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Pelé – der Weltstar, der zu früh da war

Guido Tognoni am Donnerstag den 26. Oktober 2017

Einsame Spitze: Pelé holte mit Brasilien dreimal den Weltmeistertitel. 2016 verkaufte er einen grossen Teil seiner Erinnerungsstücke. Der Erlös ging hauptsächlich an ein Kinderkrankenhaus. (Foto: Kirsty Wigglesworth/Keystone)

Kennt sie ihn noch, die Generation Internet? Am Montag wurde er 77 Jahre alt, Edson Arantes do Nascimento, bekannt und bewundert als Pelé, die wohl grösste lebende Legende des Weltsports. Eine Ikone, die jahrzehntelang für den wunderbaren brasilianischen Fussball stand, einen Fussball, den es mittlerweile mit seinem Samba-Merkmal nicht mehr gibt. Sein Stern ging 1958 in Schweden auf, als Pelé im Alter von noch nicht 18 Jahren mit Brasilien erstmals Weltmeister wurde. Es war der erste von fünf Titeln des Rekord-Weltmeisters. Dreimal war Pelé dabei.

Bescheiden

Was man über Pelé nicht nachlesen kann: Er war ein sehr bescheidener Mensch. Er wurde von einigen Agenten übers Ohr gehauen. Erst nach Abschluss seiner Karriere verdiente er durch die Vermarktung seines Namens einigermassen Geld, von dem er vieles wieder an einen üblen Agenten und falschen Freund verlor. Er zeigte zusammen mit Franz Beckenbauer bei den New York Cosmos den Amerikanern, was Fussball ist. Er hatte mehrere Ehen, einen missratenen Sohn, der nach einer mittelmässigen Karriere als Torhüter in die Kriminalität abglitt. Kurze Zeit war er Sportminister Brasiliens. Er stritt sich jahrelang mit Fifa-Präsident João Havelange, den er als einer der Ersten als korrupt bezeichnete, und wurde deshalb von der Fifa ebenso lange mit Nichtbeachtung bestraft. An seinem 50. Geburtstag zog er im San Siro in Mailand nochmals die Fussballschuhe an. Es war nicht sein bestes Spiel.

Als er einmal nach Zürich kam, hielt er eine Verabredung zum Nachtessen ein, nachdem er bereits ein Dinner hinter sich hatte. Wir trafen uns nach 22 Uhr in einem Fondue-Restaurant in Küsnacht, wo Pelé weniger mit dem Fondue als vielmehr mit dem Raclette Freundschaft schloss. Er verzehrte sicher über zehn Portionen und überstand diese Leistung nicht ohne Beschwerden, aber ohne Schaden. Seine Geduld mit Fans, die ein Autogramm wollten, war fast unendlich. Er kritzelte nicht einfach etwas aufs Papier, sondern fragte immer nach dem Namen des Fans und schrieb dann eine kurze persönliche Widmung.

Werbung für Viagra

Inspiration: Künstler Andy Warhol (l.) im Gespräch mit Pelé 1977, den er auch porträtierte. (Foto: Claudia Larson/Keystone)

Pelé machte Werbung für Viagra und Mastercard, für ihn einer der wichtigsten kommerziellen Partner seines Lebens. Eines Tages kam er zu mir ins Büro der Fifa und überreichte einen Plastiksack mit einer Schachtel, die in Papier gewickelt war. Es sah nach einer Videokassette aus, aber es war eine goldene Rolex mit einer persönlichen Widmung auf dem Verschluss. Es war der Dank für eine Empfehlung bei Mastercard. Das war Pelé: Er hat mehr gegeben, als er genommen hat. Seinen Clubs, seinen Fans, einigen seiner Agenten, dem Fussball. Zerstritten mit dem alten Patriarchen João Havelange, hat er von der Fifa nie jene Anerkennung bekommen, die er angesichts seiner Vorbildrolle und seiner Leistungen verdient hätte.

Pelé ist einer der ganz wenigen Figuren des Weltsports, die sich ihren sagenhaften Ruf ohne die Hilfe des Fernsehens erworben haben. Pelé war zu früh da, zu früh für das Fernsehen, zu früh für Hunderte Millionen Zuschauer, zu früh für das grosse Geschäft. Vielleicht war das auch sein Glück: Der Gefahr, dass der liebenswürdige Brasilianer von der unbarmherzigen Maschinerie des Fussballs zermalmt worden wäre, wie etwa später Diego Maradona, musste er sich nicht aussetzen.

Guido Tognoni

Guido Tognoni

Als Ersatzspieler des FC Davos (3. Liga, untere Tabellenhälfte) erzielte er im Schneetreiben von Tavanasa vor einigen Jahrzehnten sein einziges Meisterschaftstor. Danach stieg er trainingsfrei mit dem FC Tages-Anzeiger in die höchste Firmenfussballklasse auf und hoffte meist vergeblich, dass seine Laserflanken zu Treffern führen würden. Da sein Talent auf dem Rasen nicht erkannt wurde, arbeitete er 15 Jahre an den Schreibtischen der Fifa und Uefa.

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