Fischer, ein Gewinner in Basels Krise

Thomas Schifferle am Donnerstag, den 21. September 2017

Urs Fischer verabschiedet sich von den Fans (2. Juni 2017). Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Bernhard Heusler sass diesen Sommer in einem Restaurant am Barfüsserplatz. Genau an dem Ort, an dem er in den letzten Jahren so viel zu feiern hatte – als er noch Präsident des FC Basel war. An diesem Abend im Juni war er nur noch der Ex-Präsident, entspannt und in kurzen Hosen sass er da, als ein Fan auf ihn zukam und sagte: «Du bist nicht blabla! Du bist Bravo!».

Heusler nahm das Lob, er sei kein Schwätzer, sondern ein Grosser, dankend entgegen. Ob er dabei aus Verlegenheit leicht rot wurde, war nicht zu erkennen. Dafür war er zu sonnengebräunt.

Drei Monate sind seither vergangen, Heusler hat jetzt, zusammen mit seinen alten Basler Mitstreitern Georg Heitz und Stephan Werthmüller, eine Beratungsagentur gegründet. Er hilft zudem den Volleyballerinnen von Sm’Aesch Pfeffingen als Verwaltungsrat und Aktionär.

Der Erfolg sei keine Selbstverständlichkeit und kein Selbstläufer, hatte Heusler stets betont, als er noch den FCB von Titel zu Titel leitete. Seine Nachfolger haben in wenigen Wochen schon den Beweis angetreten, wie recht Heusler hatte. Sie haben den FCB direkt in die Krise geführt.

Alles sollte besser werden

Dabei sollte alles wieder besser werden beim FCB, versprachen die Neuen, angeführt von Bernhard Burgener als Präsident und Marco Streller als Sportchef. Besser im Sinn von: Der FCB sollte nicht mehr nur einfach gewinnen, er sollte auch wieder Spektakel bieten für ein zunehmend verwöhntes Publikum. Der Präsident verkündete, sich an Bayern München zu orientieren. Der Sportchef, ein Lehrling im Amt wie sein Präsident, redete von einem jüngeren Basel mit mehr Baslern. Zusammen plauderten sie von ganz viel Rot-Blau.

Zuerst wurde darum der alte Trainer weggeschickt. Der Zürcher Urs Fischer war ihnen zu wenig unterhaltend, zu nüchtern in seiner Arbeit. Fischer hatte mit der Mannschaft in seinen zwei Basler Jahren während 71 von 72 Runden die Rangliste angeführt.

Und jetzt? Steht sein Nachfolger Raphael Wicky hilflos an der Linie und ist schon zufrieden, wenn sein FCB in der Champions League bei Manchester United nicht auseinanderfällt und nur 0:3 verliert. Fischer wäre im gleichen Fall heftigst kritisiert worden. Der frühere Trainer und heutige Teleclub-Experte Rolf Fringer sagt, Wicky habe die mit Abstand schlechteste Mannschaft zur Verfügung, die der FCB seit Jahren gehabt habe. Fischer hatte auch keine überragende Auswahl an Spielern zur Hand. Er führte sie trotzdem einmal mit 14 und dann mit 17 Punkten Vorsprung zum Titel. Fischer ist ein Gewinner in der Krise. Vielleicht lernen sie in Basel mit Abstand schätzen, was er geleistet hat.

Die Tore fehlen

Marc Janko und Seydou Doumbia sind andere Gewinner, beide im Sommer vom Hof gejagt, weil zu alt und zu teuer. Die Jungen sollten es fortan im Sturm richten. Streller erklärte Dimitri Oberlin gleich zum Juwel europäischen Ranges. Als Anfänger unterlaufen einem solche Fehler gern einmal. Die vielen Tore von Janko und Doumbia fehlen spürbar.

Matias Delgado wird als Captain vermisst, seit er, quasi über Nacht, den Verein informierte, er habe die Kraft nicht mehr, um Fussball zu spielen. Wenige Wochen vorher hatte er noch gesagt, wie ihm jeder Tag im Fussball Freude bereite. Hat er gespürt, dass es mit diesem neuen FCB nicht gut kommt, und ist darum gegangen?

Heusler war als Präsident zu spüren, Burgener ist es nicht. Dafür hat er mit Jean-Paul Brigger einen CEO geholt, von dem man nicht weiss, ob er schon angefangen hat oder schon wieder weg ist. Im Überschwang seiner Verpflichtung war ganz viel die Rede von seiner Arbeit bei der Fifa. Aber kein Wort verlor der Verein über Briggers zwölf Monate bei GC bis Ende 2004. Falls es Burgener nicht weiss: In Zürich war Brigger als Sportchef komplett durchgefallen.

Ein Mann statt einer Mauer

Guido Tognoni am Mittwoch, den 20. September 2017

Suchte beim Freistoss das Mann-gegen-Mann-Duell: Torhüter André Ter Stegen. (Foto: Reuters/Darren Staples)

Das Bild kennen wir seit ewigen Zeiten: Freistoss aus 18 Metern, die verteidigende Mannschaft bildet eine Mauer, der Torhüter schreit herum und dirigiert, der Schiedsrichter versucht, die reglementarische Distanz von 9,15 Metern durchzusetzen, zwei Schritte zurück, drei nach vorn, wieder zurück. Diskussionen, stossen, schieben, die Spieler stehen sich auf den Füssen herum und rangeln um ihre Positionen, helle Aufregung. Inzwischen kann der Schiedsrichter mit seiner Spraydose das Theater etwas verkürzen. Aber es bleibt jedes Mal ein Theater, das meistens mit einem Fehlschuss endet.

Was erstaunt: Die Leibermauer gehört zum festen Bestandteil des Fussballs, obwohl sie dem Torhüter weitgehend die Sicht verdeckt. Es gibt dann die «Mauerecke» und die «Torhüterecke». Für die Torhüterecke ist der Schlussmann verantwortlich, und wenn der Ball dank Schussfertigkeit des Schützen per Mauerecke ins Netz segelt, war das eben Pech für die verteidigende Mannschaft. Franz Beckenbauer, unter vielem anderem auch als Trainer Weltmeister, hat vor einiger Zeit auf die Frage, was er von der üblichen Leibermauer halte, die dem Torhüter weitgehend die Sicht verdeckt, in seiner für ihn typischen Art geantwortet: «Nu, wo soll ich denn sonst hin mit all den Spielern?»

Direktes Duell zwischen Torhüter und Schütze

Die Mauer gilt offenbar als sakrosankt. Nun aber gab es in Spanien eine Art Weltpremiere, zumindest auf höchster Ebene: Barcelonas Torhüter André Ter Stegen, allein kraft seiner Clubzugehörigkeit sicher kein Anfänger, forderte am Wochenende gegen Getafe nur einen Mann als Hindernis. Dies offensichtlich nicht als Mini-Schutzwall, sondern wohl eher als irritierendes Ärgernis für den Freistossschützen. Also weitgehend freie Schussbahn aufs Tor, dafür auch freie Sicht für den Torhüter. Ein Frei-Stoss eben. Ter Stegen überstand die kleine taktische Revolution ohne Schaden.

Man darf gespannt sein, ob er Nachahmer finden wird. Für den Zuschauer ist ein Freistoss ohne Leibermauer, also ein direktes Duell zwischen dem Schützen und dem Torhüter, sicher spektakulärer als die traditionelle Barrikade vor dem Tor. Und es ist nicht einzusehen, weshalb der Torhüter bei freier Sicht auf den Ball nicht grössere Abwehrchancen haben sollte, als wenn er den Schuss erst im letzten Moment sieht – falls er ihn überhaupt sieht. Rein mathematisch gesehen, dauert die Flugzeit des Balles von der Strafraumgrenze aus 16,4 Metern (18 Yards, genau gemessen) mindestens 33 Prozent länger als beim Elfmeter aus 10,92 Metern (12 Yards), und sie nimmt bekanntlich bei jedem weiteren Meter Distanz zum Tor zu. André Ter Stegen war also nicht nur mutig, sondern er liegt auch physikalisch richtig.

Die Realität übertrifft alle Utopien

Guido Tognoni am Dienstag, den 19. September 2017

In Papas Fussstapfen – inmitten einer gewandelten Fussballwelt: Sonny Kok feiert sein Tor gegen Sion. (Foto: Keystone/Valentin Flauraud)

Der Spieler der Cup-Runde vom vergangenen Wochenende war Sonny Kok. Nicht weil er für den Aussenseiter Lausanne-Ouchy das Siegestor gegen Sion erzielt hat, sondern weil er der Sohn von Robert Kok ist, «der Sohn des schönen Blonden», wie die NZZ schwärmt. Der Holländer Robert Kok entsprach nicht nur dem Schönheitsideal der NZZ, sondern war auch auf den Schweizer Fussballfeldern der beste Torschütze seiner Zeit. Über 150 Treffer erzielte er ab 1979 während seiner 14 Jahre bei Schweizer Clubs, wobei zum Herbst seiner Karriere auch zwei Abstiege mit dem FC Zürich und dem FC Basel gehörten.

Das Beispiel Robert Kok zeigt anschaulich, wie sich der internationale Fussball in jüngster Vergangenheit gewandelt hat. 14 Jahre in der Schweiz – das wäre heute für einen Torschützen wie Robert Kok nicht mehr denkbar. Wer dieser Tage in fünf Spielen zwei- oder dreimal den Ball richtig trifft, ist gleich auf dem Radar ausländischer Vereine, und heute würde ein Goalgetter wie Robert Kok dem finanziell darbenden Lausanne-Sports viele Millionen einbringen.

Vom Importland zum Exportland

Der durch immense Fernsehgelder eingetretene Wandel der internationalen Fussballszene hat für die Schweiz fast nur Vorteile gebracht. Einerseits holen Schweizer Clubs nicht mehr abgetakelte ehemalige Stars für eine Abschiedsvorstellung in unser Land (ausser sie kommen gratis), andererseits hat sich der Schweizer Fussball zu einem beachtlichen europäischen Ausbildungszentrum entwickelt, dies nicht zuletzt durch die Einwanderung ehrgeiziger Familien aus dem Balkan. Die Schweiz ist im Fussball von einem Importland zu einem Exportland geworden. Statt wie früher Altstars aus der Bundesliga auf Schweizer Rasen verfolgen wir nun am Fernsehen Jungstars in Deutschland und sogar England. Und statt jahrzehntelang erfolglos einer Qualifikation für eine Euro- oder WM-Endrunde hinterherzuspielen, sind wir enttäuscht, wenn es die Schweiz für einmal nicht schafft.

Vor 25 Jahren hat Robert Kok seine Profikarriere beendet. Der Wandel, der den Fussball seither erfasst hat, ist gewaltig. Wer vor 25 Jahren von einem WM-Turnier in Katar, von 48 Teilnehmern an einer Endrunde und von 222-Millionen-Transfers fantasiert hätte, wäre für unzurechnungsfähig erklärt worden. Innerhalb einer Generation hat die Realität des Fussballs alle Utopien übertroffen.

Das Märchen von Youssoufa Moukoko

Guido Tognoni am Freitag, den 15. September 2017

Youssoufa Moukoko beim U-16-Match Österreich-Deutschland (13. September 2017). Foto: Jakob Gruber (Keystone)

Erinnert sich noch jemand an Freddy Adu? Das war jener junge Mann, der als 14-Jähriger in den USA und danach weltweit als Fussball-Wunderkind gefeiert wurde. Die Sportjournalisten überschlugen sich vor Begeisterung und kündeten Freddy Adu als neuen Pelé an. Adu, gemäss eigenen Angaben am 2. Juni 1989 in Ghana geboren, erhielt als Teenager von Nike einen bestens dotierten Ausrüstervertrag. Man hätte glauben können, der Weltfussball habe einen neuen Messias gefunden.

Der damals vermeintlich 14-Jährige Freddy Adu. Foto: Mitch Jacobson (EPA, Keystone)

Freddy Adu spielte für die USA gleichzeitig in der Nationalmannschaft U-16 und U-20 und nahm an beiden von der Fifa organisierten Weltmeisterschaften teil. Niemand fand das aussergewöhnlich. Das heisst: Niemand wagte, auszusprechen, dass da mit dem Alter etwas nicht stimmen könnte. Dabei würden 9,9 von 10 Fussballtrainern bestätigen, dass ein 16-Jähriger nicht auf Weltebene in der Auswahl der besten 20-Jährigen eine Rolle spielen kann. Aber das Märchen von Freddy Adu und die Marketing-Begleitmusik vernebelten jeden Ansatz von Kritik. Freddy Adu musste die neue Fussball-Ikone sein.

Vor 10 Jahren erhielt Adu folgerichtig einen Vertrag in Europa, von Benfica Lissabon. Was folgte, war ein einziger Abstieg, eine Ausleihe nach der anderen, und heute ist Freddy Adu mit offiziell 28 Jahren vereinslos. Als er mit Erwachsenen spielen musste, war er ohne Chance. Anders ausgedrückt: Er hatte (aus juristischen Gründen muss man sagen: vermutlich) bald einmal keinen Altersvorsprung mehr und reihte sich in die vielen afrikanischen Spieler ein, die sich mit falschen Altersangaben und dem im Jugendbereich entscheidenden biologischen Altersvorsprung eine Karriere in Europa ebnen wollten und wollen.

Es ist bizarr

Heute heisst das neue Wunderkind Youssoufa Moukoko. Seine Vorfahren lebten zu Bismarcks Zeiten sicher noch nicht in Deutschland, aber nun spielt er als Kamerun-Deutscher für Borussia Dortmund und wird als 12-Jähriger gefeiert, weil er im Juniorenbereich nach Belieben Tore erzielt. Seine Bilanz in der U-17-Bundesliga steht nach fünf Spielen bei 13 Toren. Wie gesagt, als 12-Jähriger, der sich auch in der germanischen U-16-Nationalmannschaft als Torjäger bejubeln lässt!

Es ist bizarr: Alle tun so, als ob ein 12-Jähriger in der Altersklasse U-17 eine dominierende Rolle spielen könnte. Fragen zu seinem Alter sind offenbar unschicklich. Interessant wäre, zu erfahren, was seine Mit- und Gegenspieler über ein Phänomen denken, das angeblich fünf Jahre jünger ist als sie und ihnen den Ball zwischen den Beinen durchspielt und sie im Strafraum stehen lässt.
Jeder würde Youssoufa Moukoko eine Karriere gönnen. Aber niemand darf überrascht sein, wenn sie frühzeitig endet. Wie jene von Freddy Adu, und wie jene des gefeierten Nii Lamptei, 1991 in Italien mit Ghana U-16-Weltmeister und wie Adu aus Tema stammend. Auch Lamptei machte keine aufsteigende Karriere: Anderlecht, Aston Villa, PSV Eindhoven, Coventry City, Venezia, Unión Santa Fe, Ankaragücü, União Leiria, Greuther Fürth, Shandong Luneng, Al-Nassr, Asante Kotoko and Jomo Cosmos hiessen seine Clubs.

Wer glaubt, Youssoufa Moukoko sei ein Wunderspieler, soll das glauben. Wer denkt, ein 12-Jähriger könne unter 17-Jährigen aufgrund seines aussergewöhnlichen Talents selbst international bestehen, soll so denken. Und wer sich wundert, dass sich in Deutschland fast niemand darüber wundert, wie ein 12-Jähriger auf dem Fussballplatz die Alterslücke von fünf Jahren locker überwindet, wundert sich zu Recht.

So darf der Iran nicht an die WM

Guido Tognoni am Mittwoch, den 6. September 2017

Hinter diesen Männern stehen Frauen – aber nicht im Stadion: Das iranische Nationalteam. Foto: Lee Jin-Man (AP, Keystone)

Im Gedröhn rund um die Multi-Millionen-Transfers und in der aktuellen Fussballberichterstattung gehen solche Meldungen unter: Im Iran dürfen Frauen immer noch nicht in die Stadien, um sich Spiele anzuschauen.

Eine Computerpanne hat zwar dieser Tage auch Frauen vorübergehend ermöglicht, für das WM-Qualifikationsspiel gegen Syrien in Teheran Eintrittskarten zu bestellen, doch die Freude währte nur kurz: Die Wächter der mittelalterlichen Sitten liessen über die Website des Verbandes mitteilen, dass die Anwesenheit von Frauen nicht geplant sei. Das ist seit 1979 so, als Folge dessen, was im Iran nach der Machtübernahme der Mullahs als «Islamische Revolution» bezeichnet wird.

Der Iran hat sich bereits für die WM-Endrunde des kommenden Jahres in Russland qualifiziert. Das macht die Diskriminierung iranischer Frauen besonders brisant. Bis jetzt hat noch niemand gefordert, den Iran wegen dieser Neandertaler-Vorschrift von der WM auszuschliessen.

Die Fifa verbietet Diskriminierung klipp und klar

Es wäre interessant, zu sehen, was passieren würde, wenn die Fifa den Mut hätte, eine solche Drohung – besser gesagt: ein Ultimatum – auszusprechen. Von den vielen ausländischen Delegationen (auch aus der Schweiz), die demütig nach Teheran pilgern, um sich einige Stücke aus dem fetten iranischen Wirtschaftskuchen zu erbetteln, können solche Taten bekanntlich nicht erwartet werden.

Wenn die Fifa hingegen nicht willfährig gegen die eigenen Statuten verstossen will (was auch schon vorgekommen ist), muss sie den Iran von der WM – wenn nicht überhaupt von jedem Spielbetrieb – ausschliessen.

In Artikel 2 der Statuten redet die Fifa von der Förderung der «humanitären Werte», von «Ethik» und «Fair Play». Und in Artikel 3 steht klipp und klar, dass jede Form von Diskriminierung, namentlich auch aufgrund des Geschlechts, verboten ist. Noch deutlichere Verstösse gegen die Fifa-Statuten als den Ausschluss von Frauen aus Fussballstadien kann es wohl nicht geben, womit sich eine Diskussion darüber, ob der Iran die Fifa-Statuten verletzt, erübrigt.

Gianni Infantino könnte zum Held werden

Die einzige Frage, die sich stellt: Hat das neue Fifa-Exekutivkomitee den politischen Mut, den Iran zu suspendieren und nötigenfalls von der WM-Endrunde auszuschliessen, solange Frauen nicht ins Stadion dürfen? Es wäre auch ein Fall für die Ethik-Kommission, um die es seit der erzwungenen Auswechslung der führenden Köpfe bemerkenswert ruhig geworden ist.

Gemäss Fifa-Statuten gibt es nur eine Lösung: uneingeschränkter Zugang für die Frauen, oder der Iran darf nicht an die WM. Fifa-Präsident Gianni Infantino ist gefordert. Er könnte zum Held der Frauen im Iran werden. Wenn nicht sogar zum Held aller.

Reisen bildet, Fussball auch

Guido Tognoni am Donnerstag, den 31. August 2017

Derzeit die Nummer 4 der Weltrangliste: Ricardo Rodriguez und Vladimir Petkovic in Rapperswil-Jona (28. August 2017). (Foto: Walter Bieri/Keystone)

Reisen bildet, sagt man. Fussball bildet auch: Wer weiss, wo die Diebesinseln liegen? Eben. Es mag Zufall sein, dass man über den Fussball ausgerechnet die Diebesinseln kennen lernt, wie sie ihr Entdecker, der Seefahrer Ferdinand Magellan, getauft hat, was uns Wikipedia erzählt. Zwischendurch wurden die Diebesinseln einmal zu Deutsch-Neuguinea, und heute gehören sie, mittlerweile die Nördlichen Marianen, zu den USA. Diese billigen der Inselgruppe «innere Unabhängigkeit» zu, aber der grosse Boss ist Donald Trump. Um diesen Donald Trump noch mehr zu reizen, liegen die Nördlichen Marianen für Nordkoreas Raketenfreund Kim Jong-un allerdings zu weit weg, falls er überhaupt je von diesem Gebiet gehört hat.

Und was hat das alles mit Fussball zu tun? Die ziemlich einsam liegenden Nördlichen Marianen sind nun Mitglied der Asian Football Confederation (AFC), des asiatischen Dachverbandes. Dieser wiederum unterstützt die Nördlichen Marianen voll im Bestreben, der Fifa beizutreten, womit diese neuerliche Bereicherung des Weltfussballs nur noch eine Frage der Zeit ist. Schliesslich ist auch in die Weiten des Pazifik vorgedrungen, dass für die Verbände der Fifa allein schon dank der Mitgliedschaft Millionen fliessen. Und dass es auf den Marianen auch eine Mercedes-Vertretung gibt, ist keine verwegene Spekulation. Sonst könnte allenfalls auch ein Lexus aus dem fast benachbarten Japan die präsidialen Träume erfüllen.

Fortsetzung der Petkovic-Siegesserie

Wie auch immer: Wir sollten über die Begehrlichkeiten der Nördlichen Marianen nicht milde lächeln. Die europäischen Marianen heissen San Marino, Gibraltar, Liechtenstein und auch Andorra, gegen das die Schweiz dieser Tage mit dem bestmöglichen Aufgebot zu einem Qualifikationsspiel antritt, das ernst genommen werden will. Die genannten Verbände tragen zur Entwicklung des Fussballs nicht mehr bei als die Nördlichen Marianen, die vermutlich landschaftlich noch reizvoller sind als Andorra, Liechtenstein und der Felsen von Gibraltar. In der Karibik gibt es unter anderen das Fifa-Vollmitglied Montserrat, das mit seinen 5000 Einwohnern politisch das gleiche Stimmgewicht hat wie Brasilien, Deutschland oder England. Montserrat und die Nördlichen Marianen müssten im Übrigen ein Ansporn sein für Kiribati, das immerhin 110’000 Einwohner hat und noch weiter entfernt im Pazifik liegt als die Nördlichen Marianen. Auch die Inselgruppe Kiribati ist, wie Monaco und der Vatikan, noch nicht Mitglied der Fifa. Aber immerhin schon Ozeanien-Mitglied.

Doch zurück zu Andorra. Wenn die Schweizer sich nicht mit fünf Eigentoren absichtlich selber schlagen, wird die Siegesserie unter Trainer Vladimir Petkovic weitergehen. Die Schweiz ist, wie auch immer sie das geschafft hat, die aktuelle Nummer 4 der Weltrangliste. Ein Sieg gegen die Nummer 129 Andorra wird diese Position festigen. Andorra ist unter den europäischen Marianen immerhin klar die beste Mannschaft, gefolgt von Liechtenstein (Rang 190), San Marino (204) und Gibraltar (206). Ein ganz bisschen Stolz ist also durchaus angebracht.

Ein bisschen Menschenrechte – ein netter Witz

Guido Tognoni am Montag, den 21. August 2017

Die Arbeitsbedingungen der ausländischen Bauarbeiter in Katar haben international für Proteste gesorgt. Foto: Marwan Naamani (AFP)

Die Fifa, die Uefa, das IOK und andere Sportverbände sollen also in Zukunft dafür besorgt sein, dass in Ländern, in denen sportliche Grossveranstaltungen durchgeführt werden, die Menschenrechte respektiert werden. Zwar nicht so ganz, aber immerhin ein wenig, nämlich bei den Vorbereitungen und während des Sportfestivals. Auch Demonstrationen gegen die Veranstaltungen sollen erlaubt sein. Das neue Instrument zur temporären Einhaltung der Menschenrechte nennt sich stolz «Mega Sporting Events Platform for Human Rights». Das berichtet die «SonntagsZeitung» und lobt die Schweiz. Die Schweiz und die USA sind im Steuerungsausschuss vertreten, denn die Schweizer Regierung fühle sich verpflichtet, «sich der Achtung der Menschenrechte zu widmen», wie es von offizieller Seite heisst.

Das ist aber nett! So ein bisschen Menschenrechte vor, während und vielleicht sogar ein paar Tage nach dem grossen Zirkus – wie niedlich. Und was ist sonst? Was passiert, wenn die sportliche Karawane weitergezogen ist, und was geschieht in den Ländern, die sich nicht um Fussball-Weltmeisterschaften und Olympische Spiele bemühen? Diese neue Menschenrechtsübung ist sicher nicht schädlich, aber im Grunde genommen ist sie ein Witz. Solch eine interimsmässige Beachtung der Menschenrechte ist eine Verhöhnung dieses ernsthaften Themas. Und der Sport lässt sich, unter dem Druck des einseitigen, aber erfolgreichen Politmarketings durch Nichtregierungsorganisationen (NGOs) mehr oder weniger freiwillig für Alibiübungen einspannen. Es ist für die NGOs einfach, mit dem Fussball als Trittbrett auf Katar einzuprügeln und beispielsweise Saudiarabien beiseitezulassen. Dabei ist die Lage namentlich für Frauen in Katar ungleich entspannter als etwa im benachbarten Saudiarabien, wo – nebst anderen mittelalterlichen Vorschriften – die Frauen nicht einmal ans Steuer eines Autos gelassen werden.

Kritik an die falsche Adresse

Es sind nicht die Sportverbände, welche mit den Arbeitern in Katar, Russland oder China Verträge abschliessen und die Arbeiter ausbeuten. Es sind international tätige Grossunternehmen, die sich um die lukrativen Aufträge reissen, die bei den sogenannten Mega-Events anfallen. Und diese Konzerne könnten sich, wenn sie nur wollten, darum kümmern, wie es den von lokalen Subunternehmen eingesetzten Arbeitern ergeht. Die Gewinne der Sportverbände hängen in keiner Weise von der Behandlung der Arbeiter ab, die Profite der ausländischen und inländischen Vertragsfirmen hingegen schon. Aber es ist natürlich viel spektakulärer und auch einfacher, die internationalen Sportverbände zu kritisieren als schwer fassbare Industrieunternehmen.

Die neue Menschenrechtsorganisation klingt gut. Aber sie hat einen verführerisch falschen Ansatz. Denn «Mega Sporting Events» werden unter den gegebenen Voraussetzungen sicher keine dauerhafte Verbesserung der Menschenrechtslage herbeiführen. Der richtige Titel müsste heissen «Mega Industrial Events». Nur das wäre weitreichend und glaubwürdig. Ob in einem solchen Fall die Amerikaner auch noch dabei wären, ist eine andere Frage. Nicht wegen «America First», der neuen Losung der Vereinigten Staaten unter Donald Trump. Sondern wegen «Business First», dem obersten Grundsatz jenes Landes, das die Gewohnheit hat, als Weltmacht weltweit Zensuren zu erteilen und Vorschriften zu erlassen, die grundsätzlich in erster Linie für andere Länder gelten.

Verdirbt ein Dummer den USA erneut die Party?

Guido Tognoni am Dienstag, den 15. August 2017

Die WM 2026 wird eine Mammut-WM: Die Anzahl Teilnehmer wird auf 48 erhöht. Foto: Maja Hitij (DPA, Keystone)

«Niemand ausser uns ist dumm genug, sie zu wollen», schrieb dieser Tage ein kanadischer Journalist in der prestigereichen Zeitung «The Globe & Mail» in Toronto. Er sprach dabei von der gemeinsamen Kandidatur der USA, Mexikos und Kanadas für die WM-Endrunde der Fifa im Jahr 2026. Der Journalist ruft in Erinnerung, dass Kanada mit Calgary auch für die Olympischen Winterspiele im gleichen Jahr 2026 kandidiert, aber dass die Kanadier im Gegensatz zu einem Fussballturnier Winterspiele auch finanziell einigermassen schmerzfrei organisieren können. Für eine Mammut-Endrunde mit dannzumal 48 Teilnehmern gibt es zwischen Toronto und Vancouver bis anhin kein einziges taugliches Stadion. Und selbst mit WM-Stadien geschmückt würde Kanada nicht zu einer Fussballnation wachsen, wie das etwa auch in Südafrika der Fall ist.

Die grosse Verliererin gegen Katar

Man mag den Argumenten folgen oder auch nicht, jedenfalls hat sich der Journalist in einer Sache gründlich geirrt: es gibt inzwischen einen «Dummen», der sich ebenfalls um die Endrunde 2026 bewirbt. Das ist Marokko, dies nun schon zum fünften Mal. Für die WM-Turniere 1994 (USA), 1998 (Frankreich), 2006 (Deutschland) und 2010 (Südafrika) bewarb sich Marokko vergeblich und verlor nicht immer geräuschlos, was wie viele andere Vorkommnisse zur jüngeren Geschichte der Fifa beigetragen hat. Die USA waren bei der ebenfalls knirschenden Vergabe der Endrunde 2022 (Katar) die grossen Verlierer. Nun wollten die Amerikaner für 2026 bereits weit vorprellen, indem sie von der Fifa beim vergangenen Kongress in Bahrain einen frühen Vorentscheid zugunsten der Dreierkandidatur wünschten. Diesem Ansinnen wollte und konnte die Fifa mit guten Gründen nicht entsprechen.

Marokkos Chancen

Die von den USA angeführte nordamerikanische Bewerbung ist zwar weiterhin zu favorisieren, aber Marokko steht nicht chancenlos da. Marokko ist Afrika, und Afrika ist leicht gegen die Amerikaner einzustimmen. Zudem ist Marokko ein islamisches Land, und es wird auch ebenso leicht sein, die übrigen islamischen Verbände Afrikas und Asiens zu mobilisieren. Marokko ist zwar nicht reich, aber das Land wird von einem Königshaus regiert, das für ein solches Ereignis von anderen muslimischen Herrschern unterstützt wird. Zudem wird dieser Entscheid nicht mehr wie bisher vom wie auch immer leicht beeinflussbaren Exekutivkomitee (heute Council) der Fifa gefällt, sondern von der Generalversammlung mit ihren zurzeit 211 Mitgliedsverbänden.

Wer also auf Marokko wetten möchte, dürfte gute Gewinnchancen haben. Mit Marokko würde nicht die technisch beste, sondern die sportpolitisch stärkste Kandidatur die Wahl für das grösste Sportereignis unserer Tage gewinnen. Aber das wäre bekanntlich nicht zum ersten Mal der Fall.

Trainingsverbot für Neymar!

Guido Tognoni am Donnerstag, den 3. August 2017

Grundsätzlich müsste Neymar über die Strassen getragen werden, um auch Verkehrsunfälle auszuschliessen. Foto: Mike Segar (Reuters)

Nun soll er also vollzogen werden, Neymars Gaga-Transfer von Barcelona nach Paris. Die 222 Millionen Ablösesumme, die in dieser Form wohl eher als Scherz denn als realistische Erwartung in Neymars Vertrag eingebaut worden waren, sind für die Erdgas-Krösusse aus Katar kein Problem. Und die Frage, ob diese Zahlung allenfalls gegen die Uefa-Vorschriften verstösst, wird sicher auch bald im Sinne der Araber gelöst werden, falls sie sich überhaupt stellt. Schliesslich kann wohl niemandem verboten werden, einem Club 222 Millionen zu schenken.

Kein Körperkontakt

Barcelona will gemäss Medienberichten auf der vollen Summe beharren und nicht über irgendwelche Rabatte verhandeln. Das ist normal, denn wozu soll Barcelona Geschenke verteilen? Stattdessen sollte Barcelona alles daransetzen, dass die 222 Millionen so bald wie möglich fliessen. Dazu gehört eine ganz simple Massnahme: Trainingsverbot für Neymar, bis der letzte Dollar oder Euro in Barcelona auf dem Konto liegt. Denn wenn zwei Beine so viel Geld einbringen, darf das Projekt nicht noch durch vermeidbare Unfälle gefährdet werden. Paris Saint-Germain soll keinerlei Möglichkeit erhalten, aus irgendwelchen Gründen plötzlich doch noch aus der Zahlungsverpflichtung auszusteigen. Also nur Dehnungsübungen für Neymar, kein Körperkontakt im Training, keine Schüsse aufs Tor, die eine Zerrung herbeiführen könnten. Grundsätzlich müsste Neymar über die Strassen getragen werden, um auch Verkehrsunfälle auszuschliessen. Bis er bezahlt ist, gehört der Brasilianer wie die kostbarsten Kunstwerke behandelt, wie die Van Goghs, Monets, Picassos oder Klimts, also nur noch mit Samthandschuhen angefasst und erdbebensicher aufbewahrt.

Zumal es bei Neymar keine Zweifel und Expertenstreite gibt: Neymar ist echt.

Wahnsinn mit Fortsetzung

Guido Tognoni am Donnerstag, den 27. Juli 2017

Goldjunge: Was ist Neymar wert? 200 Millionen, 250 Millionen? Warum nicht 300 Millionen? Foto: Patrick Semansky (AP Photo, Keystone)

Zu den wenigen Vorteilen des Rentenalters gehört, dass man einigermassen den Überblick über die vergangenen Jahrzehnte hat. Und wer den Überblick über die vergangenen Jahrzehnte hat, der stellt fest, dass sich in den letzten 50 Jahren tausendmal die Phase wiederholt hat, in der die Fussballpräsidenten und die Medien verlauten liessen, so gehe es nicht mehr weiter. Die wiederkehrende Phrase in der regelmässigen Phase also. Gemeint waren und sind vor allem die Transfersummen im Fussball, aber auch das Geschäftsgebaren in anderen Sportarten. Und obwohl der Europäische Gerichtshof 1995 versucht hatte, mit dem Urteil im Fall Bosman ein Exempel gegen die Transferzahlungen zu setzen, ging es bald danach mit den grossen Summen erst richtig los. Seither wechseln die Spieler den Verein nicht erst bei Vertragsende, sondern während eines laufenden Arbeitsverhältnisses.

Auch Bayern begrenzt sich nicht

«So kann es nicht weitergehen», lautet seither alle Jahre wieder die Losung. Dieses Pflichtbekenntnis glauben inzwischen nicht einmal mehr jene, die es regelmässig aussprechen. Auch Uli Hoeness, ebenfalls seit Jahrzehnten ein Mahner im Weltfussball, redet heute wieder einmal von «Wahnsinn». Aber Bayern München hat in der Vergangenheit nicht sonderlich viel getan, um die Ausgaben für den Einkauf von Spielern glaubhaft zu begrenzen. Zwar holen die Bayern keinen Messi oder Ronaldo oder Neymar, aber dafür zahlen sie für andere Spieler, die sie eiligst zu Hoffnungsträgern stilisieren, objektiv schwer vertretbare Summen. Falls man in diesem absurden Spiel überhaupt von objektiv reden kann, denn wenn Pep Guardiola oder ein Scheich einen Spieler zu welchem Preis auch immer will, ist das ein sehr subjektives Ereignis. So kostete beispielsweise der 18-jährige Renato Sanches (Benfica Lissabon) die Bayern 35 Millionen Euro. Hat jemand diesen Spieler in der vergangenen Meisterschaft gesehen?

Nichts mit der Basis zu tun

Der vielbeklagte Wahnsinn wird weitergehen, sei es mit den Transfersummen, den Salären oder gleich mit beidem. Offenbar gibt es ausreichend viele Leute, die leicht verdientes Geld ebenso leicht und ziemlich spekulativ auszugeben bereit sind. Gestern die Amerikaner, heute die Araber und Chinesen, morgen wohl die Inder, irgendwann die Mongolen. Der Fussball an der Spitze ist längst eine Industrie, die sich selbst antreibt und am Leben erhält. Mit dem Fussball an der Basis hat das nichts mehr zu tun. Aber die Bedenken, dass sich die Fans von diesem Treiben abwenden würden, waren bisher falsch. Der Fussball zieht gesamthaft mehr denn je zuvor.

Ist das alles so schlimm? 200 oder 250 Millionen für Neymar, oder warum nicht gleich 300 Millionen? Es ist in der Tat völlig absurd. Aber Wahnsinn hin oder her – es lässt sich bis heute niemand finden, der unter solchen Auswüchsen ernsthaft leidet.