Ramon Vega hat null Chancen

Guido Tognoni am Dienstag, den 5. Februar 2019

Fifa-Präsident sein ist nicht schwer, Fifa-Präsident werden hingegen sehr: Ramon Vega Ende 2016 in Manchester. Foto: Barrington Coombs (Getty Images)

Der frühere GC-Fussballer Ramon Vega hat nach seinem Wegzug aus Zürich in Italien, England und Schottland eine ansehnliche Karriere als Fussballer hingelegt. Nun will der 47-jährige ehemalige Verteidiger, Nicht-Walliser, sondern Solothurner aus Olten, Fifa-Präsident werden.

Kann er das? Gewiss, er könnte das. Fifa-Präsident sein ist keine Hexerei. Fifa-Präsident werden hingegen ist einiges schwieriger. Seit 1974 der Brasilianer João Havelange beim Fifa-Kongress in Frankfurt die afrikanischen Delegierten mit besonderer Sorgfalt behandeln liess und den Engländer Stanley Rous ablöste, wurde nie mehr ein amtierender Präsident, dessen Amtszeit faktisch aus vier Jahren Wahlkampagne besteht, abgewählt. Ramon Vega hat null Chancen.

Schwierig, sehr schwierig, extrem schwierig

Abgesehen davon drängt sich die Frage auf, ob der wagemutige Oltner die Fifa-Statuten gelesen hat. Darin steht nämlich, dass ein Kandidat für das Amt des Präsidenten in den letzten fünf Jahren vor der Kandidatur zwei Jahre in irgendeiner Form dem Fussball gedient haben muss. Um dieses Kriterium zu erfüllen, brauchte Vega, so sympathisch eine Jux-Kandidatur für die Belebung des Fifa-Kongresses vom 5. und 6. Juni in Paris sein mag, ausserordentlich viel Fantasie.

Zudem muss Vega fünf Verbände finden, die in schriftlicher Form seine Kandidatur unterstützen. Fünf Verbände also, die für einen nur in der Schweiz bekannten Kandidaten den Zorn des amtierenden Fifa-Präsidenten Gianni Infantino auf sich ziehen sollen. Schwierig, sehr schwierig, extrem schwierig.

Wenn die 211 Verbände der Fifa nicht selber auf die Idee kommen, einen Gegenkandidaten zu suchen, heisst das nichts anderes, als dass diese Verbände entweder mit Infantino einigermassen zufrieden sind oder schlicht nicht den Mut haben, sich gegen den Walliser zu stellen. Zudem ist es dem grössten Teil der Verbandsdelegierten völlig egal, wer am Kongress die übliche Sonntagspredigt über den Wert des Fussballs, Harmonie, Transparenz und Demokratie in der Fifa hält, solange die Kasse stimmt.

Mit leeren Taschen gegen Infantino

Der Verbandspräsident von Burkina Faso, der Cayman-Inseln oder des amerikanischen Militärstützpunkts Guam hat zwar das gleiche Stimmrecht wie der Vorsitzende des Deutschen Fussball-Bunds, setzt aber andere Prioritäten, als sich um die Qualität seines Sports Sorgen zu machen. Gianni Infantino hat zudem seine Wahlversprechen erfüllt: Es gibt für die Verbände mehr Geld und spätestens bei der Endrunde 2026 in Nordamerika 50 Prozent mehr Startplätze. Anderes zählt nicht.

Woher soll der Anreiz kommen, einen mit leeren Taschen kandidierenden Ramon Vega an Gianni Infantinos statt zu wählen? Zumindest für das Weltparlament des Fussballs gibt es keinen.

Die ständigen Hoffnungen aus der Ferne

Guido Tognoni am Donnerstag, den 31. Januar 2019

Es ist noch kein Meister auf den Rasen gefallen: Letzikids-Camp des FC Blue Stars und des FC Zürich. (Foto: Keystone/Gaetan Bally)

Das Zürcher Fussballpublikum sollte sich – so ist zu hoffen – in der Rückrunde an neue und junge Spieler gewöhnen: Aly Mallé (Grasshopper), Salah Aziz Binous, Leven Kharaladze und Nicolàs Andereggen (alle FCZ) heissen die Hoffnungsträger, von denen nur Nicolás Andereggen vom Namen her an Nachfahren der Schlacht am Morgarten erinnert. Aber auch er kommt aus fernen Landen, nämlich aus Argentinien. Alle diese Spieler sind 18, 19 oder 20 Jahre alt. Die beiden Zürcher Clubs machen nur das, was von Bayern München bis Liverpool alle Vereine tun: Sie schürfen im Ausland nach Rohdiamanten. Solche sind bekanntlich selten, und ob ein Spieler vom Rohzustand zum Schmuckstück geschliffen werden kann, bleibt offen. Die Ausfallquote, gleichbedeutend mit zerstörten Hoffnungen von jugendlichen Spielern, die Nachfolge Messis und Ronaldos antreten zu können, ist sehr gross.

Wenn man sich die Namen der neuen Spieler von GC und des FCZ vor Augen hält, drängen sich zwei Fragen auf: Ist das Reservoir an förderungswürdigen Nachwuchstalenten, die aus dem Balkan stammen, in der Schweiz zu Fussballern ausgebildet worden sind und unseren Fussball immer noch prägen, am Versiegen? Wenn ja, würde das heissen, dass der Heisshunger auf Fussball bei der neuen, in der Schweiz aufgewachsenen Generation bereits gestillt ist? Anders gefragt: Hat unser Wohlstand die jungen Sportler aus dem Balkan bereits ebenso geprägt wie die ursprünglichen Schweizer?

Zu wenig Geduld mit dem eigenen Nachwuchs?

Es ist ein seltsames und bemerkenswertes Phänomen, wie sehr im Clubfussball die Mannschaften von ausländischen Spielern geprägt werden. Wenn etwa die Grasshopper keinen Schweizer Namen in der Startelf aufführen, stehen sie und andere Schweizer Clubs beileibe nicht allein da. Legendär sind die Aufstellungen von Arsène Wenger bei Arsenal, in denen sich oft kein britischer Spieler befand. Aber auch etwa bei Borussia Dortmund sind die Schulzes und Kunzes mittlerweile fast seltener als die Schweizer Namen. Und wie viele eigene Spieler bringt Bayern München aus der aufwendigen und als vorbildlich bezeichneten Nachwuchsbewegung in die erste Mannschaft hervor? Sie sind über Jahre hinweg an einer Hand abzuzählen. Stattdessen kaufen auch die Bayern für Millionen Jugendliche aus dem Ausland.

Die Debatte, ob sich eine Nachwuchsabteilung lohnt (sie lohnt sich rein kaufmännisch nicht), ist nutzlos. Allein als Fabrik der Träume für die Jugend hat die Nachwuchsarbeit eines jeden noch so kleinen Clubs eine wichtige soziale Aufgabe, ganz abgesehen von den sportlichen Ergebnissen. Der Unterschied zwischen Nachwuchsspielern aus den eigenen Reihen und zugekauften vermeintlichen oder echten Talenten besteht vor allem in der Geduld. Wenn die Jungen aus dem eigenen Nachwuchs auf gleich viel Geduld und Nachsicht zählen könnten, wie die Clubs mit eingekauften Spielern üben, wäre die Erfolgsquote grösser. Nicolás Andereggen ist Mittelstürmer, 19 Jahre alt und bringt statistische Werte mit vielen Nullen in die Schweiz mit. In einigen Monaten werden wir die Frage beantworten können, ob Willi Huber aus Schwamendingen, Benjamin Meier aus Wiedikon oder Peter Rüdisühli aus Affoltern die gleiche Chance wie der zugekaufte Hoffnungsträger aus San Jeronimo Norte verdient hätten.

Maurer und Infantino: Verliebt in Saudiarabien

Guido Tognoni am Donnerstag, den 24. Januar 2019

Ueli Maurer begrüsst Saudiarabiens Botschafter Hisham Alqahtani beim Neujahrsempfang. (Foto: Keystone/Alessandro della Valle)

Weiss unser Bundespräsident Ueli Maurer eigentlich, was in Saudiarabien abgeht? Ist ihm bewusst, dass im November 2017 ein wichtiger Teil der saudischen Wirtschaftselite im Hotel Ritz in Riad eingesperrt wurde, dass es in diesem vornehmen Hotel Folterungen gab und dass den Eingesperrten die Freiheit mit Enteignungen und Geldzahlungen abgepresst wurde? Will Ueli Maurer das alles überhaupt wissen? Für den Auftragsmord am oppositionellen Journalisten Jamal Khashoggi in der saudischen Botschaft in Ankara hat Maurer, prominentes Mitglied der SVP, die sonst ihre freiheitlichen Werte überall und lautstark propagiert, jedenfalls die Absolution erteilt. Und für die Unterzeichnung des Vertrags über den gegenseitigen Informationsaustausch in Steuerfragen konnte es Ueli Maurer nicht schnell genug gehen, um nach Riad zu pilgern, obwohl der Austausch nicht gegenseitig, sondern nur einseitig vonstattengehen wird – von Bern nach Riad.

Fussballpiraterie mit lahmen Konsequenzen

Infantino und Saudiarabiens Kronprinz Muhammad an der WM 2018. (Fotos: Keystone)

Aber lassen wir die hohe Politik. Saudiarabien gebärdet sich nicht nur gegenüber Oppositionellen höchst unkonventionell. Seit Monaten stiehlt der TV-Sender mit dem demonstrativ provokativen Namen beoutQ (halte dich von Qatar fern) der Konkurrenz aus Katar, BeIn (sei dabei), das elektronische Satellitensignal und sendet Fussball (und auch Unterhaltungssendungen von anderen Rechtehaltern), ohne dafür zu bezahlen. Die Fifa hat untätig zugeschaut, wie die Saudis den von Saudiarabien neidvoll gehassten Katarern die hoch bezahlten Rechte für die WM-Endrunde in Moskau gestohlen haben.

Hat die Piraterie lange geduldet: Fifa-Präsident Infantino.

Erst dieser Tage konnte sich die Fifa dazu aufraffen, zusammen mit der Uefa, der englischen Premier League und der Bundesliga offen gegen diese Piraterie Stellung zu beziehen. Ob das damit zusammenhängt, dass Fifa-Präsident Gianni Infantino – zurzeit genauso verliebt in die Saudis wie Ueli Maurer – seinen kühnen Plan des Rechteverkaufs der Fifa an eine Investorengruppe mit saudischer Beteiligung ohne Kollateralschaden nicht realisieren können wird, bleibe dahingestellt.

Wo bleibt die Macht des Fussballs?

Die rein verbalen Verurteilungen dürften die Saudis nicht beeindrucken. Sie fühlen sich stark und sicher. Dabei hätte es die Fifa längst in der Hand gehabt, dem Rechtediebstahl ein Ende zu setzen. Eine simple Massnahme, die bei weniger einflussreichen Verbänden reichlich angewandt wird, hätte ausgereicht: die Androhung eines Ausschlusses aus der Fifa.

Dieser Schritt wäre einfach und für alle ohne juristische Akrobatik verständlich. Und er wäre wirksam. Das wäre ein sinnvoller Einsatz der viel zitierten Macht des Fussballs. Bis heute sind Faszination und Einfluss des saudischen Geldes wichtiger als der Schutz der Rechteerwerber, welche die Fussballfunktionäre reich machen.

Die EU, das Foul und das weiche Recht

Guido Tognoni am Freitag, den 18. Januar 2019

Foul oder Ausgleichsmassnahme? EU-Kommissionspräsident Juncker drückt Bundesrätin Sommaruga einen Kuss auf. Foto: Olivier Hoslet (Keystone)

Die Schweiz ermüdet unter der Diskussion um das Rahmenabkommen mit der EU und um den UNO-Migrationspakt, dem auch noch der Flüchtlingspakt folgt. Im Streit der Experten und Politiker geht es um Kampfbegriffe, Deutungen, Verschleierungen, Worthülsen und seltsame Interpretationen von an sich klaren Begriffen. Zum Glück gibt es den Fussball, der uns die Möglichkeit bietet, das Palaver etwas zu ordnen.

Beginnen wir mit der Ausgleichsmassnahme. Die Befürworter des Rahmenabkommens verschleiern den Begriff Strafe für unbotmässiges, das heisst nicht EU-konformes Verhalten mit dem Begriff Ausgleichsmassnahme. Im Fussball gibt es für ein Foul einen Freistoss, einen Elfmeter, eine Verwarnung oder einen Ausschluss. In der Politikersprache nennt man solche Strafaktionen, von denen die Schweiz betroffen würde, Ausgleichsmassnahmen. Klingt wunderbar sanft, wird aber im Anwendungsfall schmerzliche Erfahrungen nach sich ziehen.

Etwas härter als Ausgleichsmassnahme tönt und ist der Begriff Retorsionsmassnahme. Im Fussball müsste man nicht gleich von einer Tätlichkeit, aber sicher von einem Revanchefoul sprechen, und jeder wüsste, was damit gemeint ist. Im Sport würde auch der seltsame Begriff Kohäsionsmilliarde, welche die Schweiz zähneknirschend der EU zahlen muss, praxisnah gedeutet. Im Fussball würde man eine solche Zahlung notfalls als Geschenk oder Motivation verbuchen.

Und nun zu den Pakten, etwa dem Migrationspakt: Bis vor kurzem war ein Pakt ein Vertrag. Den Begriff haben die alten Römer mit dem eisernen Grundsatz «pacta sunt servanda» – Verträge sind einzuhalten – geprägt. Da heute das Einhalten von Verträgen vielerorts Mühe bereitet oder die Verträge als solche abgelehnt werden, gehen die Deutungen über den Begriff Pakt plötzlich weit auseinander. Jene, die etwa den Migrationspakt wollen, sagen, er müsse gar nicht eingehalten werden. Jene, die den Pakt nicht wollen, sagen, eine Verpflichtung sei nun einmal eine Verpflichtung und der Pakt eben ein Vertrag. Fussballpräsidenten, die ihren Trainer oder einen Mittelstürmer mit Torstau loswerden möchten, würden sich bestimmt gerne an jene Politiker und Juristen anlehnen, die das Wort Pakt als Spassbegriff auffassen.

Und dann kommt noch das «soft law» ins Spiel, also das weiche Recht, das im Geschnatter um die Pakte neuerdings immer wieder auftaucht. Die Römer würden sich in ihren Gräbern umdrehen, wenn ihnen ein moderner Professor zu erklären versuchte, es gebe nicht nur Recht, sondern auch weiches Recht. Das Gegenteil zum weichen Recht müsste ja das harte Recht sein, und somit ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch – wie beim Käse – das halbharte Recht erfunden wird. Damit sind wir an jenem Punkt angelangt, an dem der Fussball der Politik bestens erklären kann, was weiches Recht ist: Es ist das Ermessen des Schiedsrichters, ein Foul als ein Foul zu erkennen oder auch nicht. Anders ausgedrückt: Weiches Recht ist Ansichtssache. Geeignet für den Fussball, aber untauglich für die Rechtssicherheit.

900 Franken fürs Einlaufen mit den Stars

Guido Tognoni am Montag, den 7. Januar 2019
Nachspielzeit

Ein teures Geschenk: Kinder mit Spielern von Tottenham Hotspur und West Ham United vor einem Match im Januar 2018. Foto: Getty Images

Es sieht niedlich aus, wenn Knaben und Mädchen Hand in Hand mit den Fussballstars unserer Zeit auf den Rasen laufen. Es ist auch wirklich ein sympathischer Akt, dass vor dem Anpfiff Kinder die Gelegenheit erhalten, direkten Kontakt mit dem grossen Fussball zu erhalten. Man kann leicht darüber hinwegsehen, dass es sich bei diesem mittlerweile zur guten Gewohnheit gewordenen gemeinsamen Betreten des Rasens auch um eine wohldosierte Werbeaktion der Ausrüster handelt. Das einmalige Erlebnis der Kinder soll über kritischen Hintergedanken stehen.

Das britische Staatsfernsehen BBC hat mit einer Recherche nun allerdings die Idylle zerstört: 11 von 20 Mannschaften verlangen für dieses Einlaufen gewissermassen Kindergeld. Everton vor West Ham und Leicester lautet die unrühmliche Tabellenspitze, wobei Everton für den Einmarsch auf Kinderbeinen 718 Pfund –  rund 900 Franken – verlangt. Dieses Geld soll für einen wohltätigen Zweck verwendet werden. Dass ein Erinnerungsfoto, eine Eintrittskarte, ein Autogramm und die Fussballausrüstung dazugehören, macht die Sache nicht besser, zumal Hose, Hemd und Schuhe ohnehin vom Ausrüster zur Verfügung gestellt werden.

Swansea hat nach dem Abstieg das Kindergeld reduziert, würde aber in der Premier League immer noch zur unrühmlichen Spitze zählen. West Ham liess sich zudem einfallen, dass der Preis bei Spielen gegen die besten sechs der Rangliste erhöht wird. Gibt es noch mehr Raffgier?

Zur kleinen Ehrenrettung des Fussballs muss immerhin erwähnt werden, dass die beiden Topvereine aus Manchester sowie Arsenal, Chelsea und Liverpool auf dieses hässliche Sondergeld verzichten. Das tun auch Fulham, Huddersfield, Newcastle und Southampton.

Ein Huhn opfern oder den Trainer?

Guido Tognoni am Sonntag, den 30. Dezember 2018

Aufsteiger am Tabellenende: Die Fussballgötter lassen Xamax-Trainer Michel Decastel bisher hängen. Fotos: Keystone

In der Diskussion um das Rahmenabkommen mit der EU jammern die (meist ausländischen) Top-Manager der Schweizer Grossfirmen seit Jahren, ohne die umstrittene Personenfreizügigkeit würde der «Fachkräftemangel» noch mehr zunehmen. Gleichzeitig werden ständig im grossen Stil Arbeitsplätze abgebaut. Offenbar waren alle keine Fachkräfte, die vor dem Abbau bei den Unternehmen ihr Auskommen fanden. Ob es sich beim Fachkräftemangel um zehn Chemiker für die Novartis, neue Chefs für die Schweizer Banken oder um Arbeiter für den Tunnelbau am Albulapass handelt, bleibt im Nebel der Diskussion unklar.

Wenigstens können wir im Schweizer Fussball, wo es in den meisten Clubs eher an helvetischen statt an ausländischen Fachkräften mangelt, einigermassen Klarheit schaffen. Also halten wir im Hinblick auf das kommende Jahr den folgenden Fachkräftemangel fest:

  • Den Grasshoppers fehlt vor allem eine finanzielle Fachkraft. Gesucht ist ein Investor oder, noch besser, ein Mäzen, der viel zahlt, aber nur das macht, was Erich Vogel einflüstert.
  • Auch der FC Zürich braucht nur eine einzige Fachkraft. Es fehlt an einem Stürmer, der hie und da ins Netz trifft und die vielen Unentschieden in Siege verwandelt.
  • Nicht unter die Kategorie Fachkräfte fällt bei den Young Boys ein Torhüter, der die Meisterschaft wieder spannend machen würde.

    David von Ballmoos hält, was er verspricht.

  • Der FC Basel glaubt, er habe genug Fachkräfte an Bord und könne auf weitere verzichten. Dieser Verzicht hat einiges für sich. In 18 Spielen 19 Punkte Rückstand auf die Young Boys sind ohnehin nicht aufzuholen.
  • Auch beim FC Thun sollte man auf weitere Fachkräfte verzichten. Jeder Zuzug auf oder neben dem Rasen würde das idyllische Erfolgsmodell der Berner Oberländer zerstören.
  • Dem FC St. Gallen fehlt ein genialer Chemiker, der den grossen Einsatz von Präsident Matthias Hüppi in Punkte verwandeln kann.

    Matthias Hüppi (l.) mit Sportchef Alain Suter.

  • Der FC Luzern ist in dieser Meisterschaft von einer geradezu unheimlichen Ruhe geprägt. Es drängt sich ein Seelsorger auf, der diesen Frieden mit Gottes Segen bis ans Ende der Rückrunde rettet.
  • Beim FC Sion verbringt Trainer Murat Yakin trotz durchzogener Bilanz ruhige Weihnachten. Allerdings konnte Präsident und Co-Trainer Christian Constantin bei Abschluss der Vorrunde noch nicht wissen, dass José Mourinho in Manchester entlassen wird und auf dem Markt ist.

    José Mourinho? Nein, Murat Yakin.

  • Lugano-Präsident Angelo Renzetti wäre geneigt, den Verein für zehn Millionen Franken zu verkaufen. Ein mit dem Fussball vertrauter Bücherexperte könnte ihm erklären, dass dieser Preis völlig überrissen ist.
  • Aufsteiger Xamax hat in 18 Spielen nur zweimal gewonnen. In Afrika würde ein Medizinmann auf der gegnerischen Torlinie ein Huhn köpfen, um die Fussballgötter günstig zu stimmen. In Kasachstan wurde – allerdings im Eishockey – auch schon auf offenem Eis ein Schaf geschlachtet. Xamax hat diesbezüglich noch alle Optionen offen. Anstelle eines Huhns den Trainer zugunsten einer anderen Fachkraft zu opfern, wäre nicht sehr originell, aber naheliegend.

Wie auch immer: ein Prosit auf den Fussball 2019!

Die Zitrone Champions League ist ausgepresst

Guido Tognoni am Freitag, den 14. Dezember 2018
Nachspielzeit

Mehr als ein paar Nadelstiche liessen die Grossen in der Gruppenphase nicht zu: Spieler von YB bejubeln das 2:1 gegen Juventus. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Achtergruppen in der Champions League – das ist kein Witz! Die Manager der führenden europäischen Clubs denken allen Ernstes daran. Andrea Agnelli, der Boss von Juventus Turin, hat diese Idee vorgebracht. Da drängt sich die Frage auf, ob diese Leute den Fussball wirklich verstehen oder ob sie ihre Clubs nur als Einnahmequelle und als prestigereiches Spielzeug verwenden. Angesichts der klaren Kraftverhältnisse unter den besten Vereinen Europas war bereits die diesjährige Gruppenphase von grosser Langeweile gekennzeichnet. Aber der Fussballfan erwartet von einem Wettbewerb wie der Champions League mehr als nur das Abspulen eines Pflichtprogramms, bei dem nach drei von sechs Runden die beiden Ersten bereits feststehen. Vor allem, wenn die Fans für solche schlaffen Spiele noch extra bezahlen müssen.

Bei Achtergruppen müssten 56 Gruppenspiele ausgetragen werden. Hat das Herr Agnelli einmal errechnet? 7-mal zu Hause, 7-mal auswärts für jedes Team. Die Langeweile wäre vorgezeichnet. Und wie soll man die nötigen Termine finden, davon ausgehend, dass ein Jahr auch für gierige Grossclubs nur 52 Wochen dauert?

Es ist 20 Jahre her, als die führenden Clubs bei der Uefa die gleiche Forderung erstmals erhoben. Unter dem Titel «Planungssicherheit» forderten etwa Bayern München und Ajax Amsterdam die Achtergruppen. Das Stichwort Planungssicherheit entlarvt die Absicht der Grossclubs: Nicht der sportliche Wettbewerb steht an vorderster Stelle, sondern ein Maximum an gesicherten Einnahmen, nicht Spannung und möglichst gute Unterhaltung für die Fans in den Stadien und am Bildschirm, sondern die Gewissheit, dass es für Favoriten fast nicht möglich ist, in einer Achtergruppe mit 14 Spielen auszuscheiden. Denn in einer Achtergruppe müssten die ersten vier für die Achtelfinals qualifiziert werden. Einige solcher Gruppenspiele könnten mehrere Clubs auch ohne Torhüter überstehen.

Noch mehr Langeweile verträgt es nicht

Was macht die Uefa? Präsident Aleksander Ceferin, ein Mann, der seit seinem Amtsantritt keine nennenswerten Fehler begangen hat, blieb bisher einigermassen gelassen. Er dürfte wohl weiterhin davon ausgehen, dass die Drohkulisse der reichen Grossclubs abgebaut wird, wenn nochmals mehr Geld ausgeschüttet würde. Die Frage ist, unter welchem Format. Wenn die Grossclubs auf ihrem Sicherheitssystem mit eingeplanten Gähnspielen beharren, könnte sich das Risiko lohnen, die Reichen vorerst einmal ohne die Uefa unter sich üben zu lassen, vielleicht sogar in 16er-Gruppen. Es dürften sich sogar irgendwelche Investoren finden lassen, die vom Fussball zwar wenig verstehen, aber umso mehr Geld lockermachen.

Dann könnte das eintreten, was das Internationale Olympische Komitee mit den Olympischen Spielen erlebt: eine amerikanische Investorengruppe hat die Rechte für teures Geld erworben, aber die europäischen TV-Sender sind nicht mehr bereit, diese Investition zu finanzieren. So bleibt Olympia vorderhand im Spartensender Eurosport stecken.

Fussball ist stärker als die olympische Vielfalt. Aber der Fussball braucht Sponsoren, und die Sponsoren brauchen die Millionen an den Bildschirmen, und diese Millionen an den Bildschirmen wollen ein Minimum an Spannung. Wenn mit den aktuellen Bezahlschranken noch mehr Langweile als bisher finanziert werden soll, wird die Rechnung nicht mehr aufgehen. Die Chance, dass die Grossclubs in absehbarer Zukunft aus ihren Träumen gerissen werden, ist real. Irgendwann ist jede Zitrone ausgepresst, selbst im Milliardenspiel Fussball.

Die Fifa-Millionen sinnvoller einsetzen

Guido Tognoni am Donnerstag, den 22. November 2018
Nachspielzeit

Die Fifa sollte nicht nur in Fussball, sondern auch in Bildung investieren: Jugendliche in Abidjan, Elfenbeinküste. Foto: Getty Images

Wie viel Geld braucht die Fifa? 3 Milliarden, 4, 5 oder 6 Milliarden über vier Jahre, wie heute? Oder braucht sie für irgendwelche Zwecke 25 Milliarden, die gemäss einem fast geheimen Plan Fifa-Präsident Gianni Infantino und eine immer noch halbwegs geheime Investorengruppe einwerfen wollen? Wann ist genug – falls es das Wort genug im Sport überhaupt gibt?

Ein Vergleich: Für die WM 1986, also noch nicht sehr lange her, erhielt die Fifa für die Weltrechte vom Fernsehen 49 Millionen Franken plus eine zweistellige Millionenzahl aus der Werbung. Dazu gab es als Bettmümpfeli vom US-amerikanischen Markt noch 400’000 Dollar. Die Fifa flog mit rund 30 Angestellten in der ersten Klasse nach Mexiko und lieferte klaglos die WM-Endrunde ab. Alle waren zufrieden, die Mexikaner, die teilnehmenden Verbände, die Fifa selbst natürlich auch. Und das Fernsehen strahlte die 52 Spiele weltweit für die Zuschauer kostenlos aus.

Heute kann der Fifa-Präsident nach einem WM-Zyklus rund 100-mal mehr, nämlich 6 Milliarden, verteilen, was bei vernünftiger Geschäftsführung ein Grund für weitere anhaltende Zufriedenheit sein müsste. Dem ist allerdings nicht so. Die Gier nach Geld ist im Fussball grenzenlos geworden, offensichtlich nicht nur bei Spielern und Clubs, sondern auch bei einigen Funktionären.

Die Fifa könnte mehr sein als nur Fussball

Nur: Was passiert eigentlich mit dem Geld? Die Zeiten, da etwa junge Afrikaner noch lernen mussten, wie man einen Ball stoppt, sind seit Jahrzehnten vorbei, aber im Gegensatz zum Geldschub ist der Entwicklungsschub ausgeblieben. Die präsidialen Geldsegen von Sepp Blatter und Gianni Infantino haben auf Verbandsebene in Afrika und Asien wenig bis nichts bewirkt. Jeder Verband hat zwar inzwischen einen mit Fifa-Geldern gespiesenen schönen Sitz, aber die Nationalmannschaften machen seit langem keine Fortschritte mehr.

Wie bei der traditionellen Entwicklungshilfe drängt sich die Frage auf, wie effizient die gleichmässig verschenkten Fifa-Millionen verwendet werden. Oder anders gefragt: Ist die fussballerische Entwicklungshilfe der Fifa, für die jeweiligen Präsidenten nicht zuletzt auch ein Wahlkampfinstrument, nicht längst überholt? Warum verbindet die Fifa mit dem vielen Geld nicht Fussball mit schulischer oder mit beruflicher Ausbildung? Das wäre jene Form von sozialer Verantwortung, der sich die Fifa zwischendurch rühmt.

Viele Verbände brauchen das Geld der Fifa nicht. Dafür könnte die Fifa in anderen Verbänden viel mehr sein als nur Fussball. Und einen besseren Ansporn, als über den Fussball zu einer guten Ausbildung zu gelangen, gibt es für Kinder und Jugendliche nicht, zumal heute der Mädchenfussball die gleiche Rolle ausüben kann wie der Knabenfussball.

Die Fifa braucht nicht mehr Geld für noch mehr Wettbewerbe. Was die Fifa braucht, sind neue Ideen, um das bereits vorhandene viele Geld sinnvoller einzusetzen.

Beim Foulpenalty ist zu vieles faul

Guido Tognoni am Montag, den 22. Oktober 2018

Nach Konsultation des Video-Schiedsrichters: Craig Pawson gibt Liverpool einen Penalty gegen West Bromwich Albion – was dessen Grzegorz Krychowiak missfällt. Foto: Phil Noble (Reuters)

Es ist etwas faul mit dem Elfmeter. Elfmeterpfiffe, erfolgte oder ausgebliebene, sind die folgenschwersten Entscheide der Schiedsrichter, und entsprechend herrscht bei der Hälfte der Elfmeterszenen grosse, aber unnötige Konfusion. Mit der Auslegung der Elfmeterregel stimmt zu vieles nicht. Ob Frankreich gegen Deutschland oder Sion gegen die Grasshoppers – jede Woche geben rund um den Globus zahllose Strafraumentscheide zu reden. Und es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn man die Hälfte der Entscheide als falsch einstuft.

Gemäss Regelbuch müsste ein Elfmeter gepfiffen werden, wenn ein verteidigender Spieler in seinem Strafraum ein Foul begeht, das ausserhalb des Strafraums mit einem direkten Freistoss bestraft würde. Das tönt sehr einfach, ist es aber offensichtlich nicht. Anders ist nicht zu erklären, dass selbst Spitzenschiedsrichter grösste Mühe haben, in den Strafräumen einwandfreie Entscheide zu fällen.

Diese Mühe ist erstens eine Folge des Spieltempos, dem das menschliche Auge in unübersichtlichen Situationen, oft mit Fallsucht von Spielern angereichert, kaum mehr folgen kann, zumal fast alle Strafraumszenen unübersichtlich sind. Zweitens lastet bei Strafraumszenen auf den Schiedsrichtern ein immenser Druck, da die Folgen eines Pfiffes ungleich krasser sind als bei irgendwelchen Entscheiden im Mittelkreis. Und drittens ist der Ermessensspielraum des Schiedsrichters beim Elfmeter viel zu gross.

Das subjektive Empfinden des Schiedsrichters

Wenn ein Schiedsrichter-Experte wie Urs Meier am Fernsehen die Elfmeterregel erklärt, tönt alles sehr plausibel. Theoretisch. Praktisch sieht das ganz anders aus. Wenn ein verteidigender Spieler bei einer Grätsche im Strafraum aus einem Meter Distanz einen Ball an den ausgebreiteten Oberarm geschossen erhält, pfeift die Hälfte der Schiedsrichter Elfmeter, die andere Hälfte aber nicht. Anzufügen ist, dass kein normaler Fussballer im Lauf mit den Armen am Körper eine Grätsche anbringen kann.

Ein Fan sieht rot: Schiedsrichter Herbert Fandel pfeift einen Penalty für Schweden in der Qualifikation für die Euro 2008 und wird darauf von einem Anhänger Dänemarks angegriffen. Das Spiel wird abgebrochen und als 3:0-Sieg für Schweden gewertet. Foto: Anders Wiklund (Keystone)

Es gäbe noch mehrere ähnliche Beispiele, bei denen allein das subjektive Empfinden des Schiedsrichters und nicht der objektive Sachverhalt entscheiden. Solches subjektive Empfinden mag in einer Amateurliga zu verschmerzen sein, im professionellen Spitzenfussball, wo einzelne Schiedsrichterpfiffe über Millionen haben oder nicht haben entscheiden, geht das nicht mehr. Natürlich gehören die Diskussionen um die Elfmeter zum Fussball, aber letztlich ist ein fairer Wettbewerb wichtiger als emotionale Aufwallungen, die den Fussball bereichern sollen.

Der Video-Assistent ist ein ausgezeichnetes Hilfsmittel. Umso erstaunlicher ist, wie zögerlich im Milliardenbusiness Fussball eine solche technische Selbstverständlichkeit eingeführt wird. Selbst mit Videobeweis gibt es noch zweifelhafte Entscheidungen. Diese können und müssen hingenommen werden, da es keine besseren Lösungen gibt. Aber die Zeiten, in denen ein einsamer Schiedsrichter als Folge fehlender technischer Unterstützung krasse Fehlentscheide trifft und damit den Spielausgang beeinflusst, müssten im professionellen Spitzenfussball vorbei sein. Den Verzicht auf den Video-Schiedsrichter mit fehlendem Geld zu begründen, ist kein Argument.

Ob er wirklich richtig liegt? Bastian Dankert lässt seinen Penaltypfiff für Bayern München vom Video-Assistenten bestätigen. Foto: Michael Dalder (Reuters)

Nations League mit Delikatesse

Guido Tognoni am Montag, den 15. Oktober 2018

Der deutsche Fussball ist seit der WM in Russland in Aufruhr: Nationalcoach Joachim Löw vor der 0:3-Niederlage im Nations-League-Spiel gegen die Niederlande. Foto: Peter Dejong (Keystone)

Wie das so richtig funktioniert mit der Uefa Nations League, müssen eigentlich nur die Beteiligten verstehen, darunter Nationalcoach Vladimir Petkovic. Irgendwann sind irgendwelche Nationalteams für irgendetwas qualifiziert. Aber das genügt bereits, um mehr Freude an jenen Fussball-Länderspielen zu haben, die bisher entweder unbedeutend waren oder deren Wichtigkeit hochgeschrieben werden musste. Wenn etwa die Schweiz gegen Andorra antritt und der Coach pflichtschuldigst Spielern und Journalisten in Erinnerung rufen muss, man dürfe keine Mannschaft unterschätzen, hat das schon fast groteske Züge.

Mit der Einführung dieser Nations League erleben wir wieder einmal die grundsätzliche Faszination eines sportlichen Wettbewerbs mit Spielkalender, Ranglisten, Tordifferenz und was immer dazu gehört. Es mag Stimmen geben, welche die Nations League als überflüssig bezeichnen, aber jeder noch so unbedeutende Wettbewerb ist besser als Freundschaftsspiele, bei denen in beiden Mannschaften insgesamt 34 Spieler eingesetzt werden können, deren Einfluss höchstens der Coach halbwegs einschätzen kann. Die Einteilung in Stärkeklassen freut uns vor allem, so lange die Schweiz bei den Besten der Division A mitspielen kann. Es ist zudem sportlich weitaus sinnvoller, dass sich Liechtenstein mit Gibraltar misst anstatt Teams wie Spanien die Gelegenheit zu einem bezahlten Training zu bieten.

Löws mögliches Endspiel

Und noch etwas: Ohne die Nations League hätten wir Schweizer nicht die Möglichkeit, genüsslich zu verfolgen, wie es in der deutschen Mannschaft knirscht. Eine DFB-Auswahl, die nicht nur gegen das Ausscheiden kämpft, sondern gleich gegen den Abstieg in Europas zweite Stärkeklasse, gibt es nicht alle Tage und ist für uns Schweizer eine besonders pikante Delikatesse. Der deutsche Fussball ist seit dem Ausscheiden in den Gruppenspielen der WM-Endrunde in Russland in Aufruhr, und Nationalcoach Joachim Löw wird mittlerweile noch mehr infrage gestellt als Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Partie vom Dienstag gegen Frankreich könnte für ihn, den lange Jahre unantastbaren, bereits das Endspiel sein. Siegt die Schweiz in Island, ist zumindest für uns der Abstieg kein Thema mehr.

Wir oben, Deutschland unten – die Schweiz würde das System der Uefa Nations League mit einem Schlag erkennen.