Die grosse Kälte

Wer waren wir? Wer sind wir jetzt? Szene aus dem Film «The Big Chill» (1983).

Jedes Jahr versuchen in der Schweiz zwischen 15’000 und 25’000 Menschen, sich das Leben zu nehmen. Über 1000 Personen sterben dabei. Das sind dreimal so viele wie die Verkehrstoten. Jede zweite Person in der Schweiz kennt mindestens einen Menschen, der durch Suizid gestorben ist.

Ich kenne vier – einen Arbeitskollegen, zwei Bekannte und einen guten Freund. Meine Reaktion auf die Todesnachrichten war stets dieselbe: Leere, Unverständnis, Schuldgefühle – nicht etwa Trauer. Wahrscheinlich liegt das an der Unfassbarkeit der Situation, wahrscheinlich spielt auch Selbstschutz eine Rolle. Die Trauer kam später. Schubweise, plötzlich, immer wieder. Bis heute.

Und bis heute stelle ich mir die Frage nach dem Warum. Zumindest die Statistik hat eine banale Antwort darauf: Die häufigste Ursache für einen Suizid sind diagnostizierbare psychische Erkrankungen. Ungefähr 90 Prozent aller Fälle in den westlichen Gesellschaften werden darauf zurückgeführt.

Was hatten wir gefeiert!

Solche Zahlen sind wichtig für die Präventionsarbeit. Aber letztlich steckt hinter jedem Suizid eine persönliche Tragödie, ein individuelles Unglück. Von meinen Bekannten wurde bloss jemand als depressiv diagnostiziert und war in entsprechender Behandlung. Bei den anderen, durchaus lebenslustigen, extrovertierten Menschen irgendwo zwischen 30 und 40, passierte der Suizid – zumindest für mich – völlig überraschend.

Haderten sie mit Veränderungen in ihrem Leben, die ich nicht mitbekommen habe? Das wäre umso trauriger, weil Suizid laut Fachleuten eine Verzweiflungstat ist, die der Betroffene in einer anderen Situation nicht begangen hätte. Und Krisensituationen sind irgendwann ja vorbei.

Oder ist es genau umgekehrt? Hatte sich ihr Umfeld verändert, aber sie sich selbst nicht, was sie in einen Zustand der Isolation und Hoffnungslosigkeit stürzen liess? Beim guten Freund, den ich verloren hatte, wurde ich dieses Gefühl nicht los. Was hatten wir gefeiert! Und dann plötzlich kriegten viele in meinem Bekanntenkreis Kinder und ergatterten tolle Jobs und Wohnungen, kurz: Man wurde erwachsen, oder dachte es zumindest.

Die traurigste aller Erklärungen

Dass sich jemand umbringt, weil ihm sein Umfeld fremd wird, weil er sich plötzlich alleine wähnt, ist die traurigste aller Erklärungen. Weil sie den Hinterbliebenen indirekt Schuld auflädt. Vor allem aber, weil sie nicht stimmt. Zur Familie zu werden, ist keine Garantie auf Glück und auch kein exklusiver Club. Man muss dazu nicht einmal die Scheidungsraten der Mittvierziger angucken, sondern bloss an eine Klassenzusammenkunft gehen, wo scheinbar erfolgreiche und im Leben angekommene Menschen ihre Vergangenheit zelebrieren, weil sie die Zukunft fürchten – und oftmals die Gegenwart bedauern. Wer waren wir? Wer sind wir jetzt? Was ist mit uns passiert? Was wird mit uns geschehen?

Es gibt mit «The Big Chill» einen Film, der diese Stimmung und Thematik perfekt auffängt. Er beginnt mit einer Beerdigung, wo eine ehemalige Studenten-Clique Abschied von einem Freund nimmt, der sich umgebracht hat. Nach dem Begräbnis wird geredet, gestritten und geflirtet. Lange gehütete Geheimnisse und Lebenslügen kommen ans Licht. Doch der Film führt nirgends hin, am Schluss ist nichts wirklich geregelt, es tritt keine Veränderung ein. Die alten Weggefährten gehen zurück in ihr Leben. Wieso sich ihr Freund getötet hat, erfährt man nicht.

Als ich «The Big Chill» mit 20 zum ersten Mal sah, regte ich mich auf: Das ergibt doch alles keinen Sinn, das kann doch nicht sein. Heute denke ich, dass dies die Botschaft des Films ist.