Es einfach mal sein lassen

Shhh…: Oft ist es die bessere Entscheidung, Provokationen unbeantwortet zu lassen. (Foto: iStock)

Gestern war mal wieder so ein Tag. Rechtsradikale überfallen Chemnitz, ein zutiefst schockierendes Ereignis, entsprechend gewaltig ist der Sturm, der in den sozialen Medien losbricht. Letzte Woche war es der Hashtag #Allmenaretrash, der mich umtrieb. Und davor irgendeine andere Diskussion. Wie immer, wenn man auf Twitter herumsurft, möchte man sich da und dort einschalten und seinen eigenen Meinungssenf in die Sauce drücken. Man reagiert auf Statements, weil man zustimmt oder eben nicht, möchte eine andere Perspektive anbringen, sieht einen Logik- oder Denkfehler, muss ganz einfach Dampf ablassen.

Schon hatte ich das Handy in den Fingern, schon einen Kommentar getippt. Und dann löschte ich ihn wieder. Weil: Man kann es ja auch einfach mal sein lassen.

Von Twitterkompetenz bis Kindererziehung

Und wie oft, wenn man einfach mal etwas sein lässt, was man sonst tun würde, ohne viel darüber nachzudenken, war es die bessere Entscheidung. So ging es mir auch schon in den vergangenen Wochen und Monaten. Immer wieder stolperte ich über Themen und Diskussionen, wollte mich beteiligen und beschloss dann, es einfach mal sein zu lassen. Weil es oft die bessere Entscheidung ist.

Es ist ein Lernprozess, den ich auch anderswo anzuwenden versuche. Zum Beispiel in der Kindererziehung: Manche Konflikte laufen nach dem immer gleichen Muster ab. Jeder hat seine Rolle, der Dialog wird wie nach dem Willen einer unsichtbaren Regie abgespult, zuverlässig landet man beim immer gleichen Resultat. Es sei denn, einer der beiden lässt es einfach mal sein. Lässt die Provokation unbeantwortet, gibt dem Ärger keinen Raum, sich zu entfalten, sondern jagt ihn in seinen Käfig zurück, bis er sich beruhigt hat. Und meistens ist es die bessere Entscheidung.

Die hohe Kunst der paradoxen Intervention

In der Psychologie gibt es den Ausdruck der «paradoxen Intervention». Als Lehrbeispiel erzählte mir meine Mutter, eine Kinderpsychiaterin, folgende Geschichte: Ein Bauer will sein Pferd in den Stall bringen. Doch dieses weigert sich partout und stemmt die Vorderhufe in den Boden. Also bittet der Bauer seinen Sohn, ihm zu helfen, das Pferd am Halfter zu ziehen. Doch der Sohn geht nicht zum Kopf des Pferdes, sondern zu seinem Hinterteil und zieht es am Schwanz, worauf das Pferd einen gewaltigen Satz macht – und im Stall ist.

Paradoxe Interventionen zu meistern, ist eine hohe Kunst – und sicherlich ist nicht jedem gegeben, im richtigen Moment mit einer gezielten Handlung das gewünschte Resultat zu erreichen. Noch schwieriger ist es, die eigenen eingespielten Verhaltensmuster zu durchbrechen. Wenn die Affekte aufflackern, macht sich der für die Impulskontrolle zuständige präfrontale Kortex gern zum Komplizen, behauptet, es sei ganz, ganz wichtig, sich hier zu Wort zu melden. Es gehe um Autorität, darum ein Zeichen zu setzen, der Welt zu beweisen, dass man recht hat. Denn darum geht es ja meistens: recht haben zu wollen.

Nur leider bekommt man ja nie einfach recht, im Gegenteil. Meistens kommt der nächste Kommentar und der nächste Affekt, bis man sich völlig entnervt aus der Diskussion verabschiedet und sich schwört, das mit den sozialen Medien künftig sein zu lassen. Aber man kann ja auch einfach mal die Schnauze halten, einfach mal anders reagieren, einfach mal abwarten. Das sollten wir alle viel öfter tun. Und die sozialen Medien sind dafür ein perfektes Trainingsgelände.