Ist Sexismus eine Altersfrage?

An Frauen, die ihn wollten, mangelte es dem jungen Trump sicher nicht: Seine zweite Frau Marla Maples heiratete er 1993. Foto: Jeff Christensen (Reuters)

Während derzeit viele Sexisten geoutet werden, frage ich mich: Was ist das eigentlich, ein Sexist? Im Duden steht: «… unter Sexismus wird die offene, auf das Geschlecht (lat. sexus) bezogene Diskriminierung bezeichnet.»

Weiss jemand wie Harvey Weinstein eigentlich, dass er ein Sexist ist, oder denkt er, seine Übergriffe sind für die Frau schön? Ich frage das nur, weil es scheinbar wirklich Männer gibt, die so denken. Sie verschicken gerne auch Bilder von ihren Genitalien, weil sie glauben, dass deren Anblick die Frauen antörnt. Sie denken das vielleicht, weil es sie andersrum antörnt, wenn sie weibliche Genitalien zu sehen bekommen, und sie darum manchmal, etwa beim Onlinedating, auch darum bitten («Schick doch mal bitte ein erotisches Bild von dir»). Deswegen sollte man überlegen, inwiefern offener Sexismus auch sexistisch beabsichtigt ist.

Wie war Weinstein als junger Mann?

Es scheint ausserdem, dass sich bei Männern mit zunehmendem Alter auch «sexistisches Verhalten» vermehrt. Gibt es zum Beispiel Informationen darüber, ob der ganz junge Harvey Weinstein schon so ätzend war wie der alte? Oder der junge Woody Allen schon ein Pädophiler? Ich denke nicht. Auch der alte Trump ist ein bekennender Sexist, der selbst sagt, wenn man Macht habe, könne man alle angrapschen. Hatte es Trump in jungen Jahren wirklich nötig, Frauen anzugrapschen? War er nicht sowieso so zuckersüss, dass er viele Frauen für sich gewinnen konnte – ganz ohne Gegrapsche?

Und jetzt erzählt er so einen peinlichen Quatsch: «Ich kriege alle, weil ich reich und mächtig bin.» Also geht es darum – um Macht? Macht ist ein ganz besonders köstliches Elixier, aber kickt ihn seine Macht jetzt als alter Sack mehr als sein natürlich-jungenhafter Sex-Appeal in jüngeren Jahren? Man will ihn in den Arm nehmen und trösten: «Ist ja gut, Opi, du hast Macht.» Anika Decker, in Deutschland als Drehbuchautorin und Regisseurin erfolgreich im Film-Business («Keinohrhasen», «Traumfrauen», …), sagt aus Erfahrung: «Es sind ja immer sehr viel ältere Männer, die sich an sehr junge Frauen ranmachen.» Was ich sagen will, ist, dass diese alten Sexisten, die junge Frauen nötigen, am Ende vielleicht nur das Ergebnis der Kombination Lustgreis + Verzweiflung sind.

Man kann sich drauf einstellen

Ein Mann, der einer Frau einfach die Zunge in den Mund schiebt, als wäre er nicht ganz dicht, der muss einem doch leidtun. Zumal es gar nicht um die Frau geht, sondern darum, sich selbst zu beweisen, dass er, wenn er schon zu einem aufgedunsenen Kokainfass mutiert ist, trotzdem mächtig genug ist, dass sein Aussehen keine Rolle mehr spielt.

Ich persönlich finde offenen Sexismus nicht so schlimm. Man weiss wenigstens, wie es läuft, und kann sich darauf einstellen. Ich finde den Neosexismus, den versteckten Sexismus, viel schlimmer, weil Männer ihre negativen Gefühle und Ängste gegenüber Frauen verdecken müssen, um nicht als Sexist aufzufliegen. Aber das besprechen wir noch in Ruhe.