Glück im Wursthimmel

Was für ein Erlebnis! Die glückliche Autorin in der Wurstwerkstatt von Stefan Wiesner – dem Mann mit Hut im Hintergrund.

Zu den wenigen Dingen, die mich (noch) glücklich machen, gehört Food. Wer jetzt schreien will: Essen ist der Sex des Alters, kann es gerne tun, aber ich muss dazu sagen, ich war schon immer sehr foodbegeistert, aber je älter ich werde, desto mehr will ich wissen und können.

Das tolle an Food ist, es geht immer weiter, es gibt nonstop zu entdecken. Vor einigen Wochen erzählte mir eine Bekannte, sie hätte am Samstag keine Zeit, weil sie an einem Wurstkurs mit Sternekoch Stefan Wiesner teilnimmt. Ich dachte, ich höre nicht richtig, das Wort «Wurstkurs» allein ist ja schon Musik pur, aber ausgesprochen von einer Frau?

Spitzenkoch Stefan Wiesner alias der Hexer. Foto: Sabina Bobst

Ich wollte mit zu dem Wurstkurs, und so geschah es, dass wir mit dem Zug nach Escholzmatt fuhren, einem Dorf, in dem das imposanteste Gebäude das Sternelokal Rössli ist.

Die Wurstwerkstatt ist in einem Schuppen hinter dem Lokal eingerichtet, und auf höchstem Niveau. Auf einem langen Holztisch stehen zwölf Kitchen-Aid-Küchenmaschinen in Bonbonfarben – mein Herz schlug bei ihrem Anblick höher. Jede Maschine gehört zu einem Arbeitsplatz mit Messern und Brettern. Wir waren die einzigen Frauen mit zehn Männern.

«Alles kann man zur Wurst machen»

Stefan Wiesner ist ein Connaisseur und Rebell, ich mochte ihn sofort, er erzählte uns die Geschichte der Wurst, während wir uns an einer Vespertafel laben durften. Die Jungs tranken Bier, wir tranken Süssmost. Wiesner ist ein unglaublich sympathischer Mensch, dem man gerne zuhört, egal, was er sagt. Alles, was er kann und macht, hat er jahrelang ausprobiert und für sich weiterentwickelt. Sowohl seine alchemistische Naturküche, die er im Rössli anbietet, als auch seine Wurstrezepte.

Alles kann man zur Wurst machen, ich habe schon alles verarbeitet, eine Maus schmeckt eben nicht so gut wie ein Wildschwein, sagte Wiesner. Jeder Werkstatt-Teilnehmer durfte sich ein eigenes Rezept aussuchen – ich entschied mich für eine Alpwurst und bekam die entsprechenden Zutaten: Fichtennadeln, Trockenbeeren, Pinienkerne, alles musste klein gehackt werden, je 1 Kilo mageres Rind und fettes Schwein von Wiesners Metzger des Vertrauens musste jeder durch den Fleischwolf drehen und dann in der Kitchen Aid schön mischen und würzen. Nebenbei buken wir Brot und rührten Feigensenf an.

Das beste und besonderste Geschenk

Das Überstülpen des meterlangen Lammdarms über die Kitchen Aid war nicht so leicht, genauso wie das langsame Herausdrücken des Bräts in den Darm, sodass gleichmässige Würste entstehen. Einer drückte und ich hielt den Darm fest, wir waren die langsamsten, und die letzten beim einschweissen unserer frischen Würste. Da war ich schon ziemlich am Ende und jammerte leise. Wurstmachen ist Knochenarbeit.

Alles hat ein Ende, nur der Stolz hat zwei.

Die Brätreste kamen zwischen dünne Holzbrettli und wurden von Stefan für uns gegrillt und wieder an einer langen Tafel gegessen. Wir tranken einen mega Rotwein, probierten von den anderen und waren alle irre stolz auf den Riesenhaufen Würste, die wir mit Senfgläsern, drei Broten und einem Buch mit Rezepten mit nach Hause nehmen durften.

Ich war abends so erschöpft, glücklich und erfüllt wie schon lange nicht mehr. Und ich bin sowohl meiner Freundin als auch Stefan Wiesner sehr dankbar für dieses Erlebnis. Machen Sie einen Wurstkurs, es ist total unlangweilig, es wird Sie beglücken, und es ist das ideale Weihnachtsgeschenk für alle, die schon alles haben oder nichts wollen. Ich verschenke dieses Jahr nichts anderes.

Was Wiesner auftischt, hat er jahrelang ausprobiert und weiterentwickelt. Foto: Sabina Bobst

11 Kommentare zu «Glück im Wursthimmel»

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    GUT ESSEN UND TRINKEN SIND DER SEX DES ALTERS! 🙂

    • Benni Aschwanden sagt:

      O.k., und von welchem Alter genau reden wir da jetzt?

      • Karl-Heinz sagt:

        @ Benni:
        Ich würde sagen, wenn der biologische Drang zur Fertilisation nachlässt. Also so ab Fünfzig.
        Wobei abgesehen davon auch der Sex im Alter sehr schön sein kann.

  • marsel sagt:

    Zugegeben, ich liebe Wurst, ich würde mich in so einem Kurs wahrscheinlich wie im siebten Himmel fühlen, aber der Beitrag riecht heute schon ein bisschen nach Paid Post. Und den Zusammenhang mit der „Kunst des Erwachsenwerdens“ sehe ich auf den ersten Blick auch nicht, sind doch Kinder dir grössten Wurstfans überhaupt.
    Aber die Wirkung ist da – ich geh jetzt mal schaun, ob noch frühstückstaugliche Trockenwurst da ist.

  • Pasci sagt:

    Danke für das schöne Wort „buk“. Das liest man nicht mehr oft und ich habe mich gefreut. Beim Lesen des Artikels wurden bei mir Kindheitserinnerungen geweckt. Bei einem Schulgspänli durfte ich auf dem Platz vor der Käserei einen Nachmittag lang Schweinsbratwürste herstellen. Mit Fleisch von Schweinen die der Käser selber gemästet hat. In meiner Erinnerung durfte ich dann gleichentags Berge von frischen Würste verdrücken. Sensationell.

  • Benni Aschwanden sagt:

    Schöne Geschichte. Aber was macht denn das iPhone da zwischen all den Würsten?? 😉

  • christian sagt:

    Kann mir jemand den Unterschied sagen zwischen Wiesner Hutträger.
    Joseph Beuys Hutträger und Gunther von Hagens Hutträger?
    Auflösung erfolgt nach dem 3 Kommentar dazu.

  • beatrice sagt:

    ich habe diesen Wurst-Kurs meinem Partner geschenkt und ich war zuerst etwas skeptisch. Aber der Workshop ist wirklich empfehlenswert und Wiesner ist eine eindrucksvolle Persoenlichkeit mit einer enormen charismatischen Ausstrahlung Ein Mann der eher leisen Töne aber wahrlich ein Künstler.

    Würde jederzeit wieder gehen…. und freue mich bald wieder mal im Rössli in Escholzmatt einzukehren.

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