Archiv für die Kategorie ‘FC Basel’

Liebe Berner, das wird grossartig!

Florian Raz am Donnerstag den 26. April 2018

Der Cupsieg der Young Boys von 1987. Aktuellere YB-Titelbilder haben wir in unserem Archiv leider nicht gefunden.

Am Samstag also ist es so weit: Der unvergleichliche Berner Sport Club Young Boys wird mit einem Sieg über Luzern Schweizer Meister. Glaubt mir, liebe Berner, das wird grossartig! Das darf ich mit der Erfahrung eines Baslers sagen, der 2002 miterlebt hat, wie der lokale FC erstmals nach 22 zappendusteren Jahren wieder mal etwas gewonnen hat. Und was sind schon 22 Jahre gegen die 32, die ihr euch geduldet habt? Eben. Gar nichts!

Ihr werdet sehen, wie gestandene Fussballprofis losheulen wie kleine Kinder. Natürlich drehen auch die Lokalmedien am Rad. In Basel brannte damals eine Radiostation tatsächlich ihre Meisterreportagen auf CD. Bei euch können wir das Ganze dann wohl auf Youtube nachhören. Ihr habt ja in Bern den einen oder anderen Kandidaten für eine, sagen wir mal: etwas gefühlsbetontere Radioberichterstattung.

Vor allem aber ist da dieses kribbelig-warme Gefühl in Brust- und Bauchbereich, dieses besoffen sein vor Glück. Gut, möglicherweise auch vom Alkohol. Aber vor allem vor Glück. Das gibt es wirklich. Natürlich, ihr konntet euch lange darauf vorbereiten, dass es in dieser Saison endlich klappen wird. Und doch werdet ihr euch gegenseitig mit leicht ungläubigem Blick anschauen und euch dann umarmen. Ist das alles wahr, sind wir jetzt wirklich Meister in einer Sportart, die Büne Huber doof findet? Seid ihr.

Plötzlich interessieren sich alle für euch

Das Beste daran: Dieses Gefühl könnt ihr danach noch ein paar Mal geniessen. Den Kübel gibt es ja erst Mitte Mai. Kostet die Zeit aus. Sie wird nicht wiederkommen. Nicht, weil ich YB in den kommenden Jahren nicht noch den einen oder anderen Titel zutrauen würde. Aber so schön wie beim ersten Mal wird es halt nie mehr.

Gratis mit dem ersten Meistertitel seit Menschengedenken mitgeliefert wird das Interesse der Medien aus der restlichen Schweiz. Alle werden sie euch anhand von YB erklären, in was für einer Stadt ihr lebt, was die Bernerin an und für sich so umtreibt und was den Berner auszeichnet.

Der beste Ort für eine Meisterfeier

Achtung, die Texte könnten allenfalls nicht ganz frei von Neid sein. Die «Zeit» hat schon mal angefangen und haut richtig feste drauf. «In ihrer trunkenen Vorfreude offenbaren die Berner ihre ganze Provinzialität», heisst es da.

Lasst die negativen Texte an euch abperlen wie die obligate Bierdusche in der Fankurve. Und bildet euch nicht zu viel auf die ebenso unvermeidlichen Lobhudeleien ein. Verfasst werden solche Psychogramme, die anhand von ein paar clever eingekauften ausländischen Stürmern, einem total netten Goalie und einem medien-affinen Ex-Stapi eine ganze Stadt erklären wollen, meist in Zürich. Das ist dort, wo schon mehr Pläne für ein richtiges Fussballstadion geplatzt sind als bei den Young Boys Meisterträume.

Was ganz besonders schön ist: YB kann sich den Titel am Samstag zu Hause sichern. Es gibt eigentlich keinen besseren Ort für eine spontane Meisterfeier als Bern. Basler wissen das.

So sehen Meisterfeiern in Bern aus (Abbildung ähnlich).

New York drückt YB die Daumen

Guido Tognoni am Montag den 12. Februar 2018

Der FC Basel hat die Meisterschaft noch nicht erstickt: YBs Assale nimmt im St.-Jakob-Park den Ball an, 5. November 2017. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

YB-Sportchef Christoph Spycher wurde während seiner Laufbahn als Fussballer sicher nie von der «New York Times» beachtet. Doch dieser Tage war das der Fall. Die Young Boys werden von der prominentesten Zeitung Nordamerikas als Hoffnungsträger einer neuen Entwicklung beschrieben, nachdem selbst dem Korrespondenten der NYT nicht entgangen ist, dass die Berner vor dem FC Basel liegen.

Denn dem amerikanischen Sportpublikum graut es vor den Zuständen, wie sie in Europas Fussball herrschen: Dominanz der immer gleichen Clubs und deshalb fehlende Spannung. Aus diesem Grund sorgen die nordamerikanischen Profiligen seit je durch reglementarische Eingriffe für möglichst grosse Ausgeglichenheit. Beispiele sind das Draft-System, wonach die schlechtesten Clubs den ersten Zugriff auf die besten Nachwuchsspieler erhalten (wie die New Jersey Devils auf Nico Hischier), oder die Lohnbegrenzung für das gesamte Kader.

Bemerkenswert ist, dass die «New York Times» nicht nur die Dominanz der ewig gleichen Champions-League Favoriten beklagt und sich auch nicht an der Langeweile beispielsweise der Bundesliga aufhält, wo an der Spitze allenfalls die Frage interessiert, ob Bayern München jeweils mit 15 oder 20 Punkten Vorsprung gewinnt. Analysiert wird die Überlegenheit im Unterbau der Champions League: die 8 Titel hintereinander des FC Basel, die Serie von 12 Titeln des weissrussischen Meisters Bate Borisow, die Überlegenheit von Teams wie Celtic Glasgow (6 Titel in Serie), Dinamo Zagreb (gewann in den vergangenen Jahren 11 von 12 Meisterschaften), von Ludogorets Razgrad aus Bulgarien (6 Titel in Folge) und von Olympiakos Piräus, das in jüngster Vergangenheit 19 von 21 Titeln abholte. Die Meisterschaften dieser Länder seien zu reinen Prozessionen verkommen, wird festgehalten.

Der Fehler im europäischen Fussball

Entsprechend hat die B-Prominenz des europäischen Fussballs recht mühelos auch gut verdient: Für 50 Millionen Dollar verstärken Bayern München und Liverpool inzwischen nur die Ersatzbank, aber für Bate Borisov sind diese über die letzten fünf Jahre erzielten Einnahmen als Vorzimmerteilnehmer der Champions League noch mehr wert als die 68 Millionen Dollar, die der Analyst dem FC Basel anrechnet. Olympiakos Piräus hat in der gleichen Zeit sogar 125 Millionen Dollar an Uefa-Prämien verdient.

All diese Mannschaften finden ihr sportliches Glück in der Qualifikation für die Gruppenspiele, wie das dem FC Basel erneut gelungen ist. Dazu kommt der Verkauf der besten Spieler, die im Königswettbewerb ausgestellt werden können und allen schon deshalb mehr Transfergeld einbringen als manche gleichwertigen Kandidaten der nationalen Konkurrenz.

Hält YB diesmal durch? Sportchef Christoph Spycher. Foto: Thomas Delley (Keystone)

Allein die Tatsache, dass der FC Basel ausnahmsweise seiner nationalen Konkurrenz noch nicht enteilt ist, findet also bereits über die Grenzen hinaus Beachtung. Das deckt den Webfehler des europäischen Fussballsystems auf: Wer nicht an die Honigtöpfe der Uefa herankommt, kann von Erfolgen nur träumen. Als kommerziell benachteiligter Aussenseiter hat man nicht einmal mehr in den eigenen Ligen eine Chance, von der Champions League nicht zu reden.

Die Young Boys haben es in den vergangenen Jahren immer wieder irgendwie geschafft, letztlich als Verlierer dazustehen. Nichts gegen den FC Basel, aber drücken wir nun den Bernern die Daumen. Diesmal hat der FC Basel die Meisterschaft noch nicht erstickt, die Prozession ist ins Stocken geraten. Vielleicht halten die Berner für einmal durch, vielleicht führen sie dem Schweizer Fussball endlich neuen Sauerstoff zu.

Psst … der FC Basel ist gar nicht gut

Florian Raz am Dienstag den 3. November 2015
Meister der Täuschung: Der FC Basel mag die Tabelle mit grossem Vorsprung anführen. Experten sind sich aber einig: Die Basler sind diese Saison gar nicht gut.

Meister der Täuschung: Der FC Basel mag die Tabelle mit grossem Vorsprung anführen. Experten sind sich aber einig: Gut sind diese Basler wirklich nicht.

Irgendeiner muss diese unangenehme Wahrheit mal an die Öffentlichkeit bringen. Bislang ist sie nur gewispert worden – in den Presseräumen und in den Interviewzonen der Schweizer Stadien. Fussballreporter, da nehme ich mich auf keinen Fall aus, sind so etwas wie die moderne Version der vielzitierten Waschweiber. Wer rechtzeitig vor dem Spiel da ist, um die vom Heimclub gesponserte Pasta zu futtern, erfährt so manches, was es danach nicht unbedingt bis in die Zeitungsspalten schafft.


Fussballreporter am Pasta-Büffet (Abbildung ähnlich).

Wer all die Informationen, Gerüchte und Meinungen gewissenhaft sammelt, der kann zu Erkenntnissen kommen, die anderen verborgen bleiben. Und dies hier ist so eine: Der FC Basel ist in dieser Saison gar nicht gut. Doch, doch, glauben Sie mir. Basel in Vaduz? Nicht gut. Basel gegen die Young Boys? Gar nicht gut. Basel in Zürich? Nicht so gut. Basel in Bern? Vielleicht halb gut, aber doch Verlierer.

So wird das geraunt vor den etwas angetrockneten Tortellini al pomodoro oder den leicht lampigen Spaghetti bolognese, beim Gang zu den Spielerinterviews und vor den Pressekonferenzen mit den Trainern. Und weil so viele Fachleute unmöglich falsch liegen können, hier der Blick auf eine durchschnittliche Super-League-Tabelle einer Saison, in der der FC Basel nicht gut spielt:

Tab SL

Was zur Frage führt: Wenn ein nicht gut spielender FCB vier Runden vor der Winterpause bereits weiss, dass er das neue Jahr als Leader beginnen wird, was sagt das dann über die Konkurrenz aus?

Wir könnten jetzt das lustige Lied von der Schweizer, Zitat Murat Yakin, «Gurkenliga» anstimmen. Aber wenn der aktuell Fünfte der Super League im Europacup gegen Rubin Kasan, Bordeaux und den grossartigen FC Liverpool (okay, jenen der Vor-Klopp-Ära) bestehen kann, darf das schon als Indiz für die eigentlich vorhandene Qualität in der Schweizer Liga gelten.

Wenn derselbe FC Sion danach aber spielt, als sei er ein komplett anderer und in Lugano 0:3 untergeht, dann sind wir aber schon mittendrin in der Antwort darauf, warum der FCB die Liga derart dominiert: Er ist ein Meister der Konstanz. Die Konkurrenz mag mal hier ganz grundsätzlich ein gutes Spiel zeigen und dort sogar eine starke Halbzeit gegen die Basler. Basel aber unterschreitet praktisch nie ein gewisses Niveau. Brillant mag das Team von Trainer Urs Fischer derzeit vielleicht nicht auftreten. Aber wer den FCB in einem Spiel schlagen will, der muss 90, 93 oder halt 95 Minuten lang besser sein. Und wer tatsächlich auch mal Meister werden möchte, muss 36 Runden lang durchhalten.

Diesen langen Atem hat in dieser Saison offenbar niemand. Die Grasshoppers können ihn gar nicht haben, so dünn ist ihr Kader aus finanziellen Gründen. Und jene Gegner, die sich vor der Saison als Herausforderer gebärdet haben? Kaum hatte die Saison begonnen, waren auch schon ihre Trainer entlassen. Und jetzt sind beim FC Zürich und den Young Boys Männer am Ruder, die für sich in Anspruch nehmen, mindestens bis zur Winterpause einfach mal eine Bestandesaufnahme zu machen und nebenbei noch etwas Aufbauarbeit für künftige Grosstaten zu leisten.

YB und der FCZ haben die Meisterschaft verloren, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Weil sie Ende letzter Saison nicht den Mut hatten, reinen Tisch zu machen und einen Neuanfang zu wagen. Stattdessen hofften sie nach durchzogenen Saisons darauf, dass sich alles irgendwie einrenken würde. Tat es aber nicht. Und mit dem Trainerwechsel warfen die beiden Clubs zugleich ihre ganze Sommervorbereitung auf den Misthaufen der Fussballgeschichte.


Ein hoffnungsfroher FCB-Konkurrent peilt hohe Ziele an (Abbildung sehr ähnlich).

Was jetzt noch bleibt im laaaangen Warten bis zum Saisonende, ist einerseits die Hoffnung auf einen plötzlichen, monatelangen Systemausfall in Basel, der noch etwas Spannung zurückbringen könnte. Und andererseits darauf, dass wenigstens die Young Boys die schon wieder eingeläutete Zwischensaison so nutzen, dass sie wenigstens 2016/17 endlich bereit sind, die Basler anzugreifen. Allen anderen Clubs traut man den Part des ernsthaften FCB-Konkurrenten ja schon gar nicht mehr zu.

Der Cup ist nicht tot

Florian Raz am Donnerstag den 24. September 2015
Die Koenizer Spieler jubeln nach ihrem 3:1 Sieg im 1/16 Final Fussball Cup Spiel zwischen dem FC Koeniz und dem Grasshopper Club Zuerich, am Freitag, 18. September 2015, auf dem Sportplatz Liebefeld Hessgut in Koeniz bei Bern. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Ungebändigte Freude: Die Könizer Spieler jubeln nach ihrem 3:1-Sieg im 1/16-Final gegen den Grasshopper-Club Zürich. Foto: Alessandro della Valle/Keystone

Ich gebe es zu: Ich habe auch schon Artikel geschrieben, in denen es um das Serbeln des Schweizer Cups ging. Steigende Sicherheitskosten für Amateurclubs, die von den Anhängern der grossen Vereine überfordert scheinen. Finalspiele, die nicht ausverkauft sind. Eine Hauptstadt, die es lieber hat, wenn das Endspiel in Basel stattfindet. Und wenn dann YF Juventus sein Heimspiel lieber nach Basel verschiebt, um den ganzen organisatorischen Problemen aus dem Weg zu gehen, ist die Schlussfolgerung schnell gemacht: Der Cup ist tot.

Nun hat es der Zufall so gewollt (oder waren es die reiseunlustigen Arbeitskollegen?), dass ich seit circa 15 Jahren immer auf einem Fussballplatz war, wenn die Teams aus der höchsten Liga in den Wettbewerb eingestiegen sind. Also habe ich mir noch einmal vor Augen geführt, was ich in der Zeit alles erlebt habe:

Ich war im südlichsten Tessin, knapp vor der Landesgrenze, wo die Zuschauer auf einem Erdhang unter der Dorfkirche gestanden sind. Ich war auf einer Matte im Luzernischen, wo das Dach einer Scheune der einzige Unterstand war; und der liebe Mensch, der den Internetanschluss herbeigezaubert hatte, leider nicht mehr wusste, wie das Passwort lautet. Ich bin in der Ostschweiz in einem Lastwagenanhänger gesessen, der uns Journalisten vor Schneeregen geschützt hat und nur einen Nachteil hatte: dass der Wind die Blache immer wieder mal vom Dach geblasen hat, sodass uns einige Spielszenen leider komplett verborgen blieben.

Ich habe gesehen, wie wackere Basler Old Boys den übergrossen Stadtrivalen FC Basel in die Nachspielzeit gezwungen haben. Und wie ein paar Jahre zuvor der Stern von Eren Derdiyok in ebendiesem Stadtderby aufgegangen ist, als ihm der Ehrentreffer für OB gelang. Ich habe erlebt, dass sich Reto Zanni nach einem Assist gegen den FC Liestal Fäuste ballend zur Bank der Gastgeber umgedreht hat, weil sich die Amateure zuvor über seine Flanken lustig gemacht hatten. Ich habe gehört, wie damals noch FCZ-Trainer Urs Meier den Fehler beim Schiedsrichter gesucht und gefunden hat, nachdem seine Mannschaft gegen die Black Stars erst in der Verlängerung gewonnen hatte.

Ich habe Präsidenten erlebt, die strahlend erklärten, dass sie mit den Einnahmen des Spiels gegen einen Super-Ligisten eine neue Garderobe bauen könnten. Und solche, die fast vor Stolz platzten, weil sie im VIP-Talk vor dem Spiel mit FCB-Amtskollege Bernhard Heusler ein paar Worte wechseln durften. Ich sah einen tollen Cup-Fight des FC Wil gegen einen Champions-League-Achtelfinalisten und wie der FC Biel den Schweizer Meister bezwang. Ich hörte den Jubel über das eine Tor des FC Tavannes-Tramelan gegen den FCZ und die Freude aus den Worten all jener Goalies, die mal gegen einen Nationalspieler einen Schuss halten konnten.

Und wie ich mich noch einmal an all das erinnere, bleibt für mich nur eine Schlussfolgerung: Der Cup ist nicht tot. Er lebt. Zumindest in den ersten Runden, in denen Klein auf Gross trifft. Die Endspiele dagegen, ich gebe es zu: Die habe ich meist ausgelassen. Der Zauber des Cupfinals – er schien mir wirklich abhandengekommen. Bis ich in diesem Frühsommer das Glück hatte, mitzuerleben, wie laut geschätzte 20’000 Walliser und Walliserinnen sein können.

Gut, ich spüre, dass ich Sie noch nicht überzeugen konnte. Sind ja auch alles nur subjektive Erzählungen. Also habe ich ein paar Fakten zusammengetragen, die meine zugegebenermassen leicht wacklige Argumentation stützen könnten. Zum Beispiel der Cupfinal Servette – Grasshoppers am 4. Juni 1978: 18’000 Zuschauer waren im Wankdorf. Ausverkauft waren die Finalspiele also auch schon früher nicht.

Und dann noch dies: Die Kleinen scheinen so stark wie kaum einmal! Seit 2012 ist noch jedes Jahr mindestens ein Super-Ligist gegen einen Amateurclub ausgeschieden, der mindestens drei Ligen unter ihm gespielt hat.

Gut, Zahlen überzeugen Sie auch nicht. Dann schauen Sie sich an, wie die Spieler des SV Muttenz reagieren, als sie erfahren, dass sie gegen den FC Basel spielen dürfen:

Emotionale Reaktion auf die Auslosung SV Muttenz – FC Basel. Quelle: Youtube

Der Cup lebt.

Bitte mit dem Trainer nicht über Fussball sprechen!

Florian Raz am Mittwoch den 2. September 2015
Sami Hyypiae, neuer Trainer des FC Zuerich, waehrend seiner 1. Trainingseinheit mit der Mannschaft des FCZ in der Sportanlage Allmend-Brunau in Zuerich, am Montag, 31. August 2015. (KEYSTONE/Dominic Steinmann)

Fussball? Wer spricht hier von Fussball? Sami Hyypiä bei seiner ersten Trainingseinheit mit dem FCZ. Foto: Dominic Steinmann (Keystone)

Kennen Sie den schon? Fährt ein Schweizer während des Zweiten Weltkriegs nach Berlin, um Adolf Hitler von einem Kriegsende zu überzeugen. Doch als er schon in Berlin in der Strassenbahn ist, kommt er von seinem Vorkommen ab und reist unverrichteter Dinge wieder ab. Warum? Weil über dem Tramfahrer ein Schild angebracht ist: «Bitte nicht mit dem Führer sprechen!» Ha, ha! Hat mir mein Grossvater (ein Kommunist) immer wieder gerne erzählt.

Was das mit Fussball zu tun hat? Natürlich nichts. Und irgendwie doch etwas. In den Sinn gekommen ist mir der alte Witz, als ich die Texte über den ersten Auftritt von Sami Hyypiä gelesen habe. Da ist mir wieder einmal ein Muster aufgefallen, das sich recht häufig in Gesprächen mit Trainern zeigt. Es haben also Reporter den neuen Trainer des FC Zürich tatsächlich gefragt, wie er seine Mannschaft künftig spielen lassen will. Aber da hat der Finne natürlich sofort abgewunken: «Die Konkurrenz soll meine Pläne nicht aus der Zeitung erfahren.»

FCZ-Cheftrainer Sami Hyypiae spricht anlaesslich einer Medienkonferenz und zu seiner Praesentation als neuer FCZ-Cheftrainer, im Medienraum des Stadion Letzigrund, in Zuerich,  am Freitag, 21. August 2015. (KEYSTONE/Anthony Anex)..Sami Hyypiae is presented as the new head coach of the soccer club FC Zurich, FCZ, during a press conference at the media center in the Letzigrund Stadium in Zurich on Friday August 21 2015. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Fragen zum Thema Fussball können leider nicht beantwortet werden: Sami Hyypiä an der Pressekonferenz zu seiner Nomination. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Wir Sportjournalisten werden oft (und oft zu Recht) für unsere reichlich bescheuerten Fragen gegeisselt. «Wie fühlen Sie sich?» «Wie haben Sie sich gefühlt?» Und natürlich, ganz wichtig: «Wie werden Sie sich fühlen?» Aber versuchen Sie mal, mit einem Fussballtrainer über seine Ideen zu reden! Es scheint so, als sei da ein Schild angebracht: «Bitte mit dem Trainer nicht über Fussball sprechen!»

Es folgen hier die am häufigsten genannten Gründe, weswegen der Trainer auf eine fussballspezifische Frage leider nicht antworten kann. Und – Respekt, Herr Hyypiä! – der neue FCZ-Mann hat am ersten Tag immerhin schon fünfzig Prozent verwendet.

  1. Der Gegner soll nicht zu viele Informationen erhalten! Ja, klar. Weil die Konkurrenz natürlich bloss Zeitung liest – und nicht einfach eine Video-Analyse macht.
  2. Hach, es fehlt einfach die Zeit, ist ja alles so komplex! «Wir könnten hier über eine halbe Stunde lang das Spiel analysieren», sagt also Hyypiä zum 1:3 seines FCZ in Basel. «Ja, bitte!», möchte der Journalist rufen. Aber wirklich eine halbe Stunde mit der Presse ein Spiel analysieren? Also bitte!
  3. Da müsste man ja über alle anderen auch reden! Es ist der Klassiker von Ex-FCB-Trainer Paulo Sousa (und ich vermute, Hyypiä hat den auch drauf). Wurde der Portugiese in Basel auf einen Spieler angesprochen, brummte er in seinem sonoren Bass: «Dann müsste ich ja zu jedem anderen Spieler auch etwas sagen.» «Ja, bitte!», habe ich tatsächlich einmal gerufen. Die Analyse des gesamten Kaders hat sich dann doch nicht ergeben.
  4. Ich muss mich doch nicht rechtfertigen! Als Urs Fischer nach dem 1:1 seines FCB in Tel Aviv gefragt wurde, was ihn dazu bewogen habe, Innenverteidiger Daniel Hoegh durch Walter Samuel zu ersetzen, befand er, das sei eine «unberechtigte Frage».

Ein Thema gibt es, über das viele Fussballtrainer gerne sprechen – wenn auch meist bloss im Vertrauten: den Hang der Medien, sich auf komplette Nebensächlichkeiten zu stürzen und Unruhe zu schüren, wo keine ist. Anstatt einfach mal über Fussball zu berichten!

Mit Nöggi auf FCB-Jagd

David Wiederkehr am Dienstag den 11. August 2015
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Nöggi alias Bruno Stöckli auf dem Cover seiner Single «Ich bin halt wie’n ich bin». Foto: PD.

Kennen Sie Nöggi? Diesen – doch, doch! – Sänger? Schmissige Songs mit Titeln wie «Ich bi verliebt in Züri» oder «Hörndli und Ghackets» sind sein Programm, und mit «I bin en Italiano» hat er sich sogar einmal in die Schweizer Hitparade verirrt. «Chum e bitzeli abe, oder söll i ufekho?» Italiano Nöggi heisst mit richtigem Namen Bruno Stöckli und wird bald 69. Einst war eine runde Postur sein Markenzeichen, heute grüsst er schlank von seiner Website.

Und Nöggi, deswegen stehen diese Zeilen an dieser Stelle, ist GC-Fan. Auf seinen Club hat er vor vielen Jahren eine Hymne geschrieben. «Nume GC» heisst sie, nur GC, die Rekordmeister-Optik dringt durch: «Nume GC günnt de Match.» Sie wird im Letzigrund nach jedem GC-Sieg gespielt, nach dem 6:1 seiner Lieblinge in Blau-Weiss am Samstag gegen Lugano natürlich erst recht. Und die euphorisierten Fans haben mitgeschunkelt. «Die andere bueched au emal es Fass – aber s’nützt ne nüüt


Nöggis GC-Lied in voller Länge. Quelle: Youtube.

«Nume GC» ist momentan auch das Motto der Super League. Denn «nume GC» vermag dem FC Basel wenigstens halbwegs zu folgen. Der Serienmeister hat in der Sommerpause fast das halbe Kader und den Trainer ausgetauscht, ist auf der Suche nach Krethi und Plethi in Holland, Italien, Dänemark und sogar Australien fündig geworden – und hat trotzdem so selbstverständlich einen makellosen Start hingelegt, wie wohl nur er das schaffen kann. Währenddessen die Konkurrenz, YB und der FCZ, als erste Amtshandlung in der neuen Saison den Trainer gewechselt hat. So viel Naivität zum Ende der vergangenen Saison musste schon sein. Jetzt haben immerhin die Interimsbesen gut gekehrt.

«Nume GC» aber hat nach vier Spielen mehr als halb so viele Punkte aufzuweisen wie der FCB. Und fast fünfmal so viele wie vor einem Jahr. Dass der Club ausgerechnet jetzt einen Höhenflug erlebt, ist doch bemerkenswert. Geschäftsführer Manuel Huber muss sparen und will das im Unterschied zu früheren Geschäftsführern tatsächlich auch tun. Weshalb auf der Bank fast ausnahmslos Spieler sitzen, die kaum die Autoprüfung bestanden haben. Gut, Kim Källström hat er sich geleistet, den 32-Jährigen, der mit nichts weniger als einem Dreijahresvertrag aus Moskau hergelockt werden konnte. Aber sonst?

Doch wenn nun auch noch Munas Dabbur geht und GC in Richtung Palermo verlässt – wer sorgt dann weiter für den Höhenflug? Nöggi hätte wenigstens auch für diesen Fall an die Adresse von Huber ein Lied parat: «Denn bruuchsch halt öpper …»

Ein Zürcher! In Basel!

Blog-Redaktion am Samstag den 27. Juni 2015
Urs Fischer und Rotblau: Der Mann wird in Basel nicht an seinem Dialekt scheitern.

Urs Fischer und Rot-Blau: Der Mann wird in Basel nicht an seinem Dialekt scheitern. Foto: Keystone

Ich habe es versucht, ganz ehrlich. Schon vor einer Woche hätte dieser Beitrag online stehen sollen – und ich war auf gutem Wege. Doch dann wurde Urs Fischer Trainer des FC Basel. Und was das bedeutet, können Sie sich vielleicht vorstellen. Ein Zürcher! In Basel! Und erst noch einer, der offen dazu steht, lieber in kleinen Seen, denn in offen fliessenden Gewässern zu fischen! Wenn da mal nicht mindestens die Welt untergeht.

Bislang bin ich ja davon ausgegangen, dass dieses ganze Basel-Zürich-Gedöns mehr so ein Ding von uns Baslern sei. Der Kleine mit seinen Minderwertigkeitskomplexen bellt den Grossen an, der davon gar nichts bemerkt, weil er gerade das Geld für seine Dreizimmerwohnung im Seefeld verdienen muss (2678 Franken = «cheap!»). Aber wenn es um den FCB geht, scheint der Reflex irgendwie umgekehrt zu funktionieren. Also hätte die Redaktion des «Tages-Anzeigers», nachdem ich schon keine prominenten Basler gefunden habe, die sich über die sechs Titel in Serie langweilen, gerne gelesen, was die prominenten Basler zu Urs Fischer meinen. Aber gibt es überhaupt einen Zürcher, der auf Anhieb drei prominente Basler aufzählen kann, jetzt da Christian Gross schon etwas länger weggezogen ist?

Glauben Sie mir: Urs Fischer wird in Basel nicht an seiner Herkunft scheitern – höchstens an den Resultaten seiner Mannschaft. Und damit zum Thema dieses Blogs: Vor zwanzig Tagen gab es hier ein Rätsel, bei dem eine FCB-Meisterzigarre Ausgabe 2015 zu gewinnen war. Mit Blick auf die laufende Transferperiode scheint diese noch an Wert gewonnen zu haben; wer weiss schon, ob es nächstes Jahr noch einmal rot-blauen Meisterrauch geben wird?

Unser Sieger kommt aus Basel, und eigentlich hätte ich mit Herrn Farronato gerne ein Sieger-Interview geführt, in dem ich ihn gefragt hätte, wie er sich nun fühlt. Und wann er geglaubt hat, auf dem Weg zum richtigen Lösungswort zu sein. Was er mit seiner Bemerkung gemeint hat, er brauche noch meine IBAN. Und warum seine Zahlung bislang noch nicht eingegangen ist. Aber Sieger sind eben auch immer schwer beschäftigt – und so müssen wir all die Fragen im Raum stehen lassen.

Das Lösungswort übrigens lautete «Zigarre», was immerhin die Hälfte der Einsender richtig erkannt hat. Die andere Hälfte kam auf «Meister», beziehungsweise «Maister». Dreimal wurde ich gescholten, das Rätsel sei zu einfach. Einer der Kritiker schickte die falsche Antwort. Ein Leser aus Winterthur machte sich gar die Mühe, das Wort via Matrix herzuleiten, und befand danach, es sei «extrem einfach» gewesen. Niemand hat das ebenfalls zu bildende Wort «saudoof» eingesandt.

Da die Auslosung zu 50 Prozent den Richtlinien der Fifa-Ethikkommission entsprach, wäre eigentlich Grande Walter als Glücksfee eingeplant gewesen. Doch der ist inzwischen leider bloss noch als Privatier unterwegs, sodass wir auf eine interne Lösung zurückgegriffen haben. Hier der Beweis, dass alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Und nächstes Jahr verlosen wir dann eine YB-Meisterwurst!