Comeback der Sex-Killer

  • Der Buffalo-Schuh ist die Antithese zu Sex. (Foto: Getty Images)

  • Und gehört gemeinsam mit Crocs und.. (Foto: Flickr/Julle)

  • .. Uggs-Boots zur heiligen Dreifaltigkeit der Hässlichkeit. (Foto: Getty Images)

Die Neunzigerjahre waren ein gutes Jahrzehnt. Eine Dekade wie ein grosser Seufzer der Erleichterung. Während die Achtzigerjahre dahin rollten wie eine nie enden wollende finnische Deprokomödie in Schwarzweiss, kamen die Neunziger mit einem Knall. Endlich in Farbe, endlich mit Action, endlich mit einem Spannungsbogen. Die vormals bewegte Szene von humorlosen Stahlhelm-Linken wurde erwachsen, vormalige Studenten waren plötzlich Unternehmer, Wissenschaftler oder Techno-Hippies – oder wanderten in den Jura aus. Die Elektrogitarren, Spandexhosen und Dauerwellen-Mähnen verschwanden, dafür stampften Technobeats durch die Partykeller. Und statt im Heroinflash vor sich hinzusiechen, umarmte man auf Ecstasy die ganze Welt. Alles Liebe oder was?

Autopneu trifft Skischuh

Modisch war die Zeit zwar nicht über jeden Zweifel erhaben, aber lässt sich das nicht von jeder Dekade sagen? Und wie andere Jahrzehnte werden auch die Neunziger bereits eifrig rezykliert: Meine 16-jährige Tochter trägt heute Rüeblijeans, Hochwasserhosen, weisse Socken, ballonartige Jacken – genau wie wir damals. Hoch anzurechnen ist ihr, dass sie auf die Cargohosen und Flanellhemden verzichtet, die damals ebenfalls très chic waren, aber nach Kurt Cobains Tod ihre modische Daseinsberechtigung verloren. Und dann kam «Miss 60», schneiderte die Jeans radikal auf die Hüfte und bereitete so den Weg für den anhaltenden Siegeszug der Skinnyjeans. Und dann brach die denkbar grösste modische Katastrophe über die Neunzigerjahre herein: Buffalo-Schuhe.

Falls sie sich nicht an die klobigen Schuhe erinnern, stellen sie sich einfach vor, was bei einer Liebeshochzeit zwischen Autopneu und Skischuh entstehen würde und sie haben ein ungefähres Bild. Der Buffalo-Schuh sah schon immer aus wie ein Monster aus dem Labor eines ästhetischen Sadisten – dennoch erfreute er sich aus verschiedenen Gründen äusserster Beliebtheit: Das bequeme Schuhwerk erlaubte es, Nächte im Club durchzutanzen, ohne sich am nächsten Morgen oder nach ein paar Tagen mit einem Set verfaulter Zehen in der Notaufnahme melden zu müssen. Zudem schenkte der Schuh kleinen Frauen die fünf Zentimeter Körpergrösse, die sich jede Frau unter 1,75 m heimlich wünscht. Erst später fand die Wissenschaft heraus, dass Männer eher eine Topfpflanze begatten als eine Frau in Buffalos abschleppen würden – vielleicht trug man deshalb die tief geschnittenen Jeans unten mit Schlag – um die Schande an den Füssen zu verbergen.

Die heilige Dreifaltigkeit der Hässlichkeit

Aber Buffalos, so vermelden es die Stilfibeln, stehen vor dem Comeback. Und das, obschon es nichts gibt, was weniger sexy wäre. Dieser Schuh ist die Antithese zu Sex, genauso übrigens wie der Croc und der Ugg-Boot, die heilige Dreifaltigkeit der Hässlichkeit. Es würde mich nicht wundern, wenn sich die Verbreitung dieses Schuhwerks in den Neunzigern sogar in der Geburtenstatistik niedergeschlagen hätte, genannt der Buffalo-Knick. Und nun steht diese Scheusslichkeit also vor dem Comeback. Womit wir das verdient haben mögen?

Es heisst ja immer, Modetrends spiegelten irgendwelche gesellschaftlichen Trends. Wenn das so ist, kann das Comeback des Buffalos ausgerechnet in England nur damit zu tun haben, dass Viagra dort bald ohne Rezept erhältlich sein soll. Um die zu erwartende Turbo-Erotisierung abzufedern, ist der Buffalo die perfekte Gegenstrategie, denn nichts killt den erotischen Vibe schneller. Das wäre dann auch die einzige Daseinsberechtigung für diesen Schuh: eine Art ästhetischer Pfefferspray gegen aufdringliche Clubbesucher. Unter diesen Umständen könnte man sich das mit dem Comeback sogar nochmals überlegen.

47 Kommentare zu «Comeback der Sex-Killer»

  • Sportpapi sagt:

    Mit solchen Schuhen konnte man tanzen?
    Das mit dem Sex sehe ich eher nicht. Dafür werden ja meistens die Schuhe abgezogen…

  • Laura Fehlmann sagt:

    nun, normalerweise ziehen wir beim Sex die Schuhe ja aus.

  • Anh Toàn sagt:

    „Buffalo-Boots“ ist eine Schuhmarke, welche die Plateau Schuhe der Siebziger recycelte: Ganz vorne dabei waren „The tubes“, für die Teenies gab es „The sweet“: Wenn jetzt diese Schuhe wieder kommen, ist es ein Comeback des Comebacks.

  • Richard Kull sagt:

    Das Männliche pendant dazu wäre dann wohl der sogenannte Pussykragen (Pelzkragen and der Mütze). Ultramodern bei Männern, abstossend hässlich und Tierverachtend für beide Geschlechter gleichermassen. Schlimmer wären dann nurnoch kurze karierte Hosen mit Hosenträgern und Kniestrümpfe.

  • Toni Müller sagt:

    An die Autorin: Können Sie mir mitteilen bei welchen Stellungen Sie die Schuhe anbehalten. Ich bevorzuge es nämlich eher wie die bisherigen Kommentatoren und ziehe die Schuhe dabei aus.

    • Franz Hablützel sagt:

      Bin zwar nicht die Autorin, könnte aber eine Ingenieurtechnische Betrachtung beisteuern: Für „im Stehen“ kann der Höhenunterschied ausgeglichen werden. Die Standfestigkeit gegenüber herkömmlichen Stögelischuhen ist dabei signifikant verbessert. Eigentlich verwunderlich, dass sich das in den 90ern nicht dauerhaft durchgesetzt hat.

  • Heinz Blaser sagt:

    Das mit den Schuhen — und dem gesamten Aussehen— ist wie mit den Geschenken an Weihnachten: eigentlich macht die Verpackung Lust auf den Inhalt, dieser ist dann eher zweitrangig.

  • Olaf Ganz sagt:

    Dann kommt dieser Trend ganz passend zum aktuellen Geschlechterverhältnis :-).

    • Eduardo sagt:

      Stimmt genau, und Frau Binswanger wird deshalb erwägen, diese Schuhe als eine weitere persönliche Strategie gegen Erotik selbst zu tragen 😉

  • Lala sagt:

    Es braucht schon eine sehr rosa Brille um den 90igern all diese Dinge als „Gut“ abzugewinnen.

  • Maurice Gehrig sagt:

    Hä? Was haben nun Schuhe mit Sex zu tun? Die Erklärung eines kausalen Zusammenhang dieser Buffalo-Schuhe mit dem Thema Sex suche ich im Artikel leider vergebens.
    Oder braucht es das Wort „Sex“ einfach, damit Leute den Artikel „sexy“ finden?
    Ein schwacher Artikel..

    • Michèle Binswanger sagt:

      Lieber Herr gehrig. da haben Sie aber nicht besonders gründlich gesucht. Der Zusammenhang findet wich hier, auch wenn das Wort „Sex“ nicht vorkommt. Vielleicht hilft es trotzdem: „Erst später fand die Wissenschaft heraus, dass Männer eher eine Topfpflanze begatten als eine Frau in Buffalos abschleppen würden – vielleicht trug man deshalb die tief geschnittenen Jeans unten mit Schlag – um die Schande an den Füssen zu verbergen.“ „Es würde mich nicht wundern, wenn sich die Verbreitung dieses Schuhwerks in den Neunzigern sogar in der Geburtenstatistik niedergeschlagen hätte, genannt der Buffalo-Knick. „

      • Lichtblau sagt:

        Der Schweizer an sich scheint nicht viel Wert auf schicke Schuhe zu legen, das gilt offenbar für Partys im Club genauso wie für Einladungen ins eigene Heim. Schuhe aus ist die Devise – sogar der Humor wird oft an der Garderobe abgegeben 🙂

      • Klaus Hofmann sagt:

        Das wirklich bleibende an ihrem Text, dass Sie steht’s bemüht sind sich von den Sie anscheinend traumatischen Momenten der 80er Jahre abzuheben .. als direkt teilnehmender dieser prägenden Dekade muss ich folgendes hinzufügen. Ausser einer sehr kurzen Phase der „Progressivität“ war und ist Technomusik und das dazugehörende Volk eine durchweg geistig entleerte Bewegung die nicht nur in der Musik gesampelt hat. Zweitens war Zürich nach dem Wegfall der Wohlgroth das gleiche Provinzkaff, dass es schon immer war. Kunstbeflissene flohen nach Berlin und die von Ihnen hochgelobte Miss Sixty inklusive Speckbarbie- bzw. Speckkenoptik und der daraus resultierenden Skinny Jeans ist im umfassenden Gedanke auch nur eine Röhrlijeans mit ausgeprägtem Genitalbereich. Sex und Schuhe gibt es nur in Pornos.

    • Hotel Papa sagt:

      Noch nicht gelernt, dass der Kopulationstrieb und der modische Sinn für Schuhe bei Frauen sehr eng verkoppelt sind?
      Potenzielle Fortpflanzugspartner werden nach ihrer Sorgfalt bei der Fussbekleidungswahl selektiert. Anatomische Folterinstrumente an den Füssen (der Frau) gelten bei beiden Geschlechtern als sexy. In Pornos behält die Dame ihr extravagantes Schuhwerk grundsätzlich an.
      .
      Der entsprechende Fetischismus bei Männern richtet sich häufig eher auf den Inhalt des Schuhs. Das andere gibt es aber auch.

      Was ich allerdings sonderbar finde: Die Blogparterin hält das Ansprechen des Themas Kopulation für einen Abturner erster Ordnung. Und hier bekommt das Thema relativ unmotiviert solche Priorität.
      Quod licet Iovi, non licet bovi…

  • Nick sagt:

    Auf Ihrer Liste hässlicher Schuhe fehlen noch Birkenstock und MBT. Bei beiden handelt es sich um schwere Fälle optischer Umweltverschmutzung. Ich bin für ein Verbot.

  • adam gretener sagt:

    Frau Binswanger war offenbar kein Raver wie ich, sie ging damit nicht durch die modische Hölle. Gilets aus Flokatiteppichen, Karomuster-Hosen mit tausend Bändeln dran. Und Buffalos bescheren der Notaufnahme des Unispitals ziemlich gute Umsätze. Also alles ok.

  • Ina sagt:

    Ihr habt ja recht, Sportpapi (hmm?) und Laura, aber vor dem Ausziehen gucken wir doch hin. Und da möchte ich Frau Binswanger zustimmen: Diese, tja, Schuhe, sind hässlich! Furchtbar. Genauso schlimm wie „lustige“ Boxershorts an erwachsenen Männern.

    • Sportpapi sagt:

      Interessanterweise gibt es ja viele Moden, die weder sexy noch schön sind. Bis die attraktiven Frauen sie tragen… dann geht irgendwie alles.

  • Ralphi sagt:

    Vermutlich hat die ganze Welt auf dieses weltbewegende Thema gewartet…. es gibt ja scheinbar nichts wichtigeres als Schuhe……

  • Klaus Meier sagt:

    Wer kein Interesse an Sex hat, dem kann das Thema ja egal sein.

  • Widerspenstige sagt:

    Das sind die verflixten geistigen Verrenkungen, die für so manchen Mann unüberwindbare Tücken mit sich bringen, wie man hier auch ohne Lesebrille lesen kann. Die Frau, das unergründliche Wesen, bringt doch tatsächlich zur beginnenden Adventszeit grobschlächtige Fussbekleidungen mit sexuellen Animositäten in Verbindung. Das geht doch gar nicht, Michèle Binswanger! Kommen Sie ‚runter auf den Boden der Tatsachen im Land der Berge und Täler und texten Sie Profaneres wie Ihre Mitbloggerin.

  • Diego Manosdias sagt:

    Selten so gelacht und perfekt getroffen, der Artikel. Und wer nicht begreift, warum “die Verpackung” sehr wohl eine Rolle spielt, ob und mit wem man Sex hat, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

    Zu ergänzen und zur Aufnahme in den Klub der Topliga hässlicher Schuhe wären noch MBT, Freizeitschuhe (vorallem wenn von Bürolisten bei der Arbeit getragen) und Barfuss-Schuhe (heimliche Nummer 1 im Klub).

  • Frederic sagt:

    Frau Binswanger, ich habe schon länger das Comeback dieser Schuhe erwartet. Zuerst war ich gar nicht begeistert, als die Modebranche sie auf die Laufstege brachte. Ich kannte aber einige Trägerinnen und die haben sie über alles geliebt. Es geht bei diesen Schuhen nicht um Ästhetik, sondern um Macht. Die Robustheit und das Gewicht haben in etwa den Effekt von Baseball Schlägern. Bei jedem Schritt haben die Trägerinnen die Kraft gespürt und die aggressiven Möglichkeiten. Einem Idi.oten ein voller Tritt mit diesen Schuhen zwischen die Beine, der wird sie nie mehr auch nur anschauen.
    Probieren Sie es aus, nehmen Sie ein extra schweres Exemplar und spüren diese Macht einmal selber. Frau ist ja nicht immer auf der Jagt oder im Wettstreit unter Frauen.

  • Shanelll sagt:

    Schön gelacht! Danke für den super Text!

  • Fred Schönbächler sagt:

    Huch, erschreckende Ahnungslosigeit in bezug auf a) Mode und b) was Männer sexy finden.

    a): Niemand hätte je gedacht, dass Schnabelschuhe, Schamkapseln, Schlaghosen, Moonboots, zerrissene Jeans, Schulterpolster bei Frauen, Uggs, Tätowierungen, Piercings je in Mode kommen würden. All das hat zunächst scheusslich ausgesehen; nach ein paar Monaten oder Jahren war das in, habenwill und sexy.

    b): Männer kann man in bezug auf sexuelle Vorlieben beIiebig umprogrammieren. Ich, Mann, hatte meine Pubertät in den 70ern in gemischten Pfadiführergruppen (Manchesterhosen, braune Hemden, Pfadi-Krawatte) und später in einem frauenbewegten WG-Milieu. Die interessanten Frauen trugen lila gefärbte Oshkosh-Latzhosen, Batik-T-Shirts und keine BHs. Dreimal dürfen Sie raten, was ich besonders sexy finde.

  • Peter Wittwer sagt:

    Ja ich weiss, das kann nicht jeder verstehen, schon seit meiner Kindheit schaue ich Frauen auf die Schuhe. Bereits meine Primarlehrerin hat dies gemerkt und meinen Eltern getäterlet 🙂 Und ja es ist so wie Frau Binswanger schreibt es sind Sexkiller und bei mir hat die Frau auch ab und zu die Schuhe an beim …
    Leider, wenn ich so durch Zürich unterwegs, bin sehe ich bei M+F viele Turnschuhe, gehen dieses Menschen zur Arbeit oder ins turnen? Ich achte immer auf mein Schuhwerk wenn ich das Haus verlasse und diese sind immer gepflegt.

  • Lia sagt:

    ich dachte immer, man trägt Schuhe, weil sie einem gefallen, und nicht wegen Sex. Aber die Bloggerinnen hier scheinen immer alles auf Sex zurückführen zu müssen.

  • John Plateau sagt:

    und keiner macht ein Kompliment für den mega lustigen und super geschriebenen Artikel….wieder typisch. Echt? Es gibt Leute die den Zusammenhang zwischen Schuhe und Sex nicht sehen? Ich jedenfalls, habe mich köstlich amüsiert und vorallem am Schluss hast Du voll Gas gegeben, liebe Michèle, und Autopneu/Schneeschuh ist geil. Kompliment! So oder so will ich hier mal erwähnen, dass deine Artikel sehr gut sind. Ciao

  • P.Wyss sagt:

    Ich ginge lieber mit einer Buffalo-Liebhaberin anstatt einer Pelzkragenträgerin in die Kiste.

  • Martin sagt:

    Es gibt viele Sexkiller. Hier mal meine Top-Liste: Crocs, Holzzoggeli, Birkenstock, Plateau High-Heels (vorne dicke Sohle; hinten langer Absatz), Tiermuster, Damenbart, unrasierte Achseln, ungepflegte Bikinizone, grässliche Zähne, Piercings überall usw.

  • Mminzh sagt:

    Bei uns hiessen Mädchen mit Buffalos „Golfschläger“

  • sam davis sagt:

    „Erst später fand die Wissenschaft heraus, dass Männer eher eine Topfpflanze begatten als eine Frau in Buffalos abschleppen würden – vielleicht trug man deshalb die tief geschnittenen Jeans unten mit Schlag – um die Schande an den Füssen zu verbergen.“

    Ich findes das ziemlich diskriminierend und den ganzen Artikel dümmlich, obwohl er vermutlich lustig gemeint ist. Lustig, wie das Grapschen gewisser Männer. Jetzt machen sogar Sie die Frau/Mann zum Objekt durch Aeusserlichkeiten, und jeder Schmarren wird mit Sex verbunden.

  • Sibylle Bühler sagt:

    5 Minuten nur gelacht! Sie sprechen mir aus dem Herzen Michèle Binswanger; obwohl ich in den 90ern zugegebenermassen selbst diese hässlichen „Sextöter“ trug. Ihr Schreibstil malträtiert mein „Lachorgan“, ein grosses Kompliment!

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