Insomnia, du alte Schlampe

Von wegen Schäfchen zählen: Insomnia zu bekämpfen, ist alles andere als einfach. (Foto: iStock)

Männer in wichtigen Positionen prahlen gern damit, wie wenig Schlaf sie brauchen. Höchstens drei Stunden pro Nacht, denn sie stehen gern um vier Uhr morgens auf, bis um sechs haben sie bereits ihr Triathlon-Training absolviert, um dann den ganzen Tag bis spät in die Nacht zu arbeiten. So tickt ein richtiger Manager – man nennt sie deswegen auch Schlaf-Machos.

Andere schlafen auch nur vier Stunden, aber unfreiwillig. Entweder weil sie von plärrenden Babys geweckt werden oder besoffenen Teenagern. Oder es ist Insomnia, die alte Schlampe. Wer unfreiwillig um seinen Schlaf gebracht wird, dem steht der Sinn nicht nach Prahlen. Er schleppt sich ins Büro und ist die halbe Zeit damit beschäftigt, nicht einzuschlummern. Die andere Hälfte verbringt er damit, Pläne für einen besseren Schlaf zu schmieden. Doch mit dem Schlaf ist es wie mit der Gesundheit: Man kann ihn nicht erzwingen – und selbst, wenn man das Problem überwindet, weiss man oft nicht, welches Mittel letztlich den Ausschlag dazu gab.

Lange Nächte und Erklärungsnöte

Bei mir ging das so: Ich lernte Insomnia zum ersten Mal nach meiner Trennung kennen. Jede Nacht schreckte ich willkürlich auf, in Bächen von Schweiss und mit ratternden Gedanken, und konnte nicht mehr einschlafen. Ich zog alle möglichen Erklärungen dafür in Erwägung: verfrühte Wechseljahre, Mondzyklen, Lebensmittelallergien. Nur auf die naheliegendste Erklärung kam ich nicht. Erst, als sich das Problem wieder gelegt hatte, fiel es mir wie die Bettdecke von der Chaiselongue: Es hatte mit meinem psychischen Stress zu tun.

Auch jetzt schlafe ich wieder schlecht – und auch jetzt habe ich keine Ahnung wieso. Sind es etwa doch die Wechseljahre, die Hormonumstellung, sind es unterdrückte Probleme? Leide ich unter vorzeitiger seniler Bettflucht? Möchte mir mein Biorhythmus mitteilen, dass ich zur Managerin geboren bin? Ich kann mich nicht entscheiden, denn ich finde alles ähnlich unerfreulich.

Komm in meine Arme, Insomnia

Was auch immer der Grund für meine Phase der Insomnia ist: Er spielt keine Rolle. Denn auch hier gibt es eine Parallele zur Gesundheit: Die Ursache für die Krankheit ist eigentlich egal, Hauptsache man findet ein Mittel, um wieder gesund zu werden. Hier ist Doktor Internet ganz klar: Schlafräume sollten ganz dem Schlaf gewidmet sein, dunkel, bequem, gelüftet, ruhig. Das Bett sollte für Menschen reserviert sein, Handys, Tablets und Computer müssen draussen bleiben – von der aktuell gebingten Serie direkt ins Koma fallen, ist also nichts. Auch sollte man sich mit schönen, aufbauenden Gedanken beschäftigen, bevor man schlafen geht, also scheiden auch die sozialen Medien aus, weil man sich da ja tendenziell immer aufregt. In meinem Fall jedoch sind all diese Tipps ohnehin wertlos, weil ich kein Problem mit Einschlafen habe – aber damit, dass ich in der Nacht dauernd aufwache.

Da ich nicht weiss, wie ich Insomnia Herr werden soll, schliesse ich sie einfach in meine Arme. Komm in mein Bett, Insomnia, und lasse uns Spass haben, solange du es für richtig hältst. Sicher wird sie sich bald schon mit mir langweilen. Hoffentlich reicht es dann bis zur senilen Bettflucht noch für ein paar sauber durchgeschlummerte Nächte.