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Dynamoooööö, Dynamoooöö!

Alexander Kühn am Freitag den 16. Oktober 2015


Geschichte eines Traditionsvereins: Die SG Dynamo Dresden im Beitrag der ZDF-«Sportreportage». (Video: ZDF/Youtube)

Liebe SG Dynamo Dresden,

247 (in Worten: zweihundertsiebenundvierzig) Niederlagen hast du mir allein in Ligaspielen angetan, seit ich mich im Sommer 1991 auf einer Fährfahrt nach Holland entschied, dein Fan zu werden. Aus Mitleid übrigens, weil ich mir dachte, dass sich sonst niemand für den einzigen Proficlub mit sozialistischem Namen erwärmen würde. Ich habe im Rahmen grösserer Wutanfälle Orangen an die Wohnzimmerwand geschleudert, mit der Faust auf scharfkantige Sitzschalen geschlagen und gegnerischen Spieler lauthals zwei Kreuzbandrisse aufs Mal gewünscht, wenn sie es wagten, ein Tor gegen dich zu schiessen.

Ich weiss, dass sich solches Benehmen nicht ziemt, aber Verliebte benehmen sich nun einmal merkwürdig. Und wenn man denn jenseits von Beziehungen zwischen Mann und Frau, Mann und Mann oder Frau und Frau verliebt sein kann, dann in einen Fussballclub. Lieben tu ich dich, verehrte SG Dynamo, vor allem, weil du nicht so stromlinienförmig bist wie die Bayern oder der FC Barcelona, weil du keine Spieler beschäftigst, die ihre Louis-Vuitton-Täschchen in Ferraris (womöglich weissen!) spazieren fahren, weil dein Vereinslied ein peinlicher DDR-Schlager ist und weil die meisten deiner Fans deinen Namen mit einem so schönen sächsischen Mix aus o und ö am Schluss aussprechen.

Inzwischen hast du auch wieder das Publikum, das du verdienst. Und wer dich besucht, bekommt die wohl leidenschaftlichste Verehrung Europas zu spüren. Dein Stadion zittert, vibriert und dröhnt. Dynamoooööö! Dynamoooööö! Dynamoooööö! Dass es nur 3. Liga ist – wen kümmerts?

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«Love Dynamo, hate racism»: Niklas Kreuzer, Aias Aosman, Sinan Tekerci und Justin Eilers (v.l.) stellen die Trikots vor, die am Samstag im Spiel gegen Cottbus zum Einsatz kommen. Bild: Dynamo Dresden

Und jetzt was ganz Ernstes: Die Rechten und die Gewalttäter, die sich zum Glück fast nur noch bei Auswärtsspielen mit deinem Logo schmücken, haben dir grossen Schaden zugefügt. Deshalb bist du gut beraten, ihnen auch weiter ganz klar zu demonstrieren, dass für ihresgleichen bei dir kein Platz mehr ist. Ich habe nämlich gar keine Lust, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich dich unterstütze.

Ich habe mich schon einige Male geschämt in fremden Stadien, wenn Hohlköpfe mit Glatzen und Bomberjacken in deinem Namen irgendetwas kaputtschlagen mussten oder Affengeräusche von sich gaben, wenn ein generischer Spieler aus Afrika oder weiss der Teufel woher am Ball war. Zwar hat jeder Gegner das Recht, beschimpft zu werden, aber bitte nicht wegen seines Aussehens oder seiner Herkunft.

In dieser Saison gibts jedoch gar keinen Grund zum Schimpfen. Alles läuft geradezu unfassbar glatt. Fast erkenne ich dich nicht mehr, geliebter Lieblingsclub, König der dummen Niederlage! Zehn Siege in zwölf Meisterschaftsspielen! Zwölf Punkte Vorsprung auf Platz 3, der nicht mehr zum direkten Aufstieg berechtigt! Ein Zuschauerschnitt von rund 28’000! Liebesbekundungen von Presse und Fernsehen! Geradezu kitschig ist das.

Fehlt nur, dass noch ein grosser Sponsor bei dir einsteigen will und diese überbezahlten Louis-Vuitton-Täschchen-Fussballer dann auch dein Trikot tragen. Sollte also ein Investor bei dir anklopfen, sag ihm, er möge sich sein Geld sonst wohin stecken. Wir, die Dynamo-Fans, freuen uns nämlich vor allem deshalb über deine kürzeren oder längeren Höhenflüge, weil wir wissen, dass sie sich entgegen der Logik des modernen Fussballs ereignen.

Wenn du also am Samstag im Livespiel gegen Energie Cottbus deine erste Saisonniederlage beziehen solltest, würde das wohl die eine oder andere Orange das Leben kosten, meiner Liebe zu dir aber nichts anhaben. Selbst wenn du den Aufstieg trotz dieses grandiosen Saisonstarts noch versemmeln solltest, wäre ich dir nicht wirklich böse. Immerhin käme ich dann auch nächstes Jahr noch umsonst in den Genuss von Liveübertragungen deiner Spiele. Und wenn erst einmal angepfiffen ist, kümmerts mich nicht mehr, um welche Liga und um welchen Gegner es sich handelt. Neben dir, grosse SG Dynamo, ist jeder andere Verein sowieso ein Pappverein.

In tiefer Verehrung,

Alexander Kühn, dein erster Schweizer Fan

Alexander Kühn

Alexander Kühn schrieb früher regelmässig Fussball-Blogs und testet inzwischen hauptamtlich Restaurants. Am besten schmeckt ihm sein Essen, wenn Dynamo Dresden gewonnen hat.

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9 Kommentare zu “Dynamoooööö, Dynamoooöö!”

  1. Dynamodaehler sagt:

    Genau so fühlt es sich an, Dynamo-Fan zu sein. Bin Berner und Fan seit 1992, erstes Spiel live im Rudolf-Harbig-Stadion am 3.10.1992 gegen Werder. 2:3 verloren, Tore Gütschow und Schössler! Zum 25-Jahr-Fanjubiläum kann sich der Autor aber sicher die Vereinsmitgliedschaft gönnen, da hat Frau Schantin recht…:-)

  2. Tom.meier@gmx.ch sagt:

    Haben wir nur noch deutsche Journalisten beim Tag oder gibt es keine CH Themen mehr?
    Merkwürdig, dass es immer solche Berichte über unser nördliches Nachbarland gibt, aber über Frankreich, Italien,…….

    Schade.

    • Remo Nydegger sagt:

      Das ist mir in der Tat auch schon aufgefallen und ist eher peinlich. Finde den deutschen Fussball auch interessant, aber es gäbe auch noch andere Länder und Ligen…

  3. W. Dynamofan sagt:

    Schöner Artikel! Ich musste ein paar Mal herzlich lachen und habe mich wirklich wiedergefunden, in dem, was Du geschrieben hast. Ich war 1994 das erste Mal im Stadion, als Kind, auf kalten Sitzschalen Wunderkerzen schwenkend. Um den Hals einen selbst gestrickten Dynamoschal meines grossen Bruders. In den Zeiten, in denen ich als Teenager mit zu Auswärtsspielen gefahren bin, hatte ich es zum Glück nicht so weit, in der vierten Liga haben wir Neugersdorf und Bischowswerda unsicher gemacht. Heute lebe ich in Luzern, liebe Dynamo noch immer und schaue mir genüsslich die Liveübertragungen via schweizer Kabelfernsehen an. Wir sollten einen schweizer Fanclub gründen 🙂

  4. AndreasK sagt:

    Was für ein schöne Liebeserklärung an unseren Verein, geadelt durch unsere Vizepräsidentin.

    Dynamo heuer einfach zum genießen. Und das haben wir uns definitiv verdient 🙂

    dynamische Grüße aus Bayern in die Schweiz

  5. Sylvio Mehnert sagt:

    Danke , super Beitrag

  6. Diana Schantin sagt:

    Lieber Alexander Kühn, was für ein herrlicher Text, so herzlich und ehrlich, hab Tränen gelacht und mich in so mancher Textpassage wiedererkannt. Gut, ich wurde jetzt nicht während einer Fährfahrt zum Fan und schon gar nicht in Verbindung mit Holland, sonder bin eine geborene “von Dynamo”. Auch mit Südfrüchten würde ich nie und nimmer um mich werfen, schließlich habe ich einstmals gelernt “mit Essen spielt man nicht’. Aber sonst so…passt. Nur das mit dem ERSTEN Schweizer Dynamofan ist so ne Sache. Ich weiß gar nicht wie ich’s sagen soll… Sind Sie eigentlich Vereinsmitglied? Wir haben dann doch zwei oder drei Mitglied in der Schweiz.
    Eins sind Sie jedoch ganz sicher, ein Teil einer großen Gemeinde, die Woche für Woche diesem Vereine die Liebe zu Füßen legt, die im kollektiven Torschrei aufgeht unter 28 000 anderen nach Dynamo verrückten im Stadion oder unzähligen Dynamischen rund um den Globus. Glückwunsch dazu und danke für die erfrischenden Zeilen.

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