es noch das Argument ‹Hinfahren und Bude abreissen› wie einst Hansa Rostock. Aber aufgrund des Sicherheitswahns in Leipzig ist das nicht mehr möglich.» Und das ist dann wirklich frech von Mateschitz und seinen Schergen in den Institutionen. Da schaut die Polizei bei heftiger Randale nicht einfach zu, sondern wappnet sich und will in der Tat sogar dagegen vorgehen. Danke, RB Leipzig, kann der wahre Fan da nur sagen, euretwegen müssen wir tatsächlich unter dem Sicherheitswahn leiden.

Dynamoooööö, Dynamoooöö!

Alexander Kühn am Freitag den 16. Oktober 2015


Geschichte eines Traditionsvereins: Die SG Dynamo Dresden im Beitrag der ZDF-«Sportreportage». (Video: ZDF/Youtube)

Liebe SG Dynamo Dresden,

247 (in Worten: zweihundertsiebenundvierzig) Niederlagen hast du mir allein in Ligaspielen angetan, seit ich mich im Sommer 1991 auf einer Fährfahrt nach Holland entschied, dein Fan zu werden. Aus Mitleid übrigens, weil ich mir dachte, dass sich sonst niemand für den einzigen Proficlub mit sozialistischem Namen erwärmen würde. Ich habe im Rahmen grösserer Wutanfälle Orangen an die Wohnzimmerwand geschleudert, mit der Faust auf scharfkantige Sitzschalen geschlagen und gegnerischen Spieler lauthals zwei Kreuzbandrisse aufs Mal gewünscht, wenn sie es wagten, ein Tor gegen dich zu schiessen.

Ich weiss, dass sich solches Benehmen nicht ziemt, aber Verliebte benehmen sich nun einmal merkwürdig. Und wenn man denn jenseits von Beziehungen zwischen Mann und Frau, Mann und Mann oder Frau und Frau verliebt sein kann, dann in einen Fussballclub. Lieben tu ich dich, verehrte SG Dynamo, vor allem, weil du nicht so stromlinienförmig bist wie die Bayern oder der FC Barcelona, weil du keine Spieler beschäftigst, die ihre Louis-Vuitton-Täschchen in Ferraris (womöglich weissen!) spazieren fahren, weil dein Vereinslied ein peinlicher DDR-Schlager ist und weil die meisten deiner Fans deinen Namen mit einem so schönen sächsischen Mix aus o und ö am Schluss aussprechen.

Inzwischen hast du auch wieder das Publikum, das du verdienst. Und wer dich besucht, bekommt die wohl leidenschaftlichste Verehrung Europas zu spüren. Dein Stadion zittert, vibriert und dröhnt. Dynamoooööö! Dynamoooööö! Dynamoooööö! Dass es nur 3. Liga ist – wen kümmerts?

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«Love Dynamo, hate racism»: Niklas Kreuzer, Aias Aosman, Sinan Tekerci und Justin Eilers (v.l.) stellen die Trikots vor, die am Samstag im Spiel gegen Cottbus zum Einsatz kommen. Bild: Dynamo Dresden

Und jetzt was ganz Ernstes: Die Rechten und die Gewalttäter, die sich zum Glück fast nur noch bei Auswärtsspielen mit deinem Logo schmücken, haben dir grossen Schaden zugefügt. Deshalb bist du gut beraten, ihnen auch weiter ganz klar zu demonstrieren, dass für ihresgleichen bei dir kein Platz mehr ist. Ich habe nämlich gar keine Lust, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich dich unterstütze.

Ich habe mich schon einige Male geschämt in fremden Stadien, wenn Hohlköpfe mit Glatzen und Bomberjacken in deinem Namen irgendetwas kaputtschlagen mussten oder Affengeräusche von sich gaben, wenn ein generischer Spieler aus Afrika oder weiss der Teufel woher am Ball war. Zwar hat jeder Gegner das Recht, beschimpft zu werden, aber bitte nicht wegen seines Aussehens oder seiner Herkunft.

In dieser Saison gibts jedoch gar keinen Grund zum Schimpfen. Alles läuft geradezu unfassbar glatt. Fast erkenne ich dich nicht mehr, geliebter Lieblingsclub, König der dummen Niederlage! Zehn Siege in zwölf Meisterschaftsspielen! Zwölf Punkte Vorsprung auf Platz 3, der nicht mehr zum direkten Aufstieg berechtigt! Ein Zuschauerschnitt von rund 28’000! Liebesbekundungen von Presse und Fernsehen! Geradezu kitschig ist das.

Fehlt nur, dass noch ein grosser Sponsor bei dir einsteigen will und diese überbezahlten Louis-Vuitton-Täschchen-Fussballer dann auch dein Trikot tragen. Sollte also ein Investor bei dir anklopfen, sag ihm, er möge sich sein Geld sonst wohin stecken. Wir, die Dynamo-Fans, freuen uns nämlich vor allem deshalb über deine kürzeren oder längeren Höhenflüge, weil wir wissen, dass sie sich entgegen der Logik des modernen Fussballs ereignen.

Wenn du also am Samstag im Livespiel gegen Energie Cottbus deine erste Saisonniederlage beziehen solltest, würde das wohl die eine oder andere Orange das Leben kosten, meiner Liebe zu dir aber nichts anhaben. Selbst wenn du den Aufstieg trotz dieses grandiosen Saisonstarts noch versemmeln solltest, wäre ich dir nicht wirklich böse. Immerhin käme ich dann auch nächstes Jahr noch umsonst in den Genuss von Liveübertragungen deiner Spiele. Und wenn erst einmal angepfiffen ist, kümmerts mich nicht mehr, um welche Liga und um welchen Gegner es sich handelt. Neben dir, grosse SG Dynamo, ist jeder andere Verein sowieso ein Pappverein.

In tiefer Verehrung,

Alexander Kühn, dein erster Schweizer Fan

Roberto Di Matteo, der Angsthase

Thomas Schifferle am Donnerstag den 27. November 2014
Schalke-Trainer Di Matteo beim Champions-League-Gruppenspiel in Lissabon, 5. November 2014. Foto: Manuel de Almeida (Keystone)

Schalke-Trainer Di Matteo beim Champions-League-Gruppenspiel in Lissabon, 5. November 2014. Foto: Manuel de Almeida (Keystone)

Dass Eddy Achterberg und Ralf Zumdick hier erwähnt werden, hat nur mit den Anfangsbuchstaben ihrer Namen zu tun. Der eine steht deshalb eben ganz oben in der Liste mit den 371 Trainernamen, der andere ganz unten. Spuren haben sie sonst keine hinterlassen, seit 1963 die Fussball-Bundesliga gegründet wurde.

Das haben andere getan, der geniale Branko Zebec etwa, der Alkoholiker war und beim Hamburger SV mehrmals so betrunken auf die Bank sass, dass er zur zweiten Halbzeit in der Kabine bleiben musste. Oder der knorrige Hans Meyer, der einmal sagte: «Keiner liebt mich, da können Sie meine Frau fragen.» Oder der verkannte Berti Vogts, von dem die Einsicht stammte: «Wenn ich übers Wasser laufe, sagen meine Kritiker: Und schwimmen kann er auch nicht.»

Keiner hat Eloquenz, Entertainment und Erfolg (gut, im Moment ist es mit dem Erfolg in der Bundesliga so eine Sache) je so brillant vermischt wie Jürgen Klopp von Borussia Dortmund. Als Bester überhaupt gilt Ottmar Hitzfeld. Sein Leitspruch hiess: «Der Sieg ist zwar nicht alles, aber ohne Sieg ist alles nichts.»

Mit Armin Veh und Roberto Di Matteo verhält sich das anders. Vor allem wenn es um die Resultate geht. Veh hat am Montag in Stuttgart gleich selbst aufgegeben, weil es mit dem Siegen nicht so klappt und der VfB auf dem letzten Tabellenplatz liegt. Di Matteo wiederum hat bei Schalke 04 eine Mannschaft übernommen, die sich zuweilen schon vor Spielbeginn aufgegeben hat, wie am Dienstagabend beim 0:5 in der Champions League gegen Chelsea.

Ging, damit das Glück zurück zum VfB Stuttgart kommt: Armin Veh. Foto: Keystone

Armin Veh ging, damit das Glück zurück zum VfB Stuttgart findet. Foto: Keystone

Veh ist ein jovialer Typ und trocken sein Humor. «Das ist doch keine Beerdigung hier», sagte er am Montag, als er seinen Rücktritt bekannt gab. Er ging, weil er sich dafür verantwortlich machte, dass der Mannschaft das Glück fehlt. Und weil er das tat, verzichtete er auch darauf, sich eine Abfindung auszuhandeln. Dabei wäre sein bis 2016 laufender Vertrag noch rund 3 Millionen Euro wert gewesen. Wer ihn kennt, ihn, der schon als Spieler immer ein Künstler war und nie ein Kämpfer, den überrascht diese Art der Konsequenz kein bisschen.

Roberto di Matteo lässt bei Schalke 04 Angsthasenfussball spielen: Foto: Keystone

Roberto Di Matteo lässt bei Schalke 04 Angsthasenfussball spielen: Foto: Keystone

Di Matteo ist kein Veh. Im Gegensatz zu ihm hat er zwar schon die Champions League gewonnen, 2012 mit Chelsea, aber noch nie die Bundesliga. Und dienen seine ersten sieben Wochen als Beweis, kann ihm das mit diesem Schalke auf absehbare Zeit auch gar nicht gelingen. Schalke ist Chaos.

Der Italiener aus Schaffhausen wurde geholt, um das zu ändern. Zum Antritt erklärte er markig: «In einer Mannschaft kann es nur einen Chef geben, und der Chef bin ich.» Er liess Defensivfussball spielen, um für Stabilität zu sorgen. Und das Resultat ist ernüchternd: Trotz der Betonmischer-Mentalität des Kranführersohnes erhält Schalke mehr Tore als unter dem wenig geschätzten Vorgänger Jens Keller. Zwölf sind es allein in den drei Spielen in der Champions League.

Horst Heldt redete am Dienstag von «Angsthasenfussball». Und wenn er das sagt, ist das alarmierend. Als Sportvorstand ist er der Chef von Di Matteo.

Der VfB Stuttgart hat übrigens Huub Stevens zum Nachfolger von Veh gemacht. Das passt in diese Liga, wo die Leute aus den Chefetagen manchmal ziemlich einfach gestrickt denken. Stevens war schon Vehs Vorgänger. Auch von ihm stammt eine Weisheit: «Hinten muss die null stehen.» Vielleicht denkt Di Matteo einmal daran.