Archiv für die Kategorie ‘Medien’

Das besonders schöne Tor des Monats

Guido Tognoni am Donnerstag den 20. September 2018

Schoss das Tor des Monats: Serdal Celebi, Blindenfussballer des FC St. Pauli. (Foto: Keystone/Axel Heimken)

Es gäbe vieles zu beschreiben und fast ebenso vieles zu beklagen im aktuellen Fussball. Aber lassen wir für einmal das Jammern und freuen wir uns an einer Randnotiz des globalen Milliardenspiels: In Deutschland hat ein blinder Fussballer den Wettbewerb um das Tor des Monats gewonnen. Seit 1971, also seit 47 Jahren, lässt die ARD das Fernsehpublikum diese Auszeichnung wählen, sie ist ein lebendes und ungebrochen beliebtes Fossil in unserer umgepflügten Fernseh-Landschaft.

So kam es, dass der zuvor völlig unbekannte 34-jährige Serdal Celebi einen schönen Torschuss feiern kann, den er selbst gar nicht gesehen hat. Celebi gehört zu den vier Feldspielern des FC St. Pauli, die sich auf dem von Banden eingerahmten Kleinfeld mit Worten und einem Ball verständigen, der rasselt, sobald er in Bewegung ist. Sehen dürfen nur die Torhüter, während die Feldspieler mit einer Augenabdeckung spielen, sodass jede vielleicht noch verbliebene Sehkraft bei allen Spielern unterbunden wird.

Inmitten des grossen Bundesliga-Klamauks

Es gibt in dieser Geschichte mehrere schöne Aspekte: dass professionelle Fussballclubs sich auch um Behinderte kümmern, wie dies bei St. Pauli geschieht; dass es angepasste und ein auf die besonderen Bedürfnisse zugeschnittene Spielfelder und -regeln gibt und sogar eine Bundesliga für Blindenfussball; dass auch Video-Aufzeichnungen gemacht werden und ein schönes Tor schliesslich den Weg bis in die «Sportschau» der ARD findet.

Besonders erfreulich ist dabei, dass das Fernsehpublikum sich die Chance nicht entgehen liess, einem behinderten Fussballer eine ganz besondere Reverenz zu erweisen. Inmitten des grossen Klamauks der Bundesliga und des übrigen professionellen Fussballs, fern vom Fangeschrei und ausserhalb der grossen Schaufenster des Sports haben Tausende von Fussballfans instinktiv das Richtige getan – und nicht etwa einen Nationalspieler, sondern einen blinden Fussballer geehrt. Das tut gut.

Der bunte Vogel und der Hörspieler

Guido Tognoni am Montag den 12. März 2018

Rainer Maria Salzgeber (l.) hält die Zuschauer mit seinem Modebewusstsein bei Laune, Sascha Ruefer mit seinen Sprüchen. Fotos: Keystone

Seit der Einreichung der No-Billag-Initiative ist es patriotische Pflicht, die SRG und das Schweizer Fernsehen zu lieben und damit zu verhindern, dass unser Land in Stücke zerfällt (zuvor war das Fernsehen vor allem Unterschicht-Unterhaltung). Nun, da die Schweiz nicht in Stücke zerfällt, können wir uns wieder den wirklich wichtigen Themen zuwenden. Zum Beispiel der Frage, was Rainer Maria Salzgeber bei seinem nächsten Auftritt trägt und was Sascha Ruefer bei seiner kommenden Reportage in den Aether schreit. Salzgeber und Ruefer sind die Aushängeschilder des Schweizer Sportfernsehens (das wir, nebenbei, mit oder ohne No-Billag-Initiative dank seinem breiten Angebot und seiner Kompetenz schätzen). Wenn es in einem Land wie der Schweiz überhaupt Bildschirm-Stars geben darf, so sind das Salzgeber und Ruefer.

Sein Schal bringt Farbe ins Spiel: Salzgeber (r.) mit Raphael Wicky und Gilbert Gress (l.) 2012 in Basel, vor dem Hinspiel gegen den FC Bayern München. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Beide verstehen ihr Handwerk, und beide zeichnen sich nicht nur durch die Besonderheit aus, dass sie nicht der unsäglichen Fünftagebart-Mode erlegen sind. Rainer Maria Salzgeber ist der Mann mit dem eigenwilligsten Modebewusstsein, schon fast ein bunter Papagei auf den SRF-Bildschirmen. Immer mehr oder weniger schrill, immer mit mindestens einer farblichen Geschmacksverstauchung, aber stets nur so weit im Risiko, dass es nicht in den Augen schmerzt und sich niemand richtig darüber aufregen kann und ihm zurufen möchte, er solle endlich den Stilberater wechseln. Der Walliser schafft es, dass man als Zuschauer jedes Mal auf seinen konfektionellen Auftritt gespannt ist. Das verdient ein Kompliment.

Polarisieren muss man können

Bei Sascha Ruefer ist es nicht die Farbe der Hose, die uns interessiert, sondern welche Sprüche er auf Lager hat. Wie sein Name voraussagt, ist Ruefer ein leidenschaftlicher, begnadeter Plauderi im besten Sinne, ein Reporter, der aus einem trostlosen Fussballspiel wenigstens ein gutes Hörspiel machen kann, und dem es zudem niemals einfallen würde, aus beruflicher Verpflichtung einen Horrorkick schönzureden oder sich über das Spielniveau gar nicht erst auszulassen. Ruefer ist umstritten, es gibt nebst seiner Fangemeinde auch Leute, die wünschen ihn in die Wüste. Der Grenchener versteht es eben, mit seiner Art der Reportage zu polarisieren. Zum Glück, denn das muss einer erst mal können. Gleichgültigkeit in der guten Stube schafft jeder.

Sascha Ruefer würde es niemals einfallen, aus beruflicher Verpflichtung einen Grottenkick schönzureden. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Beim Sport im Radio bleiben die Akteure naturgemäss unsichtbar. Gerne würde man einem Bernhard Schär, die Sportstimme des Radios schlechthin, beim Reden zuschauen. Und ebenso gerne würde man einigen Nachrichtensprechern etwas Nachhilfeunterricht erteilen, wenn man hört und spürt, dass sie null Ahnung von dem haben, was sie gerade ins Mikrofon ablesen. Wenn man beispielsweise vernehmen muss, Juventus habe «in Tottenham» gewonnen. Das tut richtig weh in den Ohren.

Witzbold Bolt

Guido Tognoni am Donnerstag den 1. März 2018

Fussball-Flirt: Usain Bolt bei einem Fussballspiel in Johannesburg. (Foto: Reuters/James Oatway)

«Usain Bolt meint es jetzt ernst mit dem Fussball» titelte der «Tages-Anzeiger» am Montag. Usain Bolts Flirt mit dem Fussball machte rund um die Welt Schlagzeilen. Zwei Tage später folgte die Entwarnung: «Bolt täuschte alle» lautete nun die Überschrift. Usain Bolt, schon auf der Tartanbahn immer für einen Scherz mit dem Publikum gut, dürfte seinen Spass genossen haben.

Grundsätzlich können Leichtathleten rennen, springen, werfen und Bobs anschieben, aber nicht Bälle stoppen und Fussball spielen. Fussball ist von allen Leichtathletik-Disziplinen meilenweit entfernt. Die Schweiz brachte zwar mit Kugelstosser Edi Hubacher als Anschieber 1972 in Sapporo sogar einen Olympiasieger hervor, und auch die amerikanische Sprinterin Lolo Jones wurde 2013 in St. Moritz Weltmeisterin im Viererbob. Aber selbst im American Football, wo es im Umgang mit dem Ei weitaus weniger Feingefühl braucht als im richtigen Fussball, hat es kein Leichtathlet weit gebracht.

Bisschen Fussball, viel Show

Umso bemerkenswerter ist die Tatsache, dass die Medien die Ankündigung eines 32-jährigen Sprinters, der im vergangenen Jahr bei der Weltmeisterschaft in London mit einer Muskelzerrung die Karriere als Läufer abgeschlossen hat und nun plötzlich dribbeln, schiessen und Kopfbälle anbringen sollte, überhaupt ernst genommen haben.

Spassmacher Usain Bolt musste wissen, warum er es schon gar nicht versucht hat. Erstens braucht der Jamaikaner den Fussball nicht zur Profilierung, zweitens hätte ein solches Experiment als Flop enden müssen. Nun beschränkt sich Usain Bolt im Fussball auf das erträgliche Minimum: Er kündigt an, am 10. Juni in Manchester an einem Benefizspiel zugunsten der Unicef teilzunehmen. Auf der anderen Seite soll Robbie Williams spielen. Ein bisschen Fussball, dazu viel Show – Sprinter gegen Popstar, da passt Usain Bolt hin, falls er denn auch wirklich antritt.

Sind 50’000 Zuschauer wenig oder viel?

Guido Tognoni am Dienstag den 20. Juni 2017

Tolle Kulisse: Das Confederations-Cup-Spiel Russland gegen Neuseeland in St. Petersburg am 17. Juni 2017. (Foto: Reuters/ Carl Recine)

Man kann über den Confederations Cup denken, wie man will, man kann ihn als gut, schlecht oder einfach belanglos bewerten. Der als WM-Hauptprobe deklarierte Wettbewerb hatte es in Europa schon immer schwer, Anerkennung zu finden. Und Europa gibt im Fussball nun mal den Takt an.

Wenn ein solches Turnier wie dieser Tage zudem im politisch belasteten Russland stattfindet, regnet es aus vielen Ecken noch mehr Kritik. Allerdings ist nicht jede Kritik nachvollziehbar. So wurde in den Medien mehrfach genüsslich rapportiert, dass beim Eröffnungsspiel Russland – Neuseeland das Stadion in St. Petersburg nicht voll war. Dass Wladimir Putin in den Rängen Lücken sehen musste.

Mit oder ohne Putin?

Das Stadion war tatsächlich nicht voll. Aber um Himmels willen, wer will denn Russland gegen Neuseeland spielen sehen, mit oder ohne Putin? Russlands Nationalmannschaft hat in den vergangenen Jahren eine jammervolle Negativbilanz hingelegt, und Neuseeland trat mit der grossartigen Referenz eines Ozeanien-Meisters an, also als Meister jener Konföderation, aus der das Gründungsmitglied Australien im Jahr 2006 geflüchtet ist, um gegen asiatische Konkurrenz besseren Fussball zu erleben, statt gegen Fidschi, Tonga, Kiribati und Papua-Neuguinea nette Reiseabenteuer hinter sich zu bringen. Und bei Russland gegen dieses Neuseeland wollten in St. Petersburg immerhin über 50’000 Zuschauer dabei sein. Das Glas war also weit mehr als halb voll. Und 33’000 Fans bei Kamerun – Chile in Moskau sind auch nicht so schlecht.

Nochmals die Frage: Würden Sie für die Schlager Mexiko – Neuseeland, Kamerun – Australien oder Neuseeland – Portugal in Zürich, Basel oder Bern Eintritt bezahlen? Würden Sie wenigstens hingehen, wenn Sie ein Gratisbillett erhielten? Würden Sie, im Schweizer Sommer, immerhin am Fernseher sitzen, wenn Mexiko für den Fussballschocker gegen Neuseeland aufläuft?

50’000 Zuschauer für ein Spiel wie Russland – Neuseeland sind eine tolle Kulisse. Dies in einem Land, in dem die grosse Mehrheit der Leute weder vom Fussball noch vom Leben verwöhnt wird. Ob das Stadion nun voll war oder nicht, spielt dabei überhaupt keine Rolle.

Ein Club auf Kollisionskurs

David Wiederkehr am Donnerstag den 17. Dezember 2015
Gertjan Verbeek bei einem Spiel in Alkmaar. (Reuters)

«Arschlöcher seid ihr»: Trainer Gertjan Verbeeks zur «Bild»-Zeitung. (Reuters)

Tore werden mit dem Fuss erzielt oder mit dem Kopf. Mit dem Hintern manchmal, und Diego Maradona darf auch mit der Hand. Mit dem Rückgrat hingegen sieht man selten einen treffen.

Das ist schade. Gerade in diesen Tagen, da das Bosman-Urteil 20jähriges Jubiläum feiert. Der Belgier Jean-Marc Bosman war es, der in einem beispiellosen Gerichtsfall 1995 dafür gesorgt hat, dass mit Abschaffung der Ablösesummen nach Vertragsende künftige Fussballergenerationen Milliarden und Abermilliarden einstreichen dürfen. Dank der Grossverdiener erhielt er dafür nie: Bosman ist vereinsamt und verarmt, im «Kicker» sagte er vor wenigen Tagen: «Wissen Sie, wie viel ich derzeit verdiene? Null Euro.» Währenddessen fliegt ein Club wie Bayern München für sein Trainingslager in Staaten wie Katar oder Saudiarabien. Show und Mammon triumphieren über Moral und Gewissen.

Es gibt sie aber, die Ausnahmen. Als sich in der Bundesliga die «Bild»-Zeitung mit einer Hilfsaktion für Flüchtlinge zu profilieren suchte, ausgerechnet jene Publikation also, die sich ansonsten eher als rechtsorientierte Hetzpostille einen Namen macht, da verweigerten zehn Zweitligisten die Zusammenarbeit. Neben dem grundsätzlich andersgestrickten FC St. Pauli auch der VfL Bochum. Und er tat es mit Wonne.

Zu erklären ist dies mit der innigen Feindschaft, die den Traditionsclub aus dem Ruhrpott mit der Zeitung verbindet, die sich als oberste Instanz des deutschen Fussballs betrachtet. Schon vor fünf Jahren hatte sich der damalige Bochum-Trainer Heiko Herrlich dazu entschlossen, der mächtigen «Bild» die Stirn zu bieten. Während einer Pressekonferenz sagte er: «Nö, ich möchte nicht bei euch in der Zeitung stehen. Euch gegenüber bleibe ich aufrichtig.»

Heiko Herrlich platzt der Kragen. (Youtube/liga1.tv)

Wie sich jetzt zeigte, war aber auch der Boykott vor drei Monaten noch nicht die Spitze der Eskalation. Zum endgültigen Bruch kam es am Montag bei einer weiteren Pressekonferenz vor dem gestrigen DFB-Pokalspiel gegen 1860 München. Bevor diese begann, erklärte VfL-Pressesprecher Jens Fricke: «Sowohl Sportvorstand als auch Cheftrainer haben sich dazu entschieden, keine Fragen der «Bild»-Zeitung mehr zu beantworten.» Später präzisierte Fricke zwar, der Boykott gelte nur für den Hauskorrespondenten Joachim Droll, dessen Arbeitsweise seit Jahren ein Ärgernis sei – andere Journalisten der «Bild» dürften durchaus Fragen stellen.

Pressekonferenz vor der Partie 1860 München – Vfl Bochum 1848. (Youtube/VfL Bochum 1848)

Ob sie Trainer Gertjan Verbeek allerdings beantworten wird, ist eine andere Sache. Der Holländer hält nichts von der «Bild» und macht daraus kein Geheimnis, schon bei seinem früheren Verein, dem 1. FC Nürnberg, legte sich der Holländer mit deren Journalisten an. Zum Eklat kam es nun Ende September, als Verbeek dem anwesenden Droll vorwarf, dass die Zeitung stets zwei Parteien gegeneinander ausspiele – unter anderem eben Flüchtlinge. Und dass sie lüge. Sein Kürzestresümee: «Arschlöcher seid ihr.» Der Club entschuldigte sich hinterher – für die Wortwahl: «In der Sache hat Gertjan Verbeek vollkommen recht.»

Terror, Zlatan Ibrahimovic und der Flug der Hummel

Florian Raz am Donnerstag den 19. November 2015
Er wars! Zlatan Ibrahimovic darf auch im Sommer 2015 im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.

Er wars! Zlatan Ibrahimovic darf auch im Sommer 2015 im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. (Keystone)

Nein, das ist kein guter Einstieg in einen Blogbeitrag. Der Textbeginn müsste sofort klarmachen, dass Sie auf den folgenden Zeilen etwas total Wichtiges erwartet. Sonst sind Sie, liebe Leserin, lieber Leser, weg in null Komma nichts. Gerade jetzt, da in Echtzeit mitverfolgt werden kann, ob in Saint-Denis gerade wieder Jagd auf Terrorverdächtige gemacht wird.

Wenn aber gerade Selbstmordattentäter und Kriegsgeheule die Nachrichten liefern, ist es verdammt schwierig, ausgerechnet einen Fussball-Blog als unverzichtbare Lektüre zu verkaufen. Natürlich, Fussballspiele sind derzeit gerade en vogue als Ziel terroristischer Anschläge. Sport war schon immer gefährdet, von Extremisten in Geiselhaft genommen zu werden. Sei es offiziell wie bei den Nazi-Spielen 1936 in Berlin. Oder durch Anschläge wie in München 1972.

Kein zusätzliches halb gares Geschreibsel

Die Frage ist berechtigt, ob es sinnvoll war, die Partie Deutschland gegen Holland im Vorfeld trotzig zum Symbol zu erklären. Andererseits erkannte der Philosoph Hermann Lübbe schon nach den Anschlägen des 11. September 20o1 in der «Basler Zeitung»: «Wir können ja nicht mit der Normalität des Lebens aufhören – auch schon allein deshalb, weil wir gar keine Einwirkungsmöglichkeiten darauf haben, wie sich das Ganze weltpolitisch entwickeln wird.»

Darum hier nicht noch ein zusätzliches halb gares Geschreibsel über die Attentate von Paris. Welchen neuen Gedanken gäbe es dazu noch zu verfassen? Viele intelligente und mindestens ebenso viele weniger intelligente Menschen haben uns schon ihre Schlussfolgerungen mitgeteilt oder aufgedrängt. Stattdessen also ein Fussball-Blogbeitrag.

Denn die Normalität des Lebens, sie hat am Dienstag tatsächlich bereits wieder stattgefunden. In den letzten Barrage-Spielen zur Europameisterschaft zum Beispiel, in denen Teams darum spielten, im kommenden Sommer nach Frankreich reisen zu dürfen, wo der Staatschef soeben einen Krieg ausgerufen hat. Aber lassen wir das. Schauen wir lieber diesen Freistoss an:

Womit ich an der Stelle wäre, an der ich Michel Platini danken möchte. Immerhin hat er erst ermöglicht, dass wir auf weitere Geniestreiche von Zlatan Ibrahimovic hoffen dürfen. Dieser Ibrahimovic soll ja in seiner Jugend in der schwedischen Banlieue-Nachahmung Rosengård nicht immer den Eindruck einer reibungslosen Integration in die westlich-bürgerliche Gesellschaft hinterlassen haben. Noch heute gefällt sich der Secondo in der Rolle des Enfant terrible.

Aber Platini hat ihm ja auch nicht bei der Integration in die Gesellschaft geholfen. So, wie es keine Berichte gibt, dass er mit seinem Beratersalär von zwei Millionen Franken, das er von Fifa-Präsident Sepp Blatter eingesteckt hat, ein Jugendzentrum in einer französischen Banlieue unterstützt hätte. Warum sollte er auch? Integriert hat er Ibrahimovic, indem er die EM auf 128 Teilnehmer aufgeblasen hat. Moment … Nein, es sind doch bloss 24. Bei 54 Bewerbern – Andorra, San Marino und Gibraltar mit eingerechnet.

Das reichte, damit sogar die Schweden in Frankreich dabei sind. Obwohl sie selbst mit Ibrahimovic und dem GC-Helden Kim Källström in den eigenen Reihen in ihrer Gruppe hinter Österreich und Russland bloss Rang drei belegt haben. Der Rest des schwedischen Teams muss also eine ziemliche Hummeltruppe sein, wie in meinem Dialekt eine unterdurchschnittlich talentierte Mannschaft genannt wird. (Kennen Sie andere schöne Ausdrücke?)

30 Sekunden für den Flug der Hummel

Und nun zur Musik, die Sie vielleicht gleich zu Beginn Ihrer Lektüre dieses Beitrags gehört haben. Es ist Sergei Rachmaninow, der den Flug der Hummel von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow interpretiert. Ich schlage vor, dass Sie sich jetzt knapp eine halbe Minute Zeit nehmen, hier unten erst noch einmal den Hummelflug starten, anschliessend sogleich das Video von Zlatans Zauberschuss.

Lassen Sie das Zusammenspiel von Musik und Flugbahn auf sich wirken. Denken Sie daran, dass Aerodynamiker 1930 ausgerechnet haben, dass eine Hummel eigentlich viel zu fett ist für ihre kleinen Flügel und darum gar nicht fliegen kann. Stellen Sie sich jene Hummeln vor, die davon völlig unbeeindruckt auf über 5000 Metern über Meer am Mount Everest herumsausen, was sie zu den am höchsten fliegenden Insekten der Erde macht. Und staunen Sie, dass erst 1996 mathematisch bewiesen wurde, dass die Hummel doch fliegen kann (Wirbel sind das Stichwort).

Und damit zurück in den News-Strom von Terror und Antiterror.

Psst … der FC Basel ist gar nicht gut

Florian Raz am Dienstag den 3. November 2015
Meister der Täuschung: Der FC Basel mag die Tabelle mit grossem Vorsprung anführen. Experten sind sich aber einig: Die Basler sind diese Saison gar nicht gut.

Meister der Täuschung: Der FC Basel mag die Tabelle mit grossem Vorsprung anführen. Experten sind sich aber einig: Gut sind diese Basler wirklich nicht.

Irgendeiner muss diese unangenehme Wahrheit mal an die Öffentlichkeit bringen. Bislang ist sie nur gewispert worden – in den Presseräumen und in den Interviewzonen der Schweizer Stadien. Fussballreporter, da nehme ich mich auf keinen Fall aus, sind so etwas wie die moderne Version der vielzitierten Waschweiber. Wer rechtzeitig vor dem Spiel da ist, um die vom Heimclub gesponserte Pasta zu futtern, erfährt so manches, was es danach nicht unbedingt bis in die Zeitungsspalten schafft.


Fussballreporter am Pasta-Büffet (Abbildung ähnlich).

Wer all die Informationen, Gerüchte und Meinungen gewissenhaft sammelt, der kann zu Erkenntnissen kommen, die anderen verborgen bleiben. Und dies hier ist so eine: Der FC Basel ist in dieser Saison gar nicht gut. Doch, doch, glauben Sie mir. Basel in Vaduz? Nicht gut. Basel gegen die Young Boys? Gar nicht gut. Basel in Zürich? Nicht so gut. Basel in Bern? Vielleicht halb gut, aber doch Verlierer.

So wird das geraunt vor den etwas angetrockneten Tortellini al pomodoro oder den leicht lampigen Spaghetti bolognese, beim Gang zu den Spielerinterviews und vor den Pressekonferenzen mit den Trainern. Und weil so viele Fachleute unmöglich falsch liegen können, hier der Blick auf eine durchschnittliche Super-League-Tabelle einer Saison, in der der FC Basel nicht gut spielt:

Tab SL

Was zur Frage führt: Wenn ein nicht gut spielender FCB vier Runden vor der Winterpause bereits weiss, dass er das neue Jahr als Leader beginnen wird, was sagt das dann über die Konkurrenz aus?

Wir könnten jetzt das lustige Lied von der Schweizer, Zitat Murat Yakin, «Gurkenliga» anstimmen. Aber wenn der aktuell Fünfte der Super League im Europacup gegen Rubin Kasan, Bordeaux und den grossartigen FC Liverpool (okay, jenen der Vor-Klopp-Ära) bestehen kann, darf das schon als Indiz für die eigentlich vorhandene Qualität in der Schweizer Liga gelten.

Wenn derselbe FC Sion danach aber spielt, als sei er ein komplett anderer und in Lugano 0:3 untergeht, dann sind wir aber schon mittendrin in der Antwort darauf, warum der FCB die Liga derart dominiert: Er ist ein Meister der Konstanz. Die Konkurrenz mag mal hier ganz grundsätzlich ein gutes Spiel zeigen und dort sogar eine starke Halbzeit gegen die Basler. Basel aber unterschreitet praktisch nie ein gewisses Niveau. Brillant mag das Team von Trainer Urs Fischer derzeit vielleicht nicht auftreten. Aber wer den FCB in einem Spiel schlagen will, der muss 90, 93 oder halt 95 Minuten lang besser sein. Und wer tatsächlich auch mal Meister werden möchte, muss 36 Runden lang durchhalten.

Diesen langen Atem hat in dieser Saison offenbar niemand. Die Grasshoppers können ihn gar nicht haben, so dünn ist ihr Kader aus finanziellen Gründen. Und jene Gegner, die sich vor der Saison als Herausforderer gebärdet haben? Kaum hatte die Saison begonnen, waren auch schon ihre Trainer entlassen. Und jetzt sind beim FC Zürich und den Young Boys Männer am Ruder, die für sich in Anspruch nehmen, mindestens bis zur Winterpause einfach mal eine Bestandesaufnahme zu machen und nebenbei noch etwas Aufbauarbeit für künftige Grosstaten zu leisten.

YB und der FCZ haben die Meisterschaft verloren, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Weil sie Ende letzter Saison nicht den Mut hatten, reinen Tisch zu machen und einen Neuanfang zu wagen. Stattdessen hofften sie nach durchzogenen Saisons darauf, dass sich alles irgendwie einrenken würde. Tat es aber nicht. Und mit dem Trainerwechsel warfen die beiden Clubs zugleich ihre ganze Sommervorbereitung auf den Misthaufen der Fussballgeschichte.


Ein hoffnungsfroher FCB-Konkurrent peilt hohe Ziele an (Abbildung sehr ähnlich).

Was jetzt noch bleibt im laaaangen Warten bis zum Saisonende, ist einerseits die Hoffnung auf einen plötzlichen, monatelangen Systemausfall in Basel, der noch etwas Spannung zurückbringen könnte. Und andererseits darauf, dass wenigstens die Young Boys die schon wieder eingeläutete Zwischensaison so nutzen, dass sie wenigstens 2016/17 endlich bereit sind, die Basler anzugreifen. Allen anderen Clubs traut man den Part des ernsthaften FCB-Konkurrenten ja schon gar nicht mehr zu.

Der Cup ist nicht tot

Florian Raz am Donnerstag den 24. September 2015
Die Koenizer Spieler jubeln nach ihrem 3:1 Sieg im 1/16 Final Fussball Cup Spiel zwischen dem FC Koeniz und dem Grasshopper Club Zuerich, am Freitag, 18. September 2015, auf dem Sportplatz Liebefeld Hessgut in Koeniz bei Bern. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Ungebändigte Freude: Die Könizer Spieler jubeln nach ihrem 3:1-Sieg im 1/16-Final gegen den Grasshopper-Club Zürich. Foto: Alessandro della Valle/Keystone

Ich gebe es zu: Ich habe auch schon Artikel geschrieben, in denen es um das Serbeln des Schweizer Cups ging. Steigende Sicherheitskosten für Amateurclubs, die von den Anhängern der grossen Vereine überfordert scheinen. Finalspiele, die nicht ausverkauft sind. Eine Hauptstadt, die es lieber hat, wenn das Endspiel in Basel stattfindet. Und wenn dann YF Juventus sein Heimspiel lieber nach Basel verschiebt, um den ganzen organisatorischen Problemen aus dem Weg zu gehen, ist die Schlussfolgerung schnell gemacht: Der Cup ist tot.

Nun hat es der Zufall so gewollt (oder waren es die reiseunlustigen Arbeitskollegen?), dass ich seit circa 15 Jahren immer auf einem Fussballplatz war, wenn die Teams aus der höchsten Liga in den Wettbewerb eingestiegen sind. Also habe ich mir noch einmal vor Augen geführt, was ich in der Zeit alles erlebt habe:

Ich war im südlichsten Tessin, knapp vor der Landesgrenze, wo die Zuschauer auf einem Erdhang unter der Dorfkirche gestanden sind. Ich war auf einer Matte im Luzernischen, wo das Dach einer Scheune der einzige Unterstand war; und der liebe Mensch, der den Internetanschluss herbeigezaubert hatte, leider nicht mehr wusste, wie das Passwort lautet. Ich bin in der Ostschweiz in einem Lastwagenanhänger gesessen, der uns Journalisten vor Schneeregen geschützt hat und nur einen Nachteil hatte: dass der Wind die Blache immer wieder mal vom Dach geblasen hat, sodass uns einige Spielszenen leider komplett verborgen blieben.

Ich habe gesehen, wie wackere Basler Old Boys den übergrossen Stadtrivalen FC Basel in die Nachspielzeit gezwungen haben. Und wie ein paar Jahre zuvor der Stern von Eren Derdiyok in ebendiesem Stadtderby aufgegangen ist, als ihm der Ehrentreffer für OB gelang. Ich habe erlebt, dass sich Reto Zanni nach einem Assist gegen den FC Liestal Fäuste ballend zur Bank der Gastgeber umgedreht hat, weil sich die Amateure zuvor über seine Flanken lustig gemacht hatten. Ich habe gehört, wie damals noch FCZ-Trainer Urs Meier den Fehler beim Schiedsrichter gesucht und gefunden hat, nachdem seine Mannschaft gegen die Black Stars erst in der Verlängerung gewonnen hatte.

Ich habe Präsidenten erlebt, die strahlend erklärten, dass sie mit den Einnahmen des Spiels gegen einen Super-Ligisten eine neue Garderobe bauen könnten. Und solche, die fast vor Stolz platzten, weil sie im VIP-Talk vor dem Spiel mit FCB-Amtskollege Bernhard Heusler ein paar Worte wechseln durften. Ich sah einen tollen Cup-Fight des FC Wil gegen einen Champions-League-Achtelfinalisten und wie der FC Biel den Schweizer Meister bezwang. Ich hörte den Jubel über das eine Tor des FC Tavannes-Tramelan gegen den FCZ und die Freude aus den Worten all jener Goalies, die mal gegen einen Nationalspieler einen Schuss halten konnten.

Und wie ich mich noch einmal an all das erinnere, bleibt für mich nur eine Schlussfolgerung: Der Cup ist nicht tot. Er lebt. Zumindest in den ersten Runden, in denen Klein auf Gross trifft. Die Endspiele dagegen, ich gebe es zu: Die habe ich meist ausgelassen. Der Zauber des Cupfinals – er schien mir wirklich abhandengekommen. Bis ich in diesem Frühsommer das Glück hatte, mitzuerleben, wie laut geschätzte 20’000 Walliser und Walliserinnen sein können.

Gut, ich spüre, dass ich Sie noch nicht überzeugen konnte. Sind ja auch alles nur subjektive Erzählungen. Also habe ich ein paar Fakten zusammengetragen, die meine zugegebenermassen leicht wacklige Argumentation stützen könnten. Zum Beispiel der Cupfinal Servette – Grasshoppers am 4. Juni 1978: 18’000 Zuschauer waren im Wankdorf. Ausverkauft waren die Finalspiele also auch schon früher nicht.

Und dann noch dies: Die Kleinen scheinen so stark wie kaum einmal! Seit 2012 ist noch jedes Jahr mindestens ein Super-Ligist gegen einen Amateurclub ausgeschieden, der mindestens drei Ligen unter ihm gespielt hat.

Gut, Zahlen überzeugen Sie auch nicht. Dann schauen Sie sich an, wie die Spieler des SV Muttenz reagieren, als sie erfahren, dass sie gegen den FC Basel spielen dürfen:

Emotionale Reaktion auf die Auslosung SV Muttenz – FC Basel. Quelle: Youtube

Der Cup lebt.

Bitte mit dem Trainer nicht über Fussball sprechen!

Florian Raz am Mittwoch den 2. September 2015
Sami Hyypiae, neuer Trainer des FC Zuerich, waehrend seiner 1. Trainingseinheit mit der Mannschaft des FCZ in der Sportanlage Allmend-Brunau in Zuerich, am Montag, 31. August 2015. (KEYSTONE/Dominic Steinmann)

Fussball? Wer spricht hier von Fussball? Sami Hyypiä bei seiner ersten Trainingseinheit mit dem FCZ. Foto: Dominic Steinmann (Keystone)

Kennen Sie den schon? Fährt ein Schweizer während des Zweiten Weltkriegs nach Berlin, um Adolf Hitler von einem Kriegsende zu überzeugen. Doch als er schon in Berlin in der Strassenbahn ist, kommt er von seinem Vorkommen ab und reist unverrichteter Dinge wieder ab. Warum? Weil über dem Tramfahrer ein Schild angebracht ist: «Bitte nicht mit dem Führer sprechen!» Ha, ha! Hat mir mein Grossvater (ein Kommunist) immer wieder gerne erzählt.

Was das mit Fussball zu tun hat? Natürlich nichts. Und irgendwie doch etwas. In den Sinn gekommen ist mir der alte Witz, als ich die Texte über den ersten Auftritt von Sami Hyypiä gelesen habe. Da ist mir wieder einmal ein Muster aufgefallen, das sich recht häufig in Gesprächen mit Trainern zeigt. Es haben also Reporter den neuen Trainer des FC Zürich tatsächlich gefragt, wie er seine Mannschaft künftig spielen lassen will. Aber da hat der Finne natürlich sofort abgewunken: «Die Konkurrenz soll meine Pläne nicht aus der Zeitung erfahren.»

FCZ-Cheftrainer Sami Hyypiae spricht anlaesslich einer Medienkonferenz und zu seiner Praesentation als neuer FCZ-Cheftrainer, im Medienraum des Stadion Letzigrund, in Zuerich,  am Freitag, 21. August 2015. (KEYSTONE/Anthony Anex)..Sami Hyypiae is presented as the new head coach of the soccer club FC Zurich, FCZ, during a press conference at the media center in the Letzigrund Stadium in Zurich on Friday August 21 2015. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Fragen zum Thema Fussball können leider nicht beantwortet werden: Sami Hyypiä an der Pressekonferenz zu seiner Nomination. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Wir Sportjournalisten werden oft (und oft zu Recht) für unsere reichlich bescheuerten Fragen gegeisselt. «Wie fühlen Sie sich?» «Wie haben Sie sich gefühlt?» Und natürlich, ganz wichtig: «Wie werden Sie sich fühlen?» Aber versuchen Sie mal, mit einem Fussballtrainer über seine Ideen zu reden! Es scheint so, als sei da ein Schild angebracht: «Bitte mit dem Trainer nicht über Fussball sprechen!»

Es folgen hier die am häufigsten genannten Gründe, weswegen der Trainer auf eine fussballspezifische Frage leider nicht antworten kann. Und – Respekt, Herr Hyypiä! – der neue FCZ-Mann hat am ersten Tag immerhin schon fünfzig Prozent verwendet.

  1. Der Gegner soll nicht zu viele Informationen erhalten! Ja, klar. Weil die Konkurrenz natürlich bloss Zeitung liest – und nicht einfach eine Video-Analyse macht.
  2. Hach, es fehlt einfach die Zeit, ist ja alles so komplex! «Wir könnten hier über eine halbe Stunde lang das Spiel analysieren», sagt also Hyypiä zum 1:3 seines FCZ in Basel. «Ja, bitte!», möchte der Journalist rufen. Aber wirklich eine halbe Stunde mit der Presse ein Spiel analysieren? Also bitte!
  3. Da müsste man ja über alle anderen auch reden! Es ist der Klassiker von Ex-FCB-Trainer Paulo Sousa (und ich vermute, Hyypiä hat den auch drauf). Wurde der Portugiese in Basel auf einen Spieler angesprochen, brummte er in seinem sonoren Bass: «Dann müsste ich ja zu jedem anderen Spieler auch etwas sagen.» «Ja, bitte!», habe ich tatsächlich einmal gerufen. Die Analyse des gesamten Kaders hat sich dann doch nicht ergeben.
  4. Ich muss mich doch nicht rechtfertigen! Als Urs Fischer nach dem 1:1 seines FCB in Tel Aviv gefragt wurde, was ihn dazu bewogen habe, Innenverteidiger Daniel Hoegh durch Walter Samuel zu ersetzen, befand er, das sei eine «unberechtigte Frage».

Ein Thema gibt es, über das viele Fussballtrainer gerne sprechen – wenn auch meist bloss im Vertrauten: den Hang der Medien, sich auf komplette Nebensächlichkeiten zu stürzen und Unruhe zu schüren, wo keine ist. Anstatt einfach mal über Fussball zu berichten!

Nulltoleranz jetzt!

Florian Raz am Donnerstag den 7. Mai 2015
Unschöne Szenen in der Langstrasse. Ein 6-Punkte-Plan könnte sie verhindern.

Unschöne Szenen in der Langstrasse. Ein 8-Punkte-Plan könnte sie verhindern. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Die Langstrasse, Zürichs Ausgehmeile par excellence, droht wegen einiger weniger für viele zum grössten Ärgernis zu werden. Anwohner klagen über zu viel Lärm, eine kurdische Motorradgang provoziert einen Grosseinsatz der Polizei, wegen einer Schlägerei mussten die Gesetzeshüter die Strasse sperren.

Klar ist: Jetzt muss etwas geschehen. Viele Väter trauen sich nicht mehr, mit ihren Söhnen in der Langstrasse ins Puff zu gehen, um das traditionelle «1. Mal» zu feiern, weil sie fürchten, von einem betrunkenen Polier mit Benzin übergossen zu werden. So kann es nicht weitergehen. Zumal es der Steuerzahler ist, der für die Einsätze der Polizei tief ins Portemonnaie greifen muss.

Ich fordere deshalb: Nulltoleranz jetzt! Und weiss Andreas Brunner hinter mir, den ehemals Leitenden Oberstaatsanwalt des Kantons Zürich. Der schreibt in der «SonntagsZeitung» sehr zu Recht: «Die nächsten Schritte sollten ohne Rücksicht auf radikale und leider auch friedfertige Partygänger erfolgen, geht es doch um die Kultur Langstrasse.»

Bereits soll Hans-Jörg Käser, der Präsident der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD), mit Fachleuten zu einer Reise nach Grossbritannien aufgebrochen sein, wo sich konsequente Massnahmen gegen Ausgänger (Ausgeher?) in einem erfreulichen Pub-Sterben manifestieren.

Lächerlich, dass Club- und Bar-Besitzer versuchen, die Verantwortung abzuschieben, indem sie behaupten, den Lärm ausserhalb ihrer Schuppen und den Drogenkonsum ganz allgemein nicht gross beeinflussen zu können.

Leider funktioniert auch die viel zitierte Selbstregulierung des Partyvolkes nur ungenügend. Dabei wäre es doch wirklich nicht zu viel verlangt, wenn die ach so friedliebenden Feierabendgänger ihren Einfluss geltend machen würden auf Drogenhändler, Messerstecher und Schusswaffenbesitzer.

Was zu tun ist, liegt auf der Hand. Ich präsentiere meinen 8-Punkte-Plan:

  1. In Hochrisiko-Nächten (Freitag, Samstag, Zahltag) darf an der Langstrasse nur noch alkoholfreies Bier ausgeschenkt werden. Mit Ausnahme der VIP-Zonen in Clubs, wo der Champagner natürlich weiterhin fliessen darf.
  2. Die Clubbetreiber müssen bei der Polizei für jede Party eine Bewilligung einholen.
  3. Leider sind es immer wieder Partygänger von auswärts, die für Probleme sorgen. Sie dürfen deswegen künftig nur noch mit sogenannten Party-Bussen an-  und auch wieder abreisen. Als Sammelplatz für Aargauer Langstrasse-Fahrer bietet sich Lenzburg an.
  4. Führen sich auswärtige Partygänger schlecht auf, wird die Langstrasse für Auswärtsfeiernde gesperrt.
  5. Vor dem Eintritt in die Langstrasse müssen sich alle einer strengen Personenkontrolle unterziehen. Bei berechtigtem Verdacht auf Drogen-Schmuggel ist eine Intimkontrolle durch die Polizei möglich.
  6. Die Clubbesitzer werden angehalten, ihre Kundschaft schon im Eingangsbereich durch private Firmen filmen zu lassen und diese Aufnahmen später der Polizei zu übergeben.
  7. Gerade auf Tanzflächen kommt es immer wieder zu unkontrollierbaren Situationen, die zu Gewalt führen (falsche Freundin angetanzt, Bier über das T-Shirt des Nachbarn geleert). Deswegen sind in Clubs und Bars nur noch fix vergebene Sitzplätze erlaubt.
  8. Wer sich unangemessen aufführt (Bier mit Alkohol in der Hand, lautes Lachen, Joint), erhält ein Rayonverbot. Bei Wiederholung wird eine Meldepflicht ausgesprochen auf dem lokalen Polizeiposten (Dienstag–Samstag).

Ich bin mir sicher, dass mit diesen einfach umzusetzenden Massnahmen schon bald Ruhe, Friede und auch ein wenig Freude herrschen wird an der Langstrasse.

Was dieser Blog mit Fussball zu tun hat? Das ist mir soeben entfallen.