Endlich Alkoholikerin

In der richtigen Gesellschaft macht (sogar) Alkohol Spass: Audrey Hepburn in «Roman Holiday». (Foto: Paramount Pictures)

Seit ich als Teenie eine Flasche Kirsch an die Lippen legte und mit so entschlossenem Zug trank, dass meine Kollegen argwöhnten, es müsse sich um Wasser handeln, war ich für die kommenden Jahre gegen Alkohol imprägniert. Wir waren eine ganze Bande bei einem Picknick an der alten Aare, ein Feuer brannte und kurz nachdem ich die Flasche abgesetzt hatte, kotzte ich in ein nahe gelegenes Gebüsch. Alkohol, das ist nicht meine Droge, sagte ich mir. Dabei blieb es lange Jahre.

Lange war ich froh darum. Schon im Gymnasium gab es die Jungs, die sich jedes Wochenende so zuschütteten, dass der durch die Haut verdunstende Restalkohol sein säuerliches Aroma im Klassenzimmer verbreitete. Ich arbeitete in illegalen Bars und wunderte mich über die Besoffenen, die schon höchst schief auf ihren Barhockern hingen und trotzdem auch um fünf Uhr morgens so dringend einen Drink wollten, dass sie drohten, die Bar zu verpfeifen, wenn ich ihn nicht ausschenke. Scheiss-Alkohol, sagte ich mir, macht alle kaputt. So will ich nie werden. Damit will ich nie etwas zu tun haben.

Die beschworene Bar-Romantik meiner Helden

Während meiner Schwangerschaften verzichtete ich mühelos auf Drinks – ganz im Gegensatz zu anderen Schwangeren, die ihre Trinkerkarriere so bekümmert hinterher guckten wie eine Braut ihrem Geliebten, wenn er in den Krieg zieht. Mit kleinen Kindern zu Hause hatte ich dann kaum Zeit, auf Partys zu gehen oder in Bars rumzuhängen oder zu networken und an meiner Alkoholikerkarriere zu arbeiten. Erst nach ein paar Jahren, als gewisse Freiheiten sich wieder einstellten, änderte sich das.

Ich wollte gern dazu gehören. Alle hatten so viel Spass mit Alkohol. Die in Film und Literatur beschworene Bar-Romantik, wie gern hätte ich ihr nachgeeifert: der kühle Weisswein bei Hemingway, Holly Golightlys Martini, der in Eis klackernde Gimlet bei Chandler – all meine Helden schrieben so wissend über den «Treibstoff Alkohol». Letzteres war wiederum der Titel eines ganzen Kulturmagazins «Du» zum Thema Literaten und Alkohol. Ich gab mir redlich Mühe und trank auch – so wie andere sich ab und zu zum Sport aufraffen. Aber es machte keinen Spass und mein Effort versandete immer wieder.

Die Geheimnisse des Trinkens

Die Stimme der Vernunft redete besänftigend auf mich ein: Sei froh, dass dir das Säufer-Gen fehlt! Alkohol gibt nur Cellulitis und ist schlecht für den Teint. Alkoholiker sind die Schlimmsten! Willst du das? Nein, natürlich nicht – aber es muss ja auch nicht immer die Endgame-Stufe sein.

Und dann traf ich einen Mann, der mich umwarf. Dieser Mann trank gern und führte mich in die Geheimnisse des Trinkens ein. Dazu führte er mich aus und schenkte immer schön nach. Und siehe da: Alkoholismus ist gar nicht so schwer. Endlich machte er mir auch Spass: Wenn sich jede Zelle entspannt und man so wunderbar gelöst ist und man ganze Nächte durchzecht und Dinge sagt, die man sonst nie sagen würde. Oder Schlägereien anzettelt und sich dann ins heulende Elend verabschiedet. Natürlich musste ich erst mein Mass kennen lernen, aber heute bin ich stolz, sagen zu können: endlich Alkoholikerin! Oder zumindest steht auch mir dieser Weg nun offen.

Zum Glück bin ich erwachsen genug, um ihn nicht wirklich gehen zu wollen.