Verdirbt ein Dummer den USA erneut die Party?

Guido Tognoni am Dienstag, den 15. August 2017

Die WM 2026 wird eine Mammut-WM: Die Anzahl Teilnehmer wird auf 48 erhöht. Foto: Maja Hitij (DPA, Keystone)

«Niemand ausser uns ist dumm genug, sie zu wollen», schrieb dieser Tage ein kanadischer Journalist in der prestigereichen Zeitung «The Globe & Mail» in Toronto. Er sprach dabei von der gemeinsamen Kandidatur der USA, Mexikos und Kanadas für die WM-Endrunde der Fifa im Jahr 2026. Der Journalist ruft in Erinnerung, dass Kanada mit Calgary auch für die Olympischen Winterspiele im gleichen Jahr 2026 kandidiert, aber dass die Kanadier im Gegensatz zu einem Fussballturnier Winterspiele auch finanziell einigermassen schmerzfrei organisieren können. Für eine Mammut-Endrunde mit dannzumal 48 Teilnehmern gibt es zwischen Toronto und Vancouver bis anhin kein einziges taugliches Stadion. Und selbst mit WM-Stadien geschmückt würde Kanada nicht zu einer Fussballnation wachsen, wie das etwa auch in Südafrika der Fall ist.

Die grosse Verliererin gegen Katar

Man mag den Argumenten folgen oder auch nicht, jedenfalls hat sich der Journalist in einer Sache gründlich geirrt: es gibt inzwischen einen «Dummen», der sich ebenfalls um die Endrunde 2026 bewirbt. Das ist Marokko, dies nun schon zum fünften Mal. Für die WM-Turniere 1994 (USA), 1998 (Frankreich), 2006 (Deutschland) und 2010 (Südafrika) bewarb sich Marokko vergeblich und verlor nicht immer geräuschlos, was wie viele andere Vorkommnisse zur jüngeren Geschichte der Fifa beigetragen hat. Die USA waren bei der ebenfalls knirschenden Vergabe der Endrunde 2022 (Katar) die grossen Verlierer. Nun wollten die Amerikaner für 2026 bereits weit vorprellen, indem sie von der Fifa beim vergangenen Kongress in Bahrain einen frühen Vorentscheid zugunsten der Dreierkandidatur wünschten. Diesem Ansinnen wollte und konnte die Fifa mit guten Gründen nicht entsprechen.

Marokkos Chancen

Die von den USA angeführte nordamerikanische Bewerbung ist zwar weiterhin zu favorisieren, aber Marokko steht nicht chancenlos da. Marokko ist Afrika, und Afrika ist leicht gegen die Amerikaner einzustimmen. Zudem ist Marokko ein islamisches Land, und es wird auch ebenso leicht sein, die übrigen islamischen Verbände Afrikas und Asiens zu mobilisieren. Marokko ist zwar nicht reich, aber das Land wird von einem Königshaus regiert, das für ein solches Ereignis von anderen muslimischen Herrschern unterstützt wird. Zudem wird dieser Entscheid nicht mehr wie bisher vom wie auch immer leicht beeinflussbaren Exekutivkomitee (heute Council) der Fifa gefällt, sondern von der Generalversammlung mit ihren zurzeit 211 Mitgliedsverbänden.

Wer also auf Marokko wetten möchte, dürfte gute Gewinnchancen haben. Mit Marokko würde nicht die technisch beste, sondern die sportpolitisch stärkste Kandidatur die Wahl für das grösste Sportereignis unserer Tage gewinnen. Aber das wäre bekanntlich nicht zum ersten Mal der Fall.

Trainingsverbot für Neymar!

Guido Tognoni am Donnerstag, den 3. August 2017

Grundsätzlich müsste Neymar über die Strassen getragen werden, um auch Verkehrsunfälle auszuschliessen. Foto: Mike Segar (Reuters)

Nun soll er also vollzogen werden, Neymars Gaga-Transfer von Barcelona nach Paris. Die 222 Millionen Ablösesumme, die in dieser Form wohl eher als Scherz denn als realistische Erwartung in Neymars Vertrag eingebaut worden waren, sind für die Erdgas-Krösusse aus Katar kein Problem. Und die Frage, ob diese Zahlung allenfalls gegen die Uefa-Vorschriften verstösst, wird sicher auch bald im Sinne der Araber gelöst werden, falls sie sich überhaupt stellt. Schliesslich kann wohl niemandem verboten werden, einem Club 222 Millionen zu schenken.

Kein Körperkontakt

Barcelona will gemäss Medienberichten auf der vollen Summe beharren und nicht über irgendwelche Rabatte verhandeln. Das ist normal, denn wozu soll Barcelona Geschenke verteilen? Stattdessen sollte Barcelona alles daransetzen, dass die 222 Millionen so bald wie möglich fliessen. Dazu gehört eine ganz simple Massnahme: Trainingsverbot für Neymar, bis der letzte Dollar oder Euro in Barcelona auf dem Konto liegt. Denn wenn zwei Beine so viel Geld einbringen, darf das Projekt nicht noch durch vermeidbare Unfälle gefährdet werden. Paris Saint-Germain soll keinerlei Möglichkeit erhalten, aus irgendwelchen Gründen plötzlich doch noch aus der Zahlungsverpflichtung auszusteigen. Also nur Dehnungsübungen für Neymar, kein Körperkontakt im Training, keine Schüsse aufs Tor, die eine Zerrung herbeiführen könnten. Grundsätzlich müsste Neymar über die Strassen getragen werden, um auch Verkehrsunfälle auszuschliessen. Bis er bezahlt ist, gehört der Brasilianer wie die kostbarsten Kunstwerke behandelt, wie die Van Goghs, Monets, Picassos oder Klimts, also nur noch mit Samthandschuhen angefasst und erdbebensicher aufbewahrt.

Zumal es bei Neymar keine Zweifel und Expertenstreite gibt: Neymar ist echt.

Wahnsinn mit Fortsetzung

Guido Tognoni am Donnerstag, den 27. Juli 2017

Goldjunge: Was ist Neymar wert? 200 Millionen, 250 Millionen? Warum nicht 300 Millionen? Foto: Patrick Semansky (AP Photo, Keystone)

Zu den wenigen Vorteilen des Rentenalters gehört, dass man einigermassen den Überblick über die vergangenen Jahrzehnte hat. Und wer den Überblick über die vergangenen Jahrzehnte hat, der stellt fest, dass sich in den letzten 50 Jahren tausendmal die Phase wiederholt hat, in der die Fussballpräsidenten und die Medien verlauten liessen, so gehe es nicht mehr weiter. Die wiederkehrende Phrase in der regelmässigen Phase also. Gemeint waren und sind vor allem die Transfersummen im Fussball, aber auch das Geschäftsgebaren in anderen Sportarten. Und obwohl der Europäische Gerichtshof 1995 versucht hatte, mit dem Urteil im Fall Bosman ein Exempel gegen die Transferzahlungen zu setzen, ging es bald danach mit den grossen Summen erst richtig los. Seither wechseln die Spieler den Verein nicht erst bei Vertragsende, sondern während eines laufenden Arbeitsverhältnisses.

Auch Bayern begrenzt sich nicht

«So kann es nicht weitergehen», lautet seither alle Jahre wieder die Losung. Dieses Pflichtbekenntnis glauben inzwischen nicht einmal mehr jene, die es regelmässig aussprechen. Auch Uli Hoeness, ebenfalls seit Jahrzehnten ein Mahner im Weltfussball, redet heute wieder einmal von «Wahnsinn». Aber Bayern München hat in der Vergangenheit nicht sonderlich viel getan, um die Ausgaben für den Einkauf von Spielern glaubhaft zu begrenzen. Zwar holen die Bayern keinen Messi oder Ronaldo oder Neymar, aber dafür zahlen sie für andere Spieler, die sie eiligst zu Hoffnungsträgern stilisieren, objektiv schwer vertretbare Summen. Falls man in diesem absurden Spiel überhaupt von objektiv reden kann, denn wenn Pep Guardiola oder ein Scheich einen Spieler zu welchem Preis auch immer will, ist das ein sehr subjektives Ereignis. So kostete beispielsweise der 18-jährige Renato Sanches (Benfica Lissabon) die Bayern 35 Millionen Euro. Hat jemand diesen Spieler in der vergangenen Meisterschaft gesehen?

Nichts mit der Basis zu tun

Der vielbeklagte Wahnsinn wird weitergehen, sei es mit den Transfersummen, den Salären oder gleich mit beidem. Offenbar gibt es ausreichend viele Leute, die leicht verdientes Geld ebenso leicht und ziemlich spekulativ auszugeben bereit sind. Gestern die Amerikaner, heute die Araber und Chinesen, morgen wohl die Inder, irgendwann die Mongolen. Der Fussball an der Spitze ist längst eine Industrie, die sich selbst antreibt und am Leben erhält. Mit dem Fussball an der Basis hat das nichts mehr zu tun. Aber die Bedenken, dass sich die Fans von diesem Treiben abwenden würden, waren bisher falsch. Der Fussball zieht gesamthaft mehr denn je zuvor.

Ist das alles so schlimm? 200 oder 250 Millionen für Neymar, oder warum nicht gleich 300 Millionen? Es ist in der Tat völlig absurd. Aber Wahnsinn hin oder her – es lässt sich bis heute niemand finden, der unter solchen Auswüchsen ernsthaft leidet.

Frauenfussball zieht nicht. Findet euch damit ab!

Guido Tognoni am Samstag, den 22. Juli 2017
Nachspielzeit

Nur verhältnismässig wenige Fans wollten das Spiel Schweiz – Österreich an der Europameisterschaft der Frauen am 18. Juli sehen. Ist das ungerecht? Foto: Hans Punz (Keystone)

Im Schweizer Radio wurde dieser Tage darüber geklagt, dass der Frauenfussball gegenüber dem Männerfussball diskriminiert werde. Das beginne damit, dass man bei den Frauen nicht schlicht von Fussball, sondern von Frauenfussball rede, sagte die Interviewpartnerin aus Deutschland auf unserem Landessender. Es muss sich um eine Soziologin gehandelt haben, denn darüber zu jammern, dass man Frauenfussball als Frauenfussball bezeichnet (und nicht etwa als Pferdefussball), können nur Leute, die sich in unserer Luxusgesellschaft professionell mit der Suche nach eingebildeten oder echten Benachteiligungen befassen. Soziologen (und Soziologinnen, um politisch korrekt zu bleiben) machen das. Immerhin hat die Dame noch nicht gefordert, dass die Fussballerinnen gleich viel verdienen müssten wie die männlichen Kollegen.

Der Frauenfussball hat tatsächlich ein Problem. Das besteht darin, dass sich im Vergleich zum Männerfussball viel weniger – sehr viel weniger, klar gesagt – Leute dafür interessieren. Die Fussballfans füllen die Stadien nicht für den Fussball der Frauen, sondern für den Fussball der Männer, und zwar freiwillig. Im Fussball kaufen die Fans Leibchen von Cristiano Ronaldo und nicht von der Brasilianerin Marta Viera da Silva. Auch im Fernsehen ziehen die Fussballfans den Männerfussball vor.

Müssige Geschlechterdiskussion

Schlimm! Grausam! Zwar spielen die Frauen nach den gleichen Regeln, mit dem gleich grossen Ball und den gleich grossen Toren wie die Männer (was man sieht, wenn ein Ball, den jeder Junioren-Torhüter gehalten hätte, über den Händen der Torhüterin ins Netz segelt), aber diese offenbar soziologisch irregeleiteten und von der Geschlechterdiskussion längst gesättigten Fans wollen einfach lieber die Männer sehen.

Politisch korrekt und aus soziologischer Sicht betrachtet ist das eine Katastrophe, vernunftmässig betrachtet aber völlig normal. Auch im Tennis beispielsweise bewegt Roger Federer – nicht nur in der Schweiz – mehr Zuschauer (und, politisch korrekt, Zuschauerinnen) als Serena Williams. Im Boxen zieht Vladimir Klitschko gegen jeden Sandsack mehr Zuschauer an als Regina Halmich gegen Stefan Raab. Ist das für das Wohl der Menschheit ein Problem? Müssen sich politisch korrekte Fans dazu verpflichten, Männer- und Frauensport gleich interessant zu finden? Und was ist mit den benachteiligten Männern, wenn im Eiskunstlauf wie üblich die Pirouetten-Prinzessinnen den männlichen Kraftläufern die Show stehlen?

Man darf nicht laut sagen, dass die Geschlechterdiskussion einem längst zum Halse raushängt, und man sollte, politisch korrekt, so etwas auch nicht schreiben. Aber wenn dieses Thema zumindest an einem Ort völlig überflüssig ist, dann beim Fussball. Denn die Fans, ob männlich oder weiblich, werden auf immer politisch unkorrekt bleiben und als Zuschauer den Männerfussball bevorzugen. Der Frauenfussball wird das genauso überleben wie die vielen Sportarten, die noch weit weniger Zuspruch erfahren als die kickenden Frauen.

Bye bye, Silverdome

Guido Tognoni am Freitag, den 14. Juli 2017
Nachspielzeit

Das vielleicht beste Schweizer Team aller Zeiten tritt am 18. Juni 1994 im Silverdome gegen die USA an. Foto: Bill Waugh (Keystone)

Das ideale Fussballfeld ist 105 Meter lang und 68 Meter breit. Das sind die Masse der Fifa, und auf diesen 105 Metern Länge und 68 Metern Breite werden die Spiele der Weltmeisterschaften ausgetragen. Es gab allerdings unvergessliche WM-Partien, bei denen es die Fifa mit diesen Massen nicht so genau nahm: die Spiele im Silverdome in Pontiac bei Detroit an der WM-Endrunde 1994 in den USA. Der Silverdome, eine gedeckte Riesenhalle, in der für den Fussball über 70’000 Fans Einlass fanden, war Teil des Fussball-Abenteuers USA, das seinerzeit alle Mitarbeiter der Fifa ganz besonders faszinierte, den damaligen Generalsekretär Sepp Blatter inbegriffen. Blatter war sich bewusst, dass die Fifa mit einer WM-Endrunde in den Vereinigten Staaten Fussballgeschichte schreiben würde und dass Spiele in einem gedeckten Stadion zum Spektakel gehörten. Und der sonst oft detailversessene Walliser wusste auch, dass er lieber nicht danach fragen sollte, wie gross die Spielfläche im Silverdome war.

Es war wunderbar, dass dies überhaupt niemand wissen wollte. Alle Beteiligten waren sich stillschweigend darüber einig, dass das Erlebnis Silverdome nicht durch formalistische Bedenken gefährdet werden sollte. Das Spielfeld mit dem für die WM-Spiele eingelegten Naturrasen war nicht nur zu kurz, sondern auch viel zu schmal, derart schmal, dass die Trainer und Ersatzspieler auf der Tribüne sassen und die Eckbälle mit etwa eineinhalb Meter Anlauf getreten werden mussten. Statt Auslauf gab es Polsterungen. Offiziell mass die Breite 65 Meter, tatsächlich waren es noch weniger. Aber es wurde gespielt, bei grosser Hitze und noch grösserer Luftfeuchtigkeit, die allein schon beim Zuschauen den Schweiss in Strömen fliessen liess. Bei einer WM im Sommer in Katar wären die klimatischen Voraussetzungen für den Fussball sicher besser als in jener Waschküche.

Die Schweizer feiern einen Treffer von Stéphane Chapuisat gegen Rumänien. Foto: Keystone

Aber es wurde in diesem überhitzten Hohlraum attraktiver Sport geboten, vor allem von der Schweizer Auswahl, jener Mannschaft unter Roy Hodgson, die vielleicht spielerisch die beste in der Geschichte des Schweizer Fussballs war, auch wenn sie später im Achtelfinal gegen Spanien chancenlos ausschied. Die Schweiz spielte dank einem schönen Bregy-Freistoss gegen die USA 1:1 und kam mit einem berauschenden 4:1 gegen das damals starke Rumänien in die Direktausscheidung. Es war die Zeit von Geiger, Sutter, Sforza, Knup und Chapuisat, aber auch von Quentin, Ohrel, Hottiger, Herr und Subiat. Auf der Torlinie stand der von Hodgson bevorzugte Marco Pascolo.

Die WM-Endrunde in den USA war der letzte grosse Höhepunkt des Silverdome, wo zuvor auch Rockstars und Papst Johannes Paul II. aufgetreten waren. Der Niedergang der ehemaligen Automobilmetropole Detroit erfasste auch die Vorstädte, und für den Silverdome gab es bald keine Verwendung mehr. Die letzte Veranstaltung fand 2011 statt, danach wurde der Dome nicht mehr gepflegt, und er zerfiel. Jetzt wird das, was vom einst stolzen Dome noch übrig blieb, abgebrochen. Eine Fussball-WM mit Hallenspielen auf zu kleinem Feld wird es nie mehr geben.

Nur zwei haben einen Stammplatz

Guido Tognoni am Donnerstag, den 6. Juli 2017

Wer wird dieses Jahr sitzen bleiben? Ein Blick auf die Ersatzbank beim Spiel gegen Frankreich 2014. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Die Fussballer legen wieder los. In der Schweiz beginnen Training und Meisterschaft wie üblich früher als in den anderen Ländern, was nachweislich den Vorteil hat, dass unsere Mannschaften für die Qualifikationsspiele der europäischen Wettbewerbe besser gerüstet sind als die ruhende Konkurrenz, etwa die Italiener mit ihrem späten Meisterschaftsbeginn. In der Politik hätte der Bundesrat wegen dieses Vorteils längst ein schlechtes Gewissen und würde sich in Brüssel für die unbotmässigen Fussballer entschuldigen, und einige SP-Politiker und Journalisten würden den Zeigefinger erheben und schreiben, die Schweizer seien wieder einmal Rosinenpicker.

Den Fussballern ist die Politik egal. Sie bereiten sich auf dem Land oder auf Nebenplätzen gegen unterklassige Gegner auf die Meisterschaft vor – Testspiele eben. Aber diese Testspiele machen viele Spieler unglücklich, anstatt dass sie sich über die Trainingsunterbrüche freuen. Es sind vor allem jene Spieler, die sich in einem neuen Verein jene Hoffnungen machen, die sich im bisherigen Verein nicht erfüllt haben. Sie trainieren eifriger denn je, sie glauben und hoffen, nun jenen Trainer gefunden zu haben, der ihr Talent erkennt und an sie glaubt. Sie hoffen auf ein Aufgebot für die erste Halbzeit und nicht auf jenes für die zweite, in welcher der Coach die halbe Mannschaft austauscht. Und sie leiden, wenn es selbst in der zweiten Halbzeit nur zu einem Teileinsatz reicht.

Sie denken nur an sich

In solchen Momenten denken die Spieler nur an sich. Sie verdrängen, dass ein Testspiel eben ein Testspiel ist, dass der Trainer um diese Zeit ein viel zu grosses Kader hat, dass er nicht nur das Können, sondern auch das Verhalten seiner Spieler beobachten will, dass ein Testspiel auf das andere folgt. Und wenn vermeintlich oder tatsächlich schlechtere Spieler eingesetzt werden, wird vom übergangenen und enttäuschten Konkurrenten nicht beachtet, dass der Trainer auch das Recht hat, im Testwettkampf den Aufschluss darüber zu erhalten, wer den Anforderungen nicht genügt. Um seine Idealformation zu finden, muss der Trainer nicht mit den Besten üben, er muss vielmehr herausfinden, wer die Schlechtesten sind.

Zudem darf nicht vergessen werden: Im heutigen Fussball mit der ständig zunehmenden Anzahl Einsätze und den immer höheren körperlichen Anforderungen sitzt an jedem Wettkampftag regelmässig mehr als eine Weltauswahl auf der Bank. Es gibt zwischen Nord- und Südpol nur zwei Spieler mit einer unbestrittenen Stammplatzgarantie: Cristiano Ronaldo und Lionel Messi.

Der Fussball frisst die Leichtathletik

Guido Tognoni am Donnerstag, den 29. Juni 2017
Nachspielzeit

Die Fans wollen näher ran: Laufbahnen, wie hier im Berliner Olympiastadion, machen das Zuschauen weniger attraktiv. Foto: Roberto Pfeil (Keystone)

Sie sind ungleich geworden, die beiden Brüder. Jahrzehntelang bildeten Fussballer und Leichtathleten ein Gespann. In der Mitte wurde Fussball gespielt, aussen herum rannten die Leichtathleten. Mittlerweile sind die Leichtathleten zunehmend verdrängt worden. Der Fussball, durch und durch professionalisiert und kommerzialisiert, frisst alles: Sponsorengelder, Zuschauer, Fernsehstunden, politische und öffentliche Aufmerksamkeit, Stadiongebrauch, und die Kinder drängen unter der geballten Anziehungskraft des Fussballs in solchen Strömen in die Clubs, dass in der Schweiz viele davon einen Aufnahmestopp erlassen müssen.

Parallel dazu zieht entweder der Fussball aus dem ehemals gemeinsamen Stadion weg, oder die Leichtathleten müssen weichen. Seit die Stadionsitze in Konkurrenz zu den häuslichen Fernsehfauteuils stehen und am Bildschirm jede Szene zwanzigfach analysiert werden kann, ist die Unverträglichkeit noch grösser geworden. Bayern München flüchtete schon vor Jahren aus dem Olympiastadion, Hertha Berlin droht mit dem gleichen Schritt, das Olympiastadion von London 2012 wurde mit viel Aufwand in eine Fussballarena mit beweglichen Tribünen umgebaut, und die Tartanbahn im Letzigrund wird nur noch geduldet, weil der LC Zürich jedes Jahr ein Weltklassemeeting durchführt, das dem Namen der Stadt einigen internationalen Glanz verleiht.

Aber Fussballstadien mit acht- oder gar neunspurigen Laufbahnen werden keine mehr gebaut, es sei denn, es gibt noch unverzagte Städte, die Olympische Spiele durchführen. Der Fussball braucht die Nähe der Fans, und jene, die ins Stadion kommen, wollen näher an die Spieler ran. Jene Zuschauer, die noch ein Fussballspiel aus der Ferne hinter den Toren und der weiten Tartankurve sehen wollen, verdienen eine Tapferkeitsmedaille.

Partner für die Leichtathleten gesucht

Eine Lösung ist nicht in Sicht, Kompromisse im Stadionbau sind für die Fussballer nicht mehr akzeptabel, der Fussball ist schlicht stärker als die Läufer, Springer und Werfer. Was bleibt zu tun? Es braucht kreativere Stadionlösungen als bisher. Die Leichtathleten müssen die Freizeitsportler ins Boot holen, die Skater, die verrückten Velokünstler, andere Ballspiele als Fussball. Vor Jahren verstand man unter einem multifunktionalen Stadion eine Anlage mit Ladengeschäften, Altersresidenzen und anderen, sportfremden Einnahmequellen. Dieser Rausch ist schon vorüber, die Erwartungen haben sich in vielen Fällen nicht erfüllt.

Multifunktional kann aber auch ein rein sportliches Argument sein: Leichtathleten plus Skateboarder plus Rollschuhfahrer plus Velo-Freestyler, warum nicht auch etwas Motorenlärm (ausser in Zürich). Wenn man denkt, mit wie viel unsinnigem Aufwand neue Fussballarenen gebaut werden, obwohl das Fussballstadion längst erfunden ist, kann man kaum glauben, dass für andere Stadionformen jegliche Fantasie fehlt. Dabei wird die Leichtathletik auf Dauer nur überleben, wenn sie sich neue Sportarten als Stadionpartner anlacht. Der Fussball ist ihr längst untreu geworden.

Aber natürlich ist das völlig absurd

Ueli Kägi am Freitag, den 23. Juni 2017

Die machen ja, was sie wollen: Derzeit scheint im Fussballgeschäft schier alles möglich zu sein. (Foto: Keystone)

Wir haben uns ja schon an allerhand gewöhnt im Fussball. Manchester United trainiert in Los Angeles und spielt in Maryland. Die Fernsehanstalten finden den Confed-Cup ganz wichtig. Für Kylian Mbappé werden angeblich 135 Millionen Euro geboten. Der Adidas-Chef kann sich den DFB-Pokal-Final in Peking statt Berlin vorstellen. Und die Fifa möchte unter Gianni Infantino in den kommenden Jahren mindestens eine halbe Milliarde Dollar mehr einnehmen.

Und jetzt kommt noch das dazu: Ab kommender Saison spielt die chinesische U-20-Nationalmannschaft in der Regionalliga Südwest, der vierthöchsten deutschen Spielklasse. Kein Witz. Sie ist das 20. Team, die jeweils zwei Partien gegen die 19 Konkurrenten haben allerdings nur Testspiel-Charakter. Dafür gibts für jeden Gegner 15’000 Euro sowie  Zuschauereinnahmen und Vermarktungschancen. Darum haben auch alle Mannschaften schon zugestimmt. Es fehlt jetzt nur noch die letzte Genehmigung zur Umsetzung des Plans, aufgrund der klaren Meinungen bei Clubs und Deutschem Fussball-Bund (DFB) offenbar eine Formalität.

Scheinbar alles möglich

So nett wie einige Fussball-Funktionäre finden das allerdings nicht alle. Für die «Süddeutsche Zeitung» ist die Geschichte absurd genug, um an den Mäzen Hans Viol aus Bonn zu erinnern: «Viol, ein Unternehmer in der profitablen Granit- und Natursteinbranche, hatte 1999 genug von der chronischen Erfolglosigkeit des von ihm alimentierten Bonner SC in der Oberliga Nordrhein. Deshalb beschloss er, die kubanische Nationalmannschaft zu verpflichten. Und zwar: die ganze.»

Die Kubaner landeten dann tatsächlich auf dem Flughafen Köln-Bonn, allerdings fehlten ihnen die Spielberechtigungen, um Punkte zu gewinnen. Der Deutsche Fussball-Bund hatte sich gegen Viols Plan gestellt.

Das ist jetzt ganz anders. Jetzt, da im Fussball scheinbar alles möglich ist, wenn es nur mehr Zaster bringt. Auch beim DFB, der sich sonst ja gerne kritisch gibt, wenn die Fifa wieder mit einem neuen Furz auftaucht – und nachdem er mutmasslich die WM 2006 ins Land gekauft hat.

Gschäftlimacherei zum Davonlaufen

Die chinesischen Jungfussballer sollen in Deutschland auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio vorbereitet werden. Und der DFB soll natürlich auch profitieren von der Verbindung. Er hat 2016 zusammen mit der Deutschen Fussball-Liga und der chinesischen Regierung einen Kooperationsvertrag unterzeichnet. Das Geschäft läuft vorerst einmal bis 2021. Es soll dem deutschen Fussball mehr Umsatz bringen, bei TV-Verträgen oder Fanartikeln etwa.

Es gibt nahe Beobachter, die dieses Ding mit der chinesischen U-20 auch nicht so toll finden. Hajo Sommers zum Beispiel, Theaterleiter, Schauspieler und Präsident von Rot-Weiss Oberhausen, Regionalliga West: «Die Regionalliga wird zu einer Kirmesliga, damit der FC Bayern München mehr Trikots in China verkaufen kann», hat er zum «Reviersport» gesagt. Der DFB und die anderen grossen Mächte des Geschäfts aber sind sicher auch nach 2021 ganz offen für weitere tolle Ideen. Oder lamentieren sie dann schon darüber, dass dem Fussball das Volk davongelaufen ist?

Sind 50’000 Zuschauer wenig oder viel?

Guido Tognoni am Dienstag, den 20. Juni 2017

Tolle Kulisse: Das Confederations-Cup-Spiel Russland gegen Neuseeland in St. Petersburg am 17. Juni 2017. (Foto: Reuters/ Carl Recine)

Man kann über den Confederations Cup denken, wie man will, man kann ihn als gut, schlecht oder einfach belanglos bewerten. Der als WM-Hauptprobe deklarierte Wettbewerb hatte es in Europa schon immer schwer, Anerkennung zu finden. Und Europa gibt im Fussball nun mal den Takt an.

Wenn ein solches Turnier wie dieser Tage zudem im politisch belasteten Russland stattfindet, regnet es aus vielen Ecken noch mehr Kritik. Allerdings ist nicht jede Kritik nachvollziehbar. So wurde in den Medien mehrfach genüsslich rapportiert, dass beim Eröffnungsspiel Russland – Neuseeland das Stadion in St. Petersburg nicht voll war. Dass Wladimir Putin in den Rängen Lücken sehen musste.

Mit oder ohne Putin?

Das Stadion war tatsächlich nicht voll. Aber um Himmels willen, wer will denn Russland gegen Neuseeland spielen sehen, mit oder ohne Putin? Russlands Nationalmannschaft hat in den vergangenen Jahren eine jammervolle Negativbilanz hingelegt, und Neuseeland trat mit der grossartigen Referenz eines Ozeanien-Meisters an, also als Meister jener Konföderation, aus der das Gründungsmitglied Australien im Jahr 2006 geflüchtet ist, um gegen asiatische Konkurrenz besseren Fussball zu erleben, statt gegen Fidschi, Tonga, Kiribati und Papua-Neuguinea nette Reiseabenteuer hinter sich zu bringen. Und bei Russland gegen dieses Neuseeland wollten in St. Petersburg immerhin über 50’000 Zuschauer dabei sein. Das Glas war also weit mehr als halb voll. Und 33’000 Fans bei Kamerun – Chile in Moskau sind auch nicht so schlecht.

Nochmals die Frage: Würden Sie für die Schlager Mexiko – Neuseeland, Kamerun – Australien oder Neuseeland – Portugal in Zürich, Basel oder Bern Eintritt bezahlen? Würden Sie wenigstens hingehen, wenn Sie ein Gratisbillett erhielten? Würden Sie, im Schweizer Sommer, immerhin am Fernseher sitzen, wenn Mexiko für den Fussballschocker gegen Neuseeland aufläuft?

50’000 Zuschauer für ein Spiel wie Russland – Neuseeland sind eine tolle Kulisse. Dies in einem Land, in dem die grosse Mehrheit der Leute weder vom Fussball noch vom Leben verwöhnt wird. Ob das Stadion nun voll war oder nicht, spielt dabei überhaupt keine Rolle.

Was Jogi Löw mit «gut spielen» wirklich meint

Blog-Redaktion am Donnerstag, den 15. Juni 2017

Das Siegerlächeln des Weltmeisters: Joachim Löw vor dem Confed-Cup. Foto: Sven Hoppe (Keystone)

Es wird uns in den kommenden Wochen nicht nur der Fussball fehlen, sondern auch die Geschichten drum herum. Die fundamentalen Antworten der Trainer auf fundamentale Fragen der Journalisten. Das philosophisch Tiefgründige und Grundsätzliche, das uns in seiner Evidenz erschlägt und gegen dessen klare Aussage es kein Gegenargument gibt.

Es wird uns der ultimative Titel des «Tages-Anzeigers» fehlen: «Forte will gewinnen», das offene Bekenntnis des Hoffenheim-Trainers Julian Nagelsmann: «Ich verliere nicht gerne.» Es fehlt uns auch die intellektuell kaum fassbare taktische Einsicht des Juventus-Trainers Massimiliano Allegri nach dem verlorenen Endspiel der Champions League gegen Real Madrid: «Wir wollten in Führung gehen.» Und nicht zuletzt die geradezu überirdische Offenbarung des österreichischen Nationaltrainers Marcel Koller nach dem Unentschieden gegen Irland: «Wir wollten das Spiel gewinnen.»

Alle wollen gewinnen – wie langweilig!

Sakrament, wer hätte das gedacht! Alle Fussballtrainer sind vom Willen beseelt, Spiele zu gewinnen. Und dies seit über 100 Jahren. Eigentlich schon fast verdächtig, wenn alle gleich denken. Ausser vielleicht der Nationaltrainer von Gibraltar, der eine der schlechtesten Mannschaften der Welt zu dirigieren versucht. Von ihm ist nicht viel überliefert, aber wir gehen kaum fehl in der Annahme, dass er innerlich vor jedem Spiel ein Stossgebet zum Himmel schickt, damit seine Mannschaft nicht zweistellig verliert.

Alle wollen gewinnen – wie langweilig. Aber wir lesen sie dennoch gerne, die tiefsinnigen Trainersprüche, wir saugen sie auf, die wunderbaren, porentiefen Bekenntnisse, jeden Tag, jede Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr, immer das Gleiche, immer wieder und wieder. Und wir sind voll auf Entzug, wenn wir im Sommer und Winter einige Wochen nicht regelmässig lesen dürfen, dass der Trainer, der die elf Besten zusammenstellen soll, auch wirklich gewinnen will. Und nach dem verlorenen Spiel, das er nicht absichtlich verloren hat, sondern gewinnen wollte.

Eine kleine Überbrückung bildet der aktuelle Confederations Cup. Deutschlands Coach Joachim Löw, der spricht wie ein Diplomat, will «natürlich gut Fussball spielen». Für Deutschland und Löw kann «gut Fussball spielen» einzig eine leicht untertriebene Umschreibung für gewinnen sein. Auch wenn der Weltmeister, zum Ärger der Veranstalter, nur mit einer B-Auswahl zur WM-Hauptprobe geflogen ist.