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Hat die Schweiz eine grosse Mannschaft?

Christian Andiel am Mittwoch den 12. Oktober 2016
Switzerland's players cheer after winning the 2018 Fifa World Cup Russia group B qualification soccer match against Hungary in the Groupama Arena in Budapest, Hungary, on Friday, October 7, 2016. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Grosse Emotionen, grosse Mannschaft? Die Schweizer feiern nach dem tollen 3:2 in Ungarn mit den Fans. Foto: Keystone

Es war ein grosser Satz, und er hatte mit grossen Mannschaften zu tun. Nach dem hochdramatischen Sieg der Schweizer in Ungarn sagte SRF-Moderator Rainer Maria Salzgeber: Es sei doch das Zeichen grosser Mannschaften, dass sie eben auch Spiele gewinnen, in denen sie nicht unbedingt besser gewesen seien als der Gegner und möglicherweise ein bisschen Glück nötig gewesen sei.

Nun legten die Schweizer zwar ein paar Tage später in der WM-Qualifikation in Andorra mit drei Punkten nach, ihre Bilanz in der WM-Qualifikation ist makellos. Dennoch sei hier die Behauptung gewagt: Das aktuelle Schweizer Nationalteam ist keine grosse Mannschaft.

Aber das ist nicht als Vorwurf an Salzgeber gedacht. Im Moment des heftigen Adrenalinschubs kann so etwas passieren. Und schliesslich leben wir in Zeiten des Superlativs, das Produkt Fussball ist teuer, es muss verkauft werden, dabei hilft himmelhoch jauchzend genauso wie zu Tode betrübt.

Was macht eine grosse Mannschaft aus?

Wenn ich nun aber die Schweiz nicht zu den grossen Mannschaften zähle, wen dann? Momentan eigentlich niemanden. Nicht einmal den aktuellen Weltmeister (also «Die Mannschaft»), obwohl das meine Landsleute sind und sie gegen Tschechien und Nordirland auch ganz gut gespielt haben. Aber «eine grosse Mannschaft»? Ich sehe gerade keine, auch auf Clubebene nicht.

Fragen wir anders: Was macht eine grosse Mannschaft aus? Sie muss eine Epoche prägen, nicht nur ein grosses Turnier. Sie muss grosse Spieler- und Trainerpersönlichkeiten hervorbringen. Also war für mich die letzte «grosse Mannschaft» das Spanien von Xavi und Iniesta mit den WM- und EM-Titeln zwischen 2008 und 2012; der FC Barcelona von ebenfalls Xavi und Iniesta, dazu Messi; natürlich Manchester United in der Ferguson-Ära, allein schon wegen ihm, wegen der Wucht des Auftritts; die AC Milan mit Arrigo Sacchi und dem Holland-Trio Gullit, Rijkaard, van Basten.

Vielleicht hat Salzgeber doch recht

Es bleibt der Eindruck, dass es in den 60er-, 70er-und 80er-Jahren mehr von diesen dominanten Teams gab: Ajax, Bayern, Liverpool, Juventus, Real, Brasilien, Deutschland. Wobei ich mich schon mit dem deutschen Team schwertue: Es wurde 1972 Europa- und zwei Jahre später Weltmeister – aber hat es die Epoche taktisch wirklich geprägt, mit innovativem Fussball? Das waren damals eher die Niederländer (siehe auch Ajax und Bayern). Wenn dieser Eindruck stimmt: Ist es heute schwieriger, eine ganze Ära derart zu prägen wie zuletzt Spanien? Hat sich der Fussball in seiner Breite so stark verbessert, dass die Ausgeglichenheit eine eindeutige Dominanz verhindert?

Vielleicht lege ich aber auch die ganz falschen Parameter zugrunde und es genügen ein paar nationale Meistertitel in Folge, um unter die grossen Mannschaften gereiht zu werden. Es würde mich schon interessieren, wie das andere sehen, welche Versäumnisse mir bei der Namensnennung unterlaufen sind, welche Kriterien ich unterschlagen oder falsch bewertet habe. Und vielleicht hat am Ende ja doch Salzgeber recht.

Christian Andiel

Christian Andiel

In Bayern aufgewachsen, ziemlich heftig mit dem 1. FC Köln verbandelt – und träumen darf man ja von Europa und Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

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21 Kommentare zu “Hat die Schweiz eine grosse Mannschaft?”

  1. Raymond Allaman sagt:

    Für mich gehört Zidanes Frankreich zur Jahrtausendwende (Weltmeister 1998 und Europameister 2000) auch auf die Liste.

  2. Röschu sagt:

    Klar ist für mich nach dem peinlichen Auftritt in Andorra einzig, dass die Spieler selbst der Meinung sind die Nati sei eine grosse Mannschaft. Anders kann ich mir das überhebliche Auftreten und das offensichtliche Unterschätzen des Gegners nicht erklären. Selbstwahrnehmung und Realität gehen oft weit auseinander. Allerdings habe ich aber irgendwie das Gefühl, dass solche Spiele wie gegen Ungarn u.a. aufgrund dieses verzerrten Selbstbildes gewonnen werden. Durch die überhöhte Selbstwahrnehmung wird enormes Selbstvertrauen aufgebaut, was wiederum dazu führt, dass die Spieler glauben alles erreichen zu können. Sie täuschen sich quasi selbst Fähigkeiten vor, die sie eigentlich gar nicht haben.

  3. Andres sagt:

    Fuer mich waren die grossen Mannschaften (neben Brasil 82) der FC Barcelona mit Guadiola und MIlan unter Sacchi. Diese Manschaften sind rausgegangen und haben ihr Spiel gemacht und die Gegner nach belieben dominiert. Bei jedem Spiel dieser Mannschaften war die Frage eigentlich nicht ob sie gewinnen sondern wie hoch sie gewinnen werden. Ich bin zu jung um mich zu erinnern, aber das Holland (und Ajax) der 70er muss aehnlich gewesen sein. Die Ungarn der 50er wohl auch. Die beste Nati war fuer mich die 94-96er mit A. Sutter, Sforza, Chapuisat etc. Die einzige Nati die ihr Spiel machte und Gegner ohne wenn und aber dominieren konnte.

  4. Hano sagt:

    Seltsam. Viele Jahre lang jammerte man, dass die Schweiz zwar oft auch grosse Gegner forderte, aber ihre Chancen vergab und am Ende “ehrenvoll” verlor. Und schließlich die EM- und WM-Endrunden 28 Jahre lang (!) verpasste. Nun ist die Nati resultatmässig erfolgreich und gewinnt Spiele oft ohne zu glänzen. Aber das ist den ewigen Kritikastern auch wieder nicht recht. Statt die Effizienz vor dem Tor zu loben, beklagen sie, man habe gegen Portugal nur zwei Chancen kreiert. Nun, ich freue mich am Punktedurchschnitt von 1,8 unter Petkovic. Und darüber dass unser Team wie selbstverständlich an EM und WM dabei ist. Den Nörgeln wünsche ich viel Spaß beim Jammern über das halbleere Glas.

  5. Martin sagt:

    Herr Andiel, als Deutscher, der für eine schweizer Zeitung über Fußball schreibt, ist es natürlich Pflicht, die deutsche Elf mindestens nicht zu irgendwelchen “großen” Mannschaften zu zählen, besser noch, sie nicht zu mögen. Aber der Fehler, den Sie wirklich machen, besteht darin, nicht einmal genauer zu analysieren, was es mit der ständigen Lobhudelei auf die Nati auf sich hat. Die steht lt. CH-Presse “erstklassig” da, hat plötzlich “den besten Trainer der Welt” und eine angeblich “perfekte” Vorrunde hinter sich, bestehend aus drei glücklichen Siegen über No-names. Oder zu hinterfragen, warum lt. Ihrem Kollegen Niggl der dt. Fußball ohne die vielen CH-Asse scheinbar zusammenbrechen…

    • Jürg Kummer sagt:

      Portugal ein no name ? Hallo, die sind Europameister !
      Wer die schlägt,darf sich auch mal loben lassen.
      Die Deutschen sehe ich allerdings als recht grosse
      Mannschaft;zumindest an der WM,wo eigentlich gar
      nie Zweifel aufkamen,wer gewinnen wird. Zu dominant
      waren sie. Dummerweise muss es dann halt vermarketingt
      werden… “Die Mannschaft” kommt grossspurig und recht
      unsympathisch rüber.Zumindest in Resteuropa.

  6. Werner sagt:

    Gegen Portugal ohne Ronaldo und noch mit den Feiern zum Europameister im Hinterkopf. Gegen Ungarn mit 3 Glückstoren und gegen Andorra mit einer mehr als peinlichen Leistung. Und das soll eine grosse Mannschaft sein?

  7. Christian Hofstetter sagt:

    Eines ist klar: Die Schweiz ist keine grosse Mannschaft. Sie hat mit Glück zwei Spiele (Portugal/Ungarn) gewonnen und gegen die Feierabendfussballer von Andorra eine schlechte Leistung abgeliefert. Im Gegensatz zu den Deutschen, die mit einer lockeren, manchmal fast nonchalanten Darbietung ihre Spiele gegen Tschechien und Nordirland gewonnen hat. Deutschland hat eine grosse Mannschaft, die Tempo, Spielzüge nach Belieben variieren kann. Deutschland hat die Spieler dafür. Allesamt technisch hervorragende und vor allem antrittsschnelle Spieler. Die Schweiz hat zuwenig Spieler, die in der Lage sind, eine schnelle Angriffsauslösung mit anschliessendem Tempofussball zu bewerkstelligen.

  8. Manuela Baumann sagt:

    Das ist bloss eine Momentaufnahme bei der CH-Nati. Aber die Äusserung des Sascha R. überrascht ja niemanden. Die EM wurde eigentlich vergeigt. Gegen Portugal machte man aus zwei Chancen zwei Tore, Fussball spielte nur Portugal. Ungarn war ein Unentschiedenspiel. Eine grosse Mannschaft ist erfolgreich und spielt dabei guten Fussball. Davon ist die Nati weit entfernt. Klar ist aber auch, dass es momentan für jede Mannschaft schwierig ist, sie zu besiegen.

    • Stevens sagt:

      Portugal hat in diesem Match “Fussball gespielt”?
      Haben wir das gleiche Spiel gesehen?

      Nee sorry. Die Schweiz hat aus zwei Chancen zwei Tore gemacht.
      Portugal hat aus null Chancen null Tore gemacht.
      So wars.

  9. Stevens sagt:

    Sorry, aber dieser Artikel ging in die Hose. Man kann nicht die CH-Nati mit Mannschaften vergleichen, welche die Weltbesten ihrer Epoche waren. Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun.

    Ich finde, wir haben nach den traurigen Hitzfeld-Jahren wieder eine Mannschaft. Ein Team, das spielt, das Freude macht und hat, dennoch wichtige Spiele gewinnt, und das sich entwickeln wird. Aber nicht das “grösste Nati-Team aller Zeiten”. Das war 2006. Zu viele Spieler sind aktuell nur internationaler Durchschnitt und im Club nur Ergänzung.

    Bezüglich grösster Mannschaft: Da gibt es eigentlich nichts anzufügen. Solche “Äras” wird es kaum mehr geben. Zu ausgeglichen und entwickelt ist der…

  10. Franz Fischer sagt:

    Rainer Maria Salzgeber ist für sein vorwitziges Mundwerk und seine nonchalanten fast schon clownesken Auftritte bekannt. Er spricht gerne und viel bevor er wenig denkt und will dabei vor allem spontan und sensationslüstern an sein Publikum gelangen. Eine grosse Mannschaft dominiert seine Gegner diskussionslos. Das gelingt unseren Kickern nicht. Die Schweizer Fussballnationalmannschaft ist keine grosse Mannschaft.

  11. Dani sagt:

    Für mich ist und bleibt DIE Mannschaft Brasilien 1982, WM in Spanien (Zico, Socrates, Falcao etc., etc). In der Schule wurde über nichts anderes gesprochen, ihre Tricks, Penalties, Freistösse wurden auf den Fussballplätzen unermüdlich nachgestellt. Auch wenn sie nicht erfolgreich waren und keine Titel gewonnen haben, haben sie die Epoche geprägt. Für uns fussballverrückte Kinder zumindest.

    • Mario Bernasconi sagt:

      @Dani. Bin -fast- einverstanden mit Dir. Aber für mich waren die Ungarn 1950-1954 (Puskas, Grosics & Co.) die Allerbesten.
      Die heutigen Schweizer, na ja. Es fehlt an der letzten Hingabe, spielen ohne ‘Herz’.

      • Dani sagt:

        @Mario. Für die legendären Ungarn bin ich leider zu jung (Jg. 1970). Wahrscheinlich hat jede Generation ihre stilprägende Mannschaft. Die heutigen Schweizer sind sicher erfolgreicher als die, mit denen wir mitgefiebert haben (Burgener, Egli Barberis, Hermann, Sulser…). Aber eine grosse Mannschaft sind sie deswegen noch lange nicht. Bemerkenswert ist auch das Losglück der Schweiz mit den Qualifikationsgruppen in den letzten Jahren.

    • Andres sagt:

      Dani, schon lustig, bin selber Jahrgang 70 wie Du und sehe das auch so… diese Brasilianer an der WM 82 werde ich nie vergessen. Die Gruppenspiele waren schon toll und dann die Spiele gegen Italien und Argentinien, einfach der Hammer wie die auf Biegen und Brechen nach vorne gespielt haben! Leider dann ausgeschieden aber fuer mich als 12-jaehriger Bub war das wohl der Beginn einer immerwaehrenden Liebe zum Fussball

      • Dani sagt:

        Vielen Dank, Andres, für die Reaktion! Wenn man so langsam älter wird (wie wir beide leider…), wird das Entdecken solcher Gemeinsamkeiten, d.h. die Dialektik von Individuellem und Allgemeinem plötzlich ziemlich interessant. Geht mir zumindest so. Noch zu Brasilien: Schon allein die Namen – Socrates: Auf Monty Pythons philosophers´ football match bin ich erst sehr viel später gestossen. Und fand es dann umso witziger. (Es ist mir klar, dass dieser Beitrag schon ziemlich weit weg vom usprünglichen Thema ist. Wenn Sie ihn trotzdem freischalten könnten, würde es mich freuen.)

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