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Ein absurder Absturz

David Wiederkehr am Samstag den 11. Juli 2015
Pajtim Kasami waehrend einem Training der Schweizer Fussball Nationalmannschaft, am Mittwoch, 3. Juni 2015, in der Stockhornarena in Thun. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Pajtim Kasami während eines Trainings der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft in der Stockhornarena in Thun. (Peter Klaunzer, Keystone)

Die Schweiz war schon Dritte und erst kürzlich Achte, und obschon sie etwas erfolgreicher war als auch schon, hat eigentlich keiner ganz genau verstanden, wie das geschehen konnte. Warum die kleine Schweizer Nationalmannschaft plötzlich die Nummer 8 der Fussballwelt sein soll.

In der neusten Fifa-Weltrangliste ist sie nun «abgestürzt», wie der «Blick» erschüttert feststellte. Auf Rang 18 liegt sie jetzt, aber wer weiss: Vielleicht ist der Platz gleich hinter Italien und vor WM-Achtelfinalist Algerien ja doch einmal ein realistischer. Vor den Tschechen, dafür hinter den Österreichern – dies wohl erstmals seit anno Tobak. Trotzdem zur Erinnerung: Österreich ist jene Nation, die sich letztmals 1998 auf fussballerischem Weg für eine WM-Endrunde qualifiziert hat. Für eine EM noch gar nie.

Nur ist das gar kein Kriterium: Die Fifa vergibt keine Bonifikationen für eine erfolgreiche Qualifikation. Gäbe es sie, wäre etwa Wales kaum dort, wo es seit dieser Woche ist: auf Position 10. Ein wundersamer Aufstieg für das Team ohne internationale Erfolge. Vor drei Jahren noch die Nummer 82, hat das kleine Land seither die Fussballwelt erobert und jetzt sogar fast England überholt. Zu verdanken hat es das einer gelungenen ersten Hälfte der EM-Qualifikation – Siegen gegen Andorra, Zypern, Israel und Belgien. Zweimal Schottland und einmal Mazedonien hat es in Pflichtspielen seit 2012 auch noch bezwungen und sonst? Niemanden.

Sie sehen: Die Weltrangliste ist ein Witz. Vereinfacht gesagt, ist es die Formel MxIxTxC, die für den Schweizer Absturz oder die walisische Metamorphose zur Fussballnation verantwortlich ist, und das sagt viel darüber aus, wie einfach die Weltrangliste der Fifa zu verstehen ist. Grob zusammengefasst: gar nicht. Und schon gar nicht mit gesundem Menschenverstand. Da verliert Argentinien nach dem WM-Final vor einem Jahr gegen Deutschland auch bei der Copa América das Endspiel gegen Chile und erklimmt trotzdem den Thron?

M steht in der Rechnung für das Resultat («match»), I für die Wichtigkeit des Spiels («importance»), T für die Position des gegnerischen Teams in der Weltrangliste und C für die jeweilige Konföderation. Multipliziert man die vier Faktoren, kommt eine Zahl zwischen 0 und 2400 heraus. 0 für jede Niederlage, 2400 für einen Sieg nach 90 Minuten an einer WM gegen den Weltranglistenersten – falls beide Teams aus Südamerika stammen. Der Mittelwert aller Spiele eines Nationalteams ergibt die Gesamtpunktzahl, bis zu vier Jahre fliessen in die Rechnung ein. Und wer jetzt noch am Lesen ist, hat sich einen Sitz im Fifa-Exekutivkomitee verdient.

Die unliebsamen Folgen dieses Systems jedenfalls sind, dass ein Team wie Frankreich, das als Ausrichter der EM 2016 zwei Jahre lang nur Testspiele bestreitet, keine hohe Punktzahl erreichen kann – weil der Multiplikator für Testspiele viel zu tief ist (Faktor I). Oder dass Spanien am Konföderationen-Cup Punkte einbüsst, selbst wenn es Tahiti 10:0 bezwingt (Faktor T). Während Deutschland aufholt, nur weil es an diesem Turnier nicht teilnimmt. Und wenn Curaçao ein Testspiel gegen Montserrat 2:1 gewinnt, zählt das mehr als ein knappes 0:1 Argentiniens im WM-Final gegen Deutschland. Die Fifa behauptet trotzdem, die Punkte seien «gewichtet».

Natürlich sind sie das nicht. Faktor C ist bei europäischen oder südamerikanischen Nationalteams regelmässig höher als bei asiatischen oder afrikanischen. Heisst: Es spült immer mal wieder Mannschaften an die Spitze, die da in dieser Absolutheit kaum hingehören. Kolumbien zum Beispiel (4.) oder Belgien, das kürzlich sogar Zweiter war und jetzt Dritter ist. Oder Rumänien (8.). Oder eben Wales. Und warum nicht bald wieder auch die Schweiz? Nur darauf einbilden sollte man sich nicht allzu viel.

David Wiederkehr

David Wiederkehr

Ist eher ein Fan von Stadien als von Vereinen und zieht deswegen das Estadio Bernabéu dem Camp Nou vor, aber Barça dem Weissen Ballett. Und fast so geschickt wie mit den eigenen Füssen ist er beim Tippen von Fussballresultaten. Nämlich gar nicht. Irgendwer muss aber ja Letzter werden.

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2 Kommentare zu “Ein absurder Absturz”

  1. Bruno Froehlich sagt:

    Einverstanden, Weltrangliste absoluter Bloedsinn . Einstige Spitzenrangierung der Schweiz, noch mit Hitzfeld und dank Freundschaftsspielen gegen “Grosse” ein Witz, was dann ja WM bewies. Oder nehmen wir Situation des Weltmeisters, die siegreiche Mannschaft wird umgebaut fuer die Zukunft, mit dem Ruhm von gestern laesst sich im naechsten Qualifikationsspiel nichts kaufen . . .

  2. Roger sagt:

    Dass die Weltrangliste wenig bis keine Aussagekraft hat, sollte mittlerweile doch wirklich allen halbwegs Fussballinteressierten klar sein.
    Irritierend ist nur, dass die Setzlisten für die kommende WM-Qualifikation einmal mehr anhand eben jener Weltrangliste eingeteilt wurden. Wäre doch amüsant, wenn folgende Gruppe ausgelost wird, von denen dann mindestens eine Mannschaft direkt zur WM fährt: Wales, Island, Nordirland, Färöer-Inseln, Zypern und San Marino.

    PS. Wenn ich mich recht erinnere stünde die Schweiz im Ranking nun besser da, wenn das gewonnene Testländerspiel gegen Liechtenstein nie stattgefunden hätte. Das ist doch absurd, auch wenn es mich in meiner Überzeugung unterstützt, dass sogenannte Test- bzw. Freundschaftsländerspiele generell abgeschafft werden sollten. Aber das ist wieder eine andere Baustelle.

    PPS. Zu behaupten dass die Punkte nicht gewichtet sind, ist schlicht und einfach falsch. Wenn keine Gewichtung existieren würde bekäme jede Nationalmannschaft für jeden Sieg gleich viele Punkte in der Weltrangliste gutgeschrieben (unabhängig von Gegner, Wettbewerb, etc.). Selbstverständlich sind aber die derzeitigen Kriterien der Gewichtung eher fragwürdig.

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