New York drückt YB die Daumen

Guido Tognoni am Montag, den 12. Februar 2018

Der FC Basel hat die Meisterschaft noch nicht erstickt: YBs Assale nimmt im St.-Jakob-Park den Ball an, 5. November 2017. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

YB-Sportchef Christoph Spycher wurde während seiner Laufbahn als Fussballer sicher nie von der «New York Times» beachtet. Doch dieser Tage war das der Fall. Die Young Boys werden von der prominentesten Zeitung Nordamerikas als Hoffnungsträger einer neuen Entwicklung beschrieben, nachdem selbst dem Korrespondenten der NYT nicht entgangen ist, dass die Berner vor dem FC Basel liegen.

Denn dem amerikanischen Sportpublikum graut es vor den Zuständen, wie sie in Europas Fussball herrschen: Dominanz der immer gleichen Clubs und deshalb fehlende Spannung. Aus diesem Grund sorgen die nordamerikanischen Profiligen seit je durch reglementarische Eingriffe für möglichst grosse Ausgeglichenheit. Beispiele sind das Draft-System, wonach die schlechtesten Clubs den ersten Zugriff auf die besten Nachwuchsspieler erhalten (wie die New Jersey Devils auf Nico Hischier), oder die Lohnbegrenzung für das gesamte Kader.

Bemerkenswert ist, dass die «New York Times» nicht nur die Dominanz der ewig gleichen Champions-League Favoriten beklagt und sich auch nicht an der Langeweile beispielsweise der Bundesliga aufhält, wo an der Spitze allenfalls die Frage interessiert, ob Bayern München jeweils mit 15 oder 20 Punkten Vorsprung gewinnt. Analysiert wird die Überlegenheit im Unterbau der Champions League: die 8 Titel hintereinander des FC Basel, die Serie von 12 Titeln des weissrussischen Meisters Bate Borisow, die Überlegenheit von Teams wie Celtic Glasgow (6 Titel in Serie), Dinamo Zagreb (gewann in den vergangenen Jahren 11 von 12 Meisterschaften), von Ludogorets Razgrad aus Bulgarien (6 Titel in Folge) und von Olympiakos Piräus, das in jüngster Vergangenheit 19 von 21 Titeln abholte. Die Meisterschaften dieser Länder seien zu reinen Prozessionen verkommen, wird festgehalten.

Der Fehler im europäischen Fussball

Entsprechend hat die B-Prominenz des europäischen Fussballs recht mühelos auch gut verdient: Für 50 Millionen Dollar verstärken Bayern München und Liverpool inzwischen nur die Ersatzbank, aber für Bate Borisov sind diese über die letzten fünf Jahre erzielten Einnahmen als Vorzimmerteilnehmer der Champions League noch mehr wert als die 68 Millionen Dollar, die der Analyst dem FC Basel anrechnet. Olympiakos Piräus hat in der gleichen Zeit sogar 125 Millionen Dollar an Uefa-Prämien verdient.

All diese Mannschaften finden ihr sportliches Glück in der Qualifikation für die Gruppenspiele, wie das dem FC Basel erneut gelungen ist. Dazu kommt der Verkauf der besten Spieler, die im Königswettbewerb ausgestellt werden können und allen schon deshalb mehr Transfergeld einbringen als manche gleichwertigen Kandidaten der nationalen Konkurrenz.

Hält YB diesmal durch? Sportchef Christoph Spycher. Foto: Thomas Delley (Keystone)

Allein die Tatsache, dass der FC Basel ausnahmsweise seiner nationalen Konkurrenz noch nicht enteilt ist, findet also bereits über die Grenzen hinaus Beachtung. Das deckt den Webfehler des europäischen Fussballsystems auf: Wer nicht an die Honigtöpfe der Uefa herankommt, kann von Erfolgen nur träumen. Als kommerziell benachteiligter Aussenseiter hat man nicht einmal mehr in den eigenen Ligen eine Chance, von der Champions League nicht zu reden.

Die Young Boys haben es in den vergangenen Jahren immer wieder irgendwie geschafft, letztlich als Verlierer dazustehen. Nichts gegen den FC Basel, aber drücken wir nun den Bernern die Daumen. Diesmal hat der FC Basel die Meisterschaft noch nicht erstickt, die Prozession ist ins Stocken geraten. Vielleicht halten die Berner für einmal durch, vielleicht führen sie dem Schweizer Fussball endlich neuen Sauerstoff zu.

Rodriguez fliegt: Der Betrug als Option

David Wiederkehr am Mittwoch, den 7. Februar 2018

Roberto Rodriguez vom FCZ (Mitte) versuchte es am Sonntag gegen den FC Thun mit einer Schwalbe (siehe Video unten) – und reklamierte sogar noch, als ihn der Schiedsrichter dafür bestrafte. Foto: Keystone, Walter Bieri

Was ist schlimmer als eine Schwalbe? Ein Fussballer, der nach einer Schwalbe auch noch reklamiert.

Zum Beispiel: Roberto Rodriguez. Der Mittelfeldspieler des FC Zürich legte sich im Heimspiel am letzten Sonntag gegen den FC Thun auf besonders perfide Art und Weise hin, ohne jede gegnerische Berührung, einfach so – statt ein Tor zu erzielen, wollte er den Penalty schinden. Ging zum Glück schief: Schiedsrichter Urs Schnyder bestrafte ihn mit einer Verwarnung. Noch unverständlicher, dass Rodriguez diesen Entscheid kaum begreifen mochte.


Die Schwalbe von Roberto Rodriguez im Heimspiel gegen Thun. Video: SRF

Nicht immer sind die Unparteiischen so aufmerksam wie der junge Schnyder. Am gleichen Wochenende spürte in der Premier League Tottenhams Starstürmer Harry Kane in der Schlussphase der Partie gegen Liverpool das Flugwetter – und wurde mit einem Penaltypfiff belohnt. Die Quittung für das unsportliche Verhalten stellte sich Kane dann jedoch gleich selbst aus: Er verschoss den Elfmeter (okay, später avancierte er mit einem zum 2:2 verwandelten weiteren Penalty doch noch zum späten Tottenham-Helden). Liverpools Verteidiger Virgil Van Dijk schäumte nach dem Spiel: «Er ist ein Schwalbenkönig.»

Schwalben entscheiden Spiele

Schwalben sind ein Übel im Fussball und ein Phänomen, das es in dieser Häufigkeit in keiner anderen Sportart gibt. Warum sie nicht auszurotten sind? Weil Schwalben noch immer als Kavaliersdelikt gelten. Eine Gelbe Karte, maximal – mehr haben die Sünder nicht zu befürchten –, und das auch erst seit 1999. Zu gewinnen dafür umso mehr: einen Penalty, vielleicht sogar eine Rote Karte für den Gegner, Schwalben entscheiden Spiele. «Ich habe mich für die Schwalbe entschieden», sagte einst Albion Avdijaj, der GC-Stürmer, nachdem ihn 2015 als Spieler des FC Vaduz die Fernsehbilder enttarnt hatten. Betrug ist unter Fussballern eine Option.


Als sich Albion Avdijaj für eine Schwalbe entschied. Video: SRF

Schwalbenkönige müssen also mehr geächtet werden. Und genau darauf arbeitet die Fan-Initiative «Stop Diving» hin. Das Projekt aus England hat ein Manifest erstellt und will damit nicht nur Fans erreichen, sondern auch aktive Spieler. Die Kernbotschaft: «Wie Athleten in jeder anderen Sportart gehen Fussballer an ihre Leistungsgrenze, um erfolgreich zu sein. Sie trainieren, sie opfern sich auf. Aber nur im Fussball wird auch unehrlich gespielt. Fussball ist der einzige Sport, in dem Unehrlichkeit akzeptiert ist, manchmal sogar belohnt wird.»

Mit ihrer Petition hat sich «Stop Diving» zum Ziel gesetzt, dass schon «die WM 2018 in Russland ganz ohne Schwalben auskommt». Ganz im Gegensatz zur Endrunde 2014 in Brasilien, bei der Arjen Robben im Achtelfinal der Holländer gegen Mexiko eine der spektakulärsten Schwalben in jüngerer Vergangenheit aufführte. Ach, überhaupt: Robben.

Auf der Webseite von «Stop Diving» kann jeder unterschreiben, der solche Unsportlichkeiten vom Fussballplatz verbannt sehen will. Ausserdem werden Interessierte animiert, ihre Lieblingsfussballer mit dem Ansinnen in den sozialen Medien zu kontaktieren und ebenfalls mitzumachen. Der Hashtag: #stopdiving.


Die unsportliche Aktion von Harry Kane gegen Liverpool. Video: Youtube

Längerfristig regt «Stop Diving» an, eine Datenbank mit Schwalben zu initiieren. So liesse sich dokumentieren, welche Ligen besonders anfällig sind, welche Nationalitäten, welche Spieler auf welchen Positionen. Ist dieser Datensatz erst gross genug, sei die Fussballgemeinde sensibilisiert – und sind es auch die Schiedsrichter. «Und dann können die Verantwortlichen konkrete Massnahmen einleiten», hofft die Fan-Initiative.

Bereits aktiv geworden ist die Premier League: Seit dieser Saison können Schwalben nachträglich mit Spielsperren sanktioniert werden, wenn sie einen Penalty oder Platzverweis zur Folge hatten. Müssen aber nicht: Der englische Fussballverband FA sah davon ab, gegen den Nationalspieler ein Verfahren einzuleiten.

Noch schlimmer: Kanes Trainer bei Tottenham, Mauricio Pochettino, rechtfertigte die Schwalbe seines Torjägers auch noch. Der Argentinier sagte, dem Vernehmen nach bei vollem Bewusstsein: «Im Fussball geht es nun einmal darum, den Gegner auszutricksen. Vor 20 oder 30 Jahren hätten wir alle einem Spieler gratuliert, wenn er den Schiedsrichter so übertölpelt.»

Der Videobeweis ist noch nicht WM-tauglich

Guido Tognoni am Donnerstag, den 1. Februar 2018
Nachspielzeit

Das System funktioniert noch nicht reibungslos: Schiedsrichter Patrick Ittrich zieht während des Bundesliga-Spiels zwischen Stuttgart und Bayern München den Videobeweis zurate. Foto: Marijan Murat (Keystone)

Fifa-Präsident Gianni Infantino hatte eigentlich eine gute Idee, die er mehrfach verkündete: Bei der kommenden WM-Endrunde in Russland soll der Videobeweis zur Anwendung kommen. Der Videobeweis an sich ist eine gute Idee, eine sehr gute sogar, selbst wenn das noch nicht überall so gesehen wird. Aber wie die Dinge liegen, passen diese gute Idee und das wichtigste Turnier des Weltfussballs noch nicht zusammen.

Überall, wo der Videobeweis bis anhin zum Einsatz gekommen ist, gab und gibt es teils überaus heftige Diskussionen. Auch nach zwei Jahren Anwendung ist die Praxis in keiner Weise gefestigt. Allein in der deutschen Bundesliga, der vermutlich bestorganisierten Meisterschaft unserer Zeit, löst eine Debatte die andere ab. Es ist noch immer nicht klar, bei welchen Situationen der Videobeweis zum Zuge kommen soll, und es ist offensichtlich, dass die Verfeinerung der praxisgerechten Anwendung noch einige Zeit beanspruchen wird. Wenn aber in den wichtigsten Ligen der Welt mit den bestausgebildeten Spielleitern jede Woche Diskussionen um die Anwendung des Videobeweises ausbrechen, wie soll das System in Russland funktionieren?

Minutenlange Unterbrüche darf es nicht geben

Selbst wenn die Fifa nur Schiedsrichter aus Deutschland, England und Italien aufböte, würde das nicht klappen. Doch die Fifa muss schon aus politischen Gründen Spielleiter aus aller Welt engagieren. Aber selbst die besten Schiedsrichter Afrikas beispielsweise kennen den Videobeweis nur vom Hörensagen. Dass diese Schiedsrichter ein derart sensibles Thema noch kurz vor der WM-Endrunde in einer Schnellbleiche erlernen und beherrschen können, ist illusorisch. Normalerweise stehen viele Spielleiter allein schon wegen der letzten Instruktionen, die vor einem solchen Turnier für die üblichen Regelanwendungen herausgegeben werden, am Rande der Überforderung. Am Druck, der bei einer WM auf ihnen lastet, sind schon manche Schiedsrichter zerbrochen.

Die Fifa kann sich nicht eine Weltmeisterschaft leisten, bei welcher das Videosystem nicht reibungslos funktioniert. Minutenlange Unterbrüche für die Auswertung der Bilder und Kommunikationspannen unter den Offiziellen, die nicht die gleiche Sprache sprechen, darf es an einer WM nicht geben. Das erste Palaver würde von den Medien gleich gnadenlos skandalisiert, und Fehlentscheidungen – der Videobeweis vermindert die Fehlentscheidungen, kann sie aber nicht ausschliessen – würden unter diesen Umständen grosse Schatten auf das Turnier werfen.

Der Videobeweis ist eine gute Sache für den Fussball. Aber für das kommende Finalturnier kommt das System zu früh, es fehlt an Erfahrung, klaren Instruktionen und am Personal. Das Absturzrisiko ist für die Fifa zu gross. Das System ist ganz einfach noch nicht WM-tauglich.

Frischluft für die Fussballzwerge

Guido Tognoni am Donnerstag, den 25. Januar 2018

Neue Chance – dank Uefa-Wettbewerb: Färöer-Fan bei einem Euro-Qualifikationsspiel gegen Nordirland 2016. (Foto: Reuters/Jason Cairnduff)

Der neue Uefa-Wettbewerb für die Nationalmannschaften wurde nicht mit sonderlicher Begeisterung begrüsst. Das rührt einerseits daher, dass Fussballfans grundsätzlich eher konservativ sind, und beruht andererseits auf der Tatsache, dass der Tageslärm im Fussball viel mehr von den Vereinen verursacht wird als von den Verbänden.

Viele Vereinsvertreter beklagen nun die zusätzlichen Termine, welche die Spieler belasten, doch das sind Klagelieder, die nur angestimmt werden, wenn es um die Nationalmannschaften geht. Wenn die Clubs für viel Geld zu Freundschaftsspielen nach China oder in die USA reisen oder für noch mehr Geld in der Champions League antreten, ist die Belastung kein grosses Thema mehr.

Die Bedeutungslosigkeit der Freundschaftsspiele

Auf der anderen Seite kämpfen die Verbände seit längerem gegen die Bedeutungslosigkeit von Freundschaftsspielen. Die Zeiten, in denen Mikro-Verbände wie Liechtenstein, Andorra und San Marino aufgebaut wurden und internationalen Zugang erhielten, weil jedes noch so einseitige Länderspiel viel Fernsehgeld einbrachte, sind vorbei. Die Fangemeinde saugt längst nicht mehr jedes Spielchen auf, bei dem der Sieger im Voraus feststeht und nur noch über die Höhe gerätselt werden darf.

Zumal man die kleinen Exoten mittlerweile kennt und die Medien nicht mehr bereit sind, bei jedem Ausscheidungsspiel die Unterschicht des europäischen Fussballs zu gefährlichen Aussenseitern hochzujubeln. Spiele wie England – Gibraltar, Spanien – San Marino oder Andorra – Deutschland sind nun mal genauso wenig lustig wie die x-te Aufführung von Schweiz – Lettland, und was man über die Färöer-Inseln erzählen kann, ist längst beschrieben.

Eine sportlich korrekte Lösung

Doch das neue Ligaformat für Nationalmannschaften dient nicht nur dazu, wertlose Freundschaftsspiele durch einen Wettbewerb zu ersetzen. Es gibt auch den Kleinverbänden die Möglichkeit, Spiele zu gewinnen, weil sie in sinnvoller Weise gegeneinander antreten und die Möglichkeit haben, eine Klasse höher zu steigen. Zudem wird sich einer der Fussballzwerge auch für die Endrunde der Euro qualifizieren. Wenn die Uefa schon bei der überdimensionierten Endrunde mit 24 Teilnehmern bleibt, so ist ein Kleinverband unter den Finalisten sicherlich eine verträgliche und sportlich korrekte Lösung.

WM 2026: «Dreckloch-Staaten» für Marokko

Guido Tognoni am Montag, den 15. Januar 2018

Nicht nur der Pokal weckt Begehrlichkeiten: Wer darf – wie Brasilien 2014 – die WM 2026 austragen? Foto: Eraldo Peres (AP, Reuters)

US-Präsident Donald Trump bestreitet zwar die Verwendung des Begriffs «Dreckloch-Staaten», aber dass die Quellen aus Trumps Umfeld eine solche Aussage erfunden haben, ist angesichts der eher rustikalen Ausdrucksformen Trumps ziemlich unwahrscheinlich. Und selbst wenn Trump im Zusammenhang mit der Diskussion um die Zuwanderung aus dem Ausland im konkreten Fall falsch zitiert worden wäre, das globale PR-Desaster ist angerichtet und lässt sich nicht mehr aus der Welt schaffen.

Davon betroffen ist auch der Fussball. Marokko, Kandidat für die WM-Endrunde 2026 und in dieser Rolle Gegner der Dreier-Kandidatur USA, Kanada und Mexiko, mag in den Wertekategorien Trumps ein Grenzfall in Richtung Dreckloch-Staat sein, aber im übrigen Afrika gibt es viele Länder, über deren Qualifikation sich trefflich mit Trump diskutieren liesse. Wie auch immer: Die Dreckstaaten-Debatte ist für die Kandidatur Marokkos ein Geschenk des Himmels. Bereits haben 54 afrikanische Staaten von Trump eine Entschuldigung gefordert, und der verbale Ausreisser wird bis zur WM-Vergabe im kommenden Sommer in Moskau sicher sorgsam gehegt.

Für die von den USA angeführte nordamerikanische Kandidatur, ursprünglich als Selbstläufer gedacht, wird es unerwartet eng werden. Nicht nur die Dreckstaaten-Diskussion wird eine Rolle spielen, sondern auch der neue Wahlmodus. Anstelle des skandalumwitterten Exekutivkomitees lässt die Fifa nach langer Zeit erstmals wieder den Kongress der über 200 Verbände über die WM-Vergabe abstimmen. Zudem: an diesem Kongress werden nicht nur zahlreiche Delegierte aus trumpschen Dreckloch-Ländern abstimmen, sondern es wird noch ein anderes Argument zu bedenken geben.

Es waren die Amerikaner, welche im Dezember 2015 in der «Nacht von Zürich» die Verhaftung von mehreren Spitzenfunktionären der internationalen Fussballszene veranlasst hatten und damit die internationale Funktionärsriege und die Fifa in einen Schockzustand versetzten. Die Folgen sind immer noch nicht ausgestanden, die Ermittlungen halten an, und in New York warten Angeklagte auf ihr Urteil. Und wenn diesen Sommer die Funktionäre die Wahl zwischen einer ungefährlichen Reise nach Marokko oder einer riskanten Reise in die USA haben, dürfte für manchen von ihnen nicht «USA First», sondern das rein persönliche «Safety First» die Entscheidung erleichtern.

Der Berner Endgegner ist zurück

Florian Raz am Donnerstag, den 11. Januar 2018

Der ewige Albtraum der Berner: Valentin Stocker erzielt für die Basler das 0:1 gegen YBs Torhüter Marco Wölfli, 2010. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Schnell nochmals auf die Tabelle geschaut. Doch, doch, die Young Boys liegen laut der offiziellen Website der Liga noch immer zwei Punkte vor dem FC Basel. Aber fühlt es sich nicht an, als hätten die Berner plötzlich drei Punkte Rückstand?

Ein paar Tage bloss sind vergangen, seit sich die Basler Führungscrew aus ihren diversen Walliser Ferienorten zurückgemeldet hat am Arbeitsplatz. Doch in der kurzen Zeit hat der Serienmeister schnell mal seine Muskeln spielen lassen. Fabian Frei zurück, Valentin Stocker zurück. Das Signal nach Bern könnte klarer nicht sein. Die Berner werden richtig beissen müssen, wollen sie Meister werden.

Vor allem Stockers Rückkehr hat mehr als eine sportliche Bedeutung. Möglich, dass er nach einem halben Jahr ohne Spielpraxis nicht sofort eine Verstärkung sein wird. Und seine Nähe zu Sportchef Marco Streller könnte gar zum Problem werden. Viel wichtiger aber: Seine Verpflichtung trifft die Nerven in Basel und Bern.

Der schnüsige Vali

Im St.-Jakob-Park wird Stocker wohl immer der schnüsige Vali sein. Als unbekümmerter Teenager hat er die Leute im Sturm erobert – und sie danach nie mehr losgelassen. Dieser Einsatz, dieser Hundeblick, dieser unschuldige Sex-Appeal! Und natürlich: die Treffer, die Assists, diese Momente, in denen er den Ball schon verloren zu haben scheint – und ihn dann doch irgendwie ins Tor stockert.

Haben Sie dagegen schon mal gehört, was die Menschen im Stade de Suisse so zu erzählen (oder zu brüllen) haben, wenn Stocker zu Besuch ist? Im Vergleich dazu wirkt die Verabschiedung von Haris Seferovic bei seiner Auswechslung gegen Nordirland wie eine Liebesbekundung des Publikums. Sagen wir, die Berner Einschätzungen zu Stocker pendeln sich im Normalfall im Raum zwischen Gürtellinie und Kniehöhe ein. Dieser Giftzwerg, dieser scheinheilige Milchbubi mit seinen fies gestreckten Beinen, der seinerseits bei der geringsten Berührung wie vom Blitz getroffen zusammensackt! Und natürlich: die Treffer, die Assists – alle immer irgendwie gegen YB gerichtet.

Und Basel ist Meister

Nun mag die Ausdrucksweise diskutabel sein. Aber grundsätzlich beweist das Berner Publikum einen feinen Sinn für die drohende Gefahr, die von Stocker ausgeht. Er ist so etwas wie der Endgegner, an dem die Berner bislang immer gescheitert sind. Stocker, die YB-Nemesis, der ultimative Gegenspieler, der Erzrivale, der Todesengel aller Berner Meisterträume.

Mai 2008, erste Finalissima zwischen Basel und Bern. 38’000 Zuschauer im Joggeli. Stocker ist vor kurzem 19 geworden, als ihm in der 13. Minute der Ball im Strafraum vor die Füsse springt. Eine Drehung, ein Schuss zwischen Marco Wölflis Beinen hindurch – 1:0. Zehn Minuten später schüttelt er Hakan Yakin ab, ein Pass auf Streller – 2:0. Basel ist Meister.

Mai 2010, zweite Finalissima zwischen Bern und Basel. 31’210 Zuschauer im Wankdorf. Stocker ist längst Stammspieler, als ihm ein Ball eigentlich schon weggespritzt zu sein scheint. Eine Berührung mit dem Aussenrist, der Ball fliegt über Goalie Wölfli – 0:1. 20 Minuten später flankt Stocker von links, Scott Chipperfield trifft per Kopf – 0:2. Basel ist Meister.

Kein Wunder, schwelgten die Basler gleich nach Stockers Verpflichtung in ersten Fantasien.

Wenigstens davor muss YB keine Angst haben: Die Liga hat den Spielplan bereits am Saisonstart bekannt gegeben. Bern und Basel treffen in dieser Saison nicht am letzten Spieltag aufeinander.

Andererseits: Kaum ist Stocker zurück, heisst der YB-Goalie wieder … Wölfli.

WM in Katar: Der Streit um die Termine ist absehbar

Guido Tognoni am Donnerstag, den 4. Januar 2018
Nachspielzeit

Noch steht vieles in der Planungsphase: Modell des geplanten Al-Thumama-Stadions, eine der Spielstätten der WM 2022. Foto: Naseem Zeitoon (Reuters)

Die kommende WM-Endrunde in Russland steht seit Monaten im Schatten des flächendeckenden Staatsdopings. Um die Endrunde 2022 in Kater ranken sich seit der unnötig frühen Vergabe durch die Fifa im Dezember 2010 Gerüchte und Enthüllungen um Wahlmanöver und Stimmenkauf. Russland und Katar verbreiten unter den Fussballfans keine Freude. Und wann genau in Katar gespielt werden soll, weiss auch noch niemand so richtig.

Die Ausschreibung fand bekanntlich für den Sommer 2022 statt. Kaum war die Abstimmung zugunsten Katars vorüber, wurde einigen Befürwortern Katars – immerhin Mitglieder des höchsten Gremiums des Weltfussballs – bewusst, dass es in der Golfregion im Sommer 45 Grad warm wird, was für Fussball doch ziemlich heiss ist. Es war der Katar-Befürworter Michel Platini, der sogleich den Vorschlag machte, man solle nun halt eben im Winter spielen. Die Fifa fand das eine gute Idee und fasste den entsprechenden Beschluss.

Spätestens nach dem WM-Endspiel vom kommenden Sommer in Russland wird das Thema wieder in den Vordergrund rücken. Fussball-WM im November und Dezember – wie soll das gehen? Die Premier League, die wichtigste Liga des Erdballs, spielt im Dezember, als ob es in den übrigen Monaten keine Zeit für Fussball gäbe, und gönnt sich nicht die kleinste Pause. In Frankreich wurde bis zum 20. Dezember gespielt, in Spanien bis zum 23. Dezember, in Italien noch eine Woche länger, bis zum 30. Dezember. Dass die deutsche Bundesliga von Mitte Dezember bis 12. Januar Pause macht – es ist die kürzeste in der Geschichte der Bundesliga –, ändert nichts am Problem: Es wird viel Streit um die Termine geben.

Fernsehgelder als Knackpunkt

Die 64 Spiele der WM-Endrunde können zwar auf rund 30 Tage komprimiert werden. Aber vor der WM brauchen die Nationalmannschaften noch mindestens zwei Wochen Zeit, um sich auf das Turnier vorzubereiten. Bereits heute reden die Fernsehsender mit, wenn es um die Spielansetzungen der Meisterschaften geht. Diese Mitsprache ist völlig legitim, denn die TV-Gelder sind die mit Abstand grössten Einnahmen in den grossen Ligen Europas. Das Feilschen und Streiten wird also spätestens dann einsetzen, wenn sich Ligen und Verbände richtig bewusst werden, dass es im Spätherbst 2022 zu wochenlangen Spielausfällen kommt, weil die Fifa Katar als Wunschdestination für eine WM-Endrunde bestimmt hat und seither die Zeit im November und Dezember für ein solches Turnier als beste Variante erachtet.

Dass die Medienunternehmen den Milliarden- und Millionensegen auch über die Ligen ergiessen werden, obwohl zahlreiche der besten herbstlichen Spieldaten irgendwann ins Jahr reingezwängt werden müssen, ist nicht anzunehmen. Im gleichen Boot mit dem Fernsehen sitzen die Sponsoren. Der amtierende Fifa-Präsident Gianni Infantino war an der WM-Vergabe nicht beteiligt und muss nun die Suppe auslöffeln. Gegenüber dem TV-Rechtehalter in den USA hat er bereits Konzessionen gemacht, weil im Winter der Fussball mit dem übermächtigen American Football konkurrenzieren muss. Das ist ein kleiner Anfang. Das grosse Daten-Welttheater wird erst noch folgen – sofern die Endrunde 2022 wirklich zum Jahresende gespielt wird.

Der Fall des Kaisers

Guido Tognoni am Donnerstag, den 21. Dezember 2017

War einmal …: Franz Beckenbauer hat keine Auftritte mehr und lebt in seiner eigenen kleinen Welt. (Foto: Getty Images)

Die Szene war eindrücklich und bleibt haften: Unverhofft trat er aus einem Restaurant und vor die Kamera, Franz Beckenbauer, fast nicht zu erkennen, er ging leicht nach vorn gebeugt, mit Dächlikappe und in Jeans statt Massanzug, zu sehen war ein klappriger alter Mann. Franz Beckenbauer ist 72. Diesem Mann widmete die ARD am Dienstagabend einen längeren Beitrag mit dem Titel «Der Fall des Kaisers». Es war ein etwas bizarres Filmwerk über eine lebende Legende, über den weltweit berühmtesten lebenden Deutschen, über einen Mann, für den der Begriff «Lichtgestalt» hätte geprägt werden müssen, falls es ihn zuvor nicht bereits gab.

Nur: Franz Beckenbauer ist nicht mehr Lichtgestalt und mochte auch nicht in die Kamera reden. Wie er überhaupt nicht mehr reden mag seit einiger Zeit. Keine Analysen mehr bei Sky, keine Kolumnen in der «Bild», keine Interviews, selbst die Nachbarn in einer ruhigen Ecke Kitzbühels sehen ihn kaum mehr. Nach Jahrzehnten im Scheinwerferlicht hat sich der einstige grosse Strahlemann Franz Beckenbauer in seine eigene kleine Welt abgekapselt. Die ARD-Filmer machten wohl das Beste aus ihrem Bemühen, einen bedeutenden Zeitgenossen zu beschreiben, der nicht mehr über sich reden will. Dass der Film erst spät abends ausgestrahlt wurde, war wohl eine Mischung aus Achtung vor dem Betroffenen und der Einsicht, dass der Reportage das wohl wichtigste Element fehlte: Ex-Kaiser Franz, der über Kaiser Franz spricht.

Das grösste Opfer von allen

Jene, die über Franz Beckenbauer sprachen, taten das unterschiedlich subtil, aber jeder mit dem grösstmöglichen Respekt. Während Paul Breitner und Uli Hoeness ihren früheren Teamkollegen durchwegs vehement verteidigten, mischte sich beim Bayern-Politiker Edmund Stoiber und dem Fussballexperten Marcel Reif auch leise Kritik in das Mitgefühl. Auch Gefährten, die Franz Beckenbauer nach wie vor lieben, äusserten ihre Vorbehalte darüber, dass er sich nicht zu jenen Vorgängen äussert, die seit geraumer Zeit auf das viel gepriesene deutsche Sommermärchen ihre Schatten werfen (die Rede ist von der WM-Endrunde 2006 und die Umstände der erfolgreichen Bewerbung). Schatten, in welche die deutsche und Schweizer Justiz mit viel Aufwand seit Jahren Licht bringen möchten. Es wäre keine Überraschung, wenn der grosse Aufwand letztlich vergeblich wäre.

Die Korruptionsaffären der Fifa machten auch vor Franz Beckenbauer nicht halt. Der Klimawechsel aus der unbeschwerten Epoche, in der in den obersten Sphären des Fussballs alles möglich und alles erlaubt war, in die Zeit der Aufklärung und Kriminalisierung von zuvor üblichen Vorgängen in den grauen, dunkelgrauen und schwarzen Bereichen des Sports war abrupt. Dazu kamen bei Franz Beckenbauer der Tod seines Sohnes Stefan und eine schwere Herzoperation. Was ihm am meisten zugesetzt hat, wird wohl sein Geheimnis bleiben. «Nach einer solchen Operation bist du nicht mehr der gleiche Mensch», sagt Beckenbauer-Freund Günter Netzer und spricht dabei aus eigener Erfahrung.

Der Höhenrausch des Fussballs hat in den vergangenen Jahren viele Opfer gefordert, die Sühneliste der Gesperrten und Geächteten wird immer noch länger und länger. Wer Franz Beckenbauer zu den Tätern zählen möchte, soll das tun. Der einst Unantastbare hat nicht einmal mehr Lust, sich zu verteidigen. Tatsache ist, dass er im trüben Spiel des Funktionärsfussballs das grösste Opfer von allen ist. Franz Beckenbauer liess sich tief fallen, freiwillig und viel zu tief. Unverdientermassen tief.

Für einen Leonardo kriegt man zwei Neymars

Guido Tognoni am Donnerstag, den 14. Dezember 2017
Nachspielzeit

Solange die Ölscheichs im Geld schwimmen, wird der Transferwahnsinn weitergehen: PSG-Star Neymar. Foto: Jean Catuffe (Getty Images)

Es war der Transfercoup des Jahres. Die Züglete des Brasilianers Neymar von Barcelona nach Paris schüttelte die Sportwelt durch, denn die Transfersumme von 222 Millionen Euro schien zu fabelhaft, um wahr zu sein. Eine Schnapszahl, die aus einer spassigen Laune in den Vertrag eingesetzt worden war in der festen Erwartung, dass eine solche Summe für zwei muskulöse Beine und Zauberfüsse ohnehin niemand bezahlen würde. Aber jene Manager und Clubverantwortlichen, welche in grösster Munterkeit diese Ablösesumme in den Vertrag eingesetzt hatten, rechneten nicht mit den Massstäben der Scheichs aus der Golfregion. Was gekauft werden kann, wird gekauft, und Neymar hatte einfach einen höheren Preis als andere Starspieler. Seither wird lebhaft darüber diskutiert, ob Neymar Paris schön findet und ob sich die Stars inner- und ausserhalb des Rasenvierecks lieb haben.

Dass die katarischen Eigentümer von Paris Saint-Germain mit dem Neymar-Transfer die Besitzer von Manchester City, ihre Rivalen aus dem benachbarten Abu Dhabi, finanziell übertrumpfen konnten, war ein durchaus willkommener Nebenaspekt. Die Rivalität zwischen Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten ist derart ausgeprägt, dass sie nicht nur sportliche, sondern auch politische Dimensionen annimmt. Ohne diese Rivalität gäbe es die aktuelle regionale Krise unter den arabischen Brüdern am Golf nicht.

Foto: Für den «Salvator Mundi» bezahlte ein Bieter 450 Millionen Dollar. VCG Wilson/Corbis (Getty Images)

Neymar ist wenigstens echt

Im Sport schaden solche Rivalitäten niemandem. In der Kultur ebenso nicht. Auch bei den schönen Künsten herrscht unter den neidischen Scheichs am Golf ein grosser Wettbewerb. Kulturpuristen mögen über die modernen Ausstellungspaläste und die zusammengekauften Bildersammlungen die Nase rümpfen, aber was ist dagegen einzuwenden, dass auch die Scheichs am Kulturbetrieb teilhaben wollen? Es gibt dümmere Formen des Geldausgebens. Auch für die Bildersammler wurde vor kurzem ein neuer Weltrekord gesetzt: 450 Millionen Dollar für einen bisher unbekannten Leonardo da Vinci. Das Bild soll für den neuen starken Mann Saudiarabiens, den Kronprinzen Mohammed Bin Salman, kurz MBS, ersteigert worden sein. Zur Schau gestellt wird das Werk «Salvator Mundi» in Abu Dhabi.

Grob gerechnet kostete der Leonardo zweimal so viel wie der Neymar. Hier, fast unvergänglich, Stoff und Farbe, dort ein Sterblicher aus Fleisch und Blut. Doch der Unterschied besteht nicht nur in der Materie und im Preis: Der Neymar ist echt, beim Leonardo, dem doppelten Neymar, kann der Höchstpreis die Echtheit nicht mitliefern. Sie ist umstritten.

Der Koffer des korrupten Paten

Guido Tognoni am Mittwoch, den 6. Dezember 2017

Versteigerung der Hinterlassenschaften des ehemaligen Sportpaten João Havelange. (Foto: Mundo/Paula Muriel)

João Havelange und Sepp Blatter. (Foto: Reuters)

Ein alter Koffer mit einem Fifa-Kleber auf dem Deckel gehörte auch dazu. Das sah etwas billig aus mitten in den Bildern, Medaillen, Widmungen, Orden, signierten Trikots und im schwülstigen Schrott, der dem Präsidenten auf all seinen Reisen auf allen Kontinenten geschenkt worden war. Auf einem Bild sieht man ihn, den damals grossen João Havelange, mit Sepp Blatter, der zu dieser Zeit noch sein Vertrauter war. Das alles wurde vor einigen Tagen in Rio versteigert. Nicht für ein Fussballmuseum entstaubt und ausgestellt, sondern ganz simpel verhökert.

Auf dem Foto des Raums, in dem die Versteigerung stattfand, sieht es nicht nach Andrang aus. Der alte Patriarch ist längst kein Thema mehr, erst recht nicht, nachdem er 2016 im Alter von 100 Jahren verstorben ist. Das andauernde Thema ist vielmehr seine moralische Hinterlassenschaft, die den Weltfussball noch immer durchschüttelt und die unter anderem dieser Tage in New York in einem Korruptionsprozess verhandelt wird.

Der mehr oder weniger wertvolle Gerümpel stammt aus der grossen Zeit der Fifa. Die Fifa war glorreich, üppig, schön, glamourös und begehrt, sie betrachtete sich als unantastbar. Der Fussball wuchs während Jahren im Gleichschritt mit der globalen Verbreitung des Fernsehens, und João Havelange, der nach einer bereits damals korruptionsumrankten Wahl im Jahr 1974 den Weltverband bis 1998 mit eiserner Hand und viel Geschick führte, konnte von Rio de Janeiro aus miterleben, wie der deutsche Fernsehmogul Leo Kirch im neuen Jahrtausend die Fifa mit Milliarden eindeckte, ehe sein Imperium krachend zusammenbrach.

Verwirrende Zahlungsflüsse und schäbiges Ende

Wie zuvor die führende Marketing-Agentur und Fifa-Partnerin ISL, die 2001 in Zug fast unbemerkt eine der grössten Firmenpleiten der Schweiz hätte hinlegen können, wenn dabei nicht erstmals grossflächig ausgewiesene Korruptionszahlungen an Sportfunktionäre an die Oberfläche gespült worden wären. Thomas Bauer, der damals in akribischer Kleinarbeit die verwirrenden Zahlungsflüsse der in Konkurs gegangenen ISL nachverfolgt und aufgedeckt hatte, ist heute Verwaltungsratspräsident der Finma. Die über 140 Millionen Franken Bestechungsgelder waren nicht nur an Funktionäre der Fifa geflossen, aber João Havelange und sein Schwiegersohn Riccardo Teixeira zählten zu den Hauptabnehmern, wie Thomas Bauer einigermassen schockiert feststellen musste.

José Maria Marin, Havelange und Blatter: Karikaturen der grossen Paten in Brasilien. (Foto: Reuters)

Das Selbstverständnis, mit dem vor allem, aber nicht nur lateinamerikanische Fussballfunktionäre auch nach diesem Skandal ihre Ämter weiterhin mit schwarzen Zahlungen ungerührt und systematisch aufwerteten, ist verblüffend. Die Beträge bewegen sich in Dimensionen, bei denen man sich fragen muss, wie es einigen Firmen bei derart viel abgepresstem Geld überhaupt noch möglich war, etwas zu verdienen. Die Enthüllungen, die bei diesem Thema in erster Linie dank der Beharrlichkeit der amerikanischen Justiz weiterhin auf uns zukommen werden, dürften noch manchen Nebel lichten. João Havelange, der sein schäbiges Ende als entehrter Sportpate noch einige Jahre überdauert hatte, ficht das nicht mehr an. Vielleicht hat jemand seinen Samsonite-Koffer mit dem Fifa-Kleber ersteigert. Andernfalls landete er wohl auf dem Müll.