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Von der Schönheit eines 0:0

Oliver Meiler am Dienstag den 20. Oktober 2015
Inter Milan's Ivan Perisic, right, takes on Juventus' Juan Cuadrado during a Serie A soccer match between Inter Milan and Juventus at the San Siro stadium in Milan, Italy, Sunday, Oct. 18, 2015. (AP Photo/Luca Bruno)

Ein 0:0 bedeutet oft, dass die beiden Mannschaften sich durch geschicktes Taktieren gegenseitig kontrollierten: Inter und Juventus am Sonntag. Foto:Luca Bruno, Keystone

Es sei hier gleich gestanden: Die Idee dieses polemischen Einwurfs wurde – wie das schon mal vorkommen kann – bei der Lektüre des Artikels eines Kollegen geboren. Luigi Garlando von der «Gazzetta dello Sport», Italiens unverzichtbarer Sportzeitung, trauerte kürzlich dem schönsten, rundesten, perfektesten aller Fussballresultate nach, dem 0:0. Es kommt kaum mehr vor, nicht einmal in Italien, wo man sich ja einst viel und zu Recht einbildete, man habe das Verteidigen zur Kunstform erhoben. Ohne dass wir allzu weit zurückdrehen: Wer hat je einen besseren Abwehrspieler am Werk gesehen als Franco Baresi, den grossen Franco Baresi, diesen Kettenzwirner, diesen Mauermeister? Als Baresi spielte, war ein Sieg noch zwei Punkte wert, nur einen Punkt mehr als ein Unentschieden. Ein Unentschieden war also ertragbar, gerade auswärts. Und so spielte man oft unentschieden, nicht selten 0:0. Hellas Verona gewann 1985 den Scudetto, die Meisterschaft, nach acht 0:0.

Dann, 1995, griff die Fifa ein, und das kommt ja selten gut. Für Siege gab es plötzlich drei Punkte, und das Unentschieden verlor seinen ganzen Charme. Es ist näher an der Niederlage als am Sieg, es ist ein Bastard von einem Resultat. An dieser Stelle erheben sich natürlich all die Stimmen derer, die im Tor das Salz des Spiels wähnen, die vom Spektakel eines 4:3 künden, von einem 2:5, die der englischen Premier League huldigen und deren furiosen Schlussphasen, in denen immer alles noch möglich ist, alles, alles, auch zwei, drei Tore, wenn das Spiel eigentlich schon fertig ist. Möglich ist da selbst eine Meisterschaft in der Nachspielzeit, wie das vor einigen Jahren Manchester City gelang. Kino eben, aber komödienhaftes, voll fussballerischer Slapsticks und Dummheiten. Oder um es mit der «Gazzetta» zu sagen: Tore fallen viel öfter wegen Fehlern statt durch Tugend.

Ein 0:0 ist Tugend pur. Ein 0:0 bedeutet oft, dass die beiden Mannschaften sich durch geschicktes Taktieren gegenseitig verhinderten, neutralisierten, kontrollierten, dass ihre Trainer sie ideal vorbereiteten auf die Stärken des Gegners. Zumindest lässt sich sagen, dass bei einem 0:0 die Fehlerquote in der fehleranfälligsten Abteilung einer Fussballmannschaft, in der Abwehrreihe mit ihren krummfüssigen Akteuren, minimal gehalten werden konnte – und zwar auf beiden Seiten. Eine Wohltat, eine Wonne.

Leider liess sich auch Italien vom hollywoodschen Trend anstecken. Wenn ein Trainer mal das defensivere 4-4-2 spielen lässt, hält man ihm vor, dem Publikum das verdiente Spektakel zu verweigern. Verteidiger wie Baresi bringt Italien nicht mehr hervor. Chiellini? Bonucci? Nun ja. Und 0:0? An den ersten acht Spieltagen dieser Saison, in 80 Spielen, gab es nur zwei 0:0, während die Spanier in ihrer Liga bereits 11 erlebten, die Engländer 8, die Deutschen 4, die Franzosen 9. Immerhin, eines war das Derby d’ Italia, Inter gegen Juventus am Sonntag. Ein Schuss an den Pfosten, ein Kopfball an die Latte. Sonst Perfektion, 0:0​. Grosses Kino.

Oliver Meiler

Oliver Meiler

Politischer Korrespondent mit einer starken Schwäche für Fussball. Erhielt als Kind ein Trikot der tschechoslowakischen Nationalmannschaft geschenkt, womit weder ihn noch irgendjemanden seiner Familie etwas verband. Das zweite Leibchen war wollig und kratzig, Barilla stand drauf, dazu ein Vereinswappen mit Wolf - auf Herzhöhe. Fährt seine Söhne durch Barcelona und die katalanische Pampa zu Spielen mit laut brüllenden Eltern. Brüllt selber nie.

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