Chill the fuck out!

Wird wegen seines Facebook-Eintrags stark kritisiert: SVP-Nationalrat Andreas Glarner. (Foto: Keystone)

Natur ist geduldig, denke ich, wenn ich im Haus am See bin. Und eifrig ist sie auch, jeder Gärtner kennt den Kampf gegen das wuchernde Grün, weshalb ich immer als Erstes den Rasenmäher aus dem Bootshaus schleppe und hinter dem lärmenden Gefährt hertrotte, bis der Rasen wieder sauber gemäht ist.

Rasenmähen ist wie staubsaugen oder putzen eine der Tätigkeiten, deren Sinn sich mir als Teenager nicht erschloss. Dieses Gesauge, die ganze Zeit, das WC-Gespüle oder eben Rasenmähergelärme – warum können Erwachsene denn nicht einmal «chill the fuck out»? 

Mittlerweile habe ich selbst zwei Teenager im Haus, und das ist anstrengend, auch wenn es nette Teenager sind. Sie sind irrational und unberechenbar, und ihre Stimmungen schwanken zwischen Euphorie und Depression, und was man auch tut, wie man auch reagiert, es ist falsch.

Ein Raum voller Teenager

So sind sie eben, und irgendwann sollten sie erwachsen sein und sich dann auch wie Erwachsene aufführen. Aber mittlerweile zweifle ich manchmal, ob Erwachsene wirklich so anders sind, vor allem, wenn ich mir die sozialen Medien anschaue. Wenn ich heute Twitter und Facebook öffne, kriege ich den Eindruck, die Tür zu einem Raum voller Teenager zu öffnen – die lauthals über vermeintlich weltbewegende Dinge streiten, wie etwa welcher der beste Rapper der Welt ist. Und das mit einer Ernsthaftigkeit, als hinge das Schicksal der Menschheit davon ab. Dabei fliegen die Fetzen, es wird geflucht, und es stinkt nach Teenagerschweiss. Im übertragenen Sinn.

Ein irrationales, unberechenbares und kontraproduktives Theater, euphorisch und depressiv zugleich. Jeder hält sich für den Mittelpunkt der Welt, jeder glaubt für eine bessere Welt zu kämpfen und sieht dabei nicht, was für den Aussenstehenden offensichtlich ist: dass ihr Geschrei ein Teil des Problems und nicht der Lösung ist.

Es war einmal ein politischer Idiot…

Nehmen wir den Cervelat-Streit: Ein politischer Idiot wittert in der Empfehlung einer Primarschullehrerin den Kniefall seines Heimatlandes vor einer fremden Kultur. Das postet er auf Facebook. Ein paar seiner politischen Gegner finden das schrecklich und bekunden das auch. Der Streit führt dazu, dass die klassischen Medien das Thema aufgreifen und den Streit in die breite Öffentlichkeit bringen.

Und jetzt geht es los: Sie plärren und keifen sich in den sozialen Medien gegenseitig an wie Teenager. Jeder im Furor des Glaubens, als Einziger recht zu haben und das Abendland vor dem Untergang zu retten. Aber die Selbstgefälligkeit von Andreas Glarners Gegnern, die ihn nur als Folie benutzen, um ihre eigene Rechtschaffenheit zu beweisen, ist fast genauso abstossend wie Glarners xenophober Facebook-Eintrag.

Wer den Part der Erwachsenen spielen sollte

Was den Erwachsenen vom Teenager unterscheidet, ist nicht die Intelligenz, sondern der durch Erfahrung gewonnene Überblick. Wer nicht putzt, lebt bald in einem Schweinestall. Wer den Rasen nicht mäht, findet irgendwann den Zugang zu seinem Haus nicht mehr. Der Medienphilosoph Boris Groys wusste schon vor zehn Jahren, dass die klassische Kritik in der Postmoderne keinen Sinn mehr macht, denn in einer von Aufmerksamkeitsökonomie gesteuerten Welt, verschafft auch negative Kritik dem Kritisierten Aufmerksamkeit, befördert ihn also.

Es mag falsch scheinen, jemandem wie Glarner nicht zu widersprechen. Mit etwas Überblick muss man jedoch fordern: «Chill the fuck out.» Und das gilt insbesondere für klassische Medien, denn die sollten hier den Part der Erwachsenen spielen. Denn die Leidtragenden sind am Ende die betroffenen Schüler.