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Ein WM-Boykott ist keine gute Idee

Guido Tognoni am Donnerstag den 22. März 2018

Derzeit der grosse Bösewicht: Viele wollen Wladimir Putin bestrafen – mithilfe der WM 2018. (Foto: Getty Images)

Wieder einmal sollen Sportler eine Grossveranstaltung boykottieren. Diesmal die Fussball-Weltmeisterschaft in Russland vom kommenden Sommer. Der Ruf wird laut, um Wladimir Putin zu bestrafen, dem die Verantwortung für die Giftattacke auf einen Doppelagenten in England zugeschoben wird. Putin ist zurzeit der grosse Bösewicht, und es gibt einige Gründe dafür, dass ihm diese Rolle zu Recht zugesprochen wird.

Bis jetzt hat Englands Premierministerin Theresa May angekündigt, dass keine Vertreter der Politik an die Endrunde reisen werden. Das ist für Putin keine Strafe, sondern eine Erleichterung; denn die Politiker, die man an einer WM jeweils hegen und pflegen muss, damit sie sich auf der Ehrentribüne dem weltweiten Publikum darstellen können, sind organisatorisch nichts anderes als eine Strafaufgabe. Zudem interessiert sich kein Fussballfan rund um den Globus dafür, welche Politiker einem Fussballspiel beiwohnen und so tun, als ob sie der Ausgang von Russland – Saudiarabien interessieren würde.

Wenn England die WM tatsächlich boykottieren würde (es wird nicht geschehen), könnte sich Wladimir Putin darüber amüsieren, wie sich andere Verbände darum bemühten, die Engländer zu ersetzen. Erster Kandidat wäre Italien, sicher mindestens ein gleichwertiger Ersatz für England und letztlich eine unverhoffte Bereicherung des Turniers.

Sportboykott als einfachste Lösung

Aber der bei politischen Krisen immer wieder auftretende Boykott-Reflex für Sportler ist vom Ansatz her falsch. Grundsätzlich kann ja jeder Fussballer für sich selbst überlegen, ob er an einer Veranstaltung mitspielen will oder nicht, die – je nach Optik – einem missliebigen Politiker oder einem missliebigen System als Propaganda-Veranstaltung dient. Dass jedoch der Sport jedes Mal als Variante für eine solche Demonstrationen herhalten soll, ist die billigste Variante einer Polit-Show.

Es gäbe beispielsweise gute Gründe, Saudiarabien oder die Türkei mit einem weltweiten Waffenembargo zu belegen, aber daran denkt niemand, denn das Geschäft und politische Interessen gehen vor. Der Verzicht auf russisches Erdöl und Erdgas würde Vladimir Putin ernsthafte Probleme bereiten, aber ein solcher Verzicht ist praktisch nicht möglich. Auch bei China, die Diktatur mit dem freundlichen Gesicht, denkt niemand an Embargos und Boykotte. Das Gegenteil ist der Fall, China wird weltweit hofiert. Und wenn US-Präsident Donald Trump gegen einzelne Staaten in seinem Stil auch dort Radau macht, wo es angebracht ist, wird er mehr belächelt als unterstützt.

Wenn also Politiker die Sportler leichtfertig zum Boykott aufrufen, ist grösste Vorsicht angezeigt. Ein Sportboykott ist immer die einfachste Lösung. Sie ist leicht durchzuführen, kostet die Politiker nichts, und umgeht das Risiko, den mächtigen Interessen der Industrie Schmerzen zuzufügen. Aber eben: ein Sportboykott hat die Welt noch nie verbessert.

Guido Tognoni

Guido Tognoni

Als Ersatzspieler des FC Davos (3. Liga, untere Tabellenhälfte) erzielte er im Schneetreiben von Tavanasa vor einigen Jahrzehnten sein einziges Meisterschaftstor. Danach stieg er trainingsfrei mit dem FC Tages-Anzeiger in die höchste Firmenfussballklasse auf und hoffte meist vergeblich, dass seine Laserflanken zu Treffern führen würden. Da sein Talent auf dem Rasen nicht erkannt wurde, arbeitete er 15 Jahre an den Schreibtischen der Fifa und Uefa.

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10 Kommentare zu “Ein WM-Boykott ist keine gute Idee”

  1. Matera Gianni sagt:

    Ich finde es schon merkwürdig, wenn sogar ein Mann des Sports wie der Tognoni dafür spricht, dass es gute Gründe gäbe, die WM zu boykottieren. Was sind denn die guten Gründe? Die USA und der Westen provozieren doch mit Hilfe der Medien die Russen aufs übelste. Die Medien sind schon lange nicht mehr unabhängig und führen für die USA und die Nato eine widerliche Propaganda gegen Russland Syrien und Iran.

  2. Allan Protisil sagt:

    Es ist ja nicht so, dass der Westen moralisch besser wäre als RU. Von da her sind die Boykottaufrufe natürlich lächerlich. Und das aggressive Gehabe des Westens ist abstossend. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.

  3. Paul Meier sagt:

    tja, gut möglich dass Putin hinter den Morden steht. Aber hinter wieviel Morden stehen die amerikanischen, englischen, französischen et al Geheimdienste??? Söihäfeli – Söideckeli!! Lasst den Sport ausserhalb der Politik…

  4. Tom Maier sagt:

    Fussball macht immer weniger Spass, die fragwürdigen Vergaben an RU und Quatar, die überdimensionalen Transfersummen einiger Spieler, die Dopingvorwürfe und seit einiger Zeit nun die Geldgier der UEFA welche die CL Spiele nur noch im Bezahlfernsehen zeigen will. Die Freude guten Fussball zu sehen ist nicht undendlich dehnbar, irgendwann verleidet es und man sieht halt was Anderes.
    Möchte die FIFA den GAU vemeiden sollten sie sich anstrengen, vielleicht wäre die Boykotierung der WM in Russland nicht das geeignete Mittel, aber auch nur dann wenn die FIFA sich ins Zeug legen würde, dies ist aber nicht zu erwarten.

    • Claudio sagt:

      Wenn die Russen schon in der Vorrunde gegen das starke Uruguay mit Suarez und Aegypten mit einem Momo Salah in Topform ausscheiden, dann wäre das doch die gerechte Strafe für diese höchstwahrscheinlich korrupte WM-Vergabe!
      Der Rest der WM wird die russische Bevölkerung dann nicht mehr gross interessieren und nicht wenige Spiele werden dann vor halbleeren Rängen stattfinden. Das käme für die FIFA und Putin doch schon einer mittleren Katastrophe nahe. Es ist Fussball WM und kaum einen interessiert es noch!
      Einige dieser teuren Stadien in der russischen Tundra werden dann wohl auch als Bauruinen jämmerlich verfallen!
      .
      Die WM 2018 in England wäre der bessere Entscheid gewesen!

      • Hans Klein sagt:

        Die korrupteste WM Vergabe aller WM Vergaben war …darüber hören wir nichts mehr. Weder über Deutschland noch über Beckenbauer. Das ist Korruption pur. Was nicht sein darf, ist auch nicht. Und jetzt wieder drauf los auf Russland, sonst erinner wir uns wiese an Deustschland.

  5. Claudio sagt:

    Die Olympiade 1980 wurde schliesslich nach dem Afghanistaneinmarsch der Russen auf erfolgreich boykottiert und jene Spiele in Moskau zu einer Spartakiade verkommen lassen!
    Diese ganze korrupte WM in Russland schon von Anfang an gekauft, kaum ein Stadion hat – Korruption sei dank – viel unter einer Milliarde gekostet, wieso soll man die eigentlich nicht boykottieren, falls sich Putin nochmals so ein Aktiönli wie neulich in England erlauben sollte, der FIFA könnte man damit nämlich auch gleich mal einen kräftigen Schritt ans Schienbein ginken, dass deren Präsident keine Zeit mehr hätte für seine elitären Plauschmätschli für auserwählte Zuseher mit Maradona, Bolt und Mou!
    .

  6. Anh Toàn sagt:

    Man sollte die Fussball WM boykotieren wegen der korrupten Fifa, welche die Weltmeisterschaften an den meistbietenden (in die Taschen der Funktionäre, nicht des Vebandes) verschachert. Man sollte die Fussball WM boykotieren, weil jedesmal, wo so etwas veranstaltet wird, sich ein paar wenige bereichern, inländische und FIFA Funktionäre, zu Lasten des grossen Teils der Bevölkerung und der Umwelt.

    • Anh Toàn sagt:

      Man sollte die Fussball WM boykotieren, nicht als Sportler, sondern als Zuschauer, als Konsument. Solange das Publikum sich nicht kümmert, wird sich nichts ändern, und man kann die Mächtigen im Land des Veranstalters und bei der FIFA nicht mal kritisieren: Sie liefern ja nur, was der Konsument anscheinend will. Ein Konsumentenboykott würde die Welt des Fussballs tatsächlich verbessern. Denn wenn es niemand sehen wollte, würden die nationalen TV Stationen auch keine Übertragungsrechte kaufen, niemand würde Werbung schalten, es wäre nicht finanzierbar. Letztlich sind wir selber schuld, wenn wir kritiklos konsumieren, legitimieren wir dies, wie der Hehler den Diebstahl.

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