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Bitte mit dem Trainer nicht über Fussball sprechen!

Florian Raz am Mittwoch den 2. September 2015
Sami Hyypiae, neuer Trainer des FC Zuerich, waehrend seiner 1. Trainingseinheit mit der Mannschaft des FCZ in der Sportanlage Allmend-Brunau in Zuerich, am Montag, 31. August 2015. (KEYSTONE/Dominic Steinmann)

Fussball? Wer spricht hier von Fussball? Sami Hyypiä bei seiner ersten Trainingseinheit mit dem FCZ. Foto: Dominic Steinmann (Keystone)

Kennen Sie den schon? Fährt ein Schweizer während des Zweiten Weltkriegs nach Berlin, um Adolf Hitler von einem Kriegsende zu überzeugen. Doch als er schon in Berlin in der Strassenbahn ist, kommt er von seinem Vorkommen ab und reist unverrichteter Dinge wieder ab. Warum? Weil über dem Tramfahrer ein Schild angebracht ist: «Bitte nicht mit dem Führer sprechen!» Ha, ha! Hat mir mein Grossvater (ein Kommunist) immer wieder gerne erzählt.

Was das mit Fussball zu tun hat? Natürlich nichts. Und irgendwie doch etwas. In den Sinn gekommen ist mir der alte Witz, als ich die Texte über den ersten Auftritt von Sami Hyypiä gelesen habe. Da ist mir wieder einmal ein Muster aufgefallen, das sich recht häufig in Gesprächen mit Trainern zeigt. Es haben also Reporter den neuen Trainer des FC Zürich tatsächlich gefragt, wie er seine Mannschaft künftig spielen lassen will. Aber da hat der Finne natürlich sofort abgewunken: «Die Konkurrenz soll meine Pläne nicht aus der Zeitung erfahren.»

FCZ-Cheftrainer Sami Hyypiae spricht anlaesslich einer Medienkonferenz und zu seiner Praesentation als neuer FCZ-Cheftrainer, im Medienraum des Stadion Letzigrund, in Zuerich,  am Freitag, 21. August 2015. (KEYSTONE/Anthony Anex)..Sami Hyypiae is presented as the new head coach of the soccer club FC Zurich, FCZ, during a press conference at the media center in the Letzigrund Stadium in Zurich on Friday August 21 2015. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Fragen zum Thema Fussball können leider nicht beantwortet werden: Sami Hyypiä an der Pressekonferenz zu seiner Nomination. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Wir Sportjournalisten werden oft (und oft zu Recht) für unsere reichlich bescheuerten Fragen gegeisselt. «Wie fühlen Sie sich?» «Wie haben Sie sich gefühlt?» Und natürlich, ganz wichtig: «Wie werden Sie sich fühlen?» Aber versuchen Sie mal, mit einem Fussballtrainer über seine Ideen zu reden! Es scheint so, als sei da ein Schild angebracht: «Bitte mit dem Trainer nicht über Fussball sprechen!»

Es folgen hier die am häufigsten genannten Gründe, weswegen der Trainer auf eine fussballspezifische Frage leider nicht antworten kann. Und – Respekt, Herr Hyypiä! – der neue FCZ-Mann hat am ersten Tag immerhin schon fünfzig Prozent verwendet.

  1. Der Gegner soll nicht zu viele Informationen erhalten! Ja, klar. Weil die Konkurrenz natürlich bloss Zeitung liest – und nicht einfach eine Video-Analyse macht.
  2. Hach, es fehlt einfach die Zeit, ist ja alles so komplex! «Wir könnten hier über eine halbe Stunde lang das Spiel analysieren», sagt also Hyypiä zum 1:3 seines FCZ in Basel. «Ja, bitte!», möchte der Journalist rufen. Aber wirklich eine halbe Stunde mit der Presse ein Spiel analysieren? Also bitte!
  3. Da müsste man ja über alle anderen auch reden! Es ist der Klassiker von Ex-FCB-Trainer Paulo Sousa (und ich vermute, Hyypiä hat den auch drauf). Wurde der Portugiese in Basel auf einen Spieler angesprochen, brummte er in seinem sonoren Bass: «Dann müsste ich ja zu jedem anderen Spieler auch etwas sagen.» «Ja, bitte!», habe ich tatsächlich einmal gerufen. Die Analyse des gesamten Kaders hat sich dann doch nicht ergeben.
  4. Ich muss mich doch nicht rechtfertigen! Als Urs Fischer nach dem 1:1 seines FCB in Tel Aviv gefragt wurde, was ihn dazu bewogen habe, Innenverteidiger Daniel Hoegh durch Walter Samuel zu ersetzen, befand er, das sei eine «unberechtigte Frage».

Ein Thema gibt es, über das viele Fussballtrainer gerne sprechen – wenn auch meist bloss im Vertrauten: den Hang der Medien, sich auf komplette Nebensächlichkeiten zu stürzen und Unruhe zu schüren, wo keine ist. Anstatt einfach mal über Fussball zu berichten!

Florian Raz

Florian Raz

Hat einst als Junior den FC Basel eigenhändig mit dem Verkauf von Klebern vor dem Konkurs gerettet («Y stand zem FCB»). Erhielt danach (Undank ist der Welt Lohn) dennoch keinen Profivertrag – und verdient sein Geld heute trotzdem irgendwie mit Fussball. Zum Beispiel hier.

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7 Kommentare zu “Bitte mit dem Trainer nicht über Fussball sprechen!”

  1. Dave Blumer sagt:

    zu 4. möchte ich gerne anfügen dass das tatsächlich eine unberechtigte frage war – vorausgesetzt natürlich, der fragesteller versteht was von fussball,

  2. Richard Stretto sagt:

    Schurnis wollen immer alles wissen. Weil sie wissen, dass auch ihre Leser alles wissen wollen. So weit, so gut. Doch haben Schurnis auch ein Recht, alles zu erfahren? Ich verstehe Hyppiä, Sousa und Fischer. (Letzterer hätte wohl am liebsten – und wohl auch am besten – mit «das geht Sie nichts an» geantwortet. Sagen sollen hätte er «darüber spreche ich höchstens mit meinen Vorgesetzten.» Doch anständig – und rhetorisch unbedarft – wie er nun mal ist, hat er den Nagel trotzdem auf den Kopf getroffen. Er muss sich nämlich gegenüber den Schurnis wirklich nicht rechtfertigen. Zu Sousa nur dies: Als er noch für den FCB an der Seitenlinie rumkasperte, beschrieb der Schurni in der Tageswoche sein Organ als Bariton. Mit dem Vereinswechsel nach Florenz sank offenbar nicht nur sein Ansehen, sondern auch seine Stimmlage. Was sagt uns das über den Schurni aus?)

    • Emil Müller sagt:

      Das er wahrscheinlich mehr von Musik versteht und ein besseres Gehör hat wie sie? Nun, die Veränderung der Stimmlage ist immerhin ein Stilmittel, um einen Vortrag nicht monoton erscheinen zu lassen.

      Die andere Frage ist, weshalb Sie den Artikel eines “Schurnis” lesen, wenn Sie ihn doch offensichtlich nicht mögen. (Ausser Sie mögen alle Journalisten nicht, weshalb Sie diese alle despektierlich “Schurnies” bezwichnen. In diesem Falle fühlen Sie sich wahrscheinlich einfach verpflichtet die täglichen Widersprüche der “Lügenpresse” aufzudekcen!)

      Zum Schurni: Danke Herr Ratz, ich mag Ihre Variationen der Stimmlage, wie ich alle Ihre Artikel mag, welche einen Hinweis darauf geben, dass Fussball eben nur Sport und damit nichts Weltbewegenderes als Unterhaltung ist. Ganz nebenbei liegt darin die Antwort: Wahrscheinlcih verlangen wir einfach zuviel von Menschen, welche mit unproduktiven Dingen ihr Geld verdienen. Vielleicht reicht es einfach, wenn wir uns 90 Minuten übe das Gesehene erfreuen (oder ärgern).

      Vielleicht kann man die Frage – “Was wollen Sie uns mit diesem Bild sagen” – einfach nicht zufriedenstellender beantworten, als: “Nichts, es soll Sie einfach nur erfreuen!”

      • Richard Stretto sagt:

        Lieber Herr Müller, als FCB-Fan seit den 1960er-Jahren schätze ich Florian Raz’ Analysen und Artikel sehr – und seinen Stil fast noch mehr. Ich habe seinetwegen die Tageswoche gelesen und es freut mich, dass er jetzt für den Tagi schreibt. Sie können also von Achtung, Interesse und Respekt meinerseits ausgehen.

        Doch eigentlich geht es in seinem Blog-Beitrag nur vordergründig um Fussball. Der Titel hätte nämlich genauso gut «Bitte mit dem Musiker nicht über Kunst sprechen» oder «Bitte mit dem Politiker nicht über die MEI sprechen» heissen können.

        Raz thematisiert in seinem Blog (ungewollt?) das Selbstverständnis der Schurnis, ein Recht, ja geradezu einen Anspruch auf Antworten zu haben. Im Umkehrschluss müssten die Schurnis den Trainern (Musikern, Politikern) aber auch das Recht zugestehen, zu schweigen oder in vielen Worten nichts zu sagen. Das tun sie aber nicht.

        (Dass ein Blog-Beitrag zuspitzen und polemisieren muss, wenn er Leserkommentare will, ist mir schon bewusst. Deshalb nehme ich mir auch das Recht auf eine etwas polemische Antwort.)

        Das Spiel mit den Medien kann man als Trainer (Musiker, Politiker) eigentlich nur verlieren. Verweigert man die Antwort, so wird man dafür kritisiert. Antwortet man bereitwillig, so riskiert man, bewusst oder unabsichtlich falsch zitiert zu werden. Und früher oder später wird man sowieso in die Pfanne gehauen.

        Fischer zum Beispiel *kann* nach dem Spiel in Tel Aviv seine Motive für seine Personalwahl darlegen, muss es aber nicht. Nachdem aber – TV und Blick sei Dank – der Schuldige für das Nichterreichen der CL-Gruppenphase schon ausgemacht war, erhielt die Frage eine ganz andere Brisanz. Ich nehme an, auch für ihn war das Problem nicht, dass Samuel das Ausgleichstor zugelassen hat. Sondern dass seine Spieler danach nicht fähig waren, in den verbleibenden 66 Minuten noch ein Tor zu schiessen. So gesehen, war die Frage nach Samuel oder Hoegh wirklich nicht berechtigt. Das sagt er klar – und prompt wird es ihm vorgehalten. Und das nicht etwa von seinen Vorgesetzten, sondern von Schurnis, die sich durch Fischers Antwort wohl zurückgesetzt fühlten.

        Warum soll Hyppiä nach einem Training schon sagen (können), wie seine künftige Taktik aussehen wird? Er hat ja gesagt, dass man defensiv solid stehen will und vorne Tore schiessen soll. Das ist den Schurnis aber wohl zu banal…

        Und wie unbedarft muss ein Schurni sein, der allen Ernstes erwartet, dass ein Trainer – egal ob in Bass oder Bariton – eine öffentliche Einzelkritik seiner Spieler vornimmt? Aber prompt wird es Sousa vorgehalten, wenn er bei solchem Unsinn nicht mitmacht.

        Aber ganz abgesehen davon habe ich mich über ein WIederhören mit dem ollen Führer-Witz gefreut. Und schon zu Beginn des Blogs geschmunzelt. Bravo Raz!

        • Florian Raz sagt:

          Zuckerbrot und Peitsche, das lob ich mir! Vielen Dank für beides und für die engagierte Diskussion.

          Natürlich verstehe ich als Journalist, dass nicht alle Fragen beantwortet werden können. Und ein Trainer muss mir auch nicht sagen, wann sein linker Aussenverteidiger einen halben Meter nach links laufen muss. Aber so ein klein wenig über Fussball reden, das wäre irgendwie trotzdem noch nett. Es geht ja nur darum, eine leise Idee davon zu bekommen, was ein Trainer grundsätzlich möchte. Das hilft dann auch dabei, die Spiele realistischer zu beschreiben (und zu bewerten).

          Auch Einzelkritiken sind schwierig. Aber es gibt tatsächlich Mittelwege zwischen Einzelkritik und Schweigen, “Hab’ ich alles schon erlebt”, würde jetzt Thorsten Fink sagen, der als Trainer ein recht entspanntes Verhältnis zur Geheimniskrämerei hatte: “Morgen ist Taktiktraining, da müsst ihr schauen kommen!”

          Bass und Bariton? Hmm, ich glaube, ich gehe jetzt doch in Richtung Bass. Aber das ist natürlich eine Ungenauigkeit, die nicht vorkommen sollte. Mea culpa.

          • Richard Stretto sagt:

            😉 now we’re talkin’… Da lob ich mir doch Yakins Eloquenz und stilsichere Stabreime wie «Dreierkette, Viererkette, Velokette, spielt am Ende keine Rolle»

          • Richard Stretto sagt:

            Ich fresse Kreide und beäschere mein kahles Haupt – Sousas Stimmlagendefinition habe glaub nicht in der Tageswoche gelesen, sondern bei der Tante von der Falkenstrasse. Einigen wir uns auf Bassbariton – oder machen wir aus Sousa einen Bassbuffo?

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