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Die Zitrone Champions League ist ausgepresst

Guido Tognoni am Freitag den 14. Dezember 2018
Nachspielzeit

Mehr als ein paar Nadelstiche liessen die Grossen in der Gruppenphase nicht zu: Spieler von YB bejubeln das 2:1 gegen Juventus. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Achtergruppen in der Champions League – das ist kein Witz! Die Manager der führenden europäischen Clubs denken allen Ernstes daran. Andrea Agnelli, der Boss von Juventus Turin, hat diese Idee vorgebracht. Da drängt sich die Frage auf, ob diese Leute den Fussball wirklich verstehen oder ob sie ihre Clubs nur als Einnahmequelle und als prestigereiches Spielzeug verwenden. Angesichts der klaren Kraftverhältnisse unter den besten Vereinen Europas war bereits die diesjährige Gruppenphase von grosser Langeweile gekennzeichnet. Aber der Fussballfan erwartet von einem Wettbewerb wie der Champions League mehr als nur das Abspulen eines Pflichtprogramms, bei dem nach drei von sechs Runden die beiden Ersten bereits feststehen. Vor allem, wenn die Fans für solche schlaffen Spiele noch extra bezahlen müssen.

Bei Achtergruppen müssten 56 Gruppenspiele ausgetragen werden. Hat das Herr Agnelli einmal errechnet? 7-mal zu Hause, 7-mal auswärts für jedes Team. Die Langeweile wäre vorgezeichnet. Und wie soll man die nötigen Termine finden, davon ausgehend, dass ein Jahr auch für gierige Grossclubs nur 52 Wochen dauert?

Es ist 20 Jahre her, als die führenden Clubs bei der Uefa die gleiche Forderung erstmals erhoben. Unter dem Titel «Planungssicherheit» forderten etwa Bayern München und Ajax Amsterdam die Achtergruppen. Das Stichwort Planungssicherheit entlarvt die Absicht der Grossclubs: Nicht der sportliche Wettbewerb steht an vorderster Stelle, sondern ein Maximum an gesicherten Einnahmen, nicht Spannung und möglichst gute Unterhaltung für die Fans in den Stadien und am Bildschirm, sondern die Gewissheit, dass es für Favoriten fast nicht möglich ist, in einer Achtergruppe mit 14 Spielen auszuscheiden. Denn in einer Achtergruppe müssten die ersten vier für die Achtelfinals qualifiziert werden. Einige solcher Gruppenspiele könnten mehrere Clubs auch ohne Torhüter überstehen.

Noch mehr Langeweile verträgt es nicht

Was macht die Uefa? Präsident Aleksander Ceferin, ein Mann, der seit seinem Amtsantritt keine nennenswerten Fehler begangen hat, blieb bisher einigermassen gelassen. Er dürfte wohl weiterhin davon ausgehen, dass die Drohkulisse der reichen Grossclubs abgebaut wird, wenn nochmals mehr Geld ausgeschüttet würde. Die Frage ist, unter welchem Format. Wenn die Grossclubs auf ihrem Sicherheitssystem mit eingeplanten Gähnspielen beharren, könnte sich das Risiko lohnen, die Reichen vorerst einmal ohne die Uefa unter sich üben zu lassen, vielleicht sogar in 16er-Gruppen. Es dürften sich sogar irgendwelche Investoren finden lassen, die vom Fussball zwar wenig verstehen, aber umso mehr Geld lockermachen.

Dann könnte das eintreten, was das Internationale Olympische Komitee mit den Olympischen Spielen erlebt: eine amerikanische Investorengruppe hat die Rechte für teures Geld erworben, aber die europäischen TV-Sender sind nicht mehr bereit, diese Investition zu finanzieren. So bleibt Olympia vorderhand im Spartensender Eurosport stecken.

Fussball ist stärker als die olympische Vielfalt. Aber der Fussball braucht Sponsoren, und die Sponsoren brauchen die Millionen an den Bildschirmen, und diese Millionen an den Bildschirmen wollen ein Minimum an Spannung. Wenn mit den aktuellen Bezahlschranken noch mehr Langweile als bisher finanziert werden soll, wird die Rechnung nicht mehr aufgehen. Die Chance, dass die Grossclubs in absehbarer Zukunft aus ihren Träumen gerissen werden, ist real. Irgendwann ist jede Zitrone ausgepresst, selbst im Milliardenspiel Fussball.

Schweizer Steuergelder für Arsenals Millionen-Truppe?

Guido Tognoni am Freitag den 25. Mai 2018

Arsenal-Spieler Alex Iwobi feiert ein Tor mit Granit Xhaka (l.) und Henrikh Mkhitaryan. Foto: Phil Noble (Reuters)

Über den Sinn von Sportsponsoring lässt sich streiten, über die Wirkung erst recht. Die Ökonomie ist ohnehin mehr Glaubenssache als Wissenschaft, und der Effekt von Werbung ist eine Frage der Auslegung. Wenn ein Firmenchef einen Sport liebt, würde kein Marketingleiter es wagen, die Wirkung des betreffenden Sponsorings infrage zu stellen.

Dieser Tage ist im internationalen Fussball ein neuer Marketingleiter aufgetaucht. Er heisst Paul Kagame und ist Präsident des afrikanischen Kleinstaats Ruanda. Das ist er seit 18 Jahren, und von Amtsmüdigkeit ist bei ihm nichts zu spüren. Der 60-Jährige hält sein Land eisern im Griff, wobei ihm der aktuelle wirtschaftliche Aufschwung diese selbst gestellte Aufgabe erleichtert.

Schwerpunkt in der Entwicklungshilfe

Zudem ist Paul Kagame ein grosser Fan des FC Arsenal, und deshalb wird ab der kommenden Meisterschaft Ruanda drei Jahre lang als Sponsor des Londoner Clubs auftreten. Nicht gerade auf breiter Brust wie die globale Fluggesellschaft Emirates, aber doch auf einem Ärmel (dem linken), was auch einige Millionen pro Jahr kostet. Millionen sind die wichtigsten Einheiten des Marketings: Arsenal sagt über sich, dass der Dress des Clubs täglich von 35 Millionen gesehen wird – eine der vielen Zahlen, die nie überprüft werden können.

Millionen für Arsenal: Ruandas Präsident Paul Kagame am WEF 2016 in Davos. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Ruanda will mit diesem Engagement als sicheres und attraktives Land sowohl für Touristen als auch für Investoren werben. Der ostafrikanische Staat wirbt damit, dass er nicht nur Berggorillas bietet, sondern auch die «Grossen Fünf» der afrikanischen Wildnis: Löwen, Elefanten, Flusspferde, Büffel und Leoparden. Gemäss Vertragsabschluss sollen die Spieler Arsenals Ruanda besuchen und die Trainer dem lokalen Fussball mit Kursen weiterhelfen.

Milliarden für Ruanda

So viel zu den Absichten von Monsieur Kagame. Man kann diese absurd finden – oder auch modern. Bedenklich ist ein ganz anderer Aspekt: Die Schweiz leistet in Ruanda, dem Land, das Millionen für Werbung mit Arsenal lockermacht, schwerpunktmässig Entwicklungshilfe. Gemäss Swissinfo.ch sind in den vergangenen Jahrzehnten mehr als eine halbe Milliarde Franken in dieses Land geflossen. Ohne auf den Nutzeffekt dieser halben Milliarde Schweizer Spenden eingehen zu wollen: Die Vorstellung, dass mit Schweizer Steuergeldern bei Arsenal das Millionensalär von Granit Xhaka bezahlt wird, ist unschön. Aber sie ist realistisch.

Mit der Entwicklungshilfe ist es wie mit dem Marketing: Man kann daran glauben oder auch nicht. Im Falle Ruandas fällt es schwer, einen tieferen Sinn zu erkennen. Offiziell wird die Schweizer Entwicklungshilfe unter anderem mit den «komplexen Herausforderungen der Region» gerechtfertigt. Dass zu diesen komplexen Herausforderungen auch das Sponsoring eines der reichsten Fussballclubs der Welt gehören soll, ist schwer zu erfassen.

Wahnsinn mit Fortsetzung

Guido Tognoni am Donnerstag den 27. Juli 2017

Goldjunge: Was ist Neymar wert? 200 Millionen, 250 Millionen? Warum nicht 300 Millionen? Foto: Patrick Semansky (AP Photo, Keystone)

Zu den wenigen Vorteilen des Rentenalters gehört, dass man einigermassen den Überblick über die vergangenen Jahrzehnte hat. Und wer den Überblick über die vergangenen Jahrzehnte hat, der stellt fest, dass sich in den letzten 50 Jahren tausendmal die Phase wiederholt hat, in der die Fussballpräsidenten und die Medien verlauten liessen, so gehe es nicht mehr weiter. Die wiederkehrende Phrase in der regelmässigen Phase also. Gemeint waren und sind vor allem die Transfersummen im Fussball, aber auch das Geschäftsgebaren in anderen Sportarten. Und obwohl der Europäische Gerichtshof 1995 versucht hatte, mit dem Urteil im Fall Bosman ein Exempel gegen die Transferzahlungen zu setzen, ging es bald danach mit den grossen Summen erst richtig los. Seither wechseln die Spieler den Verein nicht erst bei Vertragsende, sondern während eines laufenden Arbeitsverhältnisses.

Auch Bayern begrenzt sich nicht

«So kann es nicht weitergehen», lautet seither alle Jahre wieder die Losung. Dieses Pflichtbekenntnis glauben inzwischen nicht einmal mehr jene, die es regelmässig aussprechen. Auch Uli Hoeness, ebenfalls seit Jahrzehnten ein Mahner im Weltfussball, redet heute wieder einmal von «Wahnsinn». Aber Bayern München hat in der Vergangenheit nicht sonderlich viel getan, um die Ausgaben für den Einkauf von Spielern glaubhaft zu begrenzen. Zwar holen die Bayern keinen Messi oder Ronaldo oder Neymar, aber dafür zahlen sie für andere Spieler, die sie eiligst zu Hoffnungsträgern stilisieren, objektiv schwer vertretbare Summen. Falls man in diesem absurden Spiel überhaupt von objektiv reden kann, denn wenn Pep Guardiola oder ein Scheich einen Spieler zu welchem Preis auch immer will, ist das ein sehr subjektives Ereignis. So kostete beispielsweise der 18-jährige Renato Sanches (Benfica Lissabon) die Bayern 35 Millionen Euro. Hat jemand diesen Spieler in der vergangenen Meisterschaft gesehen?

Nichts mit der Basis zu tun

Der vielbeklagte Wahnsinn wird weitergehen, sei es mit den Transfersummen, den Salären oder gleich mit beidem. Offenbar gibt es ausreichend viele Leute, die leicht verdientes Geld ebenso leicht und ziemlich spekulativ auszugeben bereit sind. Gestern die Amerikaner, heute die Araber und Chinesen, morgen wohl die Inder, irgendwann die Mongolen. Der Fussball an der Spitze ist längst eine Industrie, die sich selbst antreibt und am Leben erhält. Mit dem Fussball an der Basis hat das nichts mehr zu tun. Aber die Bedenken, dass sich die Fans von diesem Treiben abwenden würden, waren bisher falsch. Der Fussball zieht gesamthaft mehr denn je zuvor.

Ist das alles so schlimm? 200 oder 250 Millionen für Neymar, oder warum nicht gleich 300 Millionen? Es ist in der Tat völlig absurd. Aber Wahnsinn hin oder her – es lässt sich bis heute niemand finden, der unter solchen Auswüchsen ernsthaft leidet.

Lotto ist korrekter als Spitzenfussball

Guido Tognoni am Donnerstag den 20. April 2017
Die Spieler jubeln zu unrecht: Real Madrid nach dem zweiten Treffer von Cristiano Ronaldo gegen Bayern München. Foto: Daniel Ochoa de Olza (AP Photo, Keystone)

Die Spieler jubeln zu Unrecht: Real Madrid nach dem zweiten Treffer von Cristiano Ronaldo gegen Bayern München. Foto: Daniel Ochoa de Olza (AP Photo, Keystone)

Was ist los mit den Schiedsrichtern? Hat es zu wenig gute, sind die besten nur in einem Formtief, oder sind sie dem aktuellen Fussball nicht mehr gewachsen? Irgendetwas stimmt da nicht mehr. Wir sehen in jüngster Zeit zu viele Spiele, die von falschen Entscheidungen massgeblich beeinflusst wurden. Und zu den Spielleitern gehören auch die Linienrichter, die bekanntlich mittlerweile zu Schiedsrichter-Assistenten befördert worden sind. Wenn etwa derart klare Abseitspositionen wie jene Ronaldos vor dem 2:2-Ausgleich Real Madrids nicht bemerkt werden, ist das mehr als nur ein Betriebsunfall, wie er von Fussballromantikern als unvermeidlicher Teil des Spiels verklärt wird. Das irreguläre Tor Ronaldos lieferte eindrückliche Bilder: hier der blitzschnelle Angriff der Spanier, da ein Schiedsrichter, der vom Tempo gleichermassen überfordert wird wie der Assistent an der Linie, welcher der Aktion statt auf Ballhöhe um mehrere Meter hinterherhechelt.

Millionen Zeugen

Millionen haben den Regelverstoss gesehen, nur der Schiedsrichter nicht. Die Bayern, für einmal nicht mit dem traditionellen Bayern-Bonus gesegnet, schäumen, und dies zu Recht. Solch krasse Fehlleistungen der Schiedsrichter sollten die Fifa endlich dazu bewegen, das gesamte System zu überdenken. Es braucht beispielsweise keine Torrichter, die quasi als bezahlte Fussballtouristen bei Spielen der Uefa die verlängerte Torlinie dekorieren und zwischendurch sogar jene Szene nicht beurteilen können, die in jedem 500. Spiel vorkommt, während es in jeder Partie mehrere umstrittene Abseits- und Elfmeterszenen gibt. Michel Platini hat diese Torrichter aus Trotz eingeführt, weil sein Rivale Sepp Blatter nach Jahren des Zauderns endlich seine Zustimmung für die Anfänge des Videobeweises gegeben hatte.

Jeder Quadratzentimeter ist reglementiert

Die perfekte Lösung für die Spielleitung wird es nie geben. Das Problem ist, dass nicht einmal ernsthaft nach Verbesserungen gesucht wird. Fifa-Präsident Gianni Infantino verschliesst sich zwar nicht dem Videobeweis, aber eine klare Richtungsangabe fehlt. Tatsache ist einzig, dass der Fussball rituell abgesicherte Ungerechtigkeit bleibt, solange die vorhandenen technischen Hilfsmittel nur für die Zuschauer, aber nicht für das Spiel eingesetzt werden. Fifa und Uefa reglementieren ausserhalb des Spielfelds jeden Quadratzentimeter Raum, den es zu vermarkten gibt. Aber die Spielleitung, die über die Verteilung der Millionen aus den gigantischen Geldmaschinen entscheidet, befindet sich noch im sportlichen Mittelalter. Lotto läuft korrekter ab als Fussball – das ist nicht nur schwer zu ertragen, sondern ganz einfach absurd.

Wie viele Kinder passen in einen Champions-League-Pokal?

Florian Raz am Donnerstag den 28. Januar 2016

Das haben Sie sich auch schon immer gefragt? Das ist interessant. Vielleicht sollten Sie mit Ihrem Psychotherapeuten darüber sprechen. Oder mit Wesley Sneijder. Der hat zumindest einmal den Anfang der längst nötigen empirischen Studien gemacht – und seinen Sohn in den Pott gepackt.

Gut, sagen Sie, da scheint auf der Seite noch etwas Platz zu sein, vielleicht hätte da noch ein ganz kleines Kind … Aber überlassen wir das dem nächsten Forscher und sagen vorerst: Dankeschön, Herr Sneijder, für diesen Beitrag.

Und wenn Sie jetzt finden, es sei herzlos, so ein kleines Würmchen als Testobjekt zu missbrauchen, dann denken Sie daran: Kinder tendieren sowieso dazu, dauernd irgendwo festzustecken:

Hardturm, du fehlst!

Ueli Kägi am Donnerstag den 10. September 2015

Der Schweizer Fussballfan hat nicht den besten Ruf. Es wird über ihn fast ausschliesslich dann berichtet und gerichtet, wenn er bösartig aufgefallen ist. Er pinkelt in Vorgärten, schlitzt Polster in Zügen auf. Er wirft gezündete Pyro auf: den Rasen, die Tartanbahn, das gegnerische Publikum. Er trinkt zu viel. Er sucht Puff.

Wir müssen uns nichts vormachen. Es gibt den Matchbesucher in diesen hässlichsten Formen, den Krawallmacher und Chaoten, 400 davon sind im Schnitt bei einem Super-League-Spiel. Das sind nicht wenige. Die Zahl hilft aber auch, bei den Fakten zu bleiben: Fast 97 Prozent aller Matchbesucher haben mit dem Mob nichts zu tun.

Wer zum Fussball geht, ist im Normalfall ziemlich normal. Trinkt mit Freunden ein Bier. Isst mit den Kindern eine Wurst und danach noch Pommes, Glace und/oder eine Magnum-Packung M&M’s. Leidet mit der Mannschaft. Und geht dann wieder nach Hause. Glücklich oder halt weniger glücklich.

Und manchmal ist der Fussballfan auch ziemlich kreativ. Das ist in der Kurve zu sehen, wenn quer durch die Schweiz wieder Hundertschaften in der Turnhalle oder Garage an der nächsten Choreografie gebastelt haben. Oder an Tagen wie diesen.

Am vergangenen Samstag haben GC-Anhänger in einer schönen Aktion den Fussball zurück in den Hardturm gebracht. Der Hardturm? Die Älteren unter uns erinnern sich noch. Der Hardturm, geboren 1929, war einmal das vielleicht beste Fussballstadion der Schweiz. Eine Bastelei zwar mit alter Haupttribüne und einem Dreiviertelring um den Rest des Rasens. Da und dort auch etwas abgehalftert. Aber sympathisch. Mit Tribünen gleich am Rasen. Der Hardturm war als Fussballstadion so gut, dass selbst FCZ-Fans zugeben mussten, dass der Letzigrund eigentlich Käse war.

2007 starb der Hardturm 78-jährig. Tod durch Abrissbirne. Seither erlebte Fussball-Zürich Abstimmungen, Einsprachen, Architekturwettbewerbe, Abstimmungen, Ausschreibungen, aber kein richtiges Stadion mehr. Wo einst der Hardturm war, ist noch eine Brache. Bis eben Nostalgiker ein paar Quadratmeter Kunstrasen verlegten, ein paar Tribünen aufbauten, zwei Tore aufstellten, Altstars einluden, 2.20 Franken Eintritt verlangten und das alte Stadion in neuer Form wieder aufleben liessen.

Es kamen fast 3000 Zuschauer. Die noch standfeste Betonrampe der früheren Osttribüne sah aus wie ausverkauft. Der Anhang liess blauen Rauch in die Luft steigen und zündete auch Fackeln. Der Nachmittag machte trotzdem Lust auf mehr. Und führte schnell zur Frage, wieso es eigentlich nicht möglich sein soll, recht unkompliziert und zügig ein Stadion zu haben? Es braucht doch kein futuristisches Fünfeck, keine Mantelnutzung und keine 25’000 Plätze. Es braucht nur vier Tribünen, am besten altenglisch eckig. Es braucht einen gepflegten Rasen, ein paar Verpflegungsstände, vielleicht ein Restaurant, ordentliche Toiletten. Von mir aus noch ein schönes VIP-Zelt für alle, die Spitzenfussball in Zürich mitfinanzieren wollen und sollen. Kann doch nicht so schwer sein.

Pep dahoam

Oliver Meiler am Donnerstag den 19. März 2015
Nachspielzeit

Ein Barça-Fan von vielen: Pep Guardiola auf der Tribüne des Camp Nou am Mittwoch, 18. März 2015. Foto: David Ramos (Getty)

Als Laie stellt man sich vor, dass die Herrschaften Fussballtrainer mit der Zeit die kindliche und staunende Freude am Spiel verlieren könnten. Sie bekommen ja jeden Tag im Training so viel zu sehen von ihren Spielern: Kunststücke zirzensischen Zuschnitts, Weitpässe von chirurgischer Präzision, Passspiele mit Tempo Teufel. Pep Guardiola zum Beispiel: Was hat der nicht schon Nummern beigewohnt in seinen Jahren als Spieler und dann als Coach des FC Barcelona und nun beim FC Bayern München. Auch Kunst kann mal redundant werden, vielleicht sogar stumpf, wenn man sie ständig um sich hat.

Und so zoomte das spanische Fernsehen Guardiola ganz nahe heran, als er am Mittwochabend zum ersten Mal nach fast drei Jahren wieder an die Spielstätte seiner grössten Triumphe zurückkehrte: ins Camp Nou, zum Achtelfinal in der Champions League von Barça gegen Manchester City. Er nahm nicht auf der Tribüne für die Prominenten Platz, wo er natürlich hingehört hätte: Es sitzen da bei jedem Spiel Leute von recht zweifelhafter Prominenz. Nein, Pep und sein Vater Valentí setzten sich auf ihre eigenen Sitze, die ihnen als Mitglieder des Vereins und Dauerkartenhalter zustehen – mitten rein, ins Volk. Und man sollte diese Sitzwahl auch unbedingt als Hieb gegen Barças Vereinspräsidentschaft deuten, mit der es Guardiola gar nicht gut kann. Aber das ist ein anderes Thema.

Nachspielzeit

Ein zufriedener Guardiola während des Champions-League-Rückspiels der Bayern gegen Donezk. Foto: AFP

Da sass er also, der Trainer Bayerns, als Fan Barças. Eine Herzensangelegenheit, beinahe privat, hätten ihn nicht einige Millionen Katalanen in jeder Geste beobachtet. Dann traf Ivan Rakitic nach einem fein gezwirbelten Pass von Leo Messi mit einem Lob zum 1:0, 31. Minute. Ein schönes Tor, ein komponiertes. Da reisst es Pep aus dem Stuhl, das Gesicht gelöst, die Arme in der Höhe. Eine halbe Sekunde, dann zieht er seinen Schal übers Gesicht, um sein Lachen zu verdecken, seinen Jubel zu kaschieren, schier reflexartig. Die Fernsehmacher lesen ja mittlerweile von den Lippen ab. Es gab noch so eine Szene, etwas später, da düpierte Messi einen Gegenspieler auf engem Raum mit einem Beinschuss, einem Tunnelball, leichtfüssig und intuitiv. Pep fuhr mit den Händen übers Gesicht, den Mund zum kindlich staunenden «Oh» geformt, zum: Nein, oder?

Wie wir das tun, wir Laien, die wir den beruflich tätigen Fussballern nicht jeden Tag zuschauen beim Jonglieren, die wir verzückt werden wollen von solchen «jugadas», von diesen kleinen Trouvaillen in einem Spiel, diesen ästhetischen Zugaben an einem Alltagsabend. Und ganz offensichtlich handelt es sich da um eine Kunst, deren Kraft auch dann nicht verwelkt, wenn sie oft genossen wird. Mal sehen, wie Pep Messis «jugadas» an der Seitenlinie erleben wird – als Gegner, vor der Bank Bayerns, beruflich also. Vielleicht bald schon. Es wird dann wohl eine Kamera fix auf ihn gerichtet sein.


Video: Guardiolas Reaktion auf Messis Dribbelkünste.

Der verdrehte Tatsachenentscheid

Guido Tognoni am Dienstag den 28. Oktober 2014
MaradonaGross

Der Tatsachenentscheid kann einen Spieler zur Legende machen: Maradonas «Hand Gottes» im WM-Spiel 1986 gegen Englands Goalie Peter Shilton. Foto: Getty

Ein verteidigender Spieler erhält im Strafraum einen Ball ins Gesicht, und der Schiedsrichter glaubt, es sei die Hand gewesen. Elfmeter, Tor, Spiel für die Mannschaft mit dem Ball im Gesicht verloren. Vorkommnisse wie zuletzt bei Schalke 04 – Sporting Lissabon gab es im Fussball schon immer und wird es weiterhin geben. Vielleicht wird die Fifa («Fair Play, please!») eines Tages zulassen, solche Ungerechtigkeiten mittels Videobeweis zu verhindern. Bis das jedoch eines Tages vielleicht der Fall sein wird, muss der Fussball mit einer überaus seltsamen Verdrehung der deutschen Sprache leben: mit dem Tatsachenentscheid.

Als Tatsachenentscheide werden Fehlentscheide der Schiedsrichter bezeichnet, die – meist aus nachvollziehbaren praktischen Gründen – im Nachhinein nicht rückgängig gemacht werden können. Mit einem Tatsachenentscheid wird allerdings genau das Gegenteil dessen beschrieben, was eine Tatsache ist: Der Ball ging ins Gesicht und nicht an die Hand, aber der Spielleiter macht das Gesicht zur Hand. Es fand also keine Regelwidrigkeit statt, doch der Schiedsrichter will eine solche gesehen haben. Eine Fata Morgana auf dem Spielfeld gewissermassen, und diese Wahrnehmungsstörung wird im Fussball durch Entscheid des Schiedsrichters zur Tatsache.

Im Fussball gibt es den erfundenen Elfmeter, ausserhalb der Stadien den Mord ohne Leiche. Wenn der Strafrichter dennoch auf lebenslänglich erkennt, schafft auch er einen Tatsachenentscheid. Beim Schiedsrichter verwedeln wir den Irrtum, über den sich die Hälfte der Zuschauer freut. Beim Strafrichter bleibt nur die Hoffnung auf die richtige Erkenntnis. Im Gegensatz zum Schiedsrichter darf er sich keinen Irrtum leisten.