Archiv für die Kategorie ‘Regelkunde’

Die EU, das Foul und das weiche Recht

Guido Tognoni am Freitag den 18. Januar 2019

Foul oder Ausgleichsmassnahme? EU-Kommissionspräsident Juncker drückt Bundesrätin Sommaruga einen Kuss auf. Foto: Olivier Hoslet (Keystone)

Die Schweiz ermüdet unter der Diskussion um das Rahmenabkommen mit der EU und um den UNO-Migrationspakt, dem auch noch der Flüchtlingspakt folgt. Im Streit der Experten und Politiker geht es um Kampfbegriffe, Deutungen, Verschleierungen, Worthülsen und seltsame Interpretationen von an sich klaren Begriffen. Zum Glück gibt es den Fussball, der uns die Möglichkeit bietet, das Palaver etwas zu ordnen.

Beginnen wir mit der Ausgleichsmassnahme. Die Befürworter des Rahmenabkommens verschleiern den Begriff Strafe für unbotmässiges, das heisst nicht EU-konformes Verhalten mit dem Begriff Ausgleichsmassnahme. Im Fussball gibt es für ein Foul einen Freistoss, einen Elfmeter, eine Verwarnung oder einen Ausschluss. In der Politikersprache nennt man solche Strafaktionen, von denen die Schweiz betroffen würde, Ausgleichsmassnahmen. Klingt wunderbar sanft, wird aber im Anwendungsfall schmerzliche Erfahrungen nach sich ziehen.

Etwas härter als Ausgleichsmassnahme tönt und ist der Begriff Retorsionsmassnahme. Im Fussball müsste man nicht gleich von einer Tätlichkeit, aber sicher von einem Revanchefoul sprechen, und jeder wüsste, was damit gemeint ist. Im Sport würde auch der seltsame Begriff Kohäsionsmilliarde, welche die Schweiz zähneknirschend der EU zahlen muss, praxisnah gedeutet. Im Fussball würde man eine solche Zahlung notfalls als Geschenk oder Motivation verbuchen.

Und nun zu den Pakten, etwa dem Migrationspakt: Bis vor kurzem war ein Pakt ein Vertrag. Den Begriff haben die alten Römer mit dem eisernen Grundsatz «pacta sunt servanda» – Verträge sind einzuhalten – geprägt. Da heute das Einhalten von Verträgen vielerorts Mühe bereitet oder die Verträge als solche abgelehnt werden, gehen die Deutungen über den Begriff Pakt plötzlich weit auseinander. Jene, die etwa den Migrationspakt wollen, sagen, er müsse gar nicht eingehalten werden. Jene, die den Pakt nicht wollen, sagen, eine Verpflichtung sei nun einmal eine Verpflichtung und der Pakt eben ein Vertrag. Fussballpräsidenten, die ihren Trainer oder einen Mittelstürmer mit Torstau loswerden möchten, würden sich bestimmt gerne an jene Politiker und Juristen anlehnen, die das Wort Pakt als Spassbegriff auffassen.

Und dann kommt noch das «soft law» ins Spiel, also das weiche Recht, das im Geschnatter um die Pakte neuerdings immer wieder auftaucht. Die Römer würden sich in ihren Gräbern umdrehen, wenn ihnen ein moderner Professor zu erklären versuchte, es gebe nicht nur Recht, sondern auch weiches Recht. Das Gegenteil zum weichen Recht müsste ja das harte Recht sein, und somit ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch – wie beim Käse – das halbharte Recht erfunden wird. Damit sind wir an jenem Punkt angelangt, an dem der Fussball der Politik bestens erklären kann, was weiches Recht ist: Es ist das Ermessen des Schiedsrichters, ein Foul als ein Foul zu erkennen oder auch nicht. Anders ausgedrückt: Weiches Recht ist Ansichtssache. Geeignet für den Fussball, aber untauglich für die Rechtssicherheit.

Beim Foulpenalty ist zu vieles faul

Guido Tognoni am Montag den 22. Oktober 2018

Nach Konsultation des Video-Schiedsrichters: Craig Pawson gibt Liverpool einen Penalty gegen West Bromwich Albion – was dessen Grzegorz Krychowiak missfällt. Foto: Phil Noble (Reuters)

Es ist etwas faul mit dem Elfmeter. Elfmeterpfiffe, erfolgte oder ausgebliebene, sind die folgenschwersten Entscheide der Schiedsrichter, und entsprechend herrscht bei der Hälfte der Elfmeterszenen grosse, aber unnötige Konfusion. Mit der Auslegung der Elfmeterregel stimmt zu vieles nicht. Ob Frankreich gegen Deutschland oder Sion gegen die Grasshoppers – jede Woche geben rund um den Globus zahllose Strafraumentscheide zu reden. Und es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn man die Hälfte der Entscheide als falsch einstuft.

Gemäss Regelbuch müsste ein Elfmeter gepfiffen werden, wenn ein verteidigender Spieler in seinem Strafraum ein Foul begeht, das ausserhalb des Strafraums mit einem direkten Freistoss bestraft würde. Das tönt sehr einfach, ist es aber offensichtlich nicht. Anders ist nicht zu erklären, dass selbst Spitzenschiedsrichter grösste Mühe haben, in den Strafräumen einwandfreie Entscheide zu fällen.

Diese Mühe ist erstens eine Folge des Spieltempos, dem das menschliche Auge in unübersichtlichen Situationen, oft mit Fallsucht von Spielern angereichert, kaum mehr folgen kann, zumal fast alle Strafraumszenen unübersichtlich sind. Zweitens lastet bei Strafraumszenen auf den Schiedsrichtern ein immenser Druck, da die Folgen eines Pfiffes ungleich krasser sind als bei irgendwelchen Entscheiden im Mittelkreis. Und drittens ist der Ermessensspielraum des Schiedsrichters beim Elfmeter viel zu gross.

Das subjektive Empfinden des Schiedsrichters

Wenn ein Schiedsrichter-Experte wie Urs Meier am Fernsehen die Elfmeterregel erklärt, tönt alles sehr plausibel. Theoretisch. Praktisch sieht das ganz anders aus. Wenn ein verteidigender Spieler bei einer Grätsche im Strafraum aus einem Meter Distanz einen Ball an den ausgebreiteten Oberarm geschossen erhält, pfeift die Hälfte der Schiedsrichter Elfmeter, die andere Hälfte aber nicht. Anzufügen ist, dass kein normaler Fussballer im Lauf mit den Armen am Körper eine Grätsche anbringen kann.

Ein Fan sieht rot: Schiedsrichter Herbert Fandel pfeift einen Penalty für Schweden in der Qualifikation für die Euro 2008 und wird darauf von einem Anhänger Dänemarks angegriffen. Das Spiel wird abgebrochen und als 3:0-Sieg für Schweden gewertet. Foto: Anders Wiklund (Keystone)

Es gäbe noch mehrere ähnliche Beispiele, bei denen allein das subjektive Empfinden des Schiedsrichters und nicht der objektive Sachverhalt entscheiden. Solches subjektive Empfinden mag in einer Amateurliga zu verschmerzen sein, im professionellen Spitzenfussball, wo einzelne Schiedsrichterpfiffe über Millionen haben oder nicht haben entscheiden, geht das nicht mehr. Natürlich gehören die Diskussionen um die Elfmeter zum Fussball, aber letztlich ist ein fairer Wettbewerb wichtiger als emotionale Aufwallungen, die den Fussball bereichern sollen.

Der Video-Assistent ist ein ausgezeichnetes Hilfsmittel. Umso erstaunlicher ist, wie zögerlich im Milliardenbusiness Fussball eine solche technische Selbstverständlichkeit eingeführt wird. Selbst mit Videobeweis gibt es noch zweifelhafte Entscheidungen. Diese können und müssen hingenommen werden, da es keine besseren Lösungen gibt. Aber die Zeiten, in denen ein einsamer Schiedsrichter als Folge fehlender technischer Unterstützung krasse Fehlentscheide trifft und damit den Spielausgang beeinflusst, müssten im professionellen Spitzenfussball vorbei sein. Den Verzicht auf den Video-Schiedsrichter mit fehlendem Geld zu begründen, ist kein Argument.

Ob er wirklich richtig liegt? Bastian Dankert lässt seinen Penaltypfiff für Bayern München vom Video-Assistenten bestätigen. Foto: Michael Dalder (Reuters)

Yann Sommers fragwürdige Bestrafung

Guido Tognoni am Freitag den 29. Juni 2018

Die Statistiker der WM-Endrunde in Russland freuen sich über eine neue Rekordzahl von acht Eigentoren, zu welchen Yann Sommer einen Treffer beigetragen haben soll. Abgesehen davon, dass die Definition eines Eigentores selbst nach endlosen Diskussionen kein sportlich befriedigendes Ergebnis ergibt, ist die Bezeichnung von Yann Sommer als Eigentorschütze absurd.

Sommer hat alles richtig gemacht und wurde dafür bestraft. Er wartete korrekt den Schuss ab und spekulierte mit einem Sprung in seine linke Ecke. Der Elfmeterschütze traf zwar nur die Querstange, aber weil Sommer die richtige linke Ecke seines Tores erkannt hatte, sprang der Abpraller von seinem Körper ins Netz. Für die Wertung der Fifa ist das ein Eigentor.

Yann Sommer ist einer von vielen Torhütern, die das Opfer einer richtigen Reaktion geworden sind. Häufiger sind jene Fälle, bei denen der Ball vom Pfosten an den hechtenden Torhüter und dann ins Netz prallt: Ein Torhüter reagiert (oder spekuliert) richtig und muss dafür büssen.

Sportlich korrekt?

Was die Frage aufwirft, ob die geltende Regelung bei der Ausführung eines Elfmeters sportlich korrekt ist. Dass ein Schuss, mit dem der Schütze aus elf Metern das Tor nicht getroffen hat und der ohne neuerliche Einwirkung eines Feldspielers beider Mannschaften, sei es als Nachschuss oder als Eigentor, als Treffer gewertet wird, ist fragwürdig.

Für die Wertung der Fifa ist das ein Eigentor. Foto: Keystone

Wäre Sommer stehengeblieben oder in seine rechte – in diesem Fall die falsche – Ecke gesprungen, hätte es nur nach einem Nachschuss ein Tor geben können. Damit hätte ein Feldspieler ins Spiel eingegriffen, was sportlich völlig korrekt wäre.

Die geltende Regelanwendung ist fragwürdig. Fair wäre, nach einem Elfmeterball an das Torgehäuse, der danach direkt via Torhüter die Linie überquert, das Spiel zu unterbrechen und mit Abstoss fortzusetzen. Der Torhüter sollte nicht dafür bestraft werden, dass er mit seinem Abwehrversuch den Fehler des gegnerischen Elfmeterschützen korrigiert.

Bringt endlich den Videobeweis!

Christian Andiel am Dienstag den 10. November 2015

Jetzt ist schon wieder was passiert. In Basel schenkte der Schiedsrichter den Grasshoppers ein Offsidetor und verwehrte dem FCB zwei Penaltys. Tags zuvor durfte der FC Bayern gleich zweimal aus Offsideposition ein Tor erzielen, und als dann der VfB Stuttgart traf, wurde der Spieler zurückgepfiffen – wegen Offside, das es in diesem Fall gerade nicht war.

Der Basler Breel Embolo, vorne, wird vom Zuercher Alban Pnishi, hinten, im Strafraum gefoult im Fussball Meisterschaftsspiel der Super League zwischen dem FC Basel 1893 und dem Grasshopper Club Zuerich, im Stadion St. Jakob-Park in Basel, am Sonntag, 8. November 2015. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Alban Pnishi (GC) foult Breel Embolo, der Schiedsrichter sieht es nicht. Soll hier der Videobeweis Hilfe bringen? Foto: Georgios Kefalas/Keystone

Der Herbst 2015 ist nicht der Herbst der Schiedsrichter, namentlich nicht derjenigen in der Schweiz und Deutschland. Erinnert sei an das groteske Handstor, das der Hannoveraner Andreasen gegen Köln erzielte. Jenes Köln, das zwei Wochen später einen klaren Handspenalty gegen Hoffenheim nicht zugesprochen bekam.

Deshalb wird es nun wirklich Zeit, dass der Videobeweis auch im Fussball Einzug hält. Dass sogar Heribert Fandel, oberster Schiedsrichter in Deutschland, darum bittet, zeigt, um wie viel weiter Schiedsrichter sind als all die Romantiker, die behaupten, mit diesem Hilfsmittel würden die heftigen, herrlichen Diskussionen beendet, die den Fussball doch ausmachen. Dann kriegen sie feuchte Augen und kommen mit dem Wembley-Tor 1966 (das natürlich auch keins war).

Andreasen

Grotesker geht es kaum: Leon Andreasen «baggert» den Ball für Hannover ins Tor, Hannover gewinnt 1:0 gegen Köln. Screenshot: Sky

Das ist allerdings Unfug. Denn den Fussball machen nicht Fehler überforderter Schiedsrichter aus. Sondern einigermassen korrekte, nachvollziehbare Resultate. Zudem müsste der Videobeweis sinnvoll angewendet werden, also nur in Fällen, in denen es tatsächlich um ein Tor geht, das auch erzielt wurde. Wie am Samstag in München, wie am Sonntag in Basel, wie vor ein paar Wochen in Köln und nun in Leverkusen. Es würde also noch haufenweise Diskussionsgründe geben, damit auch unsere Romantiker bedient sind. Wie der Handspenalty, der Köln verwehrt wurde gegen Hoffenheim – solche Szenen bleiben weiterhin allein der spotanen Entscheidung des Schiedsrichters überlassen. Der FCB hätte also auch die beiden Penaltys nicht bekommen, obwohl der Schiedsrichter hinterher nur kurz die TV-Bilder sehen musste, um seinen Fehler einzugestehen. Aber der FCB wäre da möglicherweise nicht schon 0:2 bzw. 2:3 zurückgelegen.

Der Videobeweis muss auf möglichst wenige Szenen beschränkt bleiben. Deshalb gilt: Nur wenn wirklich ein Tor erzielt wird und es Diskussionsbedarf gibt, wird das Spiel kurz unterbrochen. Oder wenn der Schiedsrichter – und nur er! – darum bittet. Technisch ist es kein Thema, das geht in ein paar Sekunden, bis ein Offizieller die TV-Zeitlupen gecheckt hat. Es dauert also wesentlich weniger lang als so manche Auswechslung oder wenn sich Spieler nach einem «Foul» minutenlang am Boden wälzen.

Und es darf auch keine Rolle spielen, dass damit ein klassischer Fifa-Grundsatz wegfällt: eine Regel muss auf jedem Platz auf der ganzen Welt anwendbar sein, bis hinunter in die untersten Ligen. Für ein Milliardengeschäft ist das absolut lächerlich, es muss nur gewährleistet sein, dass innerhalb der gleichen Liga die gleichen Möglichkeiten bestehen.

Im Reich der wilden Fussballer

Ueli Kägi am Donnerstag den 17. September 2015
Swiss defender Stephan Lichtsteiner, right, speaks to Baris Simsek, Additional assisant referee, left, during the UEFA EURO 2016 qualifying match Switzerland against England at the St. Jakob-Park stadium in Basel, Switzerland, Monday, September 8, 2014. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Er ist der Rohrspatz auf dem Spielfeld: Stephan Lichtsteiner «diskutiert» mit dem Schiedsrichter. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Der Fussball bedient sich gern Grzimeks «Reich der wilden Tiere». Lionel Messi ist ein Floh (okay, ein kleines wildes Tier). Sven Hotz wollte einen schwedischen Bullen. Gennaro Gattuso war das Nashorn. Berti Vogts der Terrier. Frank Rijkaard ein Lama. Carlos Valderama sah wenigstens aus wie ein Löwe. Stefan Effenberg nannten sie Tiger. Pippo Inzaghi machte die Schwalbe. Edgar Davids spielte den Pitbull. Emilio Butragueño war ein Geier, Sepp Maier die Katze von Anzing, Jack Charlton eine Giraffe und Herbert Prohaska das Schneckerl. Und Stephan Lichtsteiner? Der schimpft nach fast jedem Schiedsrichterpfiff gegen seine Mannschaft wie ein Rohrspatz.

Zugegeben. Auch der Rohrspatz ist so wenig wildes Tier wie das Schneckerl. Spielt aber auch keine Rolle. Der Rohrspatz ist in diesen Zeilen nur Mittel zum Zweck, um endlich auf den Punkt zu kommen.

Es ist mit dem Rohrspatz im Fussball ja wie mit dem Spatz auf der Dachterrasse des Migros-Restaurants. Er hat sich breitgemacht. Rudelbildung kommt vor. Er holt sich, was er kann. Und was er sich einmal an Raum genommen hat, das lässt er sich nur schwer mehr nehmen.

Wer mit Schuld daran ist an diesem Reich der wilden Fussballer? Die Schiedsrichter. Einst wollten sie mit verschärften Regeln antreten und die Faucher, Kläffer, Rammler und Rudelbildner schnurstracks mit Gelb bestrafen. Das war 2005 und 2006. Und erneut 2012. Sie haben leider wenig umgesetzt von ihrem Vorsatz, eigentlich fast nichts. Und so brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn es auf dem Fussballplatz manchmal weiterhin zu und her geht wie im Urwald.

Zehavi, Huggel und die Bibel

Guido Tognoni am Dienstag den 11. November 2014
Mideast Israel Soccer Brawl

Wer angegriffen wird, darf sich nicht wehren: Eran Zehavi wurde am 3. November von einem Fan angefallen. Daraufhin erhielt er die Rote Karte. Foto: Alain Schieber

Bei einem wilden Stadtrivalenderby in Tel Aviv wurde dieser Tage der israelische Nationalspieler Eran Zehavi von einem Zuschauer auf dem Spielfeld angegriffen. Zehavi erhielt eine Rote Karte, weil er sich gegen den Angreifer wehrte, nachdem die Sicherheitskräfte offensichtlich ihren Job nicht erfüllt hatten. Das erinnert an den Fall Benjamin Huggel: Der Basler wurde 2006 von der Fifa gesperrt, weil er nach dem Schlusspfiff des WM-Qualifikationsspiels Türkei – Schweiz einen türkischen Funktionär trat, der als Folge des Ausscheidens gegen die Schweizer Mannschaft seinerseits gewalttätig geworden war.

Im Fussball ist es wie ausserhalb des Stadions: Selbstjustiz wird hart geahndet. Wer heute im eigenen Haus von einem Einbrecher überfallen wird und diesem in den kleinen Finger schiesst, hat mit der Justiz mehr Probleme als der Einbrecher. Hätten Eran Zehavi oder seinerzeit Benjamin Huggel einem Gegenspieler das Bein gebrochen, sie wären vielleicht straflos geblieben. In den beiden oben genannten Fällen hätten sich Zehavi und Huggel offenbar nach dem biblischen Weltbild benehmen müssen und auch die zweite Wange hinhalten sollen. Dass sie es nicht getan haben, ist völlig normal, aber dennoch schade. Sie wären die Ersten gewesen, die dem christlichen Gleichnis auch einen Namen gegeben hätten. Dass sich noch andere derart übermenschlich verhalten haben, ist seit 2000 Jahren nicht überliefert.

Rächet euch selber nicht: Wüste Szenen nach dem Barragespiel vom 16. November 2005 der Schweizer Nationalmannschaft in Istanbul. Quelle: SRF

Der verdrehte Tatsachenentscheid

Guido Tognoni am Dienstag den 28. Oktober 2014
MaradonaGross

Der Tatsachenentscheid kann einen Spieler zur Legende machen: Maradonas «Hand Gottes» im WM-Spiel 1986 gegen Englands Goalie Peter Shilton. Foto: Getty

Ein verteidigender Spieler erhält im Strafraum einen Ball ins Gesicht, und der Schiedsrichter glaubt, es sei die Hand gewesen. Elfmeter, Tor, Spiel für die Mannschaft mit dem Ball im Gesicht verloren. Vorkommnisse wie zuletzt bei Schalke 04 – Sporting Lissabon gab es im Fussball schon immer und wird es weiterhin geben. Vielleicht wird die Fifa («Fair Play, please!») eines Tages zulassen, solche Ungerechtigkeiten mittels Videobeweis zu verhindern. Bis das jedoch eines Tages vielleicht der Fall sein wird, muss der Fussball mit einer überaus seltsamen Verdrehung der deutschen Sprache leben: mit dem Tatsachenentscheid.

Als Tatsachenentscheide werden Fehlentscheide der Schiedsrichter bezeichnet, die – meist aus nachvollziehbaren praktischen Gründen – im Nachhinein nicht rückgängig gemacht werden können. Mit einem Tatsachenentscheid wird allerdings genau das Gegenteil dessen beschrieben, was eine Tatsache ist: Der Ball ging ins Gesicht und nicht an die Hand, aber der Spielleiter macht das Gesicht zur Hand. Es fand also keine Regelwidrigkeit statt, doch der Schiedsrichter will eine solche gesehen haben. Eine Fata Morgana auf dem Spielfeld gewissermassen, und diese Wahrnehmungsstörung wird im Fussball durch Entscheid des Schiedsrichters zur Tatsache.

Im Fussball gibt es den erfundenen Elfmeter, ausserhalb der Stadien den Mord ohne Leiche. Wenn der Strafrichter dennoch auf lebenslänglich erkennt, schafft auch er einen Tatsachenentscheid. Beim Schiedsrichter verwedeln wir den Irrtum, über den sich die Hälfte der Zuschauer freut. Beim Strafrichter bleibt nur die Hoffnung auf die richtige Erkenntnis. Im Gegensatz zum Schiedsrichter darf er sich keinen Irrtum leisten.

Eine Nummer – zu gross?

David Wiederkehr am Donnerstag den 23. Oktober 2014


War früher eigentlich alles besser? Wenn ja, wie viel besser? Und gilt das auch für den Fussball? Rudi Völler hat dazu eine Meinung. «Was die früher für einen Scheiss gespielt haben, da konntest du doch früher überhaupt nicht hingehen. Die haben doch früher Standfussball gespielt», haute er seinerzeit die verbale Faust ins Gesicht von Günter Netzer.

Was aber sicher ist: Früher war alles übersichtlicher. Zum Beispiel trug früher der Torhüter die 1, der Libero die 5, der Scheibenwischer die 6, der Mittelstürmer die 9 und Diego Maradona die 10. Heute spielt der Torhüter auch schon als Libero, sind die Stürmer die ersten Verteidiger, und die 10 wird für Spieler wie Alexander Merkel, Jakob Jantscher oder Ovidiu Herea geopfert. Nichts gegen Ovidiu Herea, aber besser machen das dann doch Teams wie Vaduz oder Thun: Sie vergeben die 10 gar nicht erst. Dafür trägt Thuns Jungspund Adrian Rawyler die 40.

Die Kommerzialisierung des Fussballs brachte die Idee von fixen, individuellen Rückennummern hervor. Und das allein war ja keine blöde Idee. So wird verhindert, dass Cristiano Ronaldo die 7, dann die 11 und schliesslich – da Ersatzspieler – die 14 bekommt. «Nummer 5 lebt nicht mehr», trauerten daraufhin die eher traditionalistisch veranlagten Kollegen von «11 Freunde» der Beckenbauer-Ära hinterher. Die 5, sie war für Spielübersicht und Ruhe gestanden. Die 4 für kernige Grätschen entlang der Seitenlinie. Die 9 für elegante Fallrückzieher. Heute steht die 45 für den Wahnsinn. Sie (oder er) ist das Markenzeichen von Mario Balotelli.

Die 5 also ist gestorben, dafür lebte irgendwann die 99 wieder auf. In der National Hockey League für sämtliche Clubs gesperrt zu Ehren von Wayne Gretzky, schnappte sich ausgerechnet Fussballrüpel Antonio Cassano bei Sampdoria Genua diese geradezu heilige Nummer. Später erhielt der Österreicher Andreas Herzog von der Fifa sogar die Erlaubnis, für sein 100. Länderspiel mit der 100 aufzulaufen. Darüber hinaus sind keine dreistelligen Rückennummern erlaubt. In der Super League ist zwischen 2 und 99 alles möglich. Vorgeschrieben ist nur, dass die 1 an einen Torhüter geht.

Veroljub Salatic war hierzulande lange ein Exot, weil er die 35 trug. Dann hat er zur 6 gewechselt, weil die seiner Position eher entspricht. Oder eher entspräche – würde Salatic denn spielen und nicht nur trainieren. Aber kaum hat Salatic auf der GC-Strafbank Platz genommen, läuft sowieso alles aus dem Ruder. Nisso Kapiloto wählte bei St. Gallen die 55, Frank Feltscher bei Aarau die 88, und als der Franzose Guillaume Hoarau vergangenen Sommer zu den Young Boys wechselte, war seine 9 nicht mehr frei, aber dafür die 99. Und wahrscheinlich sind solche Kompromisse der Hauptgrund für die zahlreichen Schnapszahlen auf den Fussballfeldern. Auch Nationalmannschafts-Captain Gökhan Inler führt bei Napoli jeweils eine solche auf den Platz, die 88.

Die humorloseste Kleiderordnung herrscht in der Bundesliga. Um dem Exzess vorzubeugen, wurde 2011 die 40 als Höchstzahl festgelegt. Keine 77 mehr wie einst bei Andreas Görlitz beim Karlsruher SC. Sondern Zucht und Ordnung. Fast wie früher.

Eine Spraydose ist keine Bierdose

Guido Tognoni am Montag den 13. Oktober 2014
Brazil WCup Training Referees

Das ist eine Spraydose – und so geht der verantwortungsvolle Schiedsrichter mit ihr um… Foto: Keystone

Mag die Welt auch untergehen, die Bürokraten bleiben und vermehren sich. Eine der stärksten bürokratischen Kräfte der Erde ist der Deutsche Technische Überwachungsverein, genannt TÜV. Ohne den Segen des TÜV steht Deutschland still, und der TÜV war es auch, der dem Deutschen Fussball den Spass am Freistoss-Spray vermiesen wollte. Gemäss TüV soll beim Gebrauch des Sprays eine «hormonelle Wirksamkeit» nicht ausgeschlossen werden können. Vermutlich hatten die Hüter des Volkswohls die Befürchtung, die Bundesliga-Schiedsrichter würden statt Pausentee die Spraydose austrinken und es könnten ihnen bald einmal Brüste wachsen. Oder die deutschen Frauen würden zur Perfektion der Oberweite Rasenspray schlucken statt Silikon einpflanzen.

BierdoseKlein

… nicht zu verwechseln mit einer Bierdose. Deren Handhabung ist völlig anders. Foto: loslachen.ch

Offenbar ist es nun doch gelungen, die Bedenkenträger davon zu überzeugen, dass eine Spraydose keine Bierdose ist. Und weil auf der Dose neu auch noch eine Warnung vor Explosionsgefahr aufgebracht wird, hat der Wunderspray, der sich in nichts auflöst, alle bürokratischen Hürden genommen und darf ab sofort auch in Deutschland verwendet werden.  Wie in Südamerika, in Spanien, in Frankreich, in der Champions League und in der Europa League.

Aber nicht in der Schweiz. Gemäss Schiedsrichterchef Carlo Bertolini braucht es in Sachen Freistoss-Spray die folgenden Schritte: zuerst darüber sprechen, dann interne Überprüfungen durchführen, dann den Entscheid fällen und dann Umsetzungsmassnahmen planen. Einfach Dosen kaufen und sprühen wäre für eine derart komplexe Spritzerei offenbar zu simpel. Auf welcher Stufe das hochgradig subtile helvetische Verfahren zurzeit steht, ist nicht überliefert.

Holt die Schwalben vom Himmel

Ueli Kägi am Donnerstag den 25. September 2014
Arjen Robben of the Netherlands is fouled during their 2014 World Cup quarter-finals against Costa Rica at the Fonte Nova arena in Salvador

Keine Frage, kaum einer fliegt schöner als Arjen Robben. Und das Beste: Der Holländer kann das, ohne dass ihn jemand berührt hätte. Foto: Reuters

Sie treten, schlagen, spucken. Sie reklamieren, lamentieren, simulieren. Viele Fussballer haben keinen besonders guten Leumund. Besonders geächtet sind die Pepes dieser Welt, die Verteidiger mit Scheren an den Beinen.

Dabei wäre es Zeit, dass andere ebenso aufsteigen in den Olymp der Unbeliebten. Die Schnellflieger und Schwalbenkönige. Die Inzaghis (früher), Freds und Robbens (heute). Oder, auf unser kleines Fussballland bezogen: Die Nuzzolos oder Kahrabas.

Es gibt einige klare Regeln im Fussball (und einige unklare: zum Beispiel, was eigentlich Hands ist). Eine der unzweideutigen Regeln lautet: Wer dem Gegner mit einem Vergehen eine ausgezeichnete Torchance raubt, sieht Rot.

Was tut der Schwalbenkönig und Schnellflieger, wenn er im Strafraum fällt? Er versucht, sich selbst mit einem Regelverstoss eine klare Torchance zu schenken. Das wird mit Gelb bestraft. Weshalb hier Gelb, was dort Rot ist? Jede Wette: Platzverweis bei Schwalbe im Strafraum, die Nuzzolos, Kahrabas und Robbens dieser Welt hätten ganz schnell viel kräftigere Beine und widerstandsfähigere Oberkörper.