Archiv für die Kategorie ‘Bundesliga’

Was wir alle von Niko Kovac lernen können

Florian Raz am Donnerstag den 19. April 2018

Der mit den Medien tanzt: Niko Kovac beherrscht die Kunst der doppelten Verneinung. (Foto: Keystone)

Und es stimmt eben doch: Fussball ist eine Schule fürs Leben. Letzte Woche war mal wieder so ein Moment, in dem das sehr schön zu beobachten war. Man kann nur hoffen, dass all die kleinen Ronaldos, Neymars und Shaqiris auf den Pausenhöfen dieser Welt gut zugehört und etwas mitgenommen haben für ihren weiteren Weg.

Es ging darum, ob Niko Kovac demnächst Trainer des wunderbarsten aller FCBs dieser Welt werden solle, des FC Bayern München. Irgendwann war das Thema so drängend, dass sich der damalige Trainer der Eintracht aus Frankfurt zu einer Stellungnahme gezwungen sah. Also sagte Kovac den grossartig gedrechselten Satz: «Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass ich im nächsten Jahr hier nicht Trainer bin.» Und so sah das aus.

Es ist so wie es ist: Niko Kovac und die Kunst der doppelten Verneinung. (Video: Hessischer Rundfunk)

Noch einmal, einfach weil ich so begeistert bin: «Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass ich im nächsten Jahr hier nicht Trainer bin.» Das ist so ein toller Satz, weil Kovac beweist, dass er ein Meister der doppelten Verneinung ist. Minus mal Minus gibt Plus und so.

Sie sind verwirrt? Lassen Sie einfach die Verneinungen weg, und Sie erhalten den eigentlichen Sinn des Satzes:  «Es gibt einen Grund, daran zu zweifeln, dass ich im nächsten Jahr hier Trainer bin.»

Et voilà! Ein paar Tage später wurde bekannt, dass Niko Kovac Trainer des besten FCB aller FCBs wird. In Frankfurt mögen sie ihn seither merkwürdigerweise nicht mehr so richtig. Dabei hat der Mann kein bisschen gelogen!

Natürlich habe ich die Technik sofort auf mein eigenes Leben übertragen. Zum Beispiel, als die ältere Tochter danach fragte, ob wir noch vor den Sommerferien in einen Erlebnispark nahe der Grenze gehen: «Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass wir in ein paar Wochen nicht dort sind, mein Mädchen.» Oder als die Kleinere beim Bräteln fragte, ob sie nachher noch etwas Süsses haben dürfe: «Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass es nachher nichts Süsses mehr gibt.» Da lacht das Kinderherz.

So, jetzt warte ich auf die nächste nette Lektion, die ich beim Fussball aufschnappe. Vielleicht das nächste Mal bei einem lokalen Club, den Grasshoppers etwa. Ich denke, es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass man bei denen nicht lernt, wie man Ruhe in einen Betrieb bekommt.

Bratwurst statt Showeinlage

Blog-Redaktion am Montag den 29. Mai 2017


Wütende Fussballfans pfeifen Helene Fischer aus. Video: Tamedia/Twitter/ARD

Pause in Berlin. Zwischen Dortmund und Frankfurt steht es im DFB-Pokalfinal 1:1. Zeit, um durchzuatmen? Mitnichten. Für manche beginnt jetzt, wo der Ball ruht, das Highlight dieses Abends: Helene Fischer gibt ein Kurzkonzert. Die deutsche Sängerin führt mit ihren Ohrwürmern durch die Pause. Atemlos durch die Berliner Nacht quasi. Immerhin: Die zweite Halbzeit beginnt planmässig.

Nicht etwa so wie eine Woche zuvor, als Anastacia in der Münchner Allianz-Arena sang und sich der Start der zweiten Halbzeit hinzog, weil der Abbau der Bühne länger dauerte. Sie polarisieren jedenfalls, die Halbzeitshows, die im deutschen Fussball gerade en vogue sind. Dass Helene Fischer für den DFB-Pokalfinal gewonnen werden konnte, zelebrierte der deutsche Fussballverband zuvor richtiggehend. Schliesslich war es ein Novum, das Endspiel um eine musikalische Darbietung zu ergänzen.

Marketing-Menschen würden von einer Eventisierung sprechen. Tönt gut, fand aber keinen Anklang. Fischer kam, sang und wurde mit Pfiffen eingedeckt. Es war ein klares Statement der Fans. Für die Pausenwurst und gegen musikalische Halbzeitkost. Für den Fussball und gegen das immer bunter werdende Rahmenprogramm. Die Fans in Deutschland haben genug.

Dass die Anhänger mit der Kommerzialisierung des Fussballs ihre liebe Mühe haben, ist keine Annahme, keine Momentaufnahme, sondern empirisch bewiesen. Vor kurzem wurde eine Studie veröffentlicht, die besagt, dass jeder zweite Fussballfan in Deutschland sich früher oder später vom Profifussball abwenden werde, sollte die Fussballkommerzialisierung sich in diese Richtung weiterentwickeln.

«Ein Warnsignal für alle Vereine»

Beachtung fand die Studie vor allem deshalb, weil es sich um die gegenwärtig grösste wissenschaftliche Untersuchung im deutschen Profifussball handelt. 17’330 Fans wurden dafür befragt. Durchgeführt wurde die Studie von einem Verein, der den Clubanhängern eine Stimme geben will und sich «FC Playfair» nennt. Dahinter stehen mit Claus Vogt und André Bühler ein Sportökonom sowie ein Unternehmer, beide Fans des VFB Stuttgart.

Den «Stuttgarter Nachrichten» sagten sie, dass der Fussball vor einer Zeitenwende stehe. «So, wie es jetzt läuft, macht es den Fans immer weniger Spass.» Gemäss ihrer Studie finden acht von zehn Fussballfans, dass der Profifussball aufpassen müsse, sich nicht noch weiter vom Fan zu entfernen.

Bühler sagte der «Zeit» vor kurzem: «Ich empfehle dem Profifussball einen Schritt zurück. Wie im Wirtschaftsleben, da schätzt man das Prinzip der Gesundschrumpfung. Das ist gut fürs Produkt.» Ein Produkt, das mittlerweile die Hälfte der Zuschauer langweilig findet.

Nur in wenigen Fanlagern nehmen sie die Lage des deutschen Fussballs anders wahr. In Leipzig beispielsweise erachten sie die Kommerzialisierung als nicht wirklich schlimm. In München sind sie überzeugt, dass die Liga wirklich spannend ist. Der Tenor aber ist klar: So kann es nicht weitergehen. «Unsere Studie muss ein Warnsignal für alle Vereine sein», meint André Bühler.

Es ist nämlich nicht so, dass die Befragten grundsätzlich gegen den Kommerz sind. 66,5 Prozent der Fussballfans befinden die Vermarktung von Fussballvereinen im Profifussball als notwendig. Nur sagt Claus Vogt, dass die Grenze der Überkommerzialisierung eben nicht nur erreicht, sondern überschritten sei. Helene Fischers Auftritt ist ein Paradebeispiel dafür.

*Calvin Stettler ist Journalist.

Dorfkicker im Schaufenster der Nation

Guido Tognoni am Freitag den 26. Mai 2017
Nachspielzeit

Feiern wie die ganz Grossen: Die Amateure der Sportfreunde Dorfmerkingen nach ihrem Triumph am 25. Mai. Foto: Sportfreunde Dorfmerkingen (Facebook)

Unvorstellbar: Tavanasa – Balzers oder FC Grünstern – Ticino, einfach irgendetwas, das halbwegs mit Fussball zu tun hat, den ganzen Auffahrtsnachmittag am Schweizer Fernsehen, nicht gerade SRF 1, aber doch SRF 2, der ohnehin der Sportsender ist. Und am Mikrofon unter anderen Sascha Ruefer, der alle Namen der Tavanasa-Spieler kennt und weiss, wie alt der Trainer ist, und überhaupt alles sagt, was es zu sagen gibt, und der bei jedem Tor schreit, als ob es die ganze Schweiz live und ohne Lautsprecher bei offenen Fenstern in den Stuben hören müsste. Wie gesagt, unvorstellbar.

In Deutschland ist es anders. Deutschland ist nicht nur Fussballnation Nummer 1, weil die Deutschen Weltmeister sind. Deutschland ist Merkel und Mercedes, Deutschland ist aber vor allem Fussball, Fussball und nochmals Fussball. Wer an Auffahrt beim Durchzappen auf ARD hängen blieb, wähnte sich zuerst mal an einem verspäteten Champions-League-Spiel mit deutscher Beteiligung. Die Reporter brüllten wie bei Bayern – Real Madrid, die Konferenzschaltung wirbelte von einem Spielort zum andern, aber es war nicht Samstagnachmittag mit Bundesliga auf Sky, sondern irgendwelcher Fussball auf ARD, dem Sender für über 80 Millionen Deutsche.

Sensationelle Sportfreunde

An einem Spielfeldrand warb «Köstitzer Klosterbier», und auf dem Rasen kämpften Norderstedt gegen Halstenbek, Kirchheim gegen Nöttingen, Rostock gegen MSV Pampow, Hadamar gegen Wehen und Hausen gegen Rielasingen-Arlen. Loriot, der leider verstorbene Grossmeister der deutschen Komik, hätte an diesen Spielen seine helle Freude gehabt. Dorfmerkingen schaffte offenbar mit dem 3:1 gegen die Stuttgarter Kickers eine Sensation, und bei Cottbus gegen Luckenwalde war als Reporterin eine Quotenfrau im Einsatz, die allerdings nur selten zum Zuge kam. Im Lauf des Nachmittags lernte man auch die guten alten teutonischen Bezeichnungen «Wacker» (Burghausen), «Germania» (Halbstadt) und «Eintracht» (Norderstedt) wieder einmal kennen. Die Dorfmerkinger sind «Sportfreunde».

Bald einmal war es erforderlich, die notwendige Basisinformation von der Website des Deutschen Fussball-Bundes abzuholen. Um was ging es denn bei dieser landesweiten Aufregung? Auffahrtfussball mit Norderstedt gegen Halstenbek war der «Finaltag der Amateure» mit 19 Endspielen an drei Spielzeiten ab 12.45, 14.45 und 17 Uhr. Beginn der Reportagen auf ARD um 12.35, Ende 20.00, so der Zeitplan. Dorfmerkingen und Hausen spielen in den Tiefen der 7. Liga und kamen am Bildschirm genauso zum Zuge wie der einstige Pokalsieger Rot-Weiss Essen. Die Sieger qualifizieren sich für den DFB-Pokal.

Dorfmerkingen mit den Weilern Dossingen, Hohenlohe und Weilermerkingen liegt im Ostalbkreis in Baden-Württemberg. Es gehört zur Stadt Neresheim. So steht es bei Wikipedia. Die DFB-Website bezeichnet den Erfolg von Dorfmerkingen als «irre». Falls es eine Steigerung von irre gibt: Nächster Gegner der Sportfreunde könnte Bayern München sein.

Kein Schweiza Toahüta

Guido Tognoni am Donnerstag den 27. April 2017

Erfrischend echt: Yann Sommer redet wie ein Schweizer. (Bild: Reuters/Ints Kalnins)

Borussia Mönchengladbachs Torhüter Yann Sommer gehört, wie etwa Roger Federer, zu jenen Schweizer Sportlern, die bei ihren öffentlichen Auftritten nichts falsch machen können. Beide blieben im Laufe ihrer Karriere bisher skandalfrei. Sommer sieht wie Federer gut aus, er hält fast alle Bälle, und er kann bei seinen Interviews den Akkusativ vom Apéritif unterscheiden. Vor allem: Yann Sommer redet Deutsch wie ein Schweizer in Deutschland, wie zuletzt am späten Dienstagabend in der ARD nach dem verlorenen Elfmeterschiessen gegen Eintracht Frankfurt. Er lässt auch nach mehreren Jahren Bundesliga den meist völlig untauglichen Versuch bleiben, als Schweizer wie ein Deutscher zu sprechen.

Denn solche Versuche nerven. Ob am Radio, im Fernsehen oder bei irgendwelchen Interviews, ob hochdekorierte Sportler oder national bekannte Nachrichtensprecher: Schweizer, die statt zweiundzwanzig zweiundzwanzich und statt dreissig dreissich sagen, bemühen sich am falschen Ort. Altmeister Beni Thurnheer wäre es nie eingefallen, sprachlich einen Deutschen zu mimen, und dennoch fiel er keineswegs ab, als er etwa mit Günter Netzer, einem natürlich begabten Künstler der gepflegt gesprochenen hochdeutschen Sprache, über die Fussball-Nationalmannschaft berichtete.

Unnötige und misslungene Versuche

Die Sportmoderatoren und -reporter des Schweizer Fernsehens, um bei diesen zu bleiben, sind glücklicherweise nicht vom versuchten Bühnendeutsch infiziert. Bei der Konkurrenz von Teleclub tönt es hingegen extrem bemüht: Die Reporter reden beim Tor vom Toa, beim Torhüter vom Toahüta, der vielgepriesene Denker und Lenker im Mittelfeld wird zum Denka und Lenka, und unsere braven Müller, Meier, Keller und Widmer werden zu Mülla, Meia, Kella und Widma. Dabei tönt Yann Somma statt Yann Sommer aus einer Schweizer Kehle nicht nur gekünstelt, sondern genauso angestrengt wie die Bemühungen, das schweizerische rollende r aus den Tiefen der Kehle auszusprechen.

Wir amüsieren uns, wenn Deutsche in der Schweiz versuchen, unser Grüezi mit ihrem Grüzi zu imitieren, was ohnehin ein ebenso hoffnungsloser wie unnötiger Versuch ist, die Integration in unser Land über die Sprache zu beweisen. Genauso unnötig sind die Versuche von uns Tellensöhnen und -töchtern, krampfhaft jene sprachliche Tonalität und Finessen zu bemühen, die nun einmal nicht uns, sondern den Deutschen eigen sind. So versucht Yann Sommer nicht so zu klingen wie Manuel Neuer, sondern wie ein Schweizer, der in der Schule am Zürichsee Hochdeutsch gelernt hat. Er spricht nicht wie ein Schweiza Toahüta, sondern wie ein Schweizer Torhüter.

 

Büsst Carlo Ancelotti für den dipitus impudicus?

Guido Tognoni am Donnerstag den 23. Februar 2017

Bayern Münchens Trainer verleiht dem Stinkefinger neuen Schub. Foto: Matthias Schrader (Keystone)

Der Mittelfinger hat höchstens bei Konzertpianisten, Gitarristen und Stargeigern die gleiche monumentale Bedeutung wie im Fussball. Dort darf jeder die Daumen hochhalten, mit dem Zeigefinger drohen oder loben, oder den kleinen Finger dem Gegner in die Nase stecken. Aber Mittelfinger geht nicht. Richtige Berühmtheit erlangte der Mittelfinger zwar erst durch eine Geste des früheren deutschen Mittelfeldstrategen Stefan Effenberg, der nach dem offenbar sport-ethisch unsachgemässen Gebrauch von Bundestrainer Berti Vogts von der WM-Endrunde 1994 aus den USA nach Hause verbannt worden ist. Effenberg machte den Mittelfinger unter dem Titel Stinkefinger weltweit populär.

Angesichts solcher Bedeutung musste sich auch der Duden dieses Begriffs annehmen. Das Wort Stinkefinger ist gemäss Duden maskulin (als der Stinkefinger), logischerweise ein Substantiv, und die Ehre, in den Duden aufgenommen zu werden, erfuhr der Stinkefinger im Jahr 1996. Als Synonym gibt der Duden einzig «Mittelfinger» an, und wer in der Sprachbibel blättert, stösst alphabetisch vor dem Stinkefinger auf Stinkbock, Stinkbombe und Stinkdrüse. Der Schluss ist erlaubt, dass alle Begriffe zumindest nicht positiv besetzt sind.

Der Stinkefinger – beleidigend und obszön

Und nun also Carlo Ancelotti, der Trainer von Bayern München. Er verleiht dem Stinkefinger neuen Schub. Der ansonsten überaus besonnene Italiener gibt zu, den Stinkefinger erhoben zu haben, und zwar, weil er nach der turbulenten Schlussphase des Spiels Hertha Berlin – Bayern München, das wie üblich erst mit einem Torerfolg der Münchner zu Ende ging, auf dem Weg in die Kabine bespuckt worden sei. Entdeckt wurde dieser Frevel am sittlichen Benehmen nur durch eine der zahllosen Kameras, die in Deutschland Fussballspiele begleiten.

Hat Carlo Ancelotti im politisch korrekten Deutschland und im politisch noch korrekteren Deutschen Fussball-Bund eine Chance, straflos bespuckt zu werden? Das ist fraglich. Ein Trainer namens Norbert Düwel aus Berlin wurde einst vom DFB für einen Stinkefinger mit 3500 Euro gebüsst, es liegt also nebst Stefan Effenberg ein weiterer Präzedenzfall vor. Und auf Wikipedia, wo dem Stinkefinger (lateinisch: dipitus impudicus, italienisch: dito medio, englisch: fuckfinger) ein ansehnliches Kapitel samt Skizzen des korrekten Gebrauchs gewidmet wird, lernt man zwar, dass der gestreckte Mittelfinger «häufig» als beleidigende Geste verwendet wird, aber leider nicht in Deutschland. Da gilt der Stinkefinger immer als obszön, zumal der gestreckte Mittelfinger bei den Griechen und Römern einen erigierten Penis dargestellt haben soll.

Carlo Ancelotti hätte den Ringfinger strecken müssen.

Die Grenzfälle der Masochisten

Guido Tognoni am Montag den 13. Februar 2017
Nachspielzeit

Der richtige Reflex: Dortmunds Goalie Roman Bürki hält einen Penalty im Spiel gegen Hertha Berlin (8. Februar 2017). Foto: Martin Meissner (Keystone)

Gewiss, Roman Bürki hat hervorragend reagiert, als er am späten Mittwochabend im Cupspiel gegen Hertha Berlin nach der Verlängerung den Elfmeter Daridas abwehrte. Nur: Bürki verhielt sich dabei nicht regelkonform und hatte die Torlinie bereits vor der Schussabgabe verlassen. Es gibt nicht viel, auf das die drei Spielleiter bei einem Elfmeter achten müssen, aber die korrekte Position des Torhüters gehört dazu. Ein Goalie darf sich vor dem Schuss zwar bewegen, doch nur seitlich auf der Torlinie und nicht nach vorne.

Die Frage, die sich aufdrängt: Gibt es einen Schiedsrichter, der den Mut hat, in Dortmund vor 80’000 Zuschauern einen vom Dortmunder Torhüter abgewehrten Elfmeter wiederholen zu lassen?

Das Gleiche am Vortag bei Bayern München – VfL Wolfsburg: der bereits verwarnte Münchner Arjen Robben lässt die Wolfsburger einen Freistoss nicht ausführen und schlägt den Ball weg. Ein Spieler aus Freiburg, Darmstadt, Ingolstadt oder Mainz wäre mit einer zweiten Gelben Karte gleich vom Platz geflogen, Arjen Robben hingegen geniesst den typischen Bayern-Schutz, den man beispielsweise bei Franck Ribérys Entgleisungen seit Jahren feststellen kann, und bleibt auf dem Rasen.

Dass die renommierten Teams bevorteilt werden, ist ein weltweites Phänomen und könnte bestimmt statistisch belegt werden. Zwar ist jeder Fussball-Schiedsrichter bis zu einem gewissen Mass ein Masochist, aber muss er sich ohne grosse Not auf dem Platz noch mehr Probleme einhandeln, als er ohnehin hat? Schliesslich hat jeder Spielleiter einen Ermessensspielraum. Weshalb soll er ihn nicht ausgerechnet bei Bayern München wohlwollend ausnützen, wozu soll er in Dortmund das wildeste Stadion Deutschlands gegen sich aufbringen?

Auch Masochisten setzen sich ihre Grenzen.

«Ich bin schwul!»

Christian Andiel am Donnerstag den 1. September 2016

Das wird die Beste aller bisherigen Bundesliga-Saisons. Nicht weil doch Dortmund Meister wird, nicht weil Köln mit einem ganz neuen, revolutionären Spielsystem endlich wieder in den Europacup kommt, auch nicht, weil die roten Bullen aus Leipzig gleich wieder absteigen. Nein, die Saison wird deshalb so wichtig und zukunftsweisend, weil sich erstmals ein aktiver Bundesliga-Promi als schwul outet. Dass dies einmal passieren wird, war immer klar. Nur, wann, das ist die Frage. Marcus Wiebusch, Frontmann von Kettcar, hat auf seinem Soloalbum einen tollen Song dazu geschrieben und ein starkes Video gedreht.


Der Song und das Video zum Thema: Marcus Wiebusch, «Der Tag wird kommen!». Quelle: Grand Hotel van Cleef/Youtube

Thomas Hitzlspergers Bekenntnis war der letzte vorletzte Schritt. 2014 äusserte sich der ehemalige Nationalspieler zu seiner Homosexualität. In seinem sehr lesenswerten Interview mit der «Zeit» wird auch klar, warum er damit bis nach der Karriere wartete. Von «Soziopathen» war da die Rede, davon, dass Homosexualität im Fussball «schlicht ignoriert wird. In England, Deutschland oder Italien ist das kein ernsthaftes Thema, nicht in der Kabine jedenfalls.» Von Schwulen-Witzen unter Fussballern, Gruppenzwang, vom langwierigen und schwierigen Prozess.

Aber jetzt ist es soweit. Während der aktuellen Saison wird ein prominenter Spieler oder Trainer den Mut haben, dieses Thema ein für allemal zu erledigen und zu sagen: «Ich bin schwul!» Ich werde jetzt hier den Teufel tun und mit Namen spekulieren, wer es sein könnte. Genau diese Mutmassungen sind nämlich schon ein Grund, warum viele Menschen so grosse Probleme haben, sich zu outen. Getuschel, schiefe Blicke, blöde Sprüche. Da wird einem immer wieder klar, wie wichtig die «richtige» sexuelle Orientierung für viele andere ist – und natürlich wissen nur genau diese Leute, was «richtig» ist.

Wie reagieren die Fans?

Gut deshalb, dass jetzt einer dieses Tabu bricht. Und gespannt dürfen wir sein, wie die Fans reagieren. Sie, die sich doch so gerne als die Wahrer des Fussballs sehen. Passen Homosexuelle ins Weltbild der diversen «Fronten» und anderen gewaltbereiten Gruppierungen? Und wehren sich die übrigen Fans dann für die mutige Minderheit, oder machen es die meisten, wie sie es sonst auch handhaben: Ein bisschen mitlaufen, ein bisschen mitgrölen, ein bisschen mitmischen, es aber doch irgendwie gar nicht so meinen, wenns dann wirklich mal aus dem Ruder läuft?

Wie auch immer: Es wird eine grandiose Saison. Wegen eines kurzen Satzes, der nur diejenigen stört, die eh nichts in der Birne haben und vor lauter Hass nicht wissen, wohin mit sich. «Ich bin schwul.» Klingt so einfach – und ist im Fussball immer noch so schwierig.

Fussball ist alles - auch schwul! (Getty Images)

Und der Tag wird kommen: Denn Fussball ist alles – auch schwul! (Getty Images)

Das Schreckgespenst der Bundesliga

Christian Andiel am Donnerstag den 25. August 2016

Was war das für ein grandioser Tag für die Fussballromantiker und die unermüdlichen Kämpfer für das Gute und Ehrliche. Dynamo Dresden, der Club mit der grossen Tradition und der erklecklichen Zahl an schwer gewaltbereiten Fans, schmiss das höherklassige Team von RB Leipzig hochkant aus dem DFB-Pokal. Ach, was jauchzte da das Herz des wahren Fans, als der verhasste Club des Brauseherstellers aus Österreich unterging. Und was wird für ein Gefeixe geherrscht haben, als Dynamo-Fans den abgeschlagenen und blutigen Kopf eines echten Bullen auf die Laufbahn ums Spielfeld geworfen haben. Unappetitlich sind schliesslich immer nur die anderen, nie man selbst. (Kurze Frage an die Chefs von Dynamo: Wie bringt man unbeobachtet einen Bullenkopf ins Stadion?)

Keine Frage: Es gibt Punkte, die abstossen bei Rasenball Leipzig, dem milliardenschweren Spielzeug von Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz. Die Vereinsstruktur ist so gestaltet, dass es nur eine Handvoll «Mitglieder» gibt, deren einzige Aufgabe es ist, die Alleinherrschaft von Mateschitz nicht infrage zu stellen. Als bei Servus TV, einem anderen Mateschitz-Projekt, Mitarbeiter mit der Gründung eines Betriebsrates drohten, kündigte der öffentlichkeitsscheue Machtmensch für diesen Fall prompt die Schliessung des Senders an. Es gibt Servus TV noch, einen Betriebsrat gibt es nicht. RB Leipzig holt zudem mit den Milliarden, die zur Verfügung stünden, nicht gestandene Stars, sondern eher junge Spieler mit Perspektive – machen damit aber den deutschen Markt für Talente ziemlich kaputt.

Der Stil von Ralf Rangnick

Das ist alles höchst unangenehm. Und einige Kritiker sagen, zumindest die Sache mit der Mitgliederstruktur hätte von der Liga als Grund genommen werden können, um RB Leipzig den Aufstieg zu versagen. (Ich bin da skeptisch, Leute wie Mateschitz haben immer die besseren Anwälte.) Aber Fakt ist: RB ist jetzt oben angekommen, und sie werden vieles tun, um irgendwann in die Champions League zu kommen und um den Meistertitel mitzukämpfen. Und sie werden das unter der Ägide von Sportchef Ralf Rangnick so tun, wie er es schon beim vergleichbaren Projekt in Hoffenheim pflegte: mit vor allem jungen Spielern, die einen begeisternden, offensiven Stil pflegen.

Nur: Ist das böse? Darf Mateschitz sein Geld nicht dort einsetzen, wo er will? Natürlich ist er ein Kotzbrocken, aber ist Martin Kind, der selbstherrliche Boss in Hannover, ein Sympathieträger? In Hamburg gibt es den schwerreichen Sponsor Klaus-Michael Kühne, der immer dann einen teuren Spieler kauft, wenn der Abstieg droht. Ohne Kühne geht nichts beim HSV, das offizielle Budget ist absurd, der Club ist faktisch in seiner Hand. Wo sind die Proteste, und wer stellt die heiklen Fragen, wenn die Relegation durch einen restlos absurden Schiedsrichterentscheid zugunsten der Hamburger ausgeht?


Freiburgs Trainer Christian Streich über die Qualitäten und Möglichkeiten von RB Leipzig. Quelle: Badische Zeitung / Youtube

Die Macher in anderen Vereinen sind besorgt. Das ist klar. Freiburgs Coach Christian Streich verweist auf die unbegrenzten Möglichkeiten im finanziellen Bereich, geleistet von einem Mäzen, der wieder weg ist, wenn er die Lust verliert. Streichs Kollege bei St. Pauli, Ewald Lienen, erklärt, warum man einst auf der Website das Firmenlogo zensiert habe, «wir machen keine Werbung für diesen Konzern». Auch dank Red Bull Leipzig ist in der gesamten Szene die Diskussion über die verrohten Sitten im Fussball ausgebrochen. Am Sonntag sagte zum Beispiel Marcel Reif im «Doppelpass» auf Sport 1 im Zusammenhang mit dem Transferwahnsinn, er habe Bedenken, «dass das eine Art der Kultur wird, mit der möchte ich nichts mehr zu tun haben». Machen Sie sich als Reif-Fan nun aber bitte nicht zu viele Sorgen. Er bleibt uns (Gott sei Dank!) erhalten, denn auch Reif wurde reich und berühmt als Mitglied des Showbusiness Fussball, das nun in der Bundesliga als vorläufigen Höhepunkt all der Entwicklungen der vergangenen Jahre den Aufstieg von RB Leipzig erlebt hat.


Ewald Lienen (St. Pauli) erklärt, warum eine Zensur nötig war. Quelle: Deutschland sagt Nein zu RB Leipzig / Youtube

Immerhin haben die Fans wieder einen klaren Feind, nachdem Bayer Leverkusen, VW Wolfsburg, SAP Hoffenheim und Audi Ingolstadt längst normal und akzeptiert sind. Die Vorbereitungen zu Protest und Randale laufen auf Hochtouren, gebündelt bei Facebook unter «Deutschland sagt Nein zu RB Leipzig». Da heisst es zum Beispiel: «Dann gibt es noch das Argument ‹Hinfahren und Bude abreissen› wie einst Hansa Rostock. Aber aufgrund des Sicherheitswahns in Leipzig ist das nicht mehr möglich.» Und das ist dann wirklich frech von Mateschitz und seinen Schergen in den Institutionen. Da schaut die Polizei bei heftiger Randale nicht einfach zu, sondern wappnet sich und will in der Tat sogar dagegen vorgehen. Danke, RB Leipzig, kann der wahre Fan da nur sagen, euretwegen müssen wir tatsächlich unter dem Sicherheitswahn leiden.

Der Kümmerer

Christian Andiel am Donnerstag den 18. August 2016


Schlechte Neuigkeiten für (fast) alle Fussballfans: Bayern wird in der kommenden Saison das Triple holen. Das lässt sich deshalb nicht vermeiden, weil das ohnehin starke Kader nun von einem Trainer betreut wird, der nicht sich, sondern die Spieler in den Vordergrund stellt. Carlo Ancelotti hat bei allen seinen bisherigen Stationen bewiesen, dass er ein unglaubliches Gespür für die Menschen um sich herum hat. Er ist ein gewiefter Taktiker, aber er stellt nicht sein Denken, seine Ideen über alles und verliert dabei den Respekt vor den Fähigkeiten des Gegners. Ancelotti ist also nichts weniger als ein Anti-Pep, er erinnert vielmehr an Jupp Heynckes, den Vorgänger von Guardiola. Und was war das Erbe jenes ehrgeizigen, erfahrenen, bescheidenen, sympathischen Heynckes? Genau, das Triple.

In einer lesenswerten Biografie mit dem passenden Titel «Quiet Leadership – Wie man Menschen und Spiele gewinnt» (für eine Leseprobe klicken Sie bitte hier) bringt uns Ancelotti sein Denken nahe, er erzählt von seinem Leben, von seiner Kindheit in sehr einfachen Verhältnissen. Der Vater war Bauer, die Familie lebte von der Herstellung von Parmesankäse. 50 Prozent der Einkünfte mussten an den Eigentümer des Landes abgegeben werden. Ancelotti hat seine Herkunft nie vergessen, und dennoch kann er mit den Superstars der restlos überteuerten Fussballwelt so umgehen, dass einer nach dem anderen im Buch eine wahre Lobeshymne auf den ehemaligen Trainer abgibt: «Er ist ein unglaublicher Mensch» (Cristiano Ronaldo), «Er ist der beste Trainer aller Zeiten» (Zlatan Ibrahimovic), «Für mich ist er das Nonplusultra» (John Terry), «Für mich ist er ein Freund, und ich vermisse ihn» (Paolo Maldini).

Lächerliche Gesten sind ihm fremd

Bei Ancelotti muss Thomas Müller nicht bis nach dem allerletzten Spiel nach drei Jahren warten, ehe er sagt, nun habe der Trainer endlich Mensch sein können, wie er das bei Guardiola tat. Und was nur zeigt, wie sehr sich der Katalane selbst überhöht hat und wie das Umfeld diese Hybris übernommen hat. Ancelotti liebt den Fussball, aber er wird ihm nie wichtiger sein als die Menschen um ihn herum. Paul Clement, sein langjähriger Wegbegleiter als Assistent, sagt: «Carlo ist ein Kümmerer.» Dass ihm das immer wieder als Schwäche ausgelegt wird, dass er zu weich und nachgiebig im Umgang mit Spielern sei, das zeigt nur eines: wie dämlich Mächtige und Entscheider im Fussball halt zumeist sind.

Die Liebe zum Fussball lässt Ancelotti auch die nötige Demut wahren. Er schreibt: Die Menschen im Stadion «zahlen nicht, um mich an der Seitenlinie zu sehen oder Pep Guardiola oder Sir Alex Ferguson». Also wird Ancelotti nicht auf lächerliche Art während eines Penaltyschiessens demonstrativ auf einen Stuhl neben der Seitenlinie sitzen und den Blick vom Geschehen wenden, er wird nicht während eines Spiels bis fast zum Mittelkreis rennen, um Goalie Manuel Neuer nach einem minimalen und folgenlosen Fehler publikumswirksam zusammenzustauchen.

Wie läuft es mit den Chefs?

Auf eines darf man freilich schon gespannt sein: das Verhältnis zwischen Ancelotti und seinen Chefs. In seiner Autobiografie macht der Italiener deutlich klar, was er von Einmischungen von oben und ganz oben hält, wie sehr es ihn anwidert, wenn man auf Konkurrenten oder Schiedsrichter verbal einprügelt. Er sieht sich auf der Seite der Spieler und des Spiels, sonst nichts. «Ich verbringe nicht sehr viel Zeit mit dem Präsidenten», schreibt er etwa, dieser Teil der Kommunikation sei ihm nicht sehr wichtig. Blöd nur, dass der Präsident beim FC Bayern bald wieder Uli Hoeness heisst. Daneben schwurbelt ein Karl-Heinz Rummenigge auch gerne zu allem und jedem irgendetwas. Und das in einer Phase, in welcher der interne Machtkampf zwischen den beiden Gockeln wieder heftig entfacht werden wird.

Aber die Störfeuer der selbstherrlichen Chefs werden leider der Konkurrenz nichts nützen, weil auch Rummenigge und Hoeness am Menschen Ancelotti abprallen. Gut für den Italiener, schlecht für die anderen Vereine.

Ein deutsches Missverständnis

Blog-Redaktion am Mittwoch den 4. Mai 2016

Ein Gastbeitrag von Tobias Escher*

Nachspielzeit

Wieder das Aus im Champions-League-Halbfinal: Hat Pep Guardiola in den Augen der deutschen Experten wieder alles falsch gemacht? Foto: Tobias Hase (Keystone)

Düstere Stimmung im «Doppelpass», in Deutschlands selbst ernanntem Fussballstammtisch Nummer eins. Sendezeit will auch bei Sport 1 gefüllt werden, und kein anderes Thema bringt so viel Quote wie der FC Bayern. Woche um Woche bespricht die Runde die wenigen wichtigen und die vielen, vielen unwichtigen Themen, die an der Säbener Strasse entstehen. Und momentan gibt es eminent wichtige Themen rund um den FC Bayern zu besprechen.

Das Aus gegen Atlético in den Halbfinals der Champions League. Thomas Müller beim 0:1 im Hinspiel nur auf der Bank. Danach unentschieden gegen Gladbach, damit keine Meisterschaft drei Spieltage vor Schluss. Katastrophenstimmung. Pep Guardiola habe alles falsch gemacht, was ein Trainer falsch machen könne, so der Tenor. Moderator Thomas Helmer stellt die grosse Frage: «Wer coacht Pep?» Wer coacht also den Trainer, der in der Bundesliga sämtliche Rekorde gebrochen hat, der drei Meistertitel in drei Jahren gefeiert hat, der in jedem Jahr das Champions-League-Halbfinale erreicht hat?

Irgendwas ist schiefgelaufen zwischen Pep Guardiola und Fussballdeutschland. Der «Kicker» attestiert dem Spanier «krasse Defizite im menschlich-psychologischen Bereich» und wirft ihm vor, «ohne Empathie» zu agieren und nach «rein fussballspezifischen Erwägungen» aufzustellen. Guardiola, der Taktiktüftler ohne Herz – das ist das Bild, das Fussballdeutschland hat.

Nicht nur Guardiolas Auftreten ist den Deutschen nach drei Jahren immer noch fremd. Auch sein Spielstil. Die Sportjournalisten erklären Guardiolas Spielphilosophie selten. Er selbst gibt keine Interviews, speist Fragen auf Pressekonferenzen mit «Super, super»-Phrasen ab. Guardiola erklärt sich und sein Spiel nicht. Das ist medienpolitisch höchst unklug, sind viele deutsche Sportjournalisten es doch gewohnt, von den Protagonisten gesagt zu bekommen, wieso sie gespielt haben, wie sie gespielt haben. Guardiola macht sich jedoch rar und hofft, dass andere sein Spiel erklären – eine Hoffnung, die sich nach drei Jahren als recht illusorisch erwiesen hat.

Bayern's Robert Lewandowski, left, scores his side's second goal during the Champions League second leg semifinal soccer match between Bayern Munich and Atletico de Madrid in Munich, Germany, Tuesday, May 3, 2016. (AP Photo/Michael Probst)

Der Moment der Hoffnung: Robert Lewandowski (links) erzielt das 2:1, doch dabei blieb es – und das war zu wenig. Foto: Keystone

Guardiolas Juego de Posición ist heute das, was vor zwanzig Jahren die Viererkette war: eine grosse Unbekannte, die nur wenige Eingeweihte verstehen. Der grosse Johann Cruyff führte es einst bei Barcelona ein. Die Idee: Durch eine kluge Raumaufteilung gewinnt man Spiele. Guardiola gibt vor, wie die Spieler sich auf dem Feld zu positionieren haben, welche Laufwege sie wählen sollen, wer wann welchen Pass zu spielen hat. Dazu teilt er das Spielfeld in rund zwanzig Zonen ein. Es sollen sich nie zwei Spieler in einer Zone aufhalten, möglichst nicht mehr als zwei in einer vertikalen oder drei in einer horizontalen Linie stehen. Nur so könne man dem Spieler am Ball jederzeit mehrere Anspielstationen bieten und den Gegner dominieren.

Das vielleicht grösste Missverständnis betreffend Guardiola: Nicht das System entscheidet, welche Einzelspieler auflaufen, sondern die Einzelspieler bestimmen das System. Guardiola will seine Spieler in Situationen bringen, in denen sie ihre Stärken einbringen können. Bei Barça bedeutete dies, für Lionel Messi, Xavi und Andres Iniesta Räume im Mittelfeld zu öffnen. Die wichtigsten Bayern-Spieler sind jedoch keine Mittelfeldspieler, sondern Jérôme Boateng und Xabi Alonso sowie Douglas Costa, Franck Ribéry und Arjen Robben. Die ersten beiden bauen das Spiel aus der Tiefe auf, die letzten drei sollen für Durchbrüche sorgen.

Guardiola gibt feste Abläufe in seinem Positionsspiel vor, um sicherzustellen, dass die wichtigsten Spieler das tun können, was sie am besten können. Boateng soll möglichst viele lange Pässe spielen, Robben in Eins-gegen-eins-Situationen gelangen. Dazu passt Guardiola sein System an, ständig. Jeder Gegner hat ein anderes System, andere Schwachstellen. Deshalb braucht Guardiola unterschiedliche Formationen, unterschiedliche Spieler, unterschiedliche Laufwege, um erfolgreich sein zu können.

«Bring deine Spieler in eine Position, in der sie erfolgreich sein können», sagte Dallas-Mavericks-Besitzer Mark Cuban einmal. Das ist die Quintessenz von Peps Arbeit, die grosse Kontinuität in seinem Schaffen. Deshalb muss auch ein Thomas Müller mal auf der Bank sitzen, wenn Guardiola nicht das Gefühl hat, er könne seine Stärken gewinnbringend zur Geltung bringen.

In Deutschland hat sich Guardiola aber auch verändert. Der Spanier ist konservativer geworden, denkt defensiver. Die Absicherung der eigenen Angriffe ist ihm noch wichtiger als zu Barça-Zeiten. Die Bayern dominieren nicht in erster Linie über ihr Passspiel. Sie gewinnen praktisch jeden zweiten Ball nach einer Flanke. Es ist spanischer Juego de Posición mit einem grossen Schuss deutscher Tugenden. Kein Spieler verkörpert diese Veränderung in Guardiolas Wesen so stark wie Arturo Vidal, der Kämpfer, der diese Saison der Garant war für die starken Bayern-Momente.

Und doch schraubte Guardiola lange Zeit weiter an seinem Traum vom perfekten, formvollendeten Fussball. Nie kam ein deutsches Team so nah an dieses Ideal heran, nie hat eine deutsche Mannschaft den Gegner so dominiert wie Guardiolas Bayern beim 7:1-Erfolg gegen den AS Rom oder in den ersten sechzig Minuten des Hinspiels gegen Juventus Turin. Nicht unter Udo Lattek, nicht unter Ottmar Hitzfeld und auch nicht unter Jupp Heynckes.

Doch schon Franz Beckenbauer hatte als Nationaltrainer festgestellt: «Schön gespielt? So ein Schmarrn. Der Deutsche will den Erfolg sehen.» Guardiola wird an nichts anderem gemessen als am Triple, dem Gewinn aller drei grossen Wettbewerbe.

Dahinter steckt der grosse, ungelöste Widerspruch Fussballdeutschlands. Einerseits sagt der urdeutsche Ingenieursgedanke: Man braucht nur die richtigen Teile, um einen Mercedes zu bauen. Guardiola habe gefälligst die Bayern-Teile so zusammenzustecken, dass am Ende ein Triple dabei herauskommt. Verletzungen, Form, Matchglück – all das zählt nicht. Andererseits herrscht in Fussballdeutschland noch immer ein massives Desinteresse an der Frage, wie Trainer ihre Autos bauen. Man wird im «Kicker» nie das Wort «Juego de Posición» lesen und es auch nie im «Doppelpass» hören. So lässt sich eine Debatte über die Leistung eines Trainers am Ende nur anhand von Silbertrophäen führen.

* Tobias Escher ist der Autor des Buchs «Vom Libero zur Doppelsechs», Journalist und schreibt für das Online-Fussballmagazin «Spielverlagerung». Der Beitrag erschien zuerst im Blog Miasanrot.de, er wurde für den TA-Blog minimal aktualisiert.