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Der Koffer des korrupten Paten

Guido Tognoni am Mittwoch den 6. Dezember 2017

Versteigerung der Hinterlassenschaften des ehemaligen Sportpaten João Havelange. (Foto: Mundo/Paula Muriel)

João Havelange und Sepp Blatter. (Foto: Reuters)

Ein alter Koffer mit einem Fifa-Kleber auf dem Deckel gehörte auch dazu. Das sah etwas billig aus mitten in den Bildern, Medaillen, Widmungen, Orden, signierten Trikots und im schwülstigen Schrott, der dem Präsidenten auf all seinen Reisen auf allen Kontinenten geschenkt worden war. Auf einem Bild sieht man ihn, den damals grossen João Havelange, mit Sepp Blatter, der zu dieser Zeit noch sein Vertrauter war. Das alles wurde vor einigen Tagen in Rio versteigert. Nicht für ein Fussballmuseum entstaubt und ausgestellt, sondern ganz simpel verhökert.

Auf dem Foto des Raums, in dem die Versteigerung stattfand, sieht es nicht nach Andrang aus. Der alte Patriarch ist längst kein Thema mehr, erst recht nicht, nachdem er 2016 im Alter von 100 Jahren verstorben ist. Das andauernde Thema ist vielmehr seine moralische Hinterlassenschaft, die den Weltfussball noch immer durchschüttelt und die unter anderem dieser Tage in New York in einem Korruptionsprozess verhandelt wird.

Der mehr oder weniger wertvolle Gerümpel stammt aus der grossen Zeit der Fifa. Die Fifa war glorreich, üppig, schön, glamourös und begehrt, sie betrachtete sich als unantastbar. Der Fussball wuchs während Jahren im Gleichschritt mit der globalen Verbreitung des Fernsehens, und João Havelange, der nach einer bereits damals korruptionsumrankten Wahl im Jahr 1974 den Weltverband bis 1998 mit eiserner Hand und viel Geschick führte, konnte von Rio de Janeiro aus miterleben, wie der deutsche Fernsehmogul Leo Kirch im neuen Jahrtausend die Fifa mit Milliarden eindeckte, ehe sein Imperium krachend zusammenbrach.

Verwirrende Zahlungsflüsse und schäbiges Ende

Wie zuvor die führende Marketing-Agentur und Fifa-Partnerin ISL, die 2001 in Zug fast unbemerkt eine der grössten Firmenpleiten der Schweiz hätte hinlegen können, wenn dabei nicht erstmals grossflächig ausgewiesene Korruptionszahlungen an Sportfunktionäre an die Oberfläche gespült worden wären. Thomas Bauer, der damals in akribischer Kleinarbeit die verwirrenden Zahlungsflüsse der in Konkurs gegangenen ISL nachverfolgt und aufgedeckt hatte, ist heute Verwaltungsratspräsident der Finma. Die über 140 Millionen Franken Bestechungsgelder waren nicht nur an Funktionäre der Fifa geflossen, aber João Havelange und sein Schwiegersohn Riccardo Teixeira zählten zu den Hauptabnehmern, wie Thomas Bauer einigermassen schockiert feststellen musste.

José Maria Marin, Havelange und Blatter: Karikaturen der grossen Paten in Brasilien. (Foto: Reuters)

Das Selbstverständnis, mit dem vor allem, aber nicht nur lateinamerikanische Fussballfunktionäre auch nach diesem Skandal ihre Ämter weiterhin mit schwarzen Zahlungen ungerührt und systematisch aufwerteten, ist verblüffend. Die Beträge bewegen sich in Dimensionen, bei denen man sich fragen muss, wie es einigen Firmen bei derart viel abgepresstem Geld überhaupt noch möglich war, etwas zu verdienen. Die Enthüllungen, die bei diesem Thema in erster Linie dank der Beharrlichkeit der amerikanischen Justiz weiterhin auf uns zukommen werden, dürften noch manchen Nebel lichten. João Havelange, der sein schäbiges Ende als entehrter Sportpate noch einige Jahre überdauert hatte, ficht das nicht mehr an. Vielleicht hat jemand seinen Samsonite-Koffer mit dem Fifa-Kleber ersteigert. Andernfalls landete er wohl auf dem Müll.

Guido Tognoni

Guido Tognoni

Als Ersatzspieler des FC Davos (3. Liga, untere Tabellenhälfte) erzielte er im Schneetreiben von Tavanasa vor einigen Jahrzehnten sein einziges Meisterschaftstor. Danach stieg er trainingsfrei mit dem FC Tages-Anzeiger in die höchste Firmenfussballklasse auf und hoffte meist vergeblich, dass seine Laserflanken zu Treffern führen würden. Da sein Talent auf dem Rasen nicht erkannt wurde, arbeitete er 15 Jahre an den Schreibtischen der Fifa und Uefa.

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Ein Kommentar zu “Der Koffer des korrupten Paten”

  1. Claudio sagt:

    Als Havelange während der WM 1970 erkannte, dass er mittels der afrikanischen und karibischen Länderstimmen 1974 Präsident werden könnte, wandte er diese Strategie an und versprach denen einiges. Nur Geld hatte die FIFA, damals noch an der Bahnhofstrasse 77 in Zürich domiziliert mit seinen 20 Mitarbeitern und rund 10 Mio Franken Umsatz kaum. Die Kassen waren leer.
    Dank Havelange und später auch Blatter als sein Generalsekretär machten die beiden innert weniger Jahrzehnte aus der behäbigen FIFA ein Mrd Unternehmen, leider eben auch mit der bekannten Sportfunktionärskorruption.
    .
    Havelange ist am Ende doch nur als gieriger Sportfunktionär in die FIFA-Analen eingegangen!

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