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Die skurrilste Zeitmess-Panne

Guido Tognoni am Mittwoch den 27. Februar 2019

Wie lange noch? An der WM 90 gabs noch keine elektronischen Zeitangaben. (Foto: iStock)

Das Zeitnahme-Theater bei den Weltcuprennen in Crans-Montana ist peinlich. Peinlich im Jahr 2019 und besonders peinlich für das Land der Uhrmacher. Wir sind ja nicht Nordkorea. Aber Pannen kommen vor.

Blenden wir 29 Jahre zurück. WM-Endrunde in Italien. Europa steht unter dem Hooligan-Schock, und die Fifa verbannt Englands Nationalmannschaft für die Vorrunde nach Sardinien. Die italienische Regierung erlässt während der Spieltage ein völlig überrissenes Alkoholverbot über das ganze Land, das erstaunlicherweise weitgehend eingehalten wird. Der gebotene Fussball ist ziemlich trostlos, aber das italienische Wetter und die gute Stimmung sorgen für eine schöne WM. Die Zuschauer stehen im Bann von grossartigen Spielern wie Diego Maradona, Roberto Baggio und Lothar Matthäus, alle im Zenit ihres Könnens. «Un’ estate italiana», der schönste WM-Song aller Zeiten mit Gianna Nannini und Edoardo Bennato, klingt in allen Radios und Stadien.

Italia 90 ist die erste WM mit mobilen Telefonen, schwere, unförmige Dinger, aber sie funktionieren. Ich stehe in Neapel am Spielfeldrand und rufe spasseshalber einen Freund an, der in Baden am Bildschirm sitzt. «Siehst du mich?» – «Ja, ich sehe dich, aber warum zum Teufel spielt ihr noch?» – «Was ist denn los?» – «Ihr spielt schon 8 Minuten zu lang!», schreit der Freund ins Telefon. Ich verstehe gar nichts, denn die Fifa lässt die Matchuhren nach 45 Minuten stoppen, und elektronische Anzeigen gibt es noch nicht. Was ein Videobeweis ist, weiss noch kein Mensch, und auf dem Feld spielen Italien gegen Argentinien. Napolis Maradona gegen den Gastgeber Italien, und dies in Neapel. Niemand schaut auf die Uhr.

Ein Schiedsrichter in Trance – und keiner merkts

Schiedsrichter Michel Vautrot schaut auf die Uhr, aber er merkt nicht, dass sie stillsteht. Der Franzose ist zu dieser Zeit der vielleicht beste seines Fachs und wurde deshalb nicht für den Final, sondern für diesen brisanten Halbfinal aufgeboten. Er ist wie in Trance, völlig absorbiert vom Spiel und den 60’000 Zuschauern im Stadion San Paolo. Er sieht und merkt nicht, dass sein Linienrichter Peter Mikkelsen verzweifelt ständig Zeichen geben will und mit dem Zeigefinger auf seine Uhr tippt. Michel Vautrot lebt sein eigenes Spiel. Irgendwann pfeift er ab, viel zu spät.

Phänomenal war, dass diese unendlich anmutende Überzeit in ganz Italien von niemandem bemerkt wurde, weder von den Zuschauern noch von den Journalisten und schon gar nicht vom Schiedsrichterinspektor. Und zum Glück für Michel Vautrot passiert in dieser Phantomphase nichts, kein Tor, kein umstrittener Entscheid, keine turbulente Szene. In der Garderobe merkt er, dass er auf seiner Uhr die Stopptaste gedrückt und nicht wieder gelöst hat.

Das Spiel endete nach Toren von Toto Schillaci und Claudio Caniggia 1:1, Argentinien gewann das Elfmeterschiessen. Und Michel Vautrot blieb der Tiefpunkt seiner glanzvollen Karriere als Schiedsrichter erspart. Ein Tiefpunkt, der sein Geheimnis blieb.

Bitte keine Entschuldigung von Xherdan Shaqiri!

Guido Tognoni am Donnerstag den 6. September 2018

Xherdan Shaqiri beim Training mit der Schweizer Nationalmannschaft, 4. September 2018. (Foto: Keystone/Walter Bieri)

Falls das Xherdan Shaqiri interessiert (ich nehme an, das ist nicht der Fall): Ich komme aus den Bergen. Aus den Bündner Bergen, dort, wo seit langem auch das elektrische Licht brennt und die Leute nicht auf den Bäumen leben, wo die Kinder zur Schule gehen und wo es seit über 50 Jahren Farbfernsehen gibt. Ich lebte meine gesamte Jugend auf über 1500 Meter Höhe und darf sagen, dass das Leben in den Bündner Bergen mindestens ebenso gut funktioniert wie im Kosovo, auch wenn sich hie und da während der Jagd die Jäger über den Haufen schiessen. Dafür gibt es in den Bündner und anderen Schweizer Bergen viel weniger Kriminalität als auf dem Balkan.

Auch als Bergler habe ich die Karriere von Xherdan Shaqiri aufmerksam verfolgt. Ich habe gesehen, dass er zu schwach war für Bayern München und für Inter Mailand und dass er mit Stoke City abgestiegen ist und dabei kundtat, dass er zu gut für diese Mannschaft sei. Ich mag es ihm nach all diesen Abstiegen gönnen, dass er nun bei Liverpool auf einige Einsätze hoffen darf, obwohl mir noch immer nicht klar ist, weshalb ihn Trainer Jürgen Klopp verpflichtet hat. Alle Schweizer Bergler, auch die Bündner, die sich für Fussball interessieren, haben bemerkt, dass Xherdan Shaqiri zwar gut genug für die Schweizer Nationalmannschaft ist, aber nicht für die besten Clubs Europas, weil eben in der Champions League die Anforderungen etwas höher sind als bei einer Nationalmannschaft, die sich gegen Fussballer aus Andorra, den Färoer-Inseln, San Marino und Lettland durchsetzen muss.

Dumme Sprüche über die eigene Doofheit?

Shaqiris Doppeladler an der WM 2018. (Keystone)

Shaqiris Doppeladler an der WM 2018. (Keystone)

Ich fand den Doppeladler von Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka beim Sieg über Serbien ziemlich doof, aber ich hatte, wie viele andere Bergler und vermutlich auch Unterländer, gewisses Verständnis für diese Geste, zumal ich die philosophischen Anforderungen an junge kickende Millionäre nicht allzu hoch ansetze. Allerdings fragte ich mich, wie es mit der Intelligenz eines Fussballprofis aussieht, wenn er immer noch nicht kapiert, dass es für das Ausziehen des Leibchens auf dem Spielfeld eine Gelbe Karte gibt. Xherdan Shaqiri holte sich eine solche Gelbe Karte ab. Gegen Schweden zeigte er, wie fast alle Schweizer, gar nichts, obwohl ich insgeheim gehofft hatte, dass Shaqiri mit einem Erfolg gegen die biederen Skandinavier vielleicht den Elch geben würde.

Nun hat Xherdan Shaqiri dieser Tage erklärt, er würde sich für den Doppeladler entschuldigen, falls sich jemand davon angegriffen gefühlt hätte oder es Leute in den Bergen geben würde, die sich an dieser Geste gestört hätten. Ich kann Xherdan Shaqiri weitgehend beruhigen: Damit sie sich angegriffen fühlen, braucht es bei den Leuten in den Bergen mehr als nur eine doofe emotionale Geste. Was uns Bergler allenfalls stört, ist die Verbindung von Unbedarftheit und Arroganz, die aus einer solchen Aussage gegenüber Berglern spricht. Kein Bergler aus der Schweiz kann so gut Fussball spielen wie Xherdan Shaqiri aus dem Kosovo. Aber auch kein Bergler aus der Schweiz würde je derart dumme Sprüche über die eigene Doofheit fallen lassen. So viel Unbedarftheit ist tatsächlich störend, aber dass sich jemand dafür auch noch entschuldigen soll, das erwartet kein Bergler, kein Walliser, kein Berner Oberländer, kein Innerschweizer und schon gar kein Bündner.

Warten auf Vladimir

Guido Tognoni am Mittwoch den 18. Juli 2018

Schweigen ist nicht genug: Vladimir Petkovic ist seit der Niederlage gegen Schweden verschwunden. (Foto: Getty Images)

Mit dem absurden Theaterstück «Warten auf Godot» hat sich der Dramatiker Samuel Beckett vor über 60 Jahren Weltruhm verschafft. Seine beiden Figuren Estragon und Vladimir warten einen Theaterabend lang auf Godot, der nie kommt. Es ist ein Werk der Literatur, das viel Deutungsspielraum offenlässt.

Unsereiner wartet nicht auf Godot, sondern auf Becketts Hauptdarsteller Vladimir. Und der Deutungsspielraum ist viel enger als bei Beckett. Wir warten auf Vladimir Petkovic, eine Figur des Welttheaters namens Fussball. Vladimir ist weg, seit dem eher unrühmlichen Ausscheiden aus dem WM-Turnier in Russland, er ist nirgends zu finden, und es drängt sich die Frage auf, was denn der Schweizer Nationalcoach dieser Tage tut. Ist er auf den Malediven beim Untertauchen oder sinniert er auf einem Doppeladlerhorst über seine Zukunft? Will Vladimir Petkovic etwa ins Kloster? Ist ihm die Niederlage gegen Schweden so nahe gegangen, dass er seine persönliche Balance wieder suchen muss? Kann der Verband, dessen selbstverschuldete Erschütterungen allmählich verebben, seinen bestbezahlten Angestellten nicht dazu anhalten, für einige Hunderttausend Fussballfans ein paar persönliche Gedanken zum Turnierverlauf seiner Mannschaft zu erläutern?

Auf ein Wort

Vladimir Petkovic war noch nie ein Lautsprecher. Seine eher dezenten, wohl abgezirkelten Stellungnahmen haben sich immer wieder wohltuend vom allgemeinen Fussballgeschwätz abgehoben. Das Reden in der Öffentlichkeit ist offensichtlich nicht Petkovics Stärke, und das muss es auch nicht sein. Aber zu einer WM-Endrunde gar nichts sagen ist zu wenig, wie enttäuscht ein Trainer auch sein mag. Schweigen ist in diesem Fall alles andere als Gold. Es geht bei unserem Vladimir nicht wie bei Beckett gleich um den Sinn des Lebens. Aber es geht immerhin um die liebste Freizeitbeschäftigung der Einwohner jenes Landes, das mit Vladimir und seiner Mannschaft gefiebert hat.

Ein Wort wäre ein Wort. Für Ferien, Besinnung und Selbsterkenntnis würde einem Nationalcoach auch nach einer Medienkonferenz immer noch ausreichend viel Zeit verbleiben.

Vertrauen auf das Vertrauensvotum

Guido Tognoni am Freitag den 6. Juli 2018

Er hat seinen Job bis 2019 auf sicher: Der Schweizer Nationaltrainer Vladimir Petkovic (r.) beim Training in Russland. Foto: Dimitar Dilkoff (AFP)

Japans Nationaltrainer muss gehen, jener von Costa Rica ebenfalls, andere dürften folgen. Vladimir Petkovic bleibt, Joachim Löw bleibt auch. Petkovics Vertrag wurde ebenso wie jener Löws noch vor dem richtigen Test, der WM-Endrunde verlängert, jener von Löw gleich von 2020 bis Katar 2022, während Petkovic seinen Job zumindest bis 2019 auf sicher hat. In beiden Fällen kann niemand behaupten, die Coaches hätten nach dem vorsorglichen Vertrauensbeweis die Erwartungen übertroffen.

Der Posten eines Nationaltrainers gehört zu den schönsten des Fussballs. Die Anzahl Spiele ist sehr übersichtlich, dazwischen ist Fussball schauen und langes Nachdenken angesagt. Dennoch mochten Verbände wie der Deutsche Fussball-Bund (DFB) oder der Schweizerische Fussballverband (SFV) nicht darauf warten, ob der Nationalcoach für das Turnier in Russland richtig nachgedacht hat. Immerhin hat der SFV bei der jüngsten Vertragsverlängerung eine Sicherung eingebaut: Petkovic soll nur bis 2020 bleiben, wenn er mit seiner Mannschaft die Euro-Endrunde 2020 erreicht. Bei der Massen-Teilnahme von 24 Nationalmannschaften ist allerdings das Verpassen einer Euro-Endrunde mindestens so schwierig wie die Qualifikation.

Organismen, die sich nach Ruhe sehnen

Vorzeitige Verlängerungen werden jeweils als «Vertrauensvotum» deklariert. Offenbar ist das besagte Vertrauen in solchen Fällen nicht gegenseitig, denn sonst müsste man es nicht bereits vor Ablauf der laufenden Verträge nochmals zementieren, um zu vermeiden, dass notfalls der Nationaltrainer abspringt, was zumindest in den Fällen Deutschland und Schweiz eher unwahrscheinlich gewesen wäre. Dass sich Joachim Löw nach zwölf Jahren in der Komfortzone eines Bundestrainers wieder die tägliche Knochenarbeit eines Klubtrainers zumuten würde, ist nicht anzunehmen, und ein Engagement in Katar, Saudi-Arabien oder China wäre mit den akribischen Ansprüchen des Schwarzwälders kaum vereinbar. Einem WM-Finalisten Vladimir Petkovic hätten hingegen sich tatsächlich ungeahnte Perspektiven eröffnet.

Seit zwölf Jahren in der Komfortzone eines Bundestrainers: Joachim Löw. Foto: AFP

Mit dem «Vertrauensvotum» soll dem Coach jeweils der Rücken gestärkt werden. Auf Vereinsebene sind solche taktischen Schritte oft eine letzte Rettungsmassnahme vor der Entlassung. Bei Verbänden, ohnehin Organismen, die sich nach Ruhe sehnen, sollen sie ein Zeichen von Kontinuität setzen, nicht zuletzt um unerwünschte Personaldiskussionen im Voraus zu ersticken. Damit setzen sich Verbände allerdings auch ohne Not einseitig finanziellen Risiken aus. Das ist besonders im DFB der Fall: Nach der Sommermärchen-Affäre musste der Verband über fünf Millionen Euro für einen internen Untersuchungsbericht ausgeben, als dessen Folge weitere Millionen an Steuerbelastungen folgen, da dem DFB zumindest für eine gewisse Periode die Gemeinnützigkeit abgesprochen wurde. Weitere Millionen für eine Vertragsauflösung mit Joachim Löw hätten da auch einem reichen Verband wie dem DFB Kopfzerbrechen bereitet.

Die Wahl eines Nationalcoaches ist jeweils ein kompliziertes Unterfangen, in der Schweiz noch mehr als in Deutschland. Also lieber das «Vertrauensvotum» nicht infrage stellen und auf bekannten Pfaden weiterlaufen. Zu diesem Zwecke hat man es ja ausgesprochen.

Yann Sommers fragwürdige Bestrafung

Guido Tognoni am Freitag den 29. Juni 2018

Die Statistiker der WM-Endrunde in Russland freuen sich über eine neue Rekordzahl von acht Eigentoren, zu welchen Yann Sommer einen Treffer beigetragen haben soll. Abgesehen davon, dass die Definition eines Eigentores selbst nach endlosen Diskussionen kein sportlich befriedigendes Ergebnis ergibt, ist die Bezeichnung von Yann Sommer als Eigentorschütze absurd.

Sommer hat alles richtig gemacht und wurde dafür bestraft. Er wartete korrekt den Schuss ab und spekulierte mit einem Sprung in seine linke Ecke. Der Elfmeterschütze traf zwar nur die Querstange, aber weil Sommer die richtige linke Ecke seines Tores erkannt hatte, sprang der Abpraller von seinem Körper ins Netz. Für die Wertung der Fifa ist das ein Eigentor.

Yann Sommer ist einer von vielen Torhütern, die das Opfer einer richtigen Reaktion geworden sind. Häufiger sind jene Fälle, bei denen der Ball vom Pfosten an den hechtenden Torhüter und dann ins Netz prallt: Ein Torhüter reagiert (oder spekuliert) richtig und muss dafür büssen.

Sportlich korrekt?

Was die Frage aufwirft, ob die geltende Regelung bei der Ausführung eines Elfmeters sportlich korrekt ist. Dass ein Schuss, mit dem der Schütze aus elf Metern das Tor nicht getroffen hat und der ohne neuerliche Einwirkung eines Feldspielers beider Mannschaften, sei es als Nachschuss oder als Eigentor, als Treffer gewertet wird, ist fragwürdig.

Für die Wertung der Fifa ist das ein Eigentor. Foto: Keystone

Wäre Sommer stehengeblieben oder in seine rechte – in diesem Fall die falsche – Ecke gesprungen, hätte es nur nach einem Nachschuss ein Tor geben können. Damit hätte ein Feldspieler ins Spiel eingegriffen, was sportlich völlig korrekt wäre.

Die geltende Regelanwendung ist fragwürdig. Fair wäre, nach einem Elfmeterball an das Torgehäuse, der danach direkt via Torhüter die Linie überquert, das Spiel zu unterbrechen und mit Abstoss fortzusetzen. Der Torhüter sollte nicht dafür bestraft werden, dass er mit seinem Abwehrversuch den Fehler des gegnerischen Elfmeterschützen korrigiert.

Brustmuskeln statt Hirnmuskeln

Guido Tognoni am Montag den 25. Juni 2018
Nachspielzeit

Es fällt schwer, sich Roger Federer in dieser Pose vorzustellen: Xherdan Shaqiri markiert das Territorium nach seinem Treffer gegen Serbien. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Zlatan Ibrahimovic tat es, Mario Balotelli auch, nun war Xherdan Shaqiri an der Reihe, viele weniger bekannte Spieler taten und tun es ihnen gleich. Bilder dieser Szenen werden noch jahrelang gezeigt, Mario Balotellis trotzig wirkende Pose ging um die Welt. Die Rede ist nicht von politisch belasteten Gesten und Symbolen, die Rede ist vom nackten Oberkörper. Was bewegt einen Fussballer, dass er im Triumph glaubt, der Welt seinen wohlgeformten Oberkörper zeigen zu müssen? Was soll das Muskelspiel?

Die Vorstellung, dass sich Roger Federer nach einem gewonnenen Matchball in Wimbledon das Leibchen auszieht und vor den applaudierenden Zuschauern den Oberkörper spielen lässt, ist völlig abwegig. Weder Sebastian Vettel noch Lewis Hamilton würden sich für die dämlichen Champagnerduschen ausziehen, Seriensiegerin Lindsey Vonn sicher auch nicht, selbst wenn Skirennen im Hochsommer stattfinden würden. Ein Schwingerkönig nach erfolgreichem Schlussgang mit nacktem Oberkörper neben dem Muni – völlig abwegig, schlicht undenkbar.

Kein Dienst an der Mannschaft

Aber die Fussballer ziehen sich aus, sie schaffen es, auch schweissnasse Trikots innert einer Sekunde vom Körper zu reissen, um vor den Fans zu posieren. Dabei ist im Fussball nichts sicherer als die Folge dieses Exhibitionismus: jeder halbnackte Spieler erhält eine Gelbe Karte, einen Ermessensspielraum gibt es nicht, das Zeigen der Karte nach dem Ausziehen des Trikots ist für jeden Schiedsrichter ebenso einfach wie zwingend, er darf nicht wegschauen.

Xherdan Shaqiri müsste wissen, dass er nach zwei Gelben Karten für ein Spiel gesperrt wird, und er müsste auch wissen, wie schnell er sich auf dem Spielfeld eine solche Karte einhandeln kann. Er müsste wissen, wie sehr er seiner Mannschaft mit solch idiotischen Aktionen schadet. Nochmals Gelb gegen Costa Rica, und der Achtelfinal würde ohne Shaqiri stattfinden.

Brustmuskeln statt Hirnmuskeln – es wäre schade, wenn die Nationalmannschaft ausgerechnet an dieser WM darunter leiden müsste.

«Der mit dem Bart. Derjenige, der nie lacht»

Guido Tognoni am Montag den 18. Juni 2018
Nachspielzeit

So sieht Torjubel bei Diego Costa aus: Der Spanier nach seinem Treffer zum 2:2 gegen Portugal. Foto: Friedemann Vogel (Keystone)

Fussball ist der weitaus beliebteste Sport am Fernsehen. Was das Fernsehen den Zuschauern bietet, wird stets als Selbstverständlichkeit konsumiert, ist aber letztlich technisch fantastisch. Die Taktik der Mannschaften kann weitgehend entschlüsselt werden, technische Fehler der Spieler werden unnachsichtig gezeigt, schöne und weniger schöne Tore beliebig oft wiederholt, hinterlistige Fouls schonungslos entlarvt. Und dank der Hilfe der Videotechnik sind die Schiedsrichter inzwischen nicht mehr die einsamsten Entscheidungsträger unseres Planeten, die aus schwieriger Optik Urteile fällen müssen, welche niemand versteht. Dank den Bildern des Fernsehens, die von Experten ausgewertet werden und dem Schiedsrichter Entscheidungshilfe liefern, ist der Fussball gerechter geworden, ohne dass er seine Faszination einbüsst.

Die Zuschauerzahlen am Fernsehen werden bei Grossveranstaltungen meistens viel zu hoch angegeben. In einem Sport, in dem das Geld noch wichtiger ist als anderswo, müssen es immer Milliarden sein, die sich vor den Bildschirmen versammeln. Als ob einige Hundert Millionen nicht auch genug wären – die genauen Zahlen kennt jedenfalls niemand. Aber sicher ist, dass der weibliche Teil des Publikums in den vergangenen Jahren markant zugenommen hat.

Immer mehr Frauen lassen sich von den Emotionen, die der Fussball verbreitet, anstecken, und immer mehr Frauen finden es toll, Typen wie Cristiano Ronaldo zuzuschauen, auch wenn sie die meisten Spieler nicht kennen. Dass es vermutlich mehr Frauen als Männer anspricht, wenn Fussballer nach dem Spiel oder nach Torerfolgen als Zeichen des Triumphs ihre fettfreien Oberkörper zur Schau stellen, sollte aus Gründen politischer Korrektheit nicht erwähnt werden. Solches Verhalten könnte sexistisch sein.

Aber dass Frauen die Fussballer anders beurteilen als Männer, ist offensichtlich. Wie gesagt, fast alle Zuschauerinnen kennen Cristiano Ronaldo. Aber auf meine Frage, wer denn beim Spiel Portugal – Spanien der beste Spanier gewesen sei, erhielt ich von einer Freundin die folgende Auskunft: «Der mit dem Bart. Derjenige, der nie lacht.» Erkennen kann man solche Details nur im Fernsehen. Portugal – Spanien war denn auch das erste Spiel meines Lebens, das ich als Aufzeichnung in voller Länge anschaute, obwohl ich das Ergebnis bereits kannte. Und tatsächlich, da gab es einen solchen Typen: Diego Costa schoss zwei Tore und spielte hervorragend. Dass er nicht einmal nach seinen Treffern lachte und seine Mimik immer freudlos blieb, das konnte nur einer Frau auffallen.

Wie Blatter die WM 2002 rettete

Guido Tognoni am Donnerstag den 7. Juni 2018

Die Lösung für das WM-2002-Problem hiess für den damaligen Präsidenten Sepp Blatter: Urs Meier. (Foto: Valerie Pinauda)

Jede WM-Endrunde bringt ihre besonderen Geschichten hervor. 1986 in Mexiko beispielsweise Maradonas unvergessliche «Hand Gottes» im Spiel gegen England, 1990 in Italien die Tränen Paul Gascoignes, 1994 in den USA Roberto Baggios Elfmeter in den Nachthimmel von Los Angeles, 1998 die unerklärliche Passivität Brasiliens im Endspiel gegen Frankreich, 2014 das monumentale 1:7-Debakel Brasiliens gegen Deutschland, als die Brasilianer schon bei der Nationalhymne vor dem Spiel zu heulen begannen.

Dazwischen lag 2002 mit dem wundersamen Durchritt der südkoreanischen Mannschaft. Sie beendete vor einheimischem Publikum die Gruppenspiele an erster Stelle. Danach schlug sie in den Achtelfinals Italien und warf in den Viertelfinals gleich auch noch Spanien aus dem Turnier. In beiden Partien spielten die Schiedsrichter eine höchst unrühmliche Rolle. Der später als Drogenschmuggler verurteilte Byron Moreno aus Ecuador benachteiligte Italien krass, der Ägypter Gamal Mahmoud Abdel Ghandour tat danach das Gleiche mit Spanien. Das deutsche Magazin «Focus» schrieb vom «Festival falscher Pfiffe».

Was war da los?

Die WM in Japan und Südkorea war vom Zeitpunkt der Vergabe an politisch belastet. Der damalige Fifa-Präsident João Havelange hatte die Endrunde 2002 längst Japan versprochen, doch die Europäer wollten diesen Alleingang des Brasilianers nicht akzeptieren und unterstützten im Exekutivkomitee den Südkoreaner Chung Mong-joon. Japan musste zähneknirschend in eine geteilte Endrunde mit dem Erzrivalen Südkorea einwilligen, um das Turnier nicht ganz zu verlieren.

Chung Mong-joon war zu dieser Zeit nicht nur Präsident des südkoreanischen Verbandes, sondern wollte das Land auch als politischer Präsident führen. Um seine Präsenz am Fernsehen zu erhöhen, begrüsste er wenn immer möglich die Mannschaften auf dem Feld, und da auch die anderen Mitglieder des Exekutivkomitees der Fifa sich diese Chance nicht entgehen lassen wollten, mussten die Spieler während des ganzen Turniers vor dem Anpfiff Händedrucke von ihnen völlig unbekannten Funktionären erleiden.

Kein Handschlag, richtiger Entscheid

Was gibt es Besseres für einen Politiker als eine erfolgreiche Nationalmannschaft? Der Durchmarsch der Südkoreaner war für Chung Mong-joon ein Geschenk. Über die Frage, wie dieser Durchmarsch gegen Mannschaften wie Italien und Spanien zustande kam, darf jeder Fussballfan auch heute noch nach Herzenslust spekulieren. Jedenfalls stand Südkorea nach skandalträchtigen Entscheiden der Schiedsrichter im Halbfinal gegen Deutschland. Sollte ein weiteres seltsames Ergebnis bevorstehen, würde es erneut kuriose Schiedsrichterentscheide geben? Diese Situation bereitete Sepp Blatter, der mittlerweile Präsident der Fifa war, einige Sorgen. Ein Finalist oder gar Weltmeister Südkorea wäre ein Ausgang der WM, der zu viele Fragen aufwerfen würde.

Blatter schritt zur Tat und wechselte für das Spiel Südkorea – Deutschland eigenmächtig den vorgesehenen Schiedsrichter aus und Urs Meier ein. Der Schweizer wurde zwar um die Chance des Finalspiels gebracht, verschonte aber dafür das Turnier vor weiteren negativen Schlagzeilen. Südkorea verlor den Halbfinal gegen Deutschland, Chung danach die Wahl zum Präsidenten Koreas. Bei der Verabschiedung der WM-Schiedsrichter gab Chung Mong-joon Urs Meier als Einzigem nicht die Hand. Sepp Blatter hatte richtig gehandelt.

Wie knackt Infantino die Nuss?

Guido Tognoni am Donnerstag den 31. Mai 2018

Im Interessenkonflikt: Fifa-Präsident Infantino wird es kaum allen recht machen können. (Foto: Getty Images)

Am Persischen Golf herrscht weiterhin Psychokrieg. Der von den Vereinigten Arabischen Emiraten (UAE) und Saudiarabien angezettelte Wirtschaftsboykott des kleinen Nachbarn Katar ist zwar verpufft und erweist sich als Schuss in das eigene Knie, aber der Streit hat mittlerweile die Fifa erreicht. Das Thema reicht allerdings weit über den Fussball hinaus. Seit Herbst des vergangenen Jahres betreibt Saudiarabien in der Region veritable Fernsehpiraterie, indem zuerst Fussballspiele, dann auch andere Sendungen ohne Rechtekauf vom Satelliten in die Haushalte ausgestrahlt werden. Das Ausmass dieses Rechtsbruchs hebt die bestehende internationale Fernsehordnung aus den Angeln; und weil Fussball fast alle angeht, ist der Fall zu einem Politikum geworden.

Das katarische Fernsehunternehmen BeIn, das zum Al-Jazeera-Netzwerk gehört, hat in jüngster Vergangenheit in grossem und teurem Stil Sportrechte eingekauft, darunter jene der Champions League und der Fussball-WM – auch das eine Quelle des Neides unter den verfeindeten arabischen Brüdern. BeIn heisst übersetzt gewissermassen «sei dabei».

Im Rahmen des Katar-Boykotts stehlen die Saudis seit einigen Monaten nicht nur das Satellitensignal, das die Bilder transportiert, sondern verkaufen die technische Empfangsbox erst noch unter dem provokativen Vermarktungstitel «beoutQ» – «sei ausserhalb Qatar». Der wirtschaftliche Schaden für die Rechtehalter in Doha ist gross und droht noch viel grösser zu werden, wenn dieser Zustand während der WM-Endrunde in Russland andauern sollte, zumal von dieser Piraterie auch die Länder der WM-Teilnehmer Ägypten und Tunesien profitieren würden.

Was macht Fifa-Präsident Gianni Infantino?

Nachdem alle Vermittlungsversuche gescheitert sind, zieht Doha die Notbremse und verklagt die Saudis bei der Fifa. Der Vorteil einer solchen Aktion liegt darin, dass der Fussball schneller und wirksamer reagieren kann als alle herkömmlichen juristischen Verfahren. Was macht nun Fifa-Präsident Gianni Infantino? Die rechtliche Lage ist klar: Infantino müsste die Rechtekäufer aus Katar schützen und Saudiarabien, Ägypten und Tunesien mit Ausschluss aus der WM drohen, sofern die betreffenden Fernsehanstalten die Verträge der Fifa nicht respektieren. Die politische Lage ist weniger klar: Der Fifa-Präsident hat zu den Saudis ein mehr als nur herzliches Verhältnis, dies ungeachtet der Tatsache, dass die WM-Endrunde 2022 in Katar stattfindet. Hinter der geheimnisvollen 25-Milliarden-Offerte für zwei neue globale Wettbewerbe, mit der Infantino den internationalen Fussball aufschreckte und eine scharfe Gegenreaktion von Uefa-Präsident Aleksander Ceferin provozierte, steht auch Saudiarabien.

Dieses Projekt ist vorderhand schubladisiert. Die Fernsehpiraterie von 64 Endrundenspielen der Saudis hingegen kann nicht einfach ausgesessen werden. In zwei Wochen beginnt in Moskau die Weltmeisterschaft, ausgerechnet mit Russland – Saudiarabien. Bis dahin muss Gianni Infantino die politisch harte Nuss geknackt haben.

Wichtiger als die Musik und guter Fussball

Guido Tognoni am Donnerstag den 10. Mai 2018

Wäre das Wetter nicht so gut gewesen, würde man die WM 2006 in Deutschland nicht als Sommermärchen bezeichnen. Foto: AP Photo/Markus Schreiber

Die Diskussionen um den musikalischen und vor allem literarischen Gehalt des neuen Schweizer WM-Songs wecken Erinnerungen an ein besonders schönes Lied: «Un’estate italiana» – ein italienischer Sommer, gesungen von den damaligen Stars Gianna Nannini und Edoardo Bennato, komponiert vom Südtiroler Giorgio Moroder. Wem anders als den Italienern kann der vielleicht schönste WM-Song aller Zeiten gelingen? Die WM war jedenfalls musikalisch bestens eingebettet, der Text weckte Träume, Bella Italia war Bella Italia und machte einmal mehr Bella Figura. Der Song wird heute noch gespielt.

Italia ’90 war nicht nur in musikalischer Hinsicht eine aussergewöhnliche WM-Endrunde. Die Fussballwelt stand 1990 immer noch unter dem Schock der Fan-Ausschreitungen, die Katastrophe von Brüssel wirkte auch fünf Jahre später noch nach. England wurde für die Gruppenspiele aus Sicherheitsgründen gleich nach Sardinien verbannt, und in ganz Italien herrschte an Spieltagen Alkoholverbot – eine kulinarisch verheerende Massnahme, aber sie wurde weitgehend eingehalten. Der gebotene Fussball war ziemlich schlecht, jedenfalls in keiner Weise vergleichbar mit dem Angriffsspiel unserer Tage.

Der frühere Schweizer Internationale und Meistertrainer Daniel Jeandupeux machte mit einer privaten Studie und einem Schreiben an den damaligen Fifa-Generalsekretär Sepp Blatter darauf aufmerksam, wie wenig der Ball effektiv im Spiel war. Blatter reagierte, und seither wird der Ball nach Fehlschüssen nicht mehr minutenlang von den Tribünen heruntergeholt, sondern es liegen reihenweise Ersatzbälle bereit. Es war die vielleicht wichtigste Konsequenz aus diesem spielerisch mickrigen Turnier, in dem übrigens Franz Beckenbauer als Bundestrainer mit dem Finalsieg über Maradonas Argentinien den Höhepunkt seines sportlichen Lebenswerks erreichte.

Das Niveau ist zweitrangig

Stören sich die Zuschauer an einer WM-Endrunde am schlechten Niveau? In Italien war das jedenfalls nicht der Fall. Viel wichtiger als guter Fussball ist an einem solchen Turnier das gute Wetter und eine halbwegs manierliche Leistung der Gastgebermannschaft.

Italia ’90 war in dieser Hinsicht ebenso schön wie etwa die WM 2006 in Deutschland, wo das Wetter so gut mitspielte, dass bisweilen der Verdacht aufkam, Gewitterwolken seien mit Wetterraketen vertrieben worden. Ohne dieses Wunderwetter würde man jedenfalls nicht vom legendären Sommermärchen sprechen, welches die Erinnerungen an dieses Turnier prägt.

Wünschen wir uns für Russland schönes, warmes Wetter. Nicht WM-Songs schaffen die Stimmung in den Städten und Stadien, sondern möglichst viel Sonnenschein. Sollte Russland dazu noch hie und da ein Spiel gewinnen, umso besser.