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Der Zar lenkt von der WM ab

Guido Tognoni am Montag den 19. März 2018

Hält den Ball flach: Wladimir Putin drei Monate vor der WM in Russland: Foto: Alexei Druzhinin (Epa, Sputnik/Kremlin Pool)

Diesmal bleibt die Katastrophenberichterstattung weitgehend aus. Während üblicherweise vor Fussball-Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen die Medien sich mit Meldungen über unvollendete Wettkampfstätten, Korruption, Arbeits-, Umwelt- und Finanzskandale überbieten, bleibt es vor der Fussball-WM in Russland auffallend ruhig, obwohl drei Monate vor Beginn der Endrunde die meisten Stadien noch Baustellen sind.

Für diese Schonung gibt es mehrere Gründe. Einerseits ist es für Journalisten nicht besonders lustig, nach Russland zu fliegen und die Stadien nach dem Bauverzug abzuklappern. Zudem bleiben interne Probleme in Russland auch wirklich intern, und nicht zuletzt sorgt Russlands unumschränkter Zar Wladimir Putin ausserhalb des Sports für derart viele Schlagzeilen, dass die Medien mit Negativthemen über Russland bereits ausreichend versorgt sind. An Russlands Stelle bietet sich zusätzlich Katar 2022 weiterhin für negative Berichterstattung an. Damit kann die kritische Dosis gewahrt werden: Das bissige Riesenreich wird zwar geschont, dafür der unbeholfene Mikrostaat am Golf medial geprügelt.

Die WM ist ein TV-Event

Ungeachtet der negativen Begleitmusik haben alle Grossereignisse der vergangenen Jahrzehnte planmässig stattgefunden, und die wahren Probleme, insbesondere die fragwürdige Hinterlassenschaft in Form von unbrauchbaren Stadien und anderen Millionengräbern, verblassen hinter der Jagd nach neuen Themen. Das wird auch in Russland und Katar so sein. Russland wird als WM der vielen Reisen in Erinnerung bleiben, Katar als Kontrastprogramm als Turnier der kurzen Wege, an dem trainierte Fussballfans die drei Spiele pro Tag gleich mit dem Velo besuchen können.

Und seien wir ehrlich: Ob bis zum ersten Anpfiff einer Fussball-Weltmeisterschaft die Stadien bis zur letzten Rille baulich vollendet sind oder nicht, spielt keine Rolle. Die sportlichen Mega-Events sind längst Fernsehspiele geworden. Einerseits sieht der Zuschauer den Sport am Fernsehen besser als an den Wettkampfstätten, andererseits muss ein Sportfest vor allem am Bildschirm einen guten Eindruck hinterlassen, wofür im Fussball bei Bedarf auch der Rasen grün bemalt wird oder die Tribünen nur dort gezeigt werden, wo sich Zuschauer befinden. Was für die Werbung und die gesamte Ausstrahlung eines grossen Sportereignisses zählt, ist nicht der Komfort der Zuschauer in den Stadien, sondern die Anzahl Millionen, die sich zu Hause am Bildschirm amüsieren. Die Fans in den Stadien dienen vor allem als Kulisse: Sie sollen Eintritt zahlen, reichlich Bier konsumieren und für gute Stimmung sorgen.

Das tönt zynisch, ist es aber nicht. Jeder, der für sein Fussball-Erlebnis ins Stadion geht, tut das freiwillig. Zudem hat jeder Fussballfan auch eine masochistische Ader, ob er nun nach Moskau, St. Petersburg, in den Letzigrund oder ins Stade de Suisse pilgert. Die wahren Helden der kommenden WM fliegen nach Jekaterinburg, um sich Ägypten – Uruguay anzusehen. Oder nach Saransk für den Kracher Panama – Tunesien. Und die Erwartung, Schweiz – Costa Rica in Nischni Nowgorod würde weltweit die Massen in Bewegung setzen und automatisch das Stadion mit 44’899 Zuschauern füllen, wäre auch etwas gewagt.

Guido Tognoni

Guido Tognoni

Als Ersatzspieler des FC Davos (3. Liga, untere Tabellenhälfte) erzielte er im Schneetreiben von Tavanasa vor einigen Jahrzehnten sein einziges Meisterschaftstor. Danach stieg er trainingsfrei mit dem FC Tages-Anzeiger in die höchste Firmenfussballklasse auf und hoffte meist vergeblich, dass seine Laserflanken zu Treffern führen würden. Da sein Talent auf dem Rasen nicht erkannt wurde, arbeitete er 15 Jahre an den Schreibtischen der Fifa und Uefa.

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4 Kommentare zu “Der Zar lenkt von der WM ab”

  1. Maike sagt:

    Glaubt heute – ausser den Verantwortlichen – wirklich noch jemand daran, das die Stimmung bei den Spielen ein Abbild der Stimmung im Austragungsland ist ? Wenn die Spiele bei Putin jetzt reibungslos funktionieren wird sich das Weltbild, was wir von Putin und seiner Regierung haben nicht ändern ! Er ist nach wie vor jemand, der im Westen Zwietracht saeht. Entweder direkt oder durch seine Mittelsmänner. Es ist doch eher ein Kennzeichen, wie korrupt und Bestechlichkeit mittlerweilen auch Organisationen wie die FIFA oder das OK geworden ist.

  2. Vadim Koslov sagt:

    Wer in die Diktaturen fliegt um unbedeutende Fussballspiele zu schauen ist kein Held sondern ein Helfer der Tyrannei. Mit fröhlichem Bier trinken und Fahnen schwingen gibt man den Diktaturen ein fröhliches Image wärend gleichzeitig Opositionelle im Kerker schmoren.
    Das die WM vergeben wurde wer am meisten bestochen hat lässt sich ja scheinbar nicht rückgängig machen. Auf Berichte aber wie toll diese Korruption für Friede und Völkerverständigung ist sollte man verzichten.

    • tom Schreiner sagt:

      Schön, wie hier wieder mal Sport als billiges politisches Propagandamittel misbraucht wird. Fasst es doch einfach zusammen: Olympia gehört dem Westen, genauso wie die Bodenschätze im Nahen Osten, in Afrika und in Russland. Wer sich weigert, wird kaputt gemacht. …Bis der Westen in seiner Bedeutungslosigkeit versinkt. Verursacht von unfähigen, der USA untergebenen Politikern.

  3. Otto Guldenschuh sagt:

    Ich hätte nicht mal was dagegen, wenn sich die Spannungen zwischen der EU und Russland noch zunehmen würden und mehrere Länder auf die Teilnahme an der WM verzichten würden.
    .
    Das wäre dann ein Supergau für Putin, aber noch viel mehr für die selbstherrlichen FIFA Funktionäre auf dem Sonnenberg!
    .
    Wenn endlich mal eine dieser gekauften WM’s zum totalen Rohrkrepierer und Finanzdesaster würde, dann würde Fussball vielleicht wieder mal etwas normaler wie damals bis in die 70er Jahre als noch nicht alles völlig verkommerzialisiert war und die Funktionäre sich noch nicht so dermassen schamlos bedienten!

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