Beim Foulpenalty ist zu vieles faul

Guido Tognoni am Montag, den 22. Oktober 2018

Nach Konsultation des Video-Schiedsrichters: Craig Pawson gibt Liverpool einen Penalty gegen West Bromwich Albion – was dessen Grzegorz Krychowiak missfällt. Foto: Phil Noble (Reuters)

Es ist etwas faul mit dem Elfmeter. Elfmeterpfiffe, erfolgte oder ausgebliebene, sind die folgenschwersten Entscheide der Schiedsrichter, und entsprechend herrscht bei der Hälfte der Elfmeterszenen grosse, aber unnötige Konfusion. Mit der Auslegung der Elfmeterregel stimmt zu vieles nicht. Ob Frankreich gegen Deutschland oder Sion gegen die Grasshoppers – jede Woche geben rund um den Globus zahllose Strafraumentscheide zu reden. Und es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn man die Hälfte der Entscheide als falsch einstuft.

Gemäss Regelbuch müsste ein Elfmeter gepfiffen werden, wenn ein verteidigender Spieler in seinem Strafraum ein Foul begeht, das ausserhalb des Strafraums mit einem direkten Freistoss bestraft würde. Das tönt sehr einfach, ist es aber offensichtlich nicht. Anders ist nicht zu erklären, dass selbst Spitzenschiedsrichter grösste Mühe haben, in den Strafräumen einwandfreie Entscheide zu fällen.

Diese Mühe ist erstens eine Folge des Spieltempos, dem das menschliche Auge in unübersichtlichen Situationen, oft mit Fallsucht von Spielern angereichert, kaum mehr folgen kann, zumal fast alle Strafraumszenen unübersichtlich sind. Zweitens lastet bei Strafraumszenen auf den Schiedsrichtern ein immenser Druck, da die Folgen eines Pfiffes ungleich krasser sind als bei irgendwelchen Entscheiden im Mittelkreis. Und drittens ist der Ermessensspielraum des Schiedsrichters beim Elfmeter viel zu gross.

Das subjektive Empfinden des Schiedsrichters

Wenn ein Schiedsrichter-Experte wie Urs Meier am Fernsehen die Elfmeterregel erklärt, tönt alles sehr plausibel. Theoretisch. Praktisch sieht das ganz anders aus. Wenn ein verteidigender Spieler bei einer Grätsche im Strafraum aus einem Meter Distanz einen Ball an den ausgebreiteten Oberarm geschossen erhält, pfeift die Hälfte der Schiedsrichter Elfmeter, die andere Hälfte aber nicht. Anzufügen ist, dass kein normaler Fussballer im Lauf mit den Armen am Körper eine Grätsche anbringen kann.

Ein Fan sieht rot: Schiedsrichter Herbert Fandel pfeift einen Penalty für Schweden in der Qualifikation für die Euro 2008 und wird darauf von einem Anhänger Dänemarks angegriffen. Das Spiel wird abgebrochen und als 3:0-Sieg für Schweden gewertet. Foto: Anders Wiklund (Keystone)

Es gäbe noch mehrere ähnliche Beispiele, bei denen allein das subjektive Empfinden des Schiedsrichters und nicht der objektive Sachverhalt entscheiden. Solches subjektive Empfinden mag in einer Amateurliga zu verschmerzen sein, im professionellen Spitzenfussball, wo einzelne Schiedsrichterpfiffe über Millionen haben oder nicht haben entscheiden, geht das nicht mehr. Natürlich gehören die Diskussionen um die Elfmeter zum Fussball, aber letztlich ist ein fairer Wettbewerb wichtiger als emotionale Aufwallungen, die den Fussball bereichern sollen.

Der Video-Assistent ist ein ausgezeichnetes Hilfsmittel. Umso erstaunlicher ist, wie zögerlich im Milliardenbusiness Fussball eine solche technische Selbstverständlichkeit eingeführt wird. Selbst mit Videobeweis gibt es noch zweifelhafte Entscheidungen. Diese können und müssen hingenommen werden, da es keine besseren Lösungen gibt. Aber die Zeiten, in denen ein einsamer Schiedsrichter als Folge fehlender technischer Unterstützung krasse Fehlentscheide trifft und damit den Spielausgang beeinflusst, müssten im professionellen Spitzenfussball vorbei sein. Den Verzicht auf den Video-Schiedsrichter mit fehlendem Geld zu begründen, ist kein Argument.

Ob er wirklich richtig liegt? Bastian Dankert lässt seinen Penaltypfiff für Bayern München vom Video-Assistenten bestätigen. Foto: Michael Dalder (Reuters)

Nations League mit Delikatesse

Guido Tognoni am Montag, den 15. Oktober 2018

Der deutsche Fussball ist seit der WM in Russland in Aufruhr: Nationalcoach Joachim Löw vor der 0:3-Niederlage im Nations-League-Spiel gegen die Niederlande. Foto: Peter Dejong (Keystone)

Wie das so richtig funktioniert mit der Uefa Nations League, müssen eigentlich nur die Beteiligten verstehen, darunter Nationalcoach Vladimir Petkovic. Irgendwann sind irgendwelche Nationalteams für irgendetwas qualifiziert. Aber das genügt bereits, um mehr Freude an jenen Fussball-Länderspielen zu haben, die bisher entweder unbedeutend waren oder deren Wichtigkeit hochgeschrieben werden musste. Wenn etwa die Schweiz gegen Andorra antritt und der Coach pflichtschuldigst Spielern und Journalisten in Erinnerung rufen muss, man dürfe keine Mannschaft unterschätzen, hat das schon fast groteske Züge.

Mit der Einführung dieser Nations League erleben wir wieder einmal die grundsätzliche Faszination eines sportlichen Wettbewerbs mit Spielkalender, Ranglisten, Tordifferenz und was immer dazu gehört. Es mag Stimmen geben, welche die Nations League als überflüssig bezeichnen, aber jeder noch so unbedeutende Wettbewerb ist besser als Freundschaftsspiele, bei denen in beiden Mannschaften insgesamt 34 Spieler eingesetzt werden können, deren Einfluss höchstens der Coach halbwegs einschätzen kann. Die Einteilung in Stärkeklassen freut uns vor allem, so lange die Schweiz bei den Besten der Division A mitspielen kann. Es ist zudem sportlich weitaus sinnvoller, dass sich Liechtenstein mit Gibraltar misst anstatt Teams wie Spanien die Gelegenheit zu einem bezahlten Training zu bieten.

Löws mögliches Endspiel

Und noch etwas: Ohne die Nations League hätten wir Schweizer nicht die Möglichkeit, genüsslich zu verfolgen, wie es in der deutschen Mannschaft knirscht. Eine DFB-Auswahl, die nicht nur gegen das Ausscheiden kämpft, sondern gleich gegen den Abstieg in Europas zweite Stärkeklasse, gibt es nicht alle Tage und ist für uns Schweizer eine besonders pikante Delikatesse. Der deutsche Fussball ist seit dem Ausscheiden in den Gruppenspielen der WM-Endrunde in Russland in Aufruhr, und Nationalcoach Joachim Löw wird mittlerweile noch mehr infrage gestellt als Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Partie vom Dienstag gegen Frankreich könnte für ihn, den lange Jahre unantastbaren, bereits das Endspiel sein. Siegt die Schweiz in Island, ist zumindest für uns der Abstieg kein Thema mehr.

Wir oben, Deutschland unten – die Schweiz würde das System der Uefa Nations League mit einem Schlag erkennen.

Wie der Sport mehr für Menschenrechte tun könnte

Guido Tognoni am Montag, den 1. Oktober 2018

Alles klar in Katar? Gianni Infantinos Fifa könnte mehr für die Menschenrechtslage tun. Foto: Facundo Arrizabalaga (Keystone)

Wie seriös bei der Ausschreibung der Uefa für die EURO 2024 die Absicht tatsächlich war, auch die Menschenrechtslage einer Kandidatur zu berücksichtigen, muss im Nachhinein nicht mehr beurteilt werden. Deutschland war im Vergleich zur Türkei ohnehin die logische Wahl. Dass die Menschenrechte zumindest offiziell thematisiert wurden, ist immerhin erfreulich und lässt die Hoffnung aufkommen, dass die Uefa damit einen Markstein gesetzt hat. Die Fifa und das Internationale Olympische Komitee (IOK), um nur die beiden grössten Dachverbände zu nennen, müssen bei den kommenden Vergaben von Grossereignissen am Vorgehen der Uefa gemessen werden.

Würde die Menschenrechtslage in Kandidatenländern tatsächlich als massgebliches Kriterium berücksichtigt, wäre der Kreis möglicher Veranstalter mit einem Schlag stark eingeschränkt. Denn die Menschenrechte zu respektieren, ist in unserer Zeit für viele Länder ungleich viel schwieriger, als eine sportliche Grossveranstaltung durchzuführen. Andererseits sind es vor allem autokratisch geführte Staaten, die sich immer noch über sportliche Grossveranstaltungen zu profilieren versuchen.

Es braucht eine Kontrollfrist

Die Geschichte hat gezeigt, dass sich durch rein symbolische Akte des Sports die Menschenrechtslage in den betroffenen Ländern nicht ändert. Solange die Wirtschaft mit dem Sport nicht gleichzieht, ist der Druck auf autokratische Regimes zu wenig gross. Was vom Sport in regelmässigen Abständen gefordert wird, macht aber die Wirtschaft nicht mit. Allein schon die Huldigungen der offiziellen Schweiz gegenüber einer Wirtschaftsmacht wie China zeigen, dass der Sport mit seinen Bemühungen im bisherigen Stil allein bleiben wird.

Es gäbe allerdings eine Methode, mit welcher der Sport mit einem Schlag eine neue Ausgangslage schaffen könnte. Wenn beispielsweise die Fifa und das IOK einem Land mit problematischem Umgang mit Menschenrechten eine WM-Endrunde oder Olympische Sommerspiele nur unter der Bedingung zusprechen, dass sich die Menschenrechtslage innerhalb einer bestimmten Frist sichtbar verbessert, ansonsten die Veranstaltung dem betreffenden Land wieder entzogen würde, wären die Menschenrechte nicht ein Kriterium unter vielen, sondern das Wichtigste. Die Inspektoren müssten sich dann weniger um die Stadionbauten (Stadien-Bauen ist längst keine Hexerei mehr) als um die Verbesserung der Menschenrechte kümmern.

Die Grossen könnten einspringen

Zeit für Verbesserungen gäbe es genug. Der Zeitraum von der Vergabe bis zur Durchführung müsste von sechs auf acht oder zehn Jahre erweitert werden, die Spanne für die Verbesserung der Menschenrechtslage würde fünf oder sechs Jahre dauern. In der verbleibenden Zeit könnten Länder wie Deutschland, die USA oder Japan als Ersatzkandidaten jede Grossveranstaltung stemmen.

Es wäre interessant, zu beobachten, ob unter solchen Voraussetzungen sich ein Land wie China um die Fussball-WM 2030 bemühen würde. Und es wäre spannend, zu sehen, wie ein Regime mit dem Druck umginge. Zudem könnte sich der Sport endlich mühelos von der ohnehin unglaubwürdigen These verabschieden, Sport habe mit Politik nichts zu tun.

Das besonders schöne Tor des Monats

Guido Tognoni am Donnerstag, den 20. September 2018

Schoss das Tor des Monats: Serdal Celebi, Blindenfussballer des FC St. Pauli. (Foto: Keystone/Axel Heimken)

Es gäbe vieles zu beschreiben und fast ebenso vieles zu beklagen im aktuellen Fussball. Aber lassen wir für einmal das Jammern und freuen wir uns an einer Randnotiz des globalen Milliardenspiels: In Deutschland hat ein blinder Fussballer den Wettbewerb um das Tor des Monats gewonnen. Seit 1971, also seit 47 Jahren, lässt die ARD das Fernsehpublikum diese Auszeichnung wählen, sie ist ein lebendes und ungebrochen beliebtes Fossil in unserer umgepflügten Fernseh-Landschaft.

So kam es, dass der zuvor völlig unbekannte 34-jährige Serdal Celebi einen schönen Torschuss feiern kann, den er selbst gar nicht gesehen hat. Celebi gehört zu den vier Feldspielern des FC St. Pauli, die sich auf dem von Banden eingerahmten Kleinfeld mit Worten und einem Ball verständigen, der rasselt, sobald er in Bewegung ist. Sehen dürfen nur die Torhüter, während die Feldspieler mit einer Augenabdeckung spielen, sodass jede vielleicht noch verbliebene Sehkraft bei allen Spielern unterbunden wird.

Inmitten des grossen Bundesliga-Klamauks

Es gibt in dieser Geschichte mehrere schöne Aspekte: dass professionelle Fussballclubs sich auch um Behinderte kümmern, wie dies bei St. Pauli geschieht; dass es angepasste und ein auf die besonderen Bedürfnisse zugeschnittene Spielfelder und -regeln gibt und sogar eine Bundesliga für Blindenfussball; dass auch Video-Aufzeichnungen gemacht werden und ein schönes Tor schliesslich den Weg bis in die «Sportschau» der ARD findet.

Besonders erfreulich ist dabei, dass das Fernsehpublikum sich die Chance nicht entgehen liess, einem behinderten Fussballer eine ganz besondere Reverenz zu erweisen. Inmitten des grossen Klamauks der Bundesliga und des übrigen professionellen Fussballs, fern vom Fangeschrei und ausserhalb der grossen Schaufenster des Sports haben Tausende von Fussballfans instinktiv das Richtige getan – und nicht etwa einen Nationalspieler, sondern einen blinden Fussballer geehrt. Das tut gut.

Über-Coach Christian Constantin

Guido Tognoni am Dienstag, den 18. September 2018

Er kontrolliert: Christian Constantin auf der Trainerbank des FC Sion. Foto: Keystone

50 Trainer in 20 Jahren. Nur Diego Maradona fehlt in der illustren Liste. Sobald der Ball ruht, ist Sions Präsident Christian Constantin der grösste Unterhaltungsfaktor im Schweizer Fussball. CC hätte längst einen Sonderpreis verdient. «Trainerfresser» nennt ihn die NZZ mittlerweile und droht damit dem Jubiläumscoach Murat Yakin gleich das nächste Ungemach an, während Constantin und Yakin sich gegenseitig loben und erklären, dass sie sich mögen.

Das ist allerdings nicht aussergewöhnlich. Kein Clubpräsident engagiert einen Coach, den er nicht riechen kann. Coaches hingegen können nicht allzu wählerisch sein, die Reihe der arbeitslosen Trainer ist lang und wird immer länger. Der Fussball produziert viel mehr Trainer, als er absorbieren kann.

Er reagiert einfach schneller als die anderen

Verstehen sich: Murat Yakin und Christian Constantin. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

CC und Yakin schätzen sich also. Die Frage ist nur, wie lange das anhält. Bei Christian Constantin ist die Vertrauensbasis bekanntlich sehr schmal und die Geduld kurz. Das empört die Branche und die Medien jedes Mal gleichermassen. Gehen wir einmal davon aus, dass diese Empörung berechtigt ist, obwohl jeder Coach weiss, auf wen er sich beim FC Sion einlässt. Dennoch muss die Frage gestellt werden, inwiefern die rastlosen Trainerwechsel dem Club geschadet haben. Sion erlitt – unter dem finanziell hasardierenden Christian Constantin – 2003 einen Zwangsabstieg, spielt aber seit zwölf Jahren wieder in der obersten Liga, erreicht zwischendurch mit wem auch immer den Cupfinal und hat erst vor einem Jahr erstmals ein Endspiel verloren. Dieses 0:3 gegen Basel hätte Sion auch mit Jürgen Klopp passieren können. Und als CC im Jahre 2011 wieder einmal mit der Fussballbürokratie herumstritt und mit einem Abzug von 36 Punkten bestraft wurde, rettete ihn der Lizenzentzug von Xamax vor dem Abstieg. Ein Kandidat für den Meistertitel war Sion gegen den übermächtigen FC Basel nie und ist es auch nicht gegen die neue Nummer 1 der Schweiz, die Young Boys.

Die Gesamtbilanz des FC Sion in den vergangenen 20 Jahren wäre wohl auch mit 5 statt 50 Trainern nicht besser. Christian Constantin macht mit seinem Club nur das, was jeder Coach mit seinen Spielern tut: Er wechselt aus, wenn er den Eindruck hat, dass die Form nicht stimmt. Ohne über Stilfragen debattieren zu wollen: Christian Constantin reagiert einfach schneller als die anderen. Er ist nicht nur Eigentümer, Zahlmeister, Transferchef, Show-Master und Präsident des Vereins, sondern auch dessen emotional gesteuerter Über-Coach.

Ob man ihn schätzt oder auch nicht: Es macht Spass, ihn zu verfolgen. Nun erst recht mit einem Murat Yakin in seinem Windschatten.

Bitte keine Entschuldigung von Xherdan Shaqiri!

Guido Tognoni am Donnerstag, den 6. September 2018

Xherdan Shaqiri beim Training mit der Schweizer Nationalmannschaft, 4. September 2018. (Foto: Keystone/Walter Bieri)

Falls das Xherdan Shaqiri interessiert (ich nehme an, das ist nicht der Fall): Ich komme aus den Bergen. Aus den Bündner Bergen, dort, wo seit langem auch das elektrische Licht brennt und die Leute nicht auf den Bäumen leben, wo die Kinder zur Schule gehen und wo es seit über 50 Jahren Farbfernsehen gibt. Ich lebte meine gesamte Jugend auf über 1500 Meter Höhe und darf sagen, dass das Leben in den Bündner Bergen mindestens ebenso gut funktioniert wie im Kosovo, auch wenn sich hie und da während der Jagd die Jäger über den Haufen schiessen. Dafür gibt es in den Bündner und anderen Schweizer Bergen viel weniger Kriminalität als auf dem Balkan.

Auch als Bergler habe ich die Karriere von Xherdan Shaqiri aufmerksam verfolgt. Ich habe gesehen, dass er zu schwach war für Bayern München und für Inter Mailand und dass er mit Stoke City abgestiegen ist und dabei kundtat, dass er zu gut für diese Mannschaft sei. Ich mag es ihm nach all diesen Abstiegen gönnen, dass er nun bei Liverpool auf einige Einsätze hoffen darf, obwohl mir noch immer nicht klar ist, weshalb ihn Trainer Jürgen Klopp verpflichtet hat. Alle Schweizer Bergler, auch die Bündner, die sich für Fussball interessieren, haben bemerkt, dass Xherdan Shaqiri zwar gut genug für die Schweizer Nationalmannschaft ist, aber nicht für die besten Clubs Europas, weil eben in der Champions League die Anforderungen etwas höher sind als bei einer Nationalmannschaft, die sich gegen Fussballer aus Andorra, den Färoer-Inseln, San Marino und Lettland durchsetzen muss.

Dumme Sprüche über die eigene Doofheit?

Shaqiris Doppeladler an der WM 2018. (Keystone)

Shaqiris Doppeladler an der WM 2018. (Keystone)

Ich fand den Doppeladler von Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka beim Sieg über Serbien ziemlich doof, aber ich hatte, wie viele andere Bergler und vermutlich auch Unterländer, gewisses Verständnis für diese Geste, zumal ich die philosophischen Anforderungen an junge kickende Millionäre nicht allzu hoch ansetze. Allerdings fragte ich mich, wie es mit der Intelligenz eines Fussballprofis aussieht, wenn er immer noch nicht kapiert, dass es für das Ausziehen des Leibchens auf dem Spielfeld eine Gelbe Karte gibt. Xherdan Shaqiri holte sich eine solche Gelbe Karte ab. Gegen Schweden zeigte er, wie fast alle Schweizer, gar nichts, obwohl ich insgeheim gehofft hatte, dass Shaqiri mit einem Erfolg gegen die biederen Skandinavier vielleicht den Elch geben würde.

Nun hat Xherdan Shaqiri dieser Tage erklärt, er würde sich für den Doppeladler entschuldigen, falls sich jemand davon angegriffen gefühlt hätte oder es Leute in den Bergen geben würde, die sich an dieser Geste gestört hätten. Ich kann Xherdan Shaqiri weitgehend beruhigen: Damit sie sich angegriffen fühlen, braucht es bei den Leuten in den Bergen mehr als nur eine doofe emotionale Geste. Was uns Bergler allenfalls stört, ist die Verbindung von Unbedarftheit und Arroganz, die aus einer solchen Aussage gegenüber Berglern spricht. Kein Bergler aus der Schweiz kann so gut Fussball spielen wie Xherdan Shaqiri aus dem Kosovo. Aber auch kein Bergler aus der Schweiz würde je derart dumme Sprüche über die eigene Doofheit fallen lassen. So viel Unbedarftheit ist tatsächlich störend, aber dass sich jemand dafür auch noch entschuldigen soll, das erwartet kein Bergler, kein Walliser, kein Berner Oberländer, kein Innerschweizer und schon gar kein Bündner.

Magnins Dilemma mit dem Alphatier Frey

Guido Tognoni am Freitag, den 24. August 2018

Differenzen trotz Erfolg: Michael Frey jubelt neben Ludovic Magnin nach dem Cupfinalspiel in Bern. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Eine der wichtigsten Aufgaben – vielleicht die wichtigste – eines Fussballcoaches besteht darin, dass er sich mit 20 Spielern versteht. Wenn es der Mannschaft gut läuft, reicht bereits ein friedlicher Umgang mit den Schlüsselspielern, denn bei gutem Formstand hat es der Trainer ohnehin leichter. Je besser ein Spieler ist, umso wichtiger ist das Verständnis seines Coaches mit ihm. Ein Trainer, der sich mit Diego Maradona oder Johan Cruyff angelegt hätte, wäre zum Misserfolg verurteilt gewesen, und wer immer beim FC Barcelona die Aufstellung macht, muss sich in erster Linie mit Lionel Messi verstehen.

Ob solche Spieler pflegeleicht sind oder nicht, spielt eine untergeordnete Rolle. Die Spekulation ist erlaubt, dass Deutschland an der WM-Endrunde nicht zuletzt deshalb ein sportliches Fiasko erlebte, weil der Coach Joachim Löw auf den hochtalentierten Offensivspieler Leroy Sané verzichtete. Sané, bei Manchester City brillant, passte aus der Sicht Löws nicht ins Kader, er war nicht stromlinienförmig auf Löws Linie. Aber irgendein Törchen hätte Sané wohl noch hingekriegt oder zumindest den schlaffen deutschen Angriff ausreichend belebt. Löw und der deutsche Fussball zahlten einen hohen Preis dafür, dass Sané in den Ferien statt an der WM war.

Magnin konnte sich Kompromisslosigkeit leisten

Der FCZ-Stürmer Michael Frey ist lange nicht so gut wie Sané, er ist bei weitem weder Cruyff noch Messi und schon gar nicht ein Maradona. Aber er ist ein Stürmer, der zumindest auf Schweizer Fussballplätzen Spiele entscheiden kann. Er ist unberechenbar, kampfstark, schonungslos, er fährt die Ellenbogen aus, er holt sich die Bälle, wenn er sie nicht bekommt, und er nützt jede Gelegenheit, diesen Ball Richtung Tor zu knallen. Frey ist auf dem Rasen eine Kampfsau, die man lieber in der eigenen Mannschaft hat als beim Gegner.

Aber der eigensinnige Michael Frey hatte seit einiger Zeit Probleme mit dem Trainer Ludovic Magnin. Und weil Frey eben kein Leroy Sané und schon gar kein Messi ist, konnte es sich Magnin leisten, gegenüber Frey kompromisslos aufzutreten und ihn aus dem Kader zu streichen. Sportpädagogisch ist das sicher richtig, und der FCZ durfte es sich von der Tabellenlage her in den vergangenen Wochen erlauben, gegenüber einem Spieler solche Zeichen zu setzen. Magnin konnte sich und der Mannschaft einreden, dass der Verzicht auf Frey angesichts seines sprunghaften Verhaltens die einzig richtige Massnahme war.

Ist Fenerbahce die richtige Adresse?

Der junge, unerfahrene Coach Magnin stand vor einem typischen Trainerdilemma: Was ist richtig, Disziplin oder ein Kompromiss, wie er im Teamsport immer wieder geschlossen werden muss? Dieses Dilemma ist nun für den Fall Frey gelöst, da der Spieler nach Istanbul zieht. Dennoch wäre es interessant gewesen, Ludovic Magnin nach zehn weiteren Jahren Trainererfahrung fragen zu können, wie er den Fall Frey rückblickend lösen würde.

Die kommenden Spiele werden zeigen, wie wichtig Frey für den FCZ gewesen wäre. Immerhin muss sich Ludovic Magnin nun nur noch mit den Gegnern und nicht mehr mit Michael Frey auseinandersetzen. Und Frey muss nicht mehr hoffen, dass der FC Zürich ohne ihn verliert. Stattdessen stellt sich ihm bald einmal die bange Frage, ob das viele Geld, das ihm versprochen worden ist, auch wirklich fliesst. Fenerbahce ist in astronomischen Höhen verschuldet, und die türkischen Vereine brillieren seit Jahren nicht mit sonderlich guter Zahlungsmoral. Beim FCZ hätte Frey sein Geld bekommen. Regelmässig, pünktlich, und sogar ohne zu spielen.

Die höchste Busse im Weltsport

Guido Tognoni am Mittwoch, den 15. August 2018

151’713’807 Dollar und 43 Cents: So viel betrug die Busse, die José Hawilla bezahlen musste. Foto: Reuters

Man spürt schon fast Begeisterung: nur 98,5 Millionen Dollar Busse muss die Zürcher Kantonalbank dem amerikanischen Justizdepartement zahlen, vorsorglich zur Seite gelegt hatte die Bank offenbar gleich eine Milliarde. 98 Millionen sind für eine Grossbank ein Klacks, zumal die Verantwortlichen
nicht selber in die Tasche greifen müssen und für solche Fälle Reptilienfonds angezapft werden können. Die ZKB gehört dem Kanton und dessen Steuerzahlern. Diese nehmen die Busse mit einem Schulterzucken zur Kenntnis. Was anderes bleibt ihnen übrig?

Weniger glimpflich als die ZKB kam bei den Amerikanern ein Unternehmer aus dem Korruptionssumpf des Fussballs davon: Der Brasilianer José Hawilla zahlte der US-Justiz die imposante Summe von 151’713’807 Dollar und 43 Cents, um einer möglichen Gefängnisstrafe zu entgehen. Nach jahrzehntelangem Korruptionsgeschäften 151 Kisten zur Vermeidung der Kiste, gewissermassen. Das war im Dezember 2014 im Nachgang der Razzia vom 22. Juli 2013 in Zürich. Beachtlich war dabei nicht nur das Tempo der US-Justiz bei der Erledigung vieler Fälle, beachtlich war ebenso die Tatsache, dass der Korruptionsspezialist Hawilla die Rekordbusse des Weltsports kommerziell überstanden hat. Er starb im Mai dieses Jahres im Alter von 74 Jahren.

Weitere Enthüllungen versprechen Spektakel

Es ist ruhiger geworden um die Aufarbeitung von Fifa-Gate. Einige Akteure haben, wie José Hawilla, Busse geleistet, ein paar andere sind verstorben, während der Ganove und suspendierte Fifa-Ausbeuter Jack Warner sich in Trinidad weiterhin erfolgreich gegen seine Auslieferung in die USA wehrt. Aber die Ruhe täuscht. Es sind noch einige Verfahren innerhalb und ausserhalb der Fifa im Gange, und weitere Enthüllungen, etwa um die Stimmvergaben bei der Wahl der WM-Endrunde 2022 in Katar, versprechen Spektakel.

Zwischendurch hat die Fifa einen Routinefall abgewickelt: Der ehemalige Spitzenprofi Kalusha Bwalya, 1988 Afrikas Spieler des Jahres und danach ein Aufsteiger in der Funktionärskarriere bis in höchste Gremien, wurde für zwei Jahre für alle Tätigkeiten im Fussball suspendiert. Falls er die dazugehörige Busse bezahlt, wären das 100’000 Schweizer Franken. Kalusha hat Glück, dass er aus Sambia kommt und im afrikanischen statt im nord- und südamerikanischen Korruptionsgelände Karriere gemacht hat. Die harten Daumenschrauben, mit denen die US-Justiz die Angeklagten mürbe macht, sind ihm erspart geblieben.

Das Jammern der Fussballer

Guido Tognoni am Donnerstag, den 2. August 2018

Muss «die Knochen der Spieler zusammentragen»: Liverpool-Trainer Jürgen Klopp im Training in den USA. Foto: Keystone

Nun jammern sie wieder: Jürgen Klopp findet die Belastung der Spieler zu gross, José Mourinho wünscht sich, dass einige seiner Stars die Sommerferien vorzeitig abbrechen, um dem Team zu helfen, und die Spielervereinigung Fifpro fordert mindestens vier Wochen Ruhepause für alle Fussballer.

Es ist jedes Jahr das gleiche Lied: Die Verantwortlichen des hochgezüchteten professionellen Fussballs beweinen sich selbst, weil sie nicht fähig sind, die Verantwortung für einen ausgewogenen Einsatz ihrer Spieler zu tragen. Er müsse «die Knochen der Spieler zusammentragen», sagte Jürgen Klopp dieser Tage und verwies auf den internationalen Spielkalender mit neuen, zusätzlichen Terminen für Nationalmannschaften. Dass Liverpool derzeit in den USA an einem prestigeträchtigen Freundschaftsturnier teilnimmt, hat Klopp ausgeblendet.

Als Pelé noch spielte – zugegebenermassen eine Weile her –, mussten die grossen Vereine in der Sommerpause um die Welt tingeln, damit mit Freundschaftsspielen die Kasse der Proficlubs gefüllt werden konnte. Das betraf den kleinen FC Zürich gleichermassen wie Pelés grossen FC Santos, den es sogar nach Katar verschlug, als das Emirat noch ein verschlafener Haufen Wüstensand und nicht ein Weltwirtschaftsfaktor war. Die damaligen Löhne der Spieler waren Trinkgelder, die durch die Reiseerlebnisse aufgewertet wurden.

Heute füllen die Grossclubs, deren Umsätze sich an der Milliardengrenze bewegen, ausserhalb der Meisterschaften den Terminkalender und die Kassen mit Freundschaftsspielen in Asien und Nordamerika, mit Werbeauftritten für die Sponsoren und mit allgemeinen Aktivitäten, die der «Stärkung der Marke» der betreffenden Clubs dienen sollen. Die Vereine sind Unternehmen geworden, und Aktiengesellschaften wie Bayern München unterhalten Aussenstationen in den USA und in China. Real Madrid mietet einen ebenso einsamen wie exklusiven Real-Shop in einer Satellitensiedlung in Doha, in der noch viele Wohnungen leer stehen. Dabei sein ist alles, und der weltweite Verkauf von Spielertrikots soll einen Teil der Wahnsinns-Transfersummen einspielen, auch wenn kein Mensch weiss, wie viele dieser Leibchen billige Fälschungen sind und dem Club nichts einbringen.

Das alles fordert natürlich Spieler und Trainer. Aber gibt es weltweit einen Klopp oder Mourinho, einen Messi oder Ronaldo, der sagt, lieber verzichte er auf ein paar Dollar oder Euro seines Millionensalärs, um sich dafür etwas länger ausruhen zu können? Oder gibt es einen Clubpräsidenten, dem die Erholung der Spieler wichtiger ist als zusätzliche Einnahmen? Es gibt sie nicht. Dafür wird regelmässig gejammert. Die Belastung der Spieler ist ein ernsthaftes Thema. Das Jammern der Betroffenen ist es nicht.

Özil und die Doppelmoral der Öffentlichkeit

Guido Tognoni am Montag, den 23. Juli 2018
Nachspielzeit

Im Sport gelten anscheinend andere Massstäbe als in der Politik: Mesut Özil an der WM 2018. Foto: Facundo Arrizabalaga (Keystone)

Nun hat Deutschland die Bescherung: Mesut Özil ist aus der Nationalmannschaft zurückgetreten, dies mit ziemlich viel Getöse und heftigen Angriffen gegen den Präsidenten des Deutschen Fussball-Bundes, Reinhard Grindel. Damit hat Özil im Land des gescheiterten Titelverteidigers einen Katastrophenalarm ausgelöst, der noch einige Zeit anhalten wird. Wir erinnern uns: Özil hatte mitten im Wahlkampf zusammen mit seinem Mitspieler Ilkay Gündogan einen Fototermin mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan. Im Vergleich zu den Auswirkungen dieses Bildes und dem wohlvorbereiteten Rundumschlag Özils ist die helvetische Doppeladler-Affäre ein laues Sommerwindchen.

Wenn es noch den Beweis brauchte, dass Sport längst nicht mehr von der Politik zu trennen ist, wurde dieser mit dem Özil-Eklat wieder einmal geliefert. Ob Fototermine mit einem umstrittenen ausländischen Staatschef zum Pflichtenheft eines deutschen Nationalspielers mit türkischen Wurzeln gehören, ist eine Frage des politischen Geschmacks. Seltsam ist allerdings, welche Massstäbe wieder einmal beim Sport angelegt werden, Massstäbe, die ansonsten in der Tagespolitik überhaupt keine Rolle spielen. Erdogan wurde zwar einigermassen demokratisch gewählt, er geht aber mit Oppositionellen im eigenen Land in einer Weise um, die mit einem rechtsstaatlichen Verständnis absolut unvereinbar ist. Erdogan ist allerdings nicht der einzige Staatsführer, der das macht. Auch in Russland und in China beispielsweise leiden Oppositionelle gleichermassen, unter afrikanischen und arabischen Despoten-Regimes ist das ebenso der Fall.

Das hindert aber die Politiker – auch Schweizer Bundesräte – nicht daran, solchen Staatsführern zu hofieren und ihnen mit einem Tross von industriellen Interessenvertretern zu Füssen zu kriechen, wie das etwa bei China oder Saudiarabien der Fall ist. Was Fussballer gefälligst unterlassen sollen, das dürfen die Politiker. Fussballern kann man notfalls politische Unbedarftheit anrechnen, Politikern nicht. Während bei Sportlern die Moral Vorrang haben soll, gehen in der Politik Geschäft und Geltungstrieb vor.

Der Fall Mesut Özil hinterlässt nur Scherben. Bis zu seinem Erdogan-Foto war Özil als Musterknabe gelungener Integration gefeiert und ausgezeichnet worden, was insofern verwundert, als er in Deutschland geboren wurde und aufwuchs. Nun hat sein Fall eine nationale Debatte ausgelöst, in der das Schlagwort Rassismus eine zentrale Rolle spielt. Ein gesellschaftliches Beben als Folge eines Bildes, das mit Politikern anstelle von Sportlern keinerlei Bedeutung erhalten hätte.