Über-Coach Christian Constantin

Guido Tognoni am Dienstag, den 18. September 2018

Er kontrolliert: Christian Constantin auf der Trainerbank des FC Sion. Foto: Keystone

50 Trainer in 20 Jahren. Nur Diego Maradona fehlt in der illustren Liste. Sobald der Ball ruht, ist Sions Präsident Christian Constantin der grösste Unterhaltungsfaktor im Schweizer Fussball. CC hätte längst einen Sonderpreis verdient. «Trainerfresser» nennt ihn die NZZ mittlerweile und droht damit dem Jubiläumscoach Murat Yakin gleich das nächste Ungemach an, während Constantin und Yakin sich gegenseitig loben und erklären, dass sie sich mögen.

Das ist allerdings nicht aussergewöhnlich. Kein Clubpräsident engagiert einen Coach, den er nicht riechen kann. Coaches hingegen können nicht allzu wählerisch sein, die Reihe der arbeitslosen Trainer ist lang und wird immer länger. Der Fussball produziert viel mehr Trainer, als er absorbieren kann.

Constantin reagiert einfach schneller als die anderen

Verstehen sich: Murat Yakin und Christian Constantin. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

CC und Yakin schätzen sich also. Die Frage ist nur, wie lange das anhält. Bei Christian Constantin ist die Vertrauensbasis bekanntlich sehr schmal und die Geduld kurz. Das empört die Branche und die Medien jedes Mal gleichermassen. Gehen wir einmal davon aus, dass diese Empörung berechtigt ist, obwohl jeder Coach weiss, auf wen er sich beim FC Sion einlässt. Dennoch muss die Frage gestellt werden, inwiefern die rastlosen Trainerwechsel dem Club geschadet haben. Sion erlitt – unter dem finanziell hasardierenden Christian Constantin – 2003 einen Zwangsabstieg, spielt aber seit zwölf Jahren wieder in der obersten Liga, erreicht zwischendurch mit wem auch immer den Cupfinal und hat erst vor einem Jahr erstmals ein Endspiel verloren. Dieses 0:3 gegen Basel hätte Sion auch mit Jürgen Klopp passieren können. Und als CC im Jahre 2011 wieder einmal mit der Fussballbürokratie herumstritt und mit einem Abzug von 36 Punkten bestraft wurde, rettete ihn der Lizenzentzug von Xamax vor dem Abstieg. Ein Kandidat für den Meistertitel war Sion gegen den übermächtigen FC Basel nie und ist es auch nicht gegen die neue Nummer 1 der Schweiz, die Young Boys.

Die Gesamtbilanz des FC Sion in den vergangenen 20 Jahren wäre wohl auch mit 5 statt 50 Trainern nicht besser. Christian Constantin macht mit seinem Club nur das, was jeder Coach mit seinen Spielern tut: Er wechselt aus, wenn er den Eindruck hat, dass die Form nicht stimmt. Ohne über Stilfragen debattieren zu wollen: Christian Constantin reagiert einfach schneller als die anderen. Er ist nicht nur Eigentümer, Zahlmeister, Transferchef, Show-Master und Präsident des Vereins, sondern auch dessen emotional gesteuerter Über-Coach.

Ob man ihn schätzt oder auch nicht: Es macht Spass, ihn zu verfolgen. Nun erst recht mit einem Murat Yakin in seinem Windschatten.

Bitte keine Entschuldigung von Xherdan Shaqiri!

Guido Tognoni am Donnerstag, den 6. September 2018

Xherdan Shaqiri beim Training mit der Schweizer Nationalmannschaft, 4. September 2018. (Foto: Keystone/Walter Bieri)

Falls das Xherdan Shaqiri interessiert (ich nehme an, das ist nicht der Fall): Ich komme aus den Bergen. Aus den Bündner Bergen, dort, wo seit langem auch das elektrische Licht brennt und die Leute nicht auf den Bäumen leben, wo die Kinder zur Schule gehen und wo es seit über 50 Jahren Farbfernsehen gibt. Ich lebte meine gesamte Jugend auf über 1500 Meter Höhe und darf sagen, dass das Leben in den Bündner Bergen mindestens ebenso gut funktioniert wie im Kosovo, auch wenn sich hie und da während der Jagd die Jäger über den Haufen schiessen. Dafür gibt es in den Bündner und anderen Schweizer Bergen viel weniger Kriminalität als auf dem Balkan.

Auch als Bergler habe ich die Karriere von Xherdan Shaqiri aufmerksam verfolgt. Ich habe gesehen, dass er zu schwach war für Bayern München und für Inter Mailand und dass er mit Stoke City abgestiegen ist und dabei kundtat, dass er zu gut für diese Mannschaft sei. Ich mag es ihm nach all diesen Abstiegen gönnen, dass er nun bei Liverpool auf einige Einsätze hoffen darf, obwohl mir noch immer nicht klar ist, weshalb ihn Trainer Jürgen Klopp verpflichtet hat. Alle Schweizer Bergler, auch die Bündner, die sich für Fussball interessieren, haben bemerkt, dass Xherdan Shaqiri zwar gut genug für die Schweizer Nationalmannschaft ist, aber nicht für die besten Clubs Europas, weil eben in der Champions League die Anforderungen etwas höher sind als bei einer Nationalmannschaft, die sich gegen Fussballer aus Andorra, den Färoer-Inseln, San Marino und Lettland durchsetzen muss.

Dumme Sprüche über die eigene Doofheit?

Shaqiris Doppeladler an der WM 2018. (Keystone)

Shaqiris Doppeladler an der WM 2018. (Keystone)

Ich fand den Doppeladler von Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka beim Sieg über Serbien ziemlich doof, aber ich hatte, wie viele andere Bergler und vermutlich auch Unterländer, gewisses Verständnis für diese Geste, zumal ich die philosophischen Anforderungen an junge kickende Millionäre nicht allzu hoch ansetze. Allerdings fragte ich mich, wie es mit der Intelligenz eines Fussballprofis aussieht, wenn er immer noch nicht kapiert, dass es für das Ausziehen des Leibchens auf dem Spielfeld eine Gelbe Karte gibt. Xherdan Shaqiri holte sich eine solche Gelbe Karte ab. Gegen Schweden zeigte er, wie fast alle Schweizer, gar nichts, obwohl ich insgeheim gehofft hatte, dass Shaqiri mit einem Erfolg gegen die biederen Skandinavier vielleicht den Elch geben würde.

Nun hat Xherdan Shaqiri dieser Tage erklärt, er würde sich für den Doppeladler entschuldigen, falls sich jemand davon angegriffen gefühlt hätte oder es Leute in den Bergen geben würde, die sich an dieser Geste gestört hätten. Ich kann Xherdan Shaqiri weitgehend beruhigen: Damit sie sich angegriffen fühlen, braucht es bei den Leuten in den Bergen mehr als nur eine doofe emotionale Geste. Was uns Bergler allenfalls stört, ist die Verbindung von Unbedarftheit und Arroganz, die aus einer solchen Aussage gegenüber Berglern spricht. Kein Bergler aus der Schweiz kann so gut Fussball spielen wie Xherdan Shaqiri aus dem Kosovo. Aber auch kein Bergler aus der Schweiz würde je derart dumme Sprüche über die eigene Doofheit fallen lassen. So viel Unbedarftheit ist tatsächlich störend, aber dass sich jemand dafür auch noch entschuldigen soll, das erwartet kein Bergler, kein Walliser, kein Berner Oberländer, kein Innerschweizer und schon gar kein Bündner.

Magnins Dilemma mit dem Alphatier Frey

Guido Tognoni am Freitag, den 24. August 2018

Differenzen trotz Erfolg: Michael Frey jubelt neben Ludovic Magnin nach dem Cupfinalspiel in Bern. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Eine der wichtigsten Aufgaben – vielleicht die wichtigste – eines Fussballcoaches besteht darin, dass er sich mit 20 Spielern versteht. Wenn es der Mannschaft gut läuft, reicht bereits ein friedlicher Umgang mit den Schlüsselspielern, denn bei gutem Formstand hat es der Trainer ohnehin leichter. Je besser ein Spieler ist, umso wichtiger ist das Verständnis seines Coaches mit ihm. Ein Trainer, der sich mit Diego Maradona oder Johan Cruyff angelegt hätte, wäre zum Misserfolg verurteilt gewesen, und wer immer beim FC Barcelona die Aufstellung macht, muss sich in erster Linie mit Lionel Messi verstehen.

Ob solche Spieler pflegeleicht sind oder nicht, spielt eine untergeordnete Rolle. Die Spekulation ist erlaubt, dass Deutschland an der WM-Endrunde nicht zuletzt deshalb ein sportliches Fiasko erlebte, weil der Coach Joachim Löw auf den hochtalentierten Offensivspieler Leroy Sané verzichtete. Sané, bei Manchester City brillant, passte aus der Sicht Löws nicht ins Kader, er war nicht stromlinienförmig auf Löws Linie. Aber irgendein Törchen hätte Sané wohl noch hingekriegt oder zumindest den schlaffen deutschen Angriff ausreichend belebt. Löw und der deutsche Fussball zahlten einen hohen Preis dafür, dass Sané in den Ferien statt an der WM war.

Magnin konnte sich Kompromisslosigkeit leisten

Der FCZ-Stürmer Michael Frey ist lange nicht so gut wie Sané, er ist bei weitem weder Cruyff noch Messi und schon gar nicht ein Maradona. Aber er ist ein Stürmer, der zumindest auf Schweizer Fussballplätzen Spiele entscheiden kann. Er ist unberechenbar, kampfstark, schonungslos, er fährt die Ellenbogen aus, er holt sich die Bälle, wenn er sie nicht bekommt, und er nützt jede Gelegenheit, diesen Ball Richtung Tor zu knallen. Frey ist auf dem Rasen eine Kampfsau, die man lieber in der eigenen Mannschaft hat als beim Gegner.

Aber der eigensinnige Michael Frey hatte seit einiger Zeit Probleme mit dem Trainer Ludovic Magnin. Und weil Frey eben kein Leroy Sané und schon gar kein Messi ist, konnte es sich Magnin leisten, gegenüber Frey kompromisslos aufzutreten und ihn aus dem Kader zu streichen. Sportpädagogisch ist das sicher richtig, und der FCZ durfte es sich von der Tabellenlage her in den vergangenen Wochen erlauben, gegenüber einem Spieler solche Zeichen zu setzen. Magnin konnte sich und der Mannschaft einreden, dass der Verzicht auf Frey angesichts seines sprunghaften Verhaltens die einzig richtige Massnahme war.

Ist Fenerbahce die richtige Adresse?

Der junge, unerfahrene Coach Magnin stand vor einem typischen Trainerdilemma: Was ist richtig, Disziplin oder ein Kompromiss, wie er im Teamsport immer wieder geschlossen werden muss? Dieses Dilemma ist nun für den Fall Frey gelöst, da der Spieler nach Istanbul zieht. Dennoch wäre es interessant gewesen, Ludovic Magnin nach zehn weiteren Jahren Trainererfahrung fragen zu können, wie er den Fall Frey rückblickend lösen würde.

Die kommenden Spiele werden zeigen, wie wichtig Frey für den FCZ gewesen wäre. Immerhin muss sich Ludovic Magnin nun nur noch mit den Gegnern und nicht mehr mit Michael Frey auseinandersetzen. Und Frey muss nicht mehr hoffen, dass der FC Zürich ohne ihn verliert. Stattdessen stellt sich ihm bald einmal die bange Frage, ob das viele Geld, das ihm versprochen worden ist, auch wirklich fliesst. Fenerbahce ist in astronomischen Höhen verschuldet, und die türkischen Vereine brillieren seit Jahren nicht mit sonderlich guter Zahlungsmoral. Beim FCZ hätte Frey sein Geld bekommen. Regelmässig, pünktlich, und sogar ohne zu spielen.

Die höchste Busse im Weltsport

Guido Tognoni am Mittwoch, den 15. August 2018

151’713’807 Dollar und 43 Cents: So viel betrug die Busse, die José Hawilla bezahlen musste. Foto: Reuters

Man spürt schon fast Begeisterung: nur 98,5 Millionen Dollar Busse muss die Zürcher Kantonalbank dem amerikanischen Justizdepartement zahlen, vorsorglich zur Seite gelegt hatte die Bank offenbar gleich eine Milliarde. 98 Millionen sind für eine Grossbank ein Klacks, zumal die Verantwortlichen
nicht selber in die Tasche greifen müssen und für solche Fälle Reptilienfonds angezapft werden können. Die ZKB gehört dem Kanton und dessen Steuerzahlern. Diese nehmen die Busse mit einem Schulterzucken zur Kenntnis. Was anderes bleibt ihnen übrig?

Weniger glimpflich als die ZKB kam bei den Amerikanern ein Unternehmer aus dem Korruptionssumpf des Fussballs davon: Der Brasilianer José Hawilla zahlte der US-Justiz die imposante Summe von 151’713’807 Dollar und 43 Cents, um einer möglichen Gefängnisstrafe zu entgehen. Nach jahrzehntelangem Korruptionsgeschäften 151 Kisten zur Vermeidung der Kiste, gewissermassen. Das war im Dezember 2014 im Nachgang der Razzia vom 22. Juli 2013 in Zürich. Beachtlich war dabei nicht nur das Tempo der US-Justiz bei der Erledigung vieler Fälle, beachtlich war ebenso die Tatsache, dass der Korruptionsspezialist Hawilla die Rekordbusse des Weltsports kommerziell überstanden hat. Er starb im Mai dieses Jahres im Alter von 74 Jahren.

Weitere Enthüllungen versprechen Spektakel

Es ist ruhiger geworden um die Aufarbeitung von Fifa-Gate. Einige Akteure haben, wie José Hawilla, Busse geleistet, ein paar andere sind verstorben, während der Ganove und suspendierte Fifa-Ausbeuter Jack Warner sich in Trinidad weiterhin erfolgreich gegen seine Auslieferung in die USA wehrt. Aber die Ruhe täuscht. Es sind noch einige Verfahren innerhalb und ausserhalb der Fifa im Gange, und weitere Enthüllungen, etwa um die Stimmvergaben bei der Wahl der WM-Endrunde 2022 in Katar, versprechen Spektakel.

Zwischendurch hat die Fifa einen Routinefall abgewickelt: Der ehemalige Spitzenprofi Kalusha Bwalya, 1988 Afrikas Spieler des Jahres und danach ein Aufsteiger in der Funktionärskarriere bis in höchste Gremien, wurde für zwei Jahre für alle Tätigkeiten im Fussball suspendiert. Falls er die dazugehörige Busse bezahlt, wären das 100’000 Schweizer Franken. Kalusha hat Glück, dass er aus Sambia kommt und im afrikanischen statt im nord- und südamerikanischen Korruptionsgelände Karriere gemacht hat. Die harten Daumenschrauben, mit denen die US-Justiz die Angeklagten mürbe macht, sind ihm erspart geblieben.

Das Jammern der Fussballer

Guido Tognoni am Donnerstag, den 2. August 2018

Muss «die Knochen der Spieler zusammentragen»: Liverpool-Trainer Jürgen Klopp im Training in den USA. Foto: Keystone

Nun jammern sie wieder: Jürgen Klopp findet die Belastung der Spieler zu gross, José Mourinho wünscht sich, dass einige seiner Stars die Sommerferien vorzeitig abbrechen, um dem Team zu helfen, und die Spielervereinigung Fifpro fordert mindestens vier Wochen Ruhepause für alle Fussballer.

Es ist jedes Jahr das gleiche Lied: Die Verantwortlichen des hochgezüchteten professionellen Fussballs beweinen sich selbst, weil sie nicht fähig sind, die Verantwortung für einen ausgewogenen Einsatz ihrer Spieler zu tragen. Er müsse «die Knochen der Spieler zusammentragen», sagte Jürgen Klopp dieser Tage und verwies auf den internationalen Spielkalender mit neuen, zusätzlichen Terminen für Nationalmannschaften. Dass Liverpool derzeit in den USA an einem prestigeträchtigen Freundschaftsturnier teilnimmt, hat Klopp ausgeblendet.

Als Pelé noch spielte – zugegebenermassen eine Weile her –, mussten die grossen Vereine in der Sommerpause um die Welt tingeln, damit mit Freundschaftsspielen die Kasse der Proficlubs gefüllt werden konnte. Das betraf den kleinen FC Zürich gleichermassen wie Pelés grossen FC Santos, den es sogar nach Katar verschlug, als das Emirat noch ein verschlafener Haufen Wüstensand und nicht ein Weltwirtschaftsfaktor war. Die damaligen Löhne der Spieler waren Trinkgelder, die durch die Reiseerlebnisse aufgewertet wurden.

Heute füllen die Grossclubs, deren Umsätze sich an der Milliardengrenze bewegen, ausserhalb der Meisterschaften den Terminkalender und die Kassen mit Freundschaftsspielen in Asien und Nordamerika, mit Werbeauftritten für die Sponsoren und mit allgemeinen Aktivitäten, die der «Stärkung der Marke» der betreffenden Clubs dienen sollen. Die Vereine sind Unternehmen geworden, und Aktiengesellschaften wie Bayern München unterhalten Aussenstationen in den USA und in China. Real Madrid mietet einen ebenso einsamen wie exklusiven Real-Shop in einer Satellitensiedlung in Doha, in der noch viele Wohnungen leer stehen. Dabei sein ist alles, und der weltweite Verkauf von Spielertrikots soll einen Teil der Wahnsinns-Transfersummen einspielen, auch wenn kein Mensch weiss, wie viele dieser Leibchen billige Fälschungen sind und dem Club nichts einbringen.

Das alles fordert natürlich Spieler und Trainer. Aber gibt es weltweit einen Klopp oder Mourinho, einen Messi oder Ronaldo, der sagt, lieber verzichte er auf ein paar Dollar oder Euro seines Millionensalärs, um sich dafür etwas länger ausruhen zu können? Oder gibt es einen Clubpräsidenten, dem die Erholung der Spieler wichtiger ist als zusätzliche Einnahmen? Es gibt sie nicht. Dafür wird regelmässig gejammert. Die Belastung der Spieler ist ein ernsthaftes Thema. Das Jammern der Betroffenen ist es nicht.

Özil und die Doppelmoral der Öffentlichkeit

Guido Tognoni am Montag, den 23. Juli 2018
Nachspielzeit

Im Sport gelten anscheinend andere Massstäbe als in der Politik: Mesut Özil an der WM 2018. Foto: Facundo Arrizabalaga (Keystone)

Nun hat Deutschland die Bescherung: Mesut Özil ist aus der Nationalmannschaft zurückgetreten, dies mit ziemlich viel Getöse und heftigen Angriffen gegen den Präsidenten des Deutschen Fussball-Bundes, Reinhard Grindel. Damit hat Özil im Land des gescheiterten Titelverteidigers einen Katastrophenalarm ausgelöst, der noch einige Zeit anhalten wird. Wir erinnern uns: Özil hatte mitten im Wahlkampf zusammen mit seinem Mitspieler Ilkay Gündogan einen Fototermin mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan. Im Vergleich zu den Auswirkungen dieses Bildes und dem wohlvorbereiteten Rundumschlag Özils ist die helvetische Doppeladler-Affäre ein laues Sommerwindchen.

Wenn es noch den Beweis brauchte, dass Sport längst nicht mehr von der Politik zu trennen ist, wurde dieser mit dem Özil-Eklat wieder einmal geliefert. Ob Fototermine mit einem umstrittenen ausländischen Staatschef zum Pflichtenheft eines deutschen Nationalspielers mit türkischen Wurzeln gehören, ist eine Frage des politischen Geschmacks. Seltsam ist allerdings, welche Massstäbe wieder einmal beim Sport angelegt werden, Massstäbe, die ansonsten in der Tagespolitik überhaupt keine Rolle spielen. Erdogan wurde zwar einigermassen demokratisch gewählt, er geht aber mit Oppositionellen im eigenen Land in einer Weise um, die mit einem rechtsstaatlichen Verständnis absolut unvereinbar ist. Erdogan ist allerdings nicht der einzige Staatsführer, der das macht. Auch in Russland und in China beispielsweise leiden Oppositionelle gleichermassen, unter afrikanischen und arabischen Despoten-Regimes ist das ebenso der Fall.

Das hindert aber die Politiker – auch Schweizer Bundesräte – nicht daran, solchen Staatsführern zu hofieren und ihnen mit einem Tross von industriellen Interessenvertretern zu Füssen zu kriechen, wie das etwa bei China oder Saudiarabien der Fall ist. Was Fussballer gefälligst unterlassen sollen, das dürfen die Politiker. Fussballern kann man notfalls politische Unbedarftheit anrechnen, Politikern nicht. Während bei Sportlern die Moral Vorrang haben soll, gehen in der Politik Geschäft und Geltungstrieb vor.

Der Fall Mesut Özil hinterlässt nur Scherben. Bis zu seinem Erdogan-Foto war Özil als Musterknabe gelungener Integration gefeiert und ausgezeichnet worden, was insofern verwundert, als er in Deutschland geboren wurde und aufwuchs. Nun hat sein Fall eine nationale Debatte ausgelöst, in der das Schlagwort Rassismus eine zentrale Rolle spielt. Ein gesellschaftliches Beben als Folge eines Bildes, das mit Politikern anstelle von Sportlern keinerlei Bedeutung erhalten hätte.

Warten auf Vladimir

Guido Tognoni am Mittwoch, den 18. Juli 2018

Schweigen ist nicht genug: Vladimir Petkovic ist seit der Niederlage gegen Schweden verschwunden. (Foto: Getty Images)

Mit dem absurden Theaterstück «Warten auf Godot» hat sich der Dramatiker Samuel Beckett vor über 60 Jahren Weltruhm verschafft. Seine beiden Figuren Estragon und Vladimir warten einen Theaterabend lang auf Godot, der nie kommt. Es ist ein Werk der Literatur, das viel Deutungsspielraum offenlässt.

Unsereiner wartet nicht auf Godot, sondern auf Becketts Hauptdarsteller Vladimir. Und der Deutungsspielraum ist viel enger als bei Beckett. Wir warten auf Vladimir Petkovic, eine Figur des Welttheaters namens Fussball. Vladimir ist weg, seit dem eher unrühmlichen Ausscheiden aus dem WM-Turnier in Russland, er ist nirgends zu finden, und es drängt sich die Frage auf, was denn der Schweizer Nationalcoach dieser Tage tut. Ist er auf den Malediven beim Untertauchen oder sinniert er auf einem Doppeladlerhorst über seine Zukunft? Will Vladimir Petkovic etwa ins Kloster? Ist ihm die Niederlage gegen Schweden so nahe gegangen, dass er seine persönliche Balance wieder suchen muss? Kann der Verband, dessen selbstverschuldete Erschütterungen allmählich verebben, seinen bestbezahlten Angestellten nicht dazu anhalten, für einige Hunderttausend Fussballfans ein paar persönliche Gedanken zum Turnierverlauf seiner Mannschaft zu erläutern?

Auf ein Wort

Vladimir Petkovic war noch nie ein Lautsprecher. Seine eher dezenten, wohl abgezirkelten Stellungnahmen haben sich immer wieder wohltuend vom allgemeinen Fussballgeschwätz abgehoben. Das Reden in der Öffentlichkeit ist offensichtlich nicht Petkovics Stärke, und das muss es auch nicht sein. Aber zu einer WM-Endrunde gar nichts sagen ist zu wenig, wie enttäuscht ein Trainer auch sein mag. Schweigen ist in diesem Fall alles andere als Gold. Es geht bei unserem Vladimir nicht wie bei Beckett gleich um den Sinn des Lebens. Aber es geht immerhin um die liebste Freizeitbeschäftigung der Einwohner jenes Landes, das mit Vladimir und seiner Mannschaft gefiebert hat.

Ein Wort wäre ein Wort. Für Ferien, Besinnung und Selbsterkenntnis würde einem Nationalcoach auch nach einer Medienkonferenz immer noch ausreichend viel Zeit verbleiben.

Vertrauen auf das Vertrauensvotum

Guido Tognoni am Freitag, den 6. Juli 2018

Er hat seinen Job bis 2019 auf sicher: Der Schweizer Nationaltrainer Vladimir Petkovic (r.) beim Training in Russland. Foto: Dimitar Dilkoff (AFP)

Japans Nationaltrainer muss gehen, jener von Costa Rica ebenfalls, andere dürften folgen. Vladimir Petkovic bleibt, Joachim Löw bleibt auch. Petkovics Vertrag wurde ebenso wie jener Löws noch vor dem richtigen Test, der WM-Endrunde verlängert, jener von Löw gleich von 2020 bis Katar 2022, während Petkovic seinen Job zumindest bis 2019 auf sicher hat. In beiden Fällen kann niemand behaupten, die Coaches hätten nach dem vorsorglichen Vertrauensbeweis die Erwartungen übertroffen.

Der Posten eines Nationaltrainers gehört zu den schönsten des Fussballs. Die Anzahl Spiele ist sehr übersichtlich, dazwischen ist Fussball schauen und langes Nachdenken angesagt. Dennoch mochten Verbände wie der Deutsche Fussball-Bund (DFB) oder der Schweizerische Fussballverband (SFV) nicht darauf warten, ob der Nationalcoach für das Turnier in Russland richtig nachgedacht hat. Immerhin hat der SFV bei der jüngsten Vertragsverlängerung eine Sicherung eingebaut: Petkovic soll nur bis 2020 bleiben, wenn er mit seiner Mannschaft die Euro-Endrunde 2020 erreicht. Bei der Massen-Teilnahme von 24 Nationalmannschaften ist allerdings das Verpassen einer Euro-Endrunde mindestens so schwierig wie die Qualifikation.

Organismen, die sich nach Ruhe sehnen

Vorzeitige Verlängerungen werden jeweils als «Vertrauensvotum» deklariert. Offenbar ist das besagte Vertrauen in solchen Fällen nicht gegenseitig, denn sonst müsste man es nicht bereits vor Ablauf der laufenden Verträge nochmals zementieren, um zu vermeiden, dass notfalls der Nationaltrainer abspringt, was zumindest in den Fällen Deutschland und Schweiz eher unwahrscheinlich gewesen wäre. Dass sich Joachim Löw nach zwölf Jahren in der Komfortzone eines Bundestrainers wieder die tägliche Knochenarbeit eines Klubtrainers zumuten würde, ist nicht anzunehmen, und ein Engagement in Katar, Saudi-Arabien oder China wäre mit den akribischen Ansprüchen des Schwarzwälders kaum vereinbar. Einem WM-Finalisten Vladimir Petkovic hätten hingegen sich tatsächlich ungeahnte Perspektiven eröffnet.

Seit zwölf Jahren in der Komfortzone eines Bundestrainers: Joachim Löw. Foto: AFP

Mit dem «Vertrauensvotum» soll dem Coach jeweils der Rücken gestärkt werden. Auf Vereinsebene sind solche taktischen Schritte oft eine letzte Rettungsmassnahme vor der Entlassung. Bei Verbänden, ohnehin Organismen, die sich nach Ruhe sehnen, sollen sie ein Zeichen von Kontinuität setzen, nicht zuletzt um unerwünschte Personaldiskussionen im Voraus zu ersticken. Damit setzen sich Verbände allerdings auch ohne Not einseitig finanziellen Risiken aus. Das ist besonders im DFB der Fall: Nach der Sommermärchen-Affäre musste der Verband über fünf Millionen Euro für einen internen Untersuchungsbericht ausgeben, als dessen Folge weitere Millionen an Steuerbelastungen folgen, da dem DFB zumindest für eine gewisse Periode die Gemeinnützigkeit abgesprochen wurde. Weitere Millionen für eine Vertragsauflösung mit Joachim Löw hätten da auch einem reichen Verband wie dem DFB Kopfzerbrechen bereitet.

Die Wahl eines Nationalcoaches ist jeweils ein kompliziertes Unterfangen, in der Schweiz noch mehr als in Deutschland. Also lieber das «Vertrauensvotum» nicht infrage stellen und auf bekannten Pfaden weiterlaufen. Zu diesem Zwecke hat man es ja ausgesprochen.

Yann Sommers fragwürdige Bestrafung

Guido Tognoni am Freitag, den 29. Juni 2018

Die Statistiker der WM-Endrunde in Russland freuen sich über eine neue Rekordzahl von acht Eigentoren, zu welchen Yann Sommer einen Treffer beigetragen haben soll. Abgesehen davon, dass die Definition eines Eigentores selbst nach endlosen Diskussionen kein sportlich befriedigendes Ergebnis ergibt, ist die Bezeichnung von Yann Sommer als Eigentorschütze absurd.

Sommer hat alles richtig gemacht und wurde dafür bestraft. Er wartete korrekt den Schuss ab und spekulierte mit einem Sprung in seine linke Ecke. Der Elfmeterschütze traf zwar nur die Querstange, aber weil Sommer die richtige linke Ecke seines Tores erkannt hatte, sprang der Abpraller von seinem Körper ins Netz. Für die Wertung der Fifa ist das ein Eigentor.

Yann Sommer ist einer von vielen Torhütern, die das Opfer einer richtigen Reaktion geworden sind. Häufiger sind jene Fälle, bei denen der Ball vom Pfosten an den hechtenden Torhüter und dann ins Netz prallt: Ein Torhüter reagiert (oder spekuliert) richtig und muss dafür büssen.

Sportlich korrekt?

Was die Frage aufwirft, ob die geltende Regelung bei der Ausführung eines Elfmeters sportlich korrekt ist. Dass ein Schuss, mit dem der Schütze aus elf Metern das Tor nicht getroffen hat und der ohne neuerliche Einwirkung eines Feldspielers beider Mannschaften, sei es als Nachschuss oder als Eigentor, als Treffer gewertet wird, ist fragwürdig.

Für die Wertung der Fifa ist das ein Eigentor. Foto: Keystone

Wäre Sommer stehengeblieben oder in seine rechte – in diesem Fall die falsche – Ecke gesprungen, hätte es nur nach einem Nachschuss ein Tor geben können. Damit hätte ein Feldspieler ins Spiel eingegriffen, was sportlich völlig korrekt wäre.

Die geltende Regelanwendung ist fragwürdig. Fair wäre, nach einem Elfmeterball an das Torgehäuse, der danach direkt via Torhüter die Linie überquert, das Spiel zu unterbrechen und mit Abstoss fortzusetzen. Der Torhüter sollte nicht dafür bestraft werden, dass er mit seinem Abwehrversuch den Fehler des gegnerischen Elfmeterschützen korrigiert.

Brustmuskeln statt Hirnmuskeln

Guido Tognoni am Montag, den 25. Juni 2018
Nachspielzeit

Es fällt schwer, sich Roger Federer in dieser Pose vorzustellen: Xherdan Shaqiri markiert das Territorium nach seinem Treffer gegen Serbien. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Zlatan Ibrahimovic tat es, Mario Balotelli auch, nun war Xherdan Shaqiri an der Reihe, viele weniger bekannte Spieler taten und tun es ihnen gleich. Bilder dieser Szenen werden noch jahrelang gezeigt, Mario Balotellis trotzig wirkende Pose ging um die Welt. Die Rede ist nicht von politisch belasteten Gesten und Symbolen, die Rede ist vom nackten Oberkörper. Was bewegt einen Fussballer, dass er im Triumph glaubt, der Welt seinen wohlgeformten Oberkörper zeigen zu müssen? Was soll das Muskelspiel?

Die Vorstellung, dass sich Roger Federer nach einem gewonnenen Matchball in Wimbledon das Leibchen auszieht und vor den applaudierenden Zuschauern den Oberkörper spielen lässt, ist völlig abwegig. Weder Sebastian Vettel noch Lewis Hamilton würden sich für die dämlichen Champagnerduschen ausziehen, Seriensiegerin Lindsey Vonn sicher auch nicht, selbst wenn Skirennen im Hochsommer stattfinden würden. Ein Schwingerkönig nach erfolgreichem Schlussgang mit nacktem Oberkörper neben dem Muni – völlig abwegig, schlicht undenkbar.

Kein Dienst an der Mannschaft

Aber die Fussballer ziehen sich aus, sie schaffen es, auch schweissnasse Trikots innert einer Sekunde vom Körper zu reissen, um vor den Fans zu posieren. Dabei ist im Fussball nichts sicherer als die Folge dieses Exhibitionismus: jeder halbnackte Spieler erhält eine Gelbe Karte, einen Ermessensspielraum gibt es nicht, das Zeigen der Karte nach dem Ausziehen des Trikots ist für jeden Schiedsrichter ebenso einfach wie zwingend, er darf nicht wegschauen.

Xherdan Shaqiri müsste wissen, dass er nach zwei Gelben Karten für ein Spiel gesperrt wird, und er müsste auch wissen, wie schnell er sich auf dem Spielfeld eine solche Karte einhandeln kann. Er müsste wissen, wie sehr er seiner Mannschaft mit solch idiotischen Aktionen schadet. Nochmals Gelb gegen Costa Rica, und der Achtelfinal würde ohne Shaqiri stattfinden.

Brustmuskeln statt Hirnmuskeln – es wäre schade, wenn die Nationalmannschaft ausgerechnet an dieser WM darunter leiden müsste.