Erinnerungen eines Hippiemädchens

Wiedersehen in Woodstock: Blue Hallock wurde 1969 als 18-jährige Besucherin des legendären Musikfestivals in Bethel, New York, für das Magazin «Life» fotografiert. Dieses brachte sie 1998 mit zu «A Day in the Garden», einem Festival am selben Ort. Foto: Reuters

Alte neigen ja bekanntlich dazu, die Vergangenheit zu idealisieren. Auch ich tappe manchmal in diese Falle, etwa dann, wenn ich Bilder von Woodstock sehe. Langhaarige Blumenmädchen in romantischen Kleidern, die mit ebenso langhaarigen Jungs nackt baden, in der freien Natur schmusen und zur Musik von Janis Joplin und Co. tanzen. Ach. Zu jener Zeit war ich 17 und träumte von der freien Liebe. Und man war ziemlich frei. Es gab die Pille, Aids war noch kein Thema, und wir warfen die alten moralischen Gebote über Bord.

Heute dagegen höre ich, wie viele junge Menschen gegen ihren Willen Singles sind. Sie daten bei Tinder, Elite oder Parship im Wochentakt irgendwelche Kandidaten oder Kandidatinnen, landen nach ausgiebigem Alkoholgenuss auch mal mit jemandem im Bett, bleiben aber weiterhin Single. Die freie Liebe – gabs die überhaupt jemals? – scheint verschwunden zu sein. Die jungen Leute sind beschäftigt mit Studium und Dates, für Abenteuer bleibt kaum Zeit, ausser vielleicht für Kreuzfahrten und Gruppenreisen. Es scheint offenbar heute schwer zu sein, eine Liebe zu finden, die eine Nacht, einen Monat oder Jahre dauert.

Es war einmal einfach, jemanden kennen zu lernen

Ohne die Hippiezeit idealisieren zu wollen: Es ist eine Tatsache, dass es damals einfach war, jemanden kennen zu lernen. Man traf sich, redete, tanzte und hatte, falls von beiden Seiten gewünscht, auch Sex. Für alles trug man selber Verantwortung. Wir Mädchen sagten Ja oder Nein, oder ergriffen auch selber die Initiative. Was «die Leute» dachten oder sagten, war mir egal. Das ist bis heute so geblieben. Vielleicht ist es Altersblindheit, aber ich finde, das Leben war einfacher ohne Genderfragen, ohne politische Korrektheit und #MeToo-Bewegung.

Hier und dort konnte man etwas lesen, 50 Jahre nach 1968. Über die damalige Rebellion gegen den kleinbürgerlichen Mief und sexuelle Verklemmtheit. Über Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg und für den Frieden. Als ehemaliges Hippiemädchen kann ich nur sagen: Ich lebte damals nicht nur meinen Traum, sondern fast alle Träume. Und ich war überzeugt, die Welt verändern zu können. Verpasst habe ich nichts. Arbeitete in den verschiedensten Jobs, reiste dann wieder monatelang herum, nur mit einem Rucksack, kam zurück und hatte sofort wieder eine Stelle.

Allerdings blieb es mir nicht erspart, manchmal heftig auf dem harten Boden der Realität zu landen. Da bin ich jetzt: alt, aber im Herzen noch die Rebellin, die immer noch gerne zu Musik von den Rolling Stones tanzt.