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So wird der neue GC-Präsident scheitern

Guido Tognoni am Mittwoch den 27. März 2019

Der neue GC-Präsident Stephan Rietiker am 27. März in Zürich. (Foto: Keystone/Walter Bieri)

«Ich will den Club wie ein Unternehmen führen», sagt der neue Grasshopper-Präsident Stephan Rietiker.

Ein tödlicher, verbotener, unsäglich dummer Satz! Wenn ein neuer Präsident im Schweizer Eishockey oder Fussball einen Verein übernimmt, darf er grundsätzlich jeden Unsinn erzählen. Er darf auch damit kokettieren, dass er von Fussball und Eishockey nichts versteht. Schliesslich sind alle glücklich, dass man überhaupt einen neuen Präsidenten gefunden hat. Aber der neue Präsident darf niemals sagen, dass er den Club wie ein Unternehmen führen will. Damit offenbart er, dass er von Sport wirklich gar nichts versteht. Und dass die PR-Abteilung seines Clubs gegenüber dem neuen Präsidenten versagt und ihn schlampig auf seinen ersten Auftritt vorbereitet hat.

Stephan Rietiker hat nur dann eine Chance, wenn er das Gegenteil von dem macht, was er verspricht: Er darf den Club nicht wie ein Unternehmen führen. Rietiker wird sehr schnell lernen: Ein Sportclub ist eben kein normales Unternehmen. Das hat schon jeder erfahren und erleiden müssen, der gemeint hat, er müsse nur die Führungstheorien der Handelshochschule St. Gallen anwenden und sogleich kehre der Erfolg ein. Wer aus der Privatindustrie aus was für Gründen auch immer von Sportkenntnissen völlig unbeleckt einen professionellen Sportclub übernimmt, wird mit solchen Prinzipien eine Bruchlandung erleiden. Die Namensliste erfolgreicher Unternehmer und anderer Berufsleute, die im Sport mit den sogenannten modernen Managementversprechen gescheitert sind, ist noch länger als die Liste der in jüngster Vergangenheit gescheiterten GC-Präsidenten.

Fussball ist unberechenbar

Fussball ist nicht Bücherwissen. Fussball lernt auch niemand aus den zahllosen Managementfibeln, die den Markt überschwemmen. Fussball ist nicht berechenbar. In der Wirtschaft gibt es keine Zerrungen, Kreuzbandrisse, Hands im Strafraum und Fehlentscheidungen der Schiedsrichter, die über das Haben oder Nichthaben von 50 Millionen entscheiden. Und im Gegensatz zur übrigen Wirtschaft ist im Fussball der Instinkt für sportliche Entwicklungen viel wichtiger als hohle Führungsprinzipien (die zudem auch in der Wirtschaft oft nicht praktikabel sind). 50 Prozent aller Fussballtransfers und Trainerengagements sind Flops. Das ist auch in hoch professionalisierten Vereinen der Fall. Aber ein guter Präsident verhindert, dass die Flopquote Richtung 100 Prozent tendiert, und passt auf, dass er mit den übrigen 50 Prozent halbwegs Erfolg hat.

Stephan Rietiker wird zu Beginn seiner Amtszeit mit reichlich Geld aus der Grasshopper-Trutzburg eingedeckt. Aber Geld ist nur eines von vielen Problemen des einstigen Nobelclubs. Und Geld wird niemals das ersetzen, was bei den Grasshoppers in den vergangenen Jahren gefehlt hat: sportliche Führungskompetenz. Wenn Stephan Rietiker seine für den Sport aussichtslosen Führungsprinzipien nicht sogleich über Bord wirft, wird sich daran nichts ändern.

Eine grosse Kerze für Anliker, eine kleine für Canepa – und eine für Vincenz

Guido Tognoni am Montag den 4. März 2019

Sie bezahlen selber für ihre Fehler, und das ziemlich teuer: FCZ-Präsident Ancillo Canepa (l.) und GC-Präsident Stephan Anliker. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Die Grasshoppers liegen im Elend. Dem FC Zürich könnte es auch besser gehen. Dass sich GC-Präsident Stephan Anliker nach einer weiteren Niederlage am Samstag im Letzigrund einer empörten Fan-Gruppe zum primitiven Disput gestellt hat, ist einerseits ein Tiefpunkt in der Abwärtsspirale des ehemaligen Nobelclubs, aber andererseits doch sehr bemerkenswert. Da steht einer hin und lässt sich mit Hohn und Spott übergiessen. Er ist jener Mann, der zurzeit dafür sorgt, dass beim Rekordmeister noch immer die Löhne gezahlt werden, auch wenn die wichtigsten Angestellten seit Monaten kaum mehr einen Ball richtig treffen.

Eine grosse Kerze für Stephan Anliker, und eine etwas kleinere für das Ehepaar Canepa, dessen FCZ auch Millionen kostet, aber wenigstens nicht in Abstiegsgefahr schwebt. Es kann ja durchaus sein, dass Stephan Anliker zu wenig von Fussball versteht und dass Heliane und Ancillo Canepa immer wieder Fehler machen. Aber falls man die sportlichen Fehlentwicklungen an diesen Personen festmachen will, so bleibt doch immer noch das Fazit, dass sie für ihre Fehler selber bezahlen, und das ziemlich teuer.

Millionen aus dem eigenen Sack

Wenn Politiker etwa für Olympische Winterspiele Milliarden an Steuergeldern freigeben wollen und dabei den unbewiesenen volkswirtschaftlichen Nutzen einer solchen masslos überteuerten Kurzveranstaltung simulieren, ist keiner von ihnen bereit, auch nur einen Tausender in ein solch wunderbares Projekt zu investieren. Fussballpräsidenten in Zürich hingegen müssen jedes Jahr von Neuem Millionen aus den eigenen Brieftaschen graben, um den Vereinsbetrieb am Leben zu erhalten. Und sie müssen sich dafür auch noch rechtfertigen – ein geradezu perverses Hobby, die Führung eines Schweizer Fussballclubs.

Dank Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz fliessen der Super League Millionen zu. Foto: Keystone

Raiffeisen Super League heisst das Gebilde, in dem die Anlikers und Canepas und viele andere Privatpersonen viel Geld verlieren. Jener Mann, welcher der Liga mit einem grossen Sponsor-Betrag aus seinem Unternehmen den Namen gab und ermöglicht, dass die Defizite der Clubs etwas geringer ausfallen, hat seinen persönlichen Abstieg bereits vollzogen. Dank dem gefallenen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz fliessen der Super League Millionen zu, auch wenn der Fussball nicht super ist, wie die jüngsten Vergleiche auf internationaler Ebene gezeigt haben.

Gesellschaftlich ist Vincenz tief gefallen, das moralische Fallbeil hat den zuvor weitherum gefeierten Banker erledigt. Doch ob es der Zürcher Staatsanwaltschaft bei allem lang andauernden Eifer gelingt, ihn mit einer handfesten Anklage auch juristisch zur Strecke zu bringen, ist immer noch offen. Bis es so weit ist, sollten die Fussballer auch für ihn eine Kerze anzünden, zumindest eine kleine.

Die ständigen Hoffnungen aus der Ferne

Guido Tognoni am Donnerstag den 31. Januar 2019

Es ist noch kein Meister auf den Rasen gefallen: Letzikids-Camp des FC Blue Stars und des FC Zürich. (Foto: Keystone/Gaetan Bally)

Das Zürcher Fussballpublikum sollte sich – so ist zu hoffen – in der Rückrunde an neue und junge Spieler gewöhnen: Aly Mallé (Grasshopper), Salah Aziz Binous, Leven Kharaladze und Nicolàs Andereggen (alle FCZ) heissen die Hoffnungsträger, von denen nur Nicolás Andereggen vom Namen her an Nachfahren der Schlacht am Morgarten erinnert. Aber auch er kommt aus fernen Landen, nämlich aus Argentinien. Alle diese Spieler sind 18, 19 oder 20 Jahre alt. Die beiden Zürcher Clubs machen nur das, was von Bayern München bis Liverpool alle Vereine tun: Sie schürfen im Ausland nach Rohdiamanten. Solche sind bekanntlich selten, und ob ein Spieler vom Rohzustand zum Schmuckstück geschliffen werden kann, bleibt offen. Die Ausfallquote, gleichbedeutend mit zerstörten Hoffnungen von jugendlichen Spielern, die Nachfolge Messis und Ronaldos antreten zu können, ist sehr gross.

Wenn man sich die Namen der neuen Spieler von GC und des FCZ vor Augen hält, drängen sich zwei Fragen auf: Ist das Reservoir an förderungswürdigen Nachwuchstalenten, die aus dem Balkan stammen, in der Schweiz zu Fussballern ausgebildet worden sind und unseren Fussball immer noch prägen, am Versiegen? Wenn ja, würde das heissen, dass der Heisshunger auf Fussball bei der neuen, in der Schweiz aufgewachsenen Generation bereits gestillt ist? Anders gefragt: Hat unser Wohlstand die jungen Sportler aus dem Balkan bereits ebenso geprägt wie die ursprünglichen Schweizer?

Zu wenig Geduld mit dem eigenen Nachwuchs?

Es ist ein seltsames und bemerkenswertes Phänomen, wie sehr im Clubfussball die Mannschaften von ausländischen Spielern geprägt werden. Wenn etwa die Grasshopper keinen Schweizer Namen in der Startelf aufführen, stehen sie und andere Schweizer Clubs beileibe nicht allein da. Legendär sind die Aufstellungen von Arsène Wenger bei Arsenal, in denen sich oft kein britischer Spieler befand. Aber auch etwa bei Borussia Dortmund sind die Schulzes und Kunzes mittlerweile fast seltener als die Schweizer Namen. Und wie viele eigene Spieler bringt Bayern München aus der aufwendigen und als vorbildlich bezeichneten Nachwuchsbewegung in die erste Mannschaft hervor? Sie sind über Jahre hinweg an einer Hand abzuzählen. Stattdessen kaufen auch die Bayern für Millionen Jugendliche aus dem Ausland.

Die Debatte, ob sich eine Nachwuchsabteilung lohnt (sie lohnt sich rein kaufmännisch nicht), ist nutzlos. Allein als Fabrik der Träume für die Jugend hat die Nachwuchsarbeit eines jeden noch so kleinen Clubs eine wichtige soziale Aufgabe, ganz abgesehen von den sportlichen Ergebnissen. Der Unterschied zwischen Nachwuchsspielern aus den eigenen Reihen und zugekauften vermeintlichen oder echten Talenten besteht vor allem in der Geduld. Wenn die Jungen aus dem eigenen Nachwuchs auf gleich viel Geduld und Nachsicht zählen könnten, wie die Clubs mit eingekauften Spielern üben, wäre die Erfolgsquote grösser. Nicolás Andereggen ist Mittelstürmer, 19 Jahre alt und bringt statistische Werte mit vielen Nullen in die Schweiz mit. In einigen Monaten werden wir die Frage beantworten können, ob Willi Huber aus Schwamendingen, Benjamin Meier aus Wiedikon oder Peter Rüdisühli aus Affoltern die gleiche Chance wie der zugekaufte Hoffnungsträger aus San Jeronimo Norte verdient hätten.

Ist Caio dumm oder superschlau?

Guido Tognoni am Donnerstag den 1. Juni 2017

Hier blieb Caio brav: 2016 war das Tor gegen Sion gefallen, aber das T-Shirt noch an. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Es gibt im Fussball Regeln, über deren Sinn oder Unsinn man lange diskutieren könnte. Beispielsweise über die Anweisung an die Schiedsrichter, eine Verwarnung auszusprechen, wenn ein Spieler – meist als Verstärkung des Torjubels – sich sein Leibchen vom Körper reisst. Das ist sportlich völlig bedeutungslos, jedenfalls hundertmal weniger schlimm, als einem Gegner in die Fussknöchel zu fahren. Aber die Regel ist nun mal seit vielen Jahren da, und den Schiedsrichtern bleibt nichts anderes übrig, als sie anzuwenden. Genauso gibt es eine Verwarnung, wenn ein Spieler – ebenfalls im Freudenrausch – die Umzäunung hochklettert, um sich von den Fans feiern zu lassen und sie abzuklatschen. Wer also Fussball spielt, der weiss, dass er in seiner Freude zwar Mitspieler, den Coach, die Eckfahne und vielleicht sogar den Schiedsrichter abknutschen darf, aber er darf nicht sein Leibchen ausziehen.

Erstaunlich nur, dass viele Spieler, die vom Fussball leben, das immer noch nicht wahrhaben wollen. Jedes Jahr, immer wieder, überall. Der vielfache GC-Torschütze Caio ist einer von ihnen. Er schaffte es, im zweitletzten Auftritt der Meisterschaft nach seinem Freistosstreffer zum vorübergehenden 1:1 gegen Meister Basel durch einen euphorischen Striptease sich jene Gelbe Karte einzuhandeln, die ihm zum Saisonende eine Spielsperre einbrachte. Caio fehlt somit im letzten Spiel. Ein Glück für die Grasshoppers und Caio selbst, dass sich der Rekordmeister bereits vor einiger Zeit vor dem Abstieg gerettet hat. Caio ist an seinen guten Tagen etwa 30 Prozent der Grasshoppers wert, und die Vorstellung, dass die Zürcher im letzten Saisonspiel in Sion ohne den Brasilianer um den Ligaerhalt hätten kämpfen sollen, müsste sowohl den Verantwortlichen als auch den Fans grosses Magenbrennen verursachen.

Verdächtige Todesfälle

Es gibt taktische Fouls, für die man Verständnis aufbringen kann. Und wenn ein Verteidiger mit der Hand auf der Linie für seinen geschlagenen Torhüter abwehrt, leistet er seinem Team unter Umständen trotz der folgenden Roten Karte und des unausweichlichen Elfmeters einen grossen Dienst. Wer aber durch das Ausziehen des Leibchens seine Mannschaft schwächt, muss sich die Frage gefallen lassen: Wie dumm darf ein Fussballer sein?

Oder war unser Caio nicht dumm, sondern superschlau? Von brasilianischen und afrikanischen Fussballern wissen wir, dass viele von ihnen wenn immer möglich ihre Aufenthalte in der Heimat verlängern. Die Häufung der fernen familiären Todesfälle zum Zeitpunkt, an dem die Trainingslager beginnen, ist längst auffällig. Und welcher Coach mag schon einem Spieler die «Ferien» verderben, wenn er wegen der Ehrung von Toten zu spät ins Trainingslager einrückt? Wie auch immer: Caio weilt längst in Südamerika. Die Gelbe Karte vom Sonntag hat ihm einen letzten Einsatz erspart. Ferien in Brasilien sind schöner als ein Pflichtspiel im Wallis.

Die Grasshoppers im Dorf der Osterhasen

Guido Tognoni am Dienstag den 4. April 2017

Carlos Bernegger bei seinem ersten Training im GC-Campus in Niederhasli. Foto: Siggi Bucher (Keystone)

Die Clubadresse der Grasshoppers ist Niederhasli. Nicht etwa Oberhasli. Richtig: Nie-der-has-li. Der Rekordmeister lässt sich seine Post nach Nie-der-has-li schicken. Wer denkt an Fussball, wenn man den Namen Niederhasli hört? Der Osterhase passt zu Niederhasli, eine weltberühmte Kaninchenzucht würde auch passen, ein grossartiges Jodelchörli («Echo vom Niederhasli») ebenfalls, sicher auch ein Verein von Freunden der Modelleisenbahn. Aber Spitzenfussball?

Am Sonntagnachmittag lagen die Grasshoppers aus Nie-der-has-li während einiger Zeit auf dem letzten Rang, und wären die tapferen Vaduzer aus dem ausländischen Liechtenstein nicht in der Nachspielzeit gegen die Young Boys, nach dem FC Basel die zweitteuerste Mannschaft der Schweiz, eingebrochen, würde der Rekordmeister aus Niederhasli mindestens eine Woche lang die rote Laterne tragen müssen. 1. FC Basel, 10. FC Niederhasli. Unglaublich.

Schwamendingen liegt näher

Es war gewiss eine löbliche Absicht der damaligen Führungsriege der Grasshoppers, in der Provinz ein Fussballzentrum zu bauen. Allerdings ist Zürich nicht Afrika, wo junge, völlig mittellose Spieler nicht nur trainiert, sondern auch gepflegt und ernährt werden müssen. In der Schweiz werden die Jungs, vor allem jene aus den Balkanländern, von ihren Eltern und Verwandten gezielt und unter grossen persönlichen Opfern in den Fussball erzogen und aufgebaut. Die Familien stehen ihren Hoffnungsträgern jahrelang bei. Seitdem die Grasshoppers ihr Camp in Niederhasli eingeweiht haben, kommen die besten Nachwuchsspieler nicht etwa von GC, sondern aus der Schule des FC Zürich. Schwamendingen liegt näher als Niederhasli.

Ein Student muss drinliegen

Es mag Zufall sein oder auch nicht, aber seitdem die Grasshoppers Niederhasli besiedelt haben, geht es nicht aufwärts, sondern abwärts. Der sogenannte Campus hängt als finanzieller Bleifuss am Club, und die Spiele im Durchzugstadion Letzigrund anstelle des voreilig zertrümmerten Hardturm sind für den heimatlosen Verein Strafaufgaben. Irgendetwas läuft schief beim ehemaligen Nobelclub. Ein Wechsel von Niederhasli nach Oberhasli wäre wenigstens vom Klang des Namens her ein kleiner Fortschritt, würde jedoch kaum grosse Besserung bringen. Aber die Grasshoppers müssen eine Zeitenwende erzwingen, bevor es zu spät ist. Zumindest ein Postfach in Zürich müsste es sein. Grasshopper-Club, Postfach, 8021 Zürich ist jedenfalls besser als Postfach 377, 8155 Niederhasli. Ein Student oder Nachwuchsspieler, der die Briefe täglich nach Niederhasli bringt, muss im 20-Millionen-Budget drinliegen.

Grasshoppers im Postfach in Niederhasli – so etwas geht einfach nicht.

Terror, Zlatan Ibrahimovic und der Flug der Hummel

Florian Raz am Donnerstag den 19. November 2015
Er wars! Zlatan Ibrahimovic darf auch im Sommer 2015 im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.

Er wars! Zlatan Ibrahimovic darf auch im Sommer 2015 im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. (Keystone)

Nein, das ist kein guter Einstieg in einen Blogbeitrag. Der Textbeginn müsste sofort klarmachen, dass Sie auf den folgenden Zeilen etwas total Wichtiges erwartet. Sonst sind Sie, liebe Leserin, lieber Leser, weg in null Komma nichts. Gerade jetzt, da in Echtzeit mitverfolgt werden kann, ob in Saint-Denis gerade wieder Jagd auf Terrorverdächtige gemacht wird.

Wenn aber gerade Selbstmordattentäter und Kriegsgeheule die Nachrichten liefern, ist es verdammt schwierig, ausgerechnet einen Fussball-Blog als unverzichtbare Lektüre zu verkaufen. Natürlich, Fussballspiele sind derzeit gerade en vogue als Ziel terroristischer Anschläge. Sport war schon immer gefährdet, von Extremisten in Geiselhaft genommen zu werden. Sei es offiziell wie bei den Nazi-Spielen 1936 in Berlin. Oder durch Anschläge wie in München 1972.

Kein zusätzliches halb gares Geschreibsel

Die Frage ist berechtigt, ob es sinnvoll war, die Partie Deutschland gegen Holland im Vorfeld trotzig zum Symbol zu erklären. Andererseits erkannte der Philosoph Hermann Lübbe schon nach den Anschlägen des 11. September 20o1 in der «Basler Zeitung»: «Wir können ja nicht mit der Normalität des Lebens aufhören – auch schon allein deshalb, weil wir gar keine Einwirkungsmöglichkeiten darauf haben, wie sich das Ganze weltpolitisch entwickeln wird.»

Darum hier nicht noch ein zusätzliches halb gares Geschreibsel über die Attentate von Paris. Welchen neuen Gedanken gäbe es dazu noch zu verfassen? Viele intelligente und mindestens ebenso viele weniger intelligente Menschen haben uns schon ihre Schlussfolgerungen mitgeteilt oder aufgedrängt. Stattdessen also ein Fussball-Blogbeitrag.

Denn die Normalität des Lebens, sie hat am Dienstag tatsächlich bereits wieder stattgefunden. In den letzten Barrage-Spielen zur Europameisterschaft zum Beispiel, in denen Teams darum spielten, im kommenden Sommer nach Frankreich reisen zu dürfen, wo der Staatschef soeben einen Krieg ausgerufen hat. Aber lassen wir das. Schauen wir lieber diesen Freistoss an:

Womit ich an der Stelle wäre, an der ich Michel Platini danken möchte. Immerhin hat er erst ermöglicht, dass wir auf weitere Geniestreiche von Zlatan Ibrahimovic hoffen dürfen. Dieser Ibrahimovic soll ja in seiner Jugend in der schwedischen Banlieue-Nachahmung Rosengård nicht immer den Eindruck einer reibungslosen Integration in die westlich-bürgerliche Gesellschaft hinterlassen haben. Noch heute gefällt sich der Secondo in der Rolle des Enfant terrible.

Aber Platini hat ihm ja auch nicht bei der Integration in die Gesellschaft geholfen. So, wie es keine Berichte gibt, dass er mit seinem Beratersalär von zwei Millionen Franken, das er von Fifa-Präsident Sepp Blatter eingesteckt hat, ein Jugendzentrum in einer französischen Banlieue unterstützt hätte. Warum sollte er auch? Integriert hat er Ibrahimovic, indem er die EM auf 128 Teilnehmer aufgeblasen hat. Moment … Nein, es sind doch bloss 24. Bei 54 Bewerbern – Andorra, San Marino und Gibraltar mit eingerechnet.

Das reichte, damit sogar die Schweden in Frankreich dabei sind. Obwohl sie selbst mit Ibrahimovic und dem GC-Helden Kim Källström in den eigenen Reihen in ihrer Gruppe hinter Österreich und Russland bloss Rang drei belegt haben. Der Rest des schwedischen Teams muss also eine ziemliche Hummeltruppe sein, wie in meinem Dialekt eine unterdurchschnittlich talentierte Mannschaft genannt wird. (Kennen Sie andere schöne Ausdrücke?)

30 Sekunden für den Flug der Hummel

Und nun zur Musik, die Sie vielleicht gleich zu Beginn Ihrer Lektüre dieses Beitrags gehört haben. Es ist Sergei Rachmaninow, der den Flug der Hummel von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow interpretiert. Ich schlage vor, dass Sie sich jetzt knapp eine halbe Minute Zeit nehmen, hier unten erst noch einmal den Hummelflug starten, anschliessend sogleich das Video von Zlatans Zauberschuss.

Lassen Sie das Zusammenspiel von Musik und Flugbahn auf sich wirken. Denken Sie daran, dass Aerodynamiker 1930 ausgerechnet haben, dass eine Hummel eigentlich viel zu fett ist für ihre kleinen Flügel und darum gar nicht fliegen kann. Stellen Sie sich jene Hummeln vor, die davon völlig unbeeindruckt auf über 5000 Metern über Meer am Mount Everest herumsausen, was sie zu den am höchsten fliegenden Insekten der Erde macht. Und staunen Sie, dass erst 1996 mathematisch bewiesen wurde, dass die Hummel doch fliegen kann (Wirbel sind das Stichwort).

Und damit zurück in den News-Strom von Terror und Antiterror.

Psst … der FC Basel ist gar nicht gut

Florian Raz am Dienstag den 3. November 2015
Meister der Täuschung: Der FC Basel mag die Tabelle mit grossem Vorsprung anführen. Experten sind sich aber einig: Die Basler sind diese Saison gar nicht gut.

Meister der Täuschung: Der FC Basel mag die Tabelle mit grossem Vorsprung anführen. Experten sind sich aber einig: Gut sind diese Basler wirklich nicht.

Irgendeiner muss diese unangenehme Wahrheit mal an die Öffentlichkeit bringen. Bislang ist sie nur gewispert worden – in den Presseräumen und in den Interviewzonen der Schweizer Stadien. Fussballreporter, da nehme ich mich auf keinen Fall aus, sind so etwas wie die moderne Version der vielzitierten Waschweiber. Wer rechtzeitig vor dem Spiel da ist, um die vom Heimclub gesponserte Pasta zu futtern, erfährt so manches, was es danach nicht unbedingt bis in die Zeitungsspalten schafft.


Fussballreporter am Pasta-Büffet (Abbildung ähnlich).

Wer all die Informationen, Gerüchte und Meinungen gewissenhaft sammelt, der kann zu Erkenntnissen kommen, die anderen verborgen bleiben. Und dies hier ist so eine: Der FC Basel ist in dieser Saison gar nicht gut. Doch, doch, glauben Sie mir. Basel in Vaduz? Nicht gut. Basel gegen die Young Boys? Gar nicht gut. Basel in Zürich? Nicht so gut. Basel in Bern? Vielleicht halb gut, aber doch Verlierer.

So wird das geraunt vor den etwas angetrockneten Tortellini al pomodoro oder den leicht lampigen Spaghetti bolognese, beim Gang zu den Spielerinterviews und vor den Pressekonferenzen mit den Trainern. Und weil so viele Fachleute unmöglich falsch liegen können, hier der Blick auf eine durchschnittliche Super-League-Tabelle einer Saison, in der der FC Basel nicht gut spielt:

Tab SL

Was zur Frage führt: Wenn ein nicht gut spielender FCB vier Runden vor der Winterpause bereits weiss, dass er das neue Jahr als Leader beginnen wird, was sagt das dann über die Konkurrenz aus?

Wir könnten jetzt das lustige Lied von der Schweizer, Zitat Murat Yakin, «Gurkenliga» anstimmen. Aber wenn der aktuell Fünfte der Super League im Europacup gegen Rubin Kasan, Bordeaux und den grossartigen FC Liverpool (okay, jenen der Vor-Klopp-Ära) bestehen kann, darf das schon als Indiz für die eigentlich vorhandene Qualität in der Schweizer Liga gelten.

Wenn derselbe FC Sion danach aber spielt, als sei er ein komplett anderer und in Lugano 0:3 untergeht, dann sind wir aber schon mittendrin in der Antwort darauf, warum der FCB die Liga derart dominiert: Er ist ein Meister der Konstanz. Die Konkurrenz mag mal hier ganz grundsätzlich ein gutes Spiel zeigen und dort sogar eine starke Halbzeit gegen die Basler. Basel aber unterschreitet praktisch nie ein gewisses Niveau. Brillant mag das Team von Trainer Urs Fischer derzeit vielleicht nicht auftreten. Aber wer den FCB in einem Spiel schlagen will, der muss 90, 93 oder halt 95 Minuten lang besser sein. Und wer tatsächlich auch mal Meister werden möchte, muss 36 Runden lang durchhalten.

Diesen langen Atem hat in dieser Saison offenbar niemand. Die Grasshoppers können ihn gar nicht haben, so dünn ist ihr Kader aus finanziellen Gründen. Und jene Gegner, die sich vor der Saison als Herausforderer gebärdet haben? Kaum hatte die Saison begonnen, waren auch schon ihre Trainer entlassen. Und jetzt sind beim FC Zürich und den Young Boys Männer am Ruder, die für sich in Anspruch nehmen, mindestens bis zur Winterpause einfach mal eine Bestandesaufnahme zu machen und nebenbei noch etwas Aufbauarbeit für künftige Grosstaten zu leisten.

YB und der FCZ haben die Meisterschaft verloren, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Weil sie Ende letzter Saison nicht den Mut hatten, reinen Tisch zu machen und einen Neuanfang zu wagen. Stattdessen hofften sie nach durchzogenen Saisons darauf, dass sich alles irgendwie einrenken würde. Tat es aber nicht. Und mit dem Trainerwechsel warfen die beiden Clubs zugleich ihre ganze Sommervorbereitung auf den Misthaufen der Fussballgeschichte.


Ein hoffnungsfroher FCB-Konkurrent peilt hohe Ziele an (Abbildung sehr ähnlich).

Was jetzt noch bleibt im laaaangen Warten bis zum Saisonende, ist einerseits die Hoffnung auf einen plötzlichen, monatelangen Systemausfall in Basel, der noch etwas Spannung zurückbringen könnte. Und andererseits darauf, dass wenigstens die Young Boys die schon wieder eingeläutete Zwischensaison so nutzen, dass sie wenigstens 2016/17 endlich bereit sind, die Basler anzugreifen. Allen anderen Clubs traut man den Part des ernsthaften FCB-Konkurrenten ja schon gar nicht mehr zu.

Der Cup ist nicht tot

Florian Raz am Donnerstag den 24. September 2015
Die Koenizer Spieler jubeln nach ihrem 3:1 Sieg im 1/16 Final Fussball Cup Spiel zwischen dem FC Koeniz und dem Grasshopper Club Zuerich, am Freitag, 18. September 2015, auf dem Sportplatz Liebefeld Hessgut in Koeniz bei Bern. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Ungebändigte Freude: Die Könizer Spieler jubeln nach ihrem 3:1-Sieg im 1/16-Final gegen den Grasshopper-Club Zürich. Foto: Alessandro della Valle/Keystone

Ich gebe es zu: Ich habe auch schon Artikel geschrieben, in denen es um das Serbeln des Schweizer Cups ging. Steigende Sicherheitskosten für Amateurclubs, die von den Anhängern der grossen Vereine überfordert scheinen. Finalspiele, die nicht ausverkauft sind. Eine Hauptstadt, die es lieber hat, wenn das Endspiel in Basel stattfindet. Und wenn dann YF Juventus sein Heimspiel lieber nach Basel verschiebt, um den ganzen organisatorischen Problemen aus dem Weg zu gehen, ist die Schlussfolgerung schnell gemacht: Der Cup ist tot.

Nun hat es der Zufall so gewollt (oder waren es die reiseunlustigen Arbeitskollegen?), dass ich seit circa 15 Jahren immer auf einem Fussballplatz war, wenn die Teams aus der höchsten Liga in den Wettbewerb eingestiegen sind. Also habe ich mir noch einmal vor Augen geführt, was ich in der Zeit alles erlebt habe:

Ich war im südlichsten Tessin, knapp vor der Landesgrenze, wo die Zuschauer auf einem Erdhang unter der Dorfkirche gestanden sind. Ich war auf einer Matte im Luzernischen, wo das Dach einer Scheune der einzige Unterstand war; und der liebe Mensch, der den Internetanschluss herbeigezaubert hatte, leider nicht mehr wusste, wie das Passwort lautet. Ich bin in der Ostschweiz in einem Lastwagenanhänger gesessen, der uns Journalisten vor Schneeregen geschützt hat und nur einen Nachteil hatte: dass der Wind die Blache immer wieder mal vom Dach geblasen hat, sodass uns einige Spielszenen leider komplett verborgen blieben.

Ich habe gesehen, wie wackere Basler Old Boys den übergrossen Stadtrivalen FC Basel in die Nachspielzeit gezwungen haben. Und wie ein paar Jahre zuvor der Stern von Eren Derdiyok in ebendiesem Stadtderby aufgegangen ist, als ihm der Ehrentreffer für OB gelang. Ich habe erlebt, dass sich Reto Zanni nach einem Assist gegen den FC Liestal Fäuste ballend zur Bank der Gastgeber umgedreht hat, weil sich die Amateure zuvor über seine Flanken lustig gemacht hatten. Ich habe gehört, wie damals noch FCZ-Trainer Urs Meier den Fehler beim Schiedsrichter gesucht und gefunden hat, nachdem seine Mannschaft gegen die Black Stars erst in der Verlängerung gewonnen hatte.

Ich habe Präsidenten erlebt, die strahlend erklärten, dass sie mit den Einnahmen des Spiels gegen einen Super-Ligisten eine neue Garderobe bauen könnten. Und solche, die fast vor Stolz platzten, weil sie im VIP-Talk vor dem Spiel mit FCB-Amtskollege Bernhard Heusler ein paar Worte wechseln durften. Ich sah einen tollen Cup-Fight des FC Wil gegen einen Champions-League-Achtelfinalisten und wie der FC Biel den Schweizer Meister bezwang. Ich hörte den Jubel über das eine Tor des FC Tavannes-Tramelan gegen den FCZ und die Freude aus den Worten all jener Goalies, die mal gegen einen Nationalspieler einen Schuss halten konnten.

Und wie ich mich noch einmal an all das erinnere, bleibt für mich nur eine Schlussfolgerung: Der Cup ist nicht tot. Er lebt. Zumindest in den ersten Runden, in denen Klein auf Gross trifft. Die Endspiele dagegen, ich gebe es zu: Die habe ich meist ausgelassen. Der Zauber des Cupfinals – er schien mir wirklich abhandengekommen. Bis ich in diesem Frühsommer das Glück hatte, mitzuerleben, wie laut geschätzte 20’000 Walliser und Walliserinnen sein können.

Gut, ich spüre, dass ich Sie noch nicht überzeugen konnte. Sind ja auch alles nur subjektive Erzählungen. Also habe ich ein paar Fakten zusammengetragen, die meine zugegebenermassen leicht wacklige Argumentation stützen könnten. Zum Beispiel der Cupfinal Servette – Grasshoppers am 4. Juni 1978: 18’000 Zuschauer waren im Wankdorf. Ausverkauft waren die Finalspiele also auch schon früher nicht.

Und dann noch dies: Die Kleinen scheinen so stark wie kaum einmal! Seit 2012 ist noch jedes Jahr mindestens ein Super-Ligist gegen einen Amateurclub ausgeschieden, der mindestens drei Ligen unter ihm gespielt hat.

Gut, Zahlen überzeugen Sie auch nicht. Dann schauen Sie sich an, wie die Spieler des SV Muttenz reagieren, als sie erfahren, dass sie gegen den FC Basel spielen dürfen:

Emotionale Reaktion auf die Auslosung SV Muttenz – FC Basel. Quelle: Youtube

Der Cup lebt.

Hardturm, du fehlst!

Ueli Kägi am Donnerstag den 10. September 2015

Der Schweizer Fussballfan hat nicht den besten Ruf. Es wird über ihn fast ausschliesslich dann berichtet und gerichtet, wenn er bösartig aufgefallen ist. Er pinkelt in Vorgärten, schlitzt Polster in Zügen auf. Er wirft gezündete Pyro auf: den Rasen, die Tartanbahn, das gegnerische Publikum. Er trinkt zu viel. Er sucht Puff.

Wir müssen uns nichts vormachen. Es gibt den Matchbesucher in diesen hässlichsten Formen, den Krawallmacher und Chaoten, 400 davon sind im Schnitt bei einem Super-League-Spiel. Das sind nicht wenige. Die Zahl hilft aber auch, bei den Fakten zu bleiben: Fast 97 Prozent aller Matchbesucher haben mit dem Mob nichts zu tun.

Wer zum Fussball geht, ist im Normalfall ziemlich normal. Trinkt mit Freunden ein Bier. Isst mit den Kindern eine Wurst und danach noch Pommes, Glace und/oder eine Magnum-Packung M&M’s. Leidet mit der Mannschaft. Und geht dann wieder nach Hause. Glücklich oder halt weniger glücklich.

Und manchmal ist der Fussballfan auch ziemlich kreativ. Das ist in der Kurve zu sehen, wenn quer durch die Schweiz wieder Hundertschaften in der Turnhalle oder Garage an der nächsten Choreografie gebastelt haben. Oder an Tagen wie diesen.

Am vergangenen Samstag haben GC-Anhänger in einer schönen Aktion den Fussball zurück in den Hardturm gebracht. Der Hardturm? Die Älteren unter uns erinnern sich noch. Der Hardturm, geboren 1929, war einmal das vielleicht beste Fussballstadion der Schweiz. Eine Bastelei zwar mit alter Haupttribüne und einem Dreiviertelring um den Rest des Rasens. Da und dort auch etwas abgehalftert. Aber sympathisch. Mit Tribünen gleich am Rasen. Der Hardturm war als Fussballstadion so gut, dass selbst FCZ-Fans zugeben mussten, dass der Letzigrund eigentlich Käse war.

2007 starb der Hardturm 78-jährig. Tod durch Abrissbirne. Seither erlebte Fussball-Zürich Abstimmungen, Einsprachen, Architekturwettbewerbe, Abstimmungen, Ausschreibungen, aber kein richtiges Stadion mehr. Wo einst der Hardturm war, ist noch eine Brache. Bis eben Nostalgiker ein paar Quadratmeter Kunstrasen verlegten, ein paar Tribünen aufbauten, zwei Tore aufstellten, Altstars einluden, 2.20 Franken Eintritt verlangten und das alte Stadion in neuer Form wieder aufleben liessen.

Es kamen fast 3000 Zuschauer. Die noch standfeste Betonrampe der früheren Osttribüne sah aus wie ausverkauft. Der Anhang liess blauen Rauch in die Luft steigen und zündete auch Fackeln. Der Nachmittag machte trotzdem Lust auf mehr. Und führte schnell zur Frage, wieso es eigentlich nicht möglich sein soll, recht unkompliziert und zügig ein Stadion zu haben? Es braucht doch kein futuristisches Fünfeck, keine Mantelnutzung und keine 25’000 Plätze. Es braucht nur vier Tribünen, am besten altenglisch eckig. Es braucht einen gepflegten Rasen, ein paar Verpflegungsstände, vielleicht ein Restaurant, ordentliche Toiletten. Von mir aus noch ein schönes VIP-Zelt für alle, die Spitzenfussball in Zürich mitfinanzieren wollen und sollen. Kann doch nicht so schwer sein.

Mit Nöggi auf FCB-Jagd

David Wiederkehr am Dienstag den 11. August 2015
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Nöggi alias Bruno Stöckli auf dem Cover seiner Single «Ich bin halt wie’n ich bin». Foto: PD.

Kennen Sie Nöggi? Diesen – doch, doch! – Sänger? Schmissige Songs mit Titeln wie «Ich bi verliebt in Züri» oder «Hörndli und Ghackets» sind sein Programm, und mit «I bin en Italiano» hat er sich sogar einmal in die Schweizer Hitparade verirrt. «Chum e bitzeli abe, oder söll i ufekho?» Italiano Nöggi heisst mit richtigem Namen Bruno Stöckli und wird bald 69. Einst war eine runde Postur sein Markenzeichen, heute grüsst er schlank von seiner Website.

Und Nöggi, deswegen stehen diese Zeilen an dieser Stelle, ist GC-Fan. Auf seinen Club hat er vor vielen Jahren eine Hymne geschrieben. «Nume GC» heisst sie, nur GC, die Rekordmeister-Optik dringt durch: «Nume GC günnt de Match.» Sie wird im Letzigrund nach jedem GC-Sieg gespielt, nach dem 6:1 seiner Lieblinge in Blau-Weiss am Samstag gegen Lugano natürlich erst recht. Und die euphorisierten Fans haben mitgeschunkelt. «Die andere bueched au emal es Fass – aber s’nützt ne nüüt


Nöggis GC-Lied in voller Länge. Quelle: Youtube.

«Nume GC» ist momentan auch das Motto der Super League. Denn «nume GC» vermag dem FC Basel wenigstens halbwegs zu folgen. Der Serienmeister hat in der Sommerpause fast das halbe Kader und den Trainer ausgetauscht, ist auf der Suche nach Krethi und Plethi in Holland, Italien, Dänemark und sogar Australien fündig geworden – und hat trotzdem so selbstverständlich einen makellosen Start hingelegt, wie wohl nur er das schaffen kann. Währenddessen die Konkurrenz, YB und der FCZ, als erste Amtshandlung in der neuen Saison den Trainer gewechselt hat. So viel Naivität zum Ende der vergangenen Saison musste schon sein. Jetzt haben immerhin die Interimsbesen gut gekehrt.

«Nume GC» aber hat nach vier Spielen mehr als halb so viele Punkte aufzuweisen wie der FCB. Und fast fünfmal so viele wie vor einem Jahr. Dass der Club ausgerechnet jetzt einen Höhenflug erlebt, ist doch bemerkenswert. Geschäftsführer Manuel Huber muss sparen und will das im Unterschied zu früheren Geschäftsführern tatsächlich auch tun. Weshalb auf der Bank fast ausnahmslos Spieler sitzen, die kaum die Autoprüfung bestanden haben. Gut, Kim Källström hat er sich geleistet, den 32-Jährigen, der mit nichts weniger als einem Dreijahresvertrag aus Moskau hergelockt werden konnte. Aber sonst?

Doch wenn nun auch noch Munas Dabbur geht und GC in Richtung Palermo verlässt – wer sorgt dann weiter für den Höhenflug? Nöggi hätte wenigstens auch für diesen Fall an die Adresse von Huber ein Lied parat: «Denn bruuchsch halt öpper …»