Wenn Mode religiöse Gefühle verletzt

  • Grosser Auftritt: Katy Perry an der Met-Gala in New York. (Foto: Jason Kempin/Getty Images)

  • Die Mutter aller katholischen Inszenierungen: Madonna. (Foto: Raymond Hall/Getty Images)

  • Trug das letzte Abendmahl als Robe: Ariana Grande. (Foto: Jason Kempin/Getty Images)

  • Facettenreiche Bilderwelt der Kirche: Alessandro Michele, Lana del Rey und Jared Leto. (Foto: Jason Kempin/Getty Images)

  • Gewohnt glamourös: Sängerin Rihanna in Papst-Robe. (Foto: Jackson Lee/Getty Images)

  • Trägt das Krippenspiel als Hut: Schauspielerin Sarah Jessica Parker. (Foto: Jason Kempin/Getty Images)

Am Montag ging mit der Met-Gala einer der wichtigsten Modetermine des Jahres in New York über die Bühne. «Vogue»-Chefin Anna Wintour lädt traditionell ein und gibt das Motto vor. Und alle, die in Mode, Musik und Kunst einen Namen haben, suchen sich mit extravaganten Roben zu übertrumpfen. Das Motto dieses Jahres lautete: «Himmlische Körper: Mode und die katholische Vorstellungskraft».

Entsprechend aufgerüscht wandelten die Stars dann über den roten Teppich: Rihanna im Papst-Outfit, Jennifer Lopez als juwelenbesetztes Kreuz, Ariana Grande trug das letzte Abendmahl als Kleid, die Hadid-Schwestern liessen sich von Kathedralen-Bleiglasscheiben inspirieren, Rita Ora trug einen Monstranz-Kopfschmuck.

Grosses Kino und verletzte Gefühle

Mich persönlich schüchtert Mode ein, wenn sie zum ganz grossen Kino ansetzt. Aber dann macht sie Spass, und ich fühle mich höchstens ab und zu in meinem ästhetischen Empfinden verletzt. Anders bei Publizist Piers Morgan. In einem scharfen Kommentar in der «Dailymail» stellte er die Frage, ob man sich eine ähnliche Veranstaltung auch zum Thema Islam oder Judentum vorstellen könnte. Und warum sich hier eigentlich niemand über Cultural Appropriation aufrege: Sarah Jessica Parker etwa trug einen kleinen Stall mit Krippenspiel als Hut. Er als Katholik, schrieb Morgan, empfinde das als respektlos gegenüber seiner Religion, die hier der Lächerlichkeit preisgegeben werde.

Die Met-Gala ist für viele die Party des Jahres. (Video: Tamedia/AFP)

Zunächst: Ich bin kein Fan von Morgan, aber die Frage ist legitim. Wenn eine Studentin in einem Kleid im chinesischen Stil zu einer Prom-Feier auftaucht, dann bricht ein Sturm der Entrüstung los, weil das Cultural Appropriation sei. Eigentlich würde man einen ähnlichen Sturm für jene erwarten, die sich durch Celebrities in Papst-Roben in ihren religiösen Gefühlen verletzt sehen. Der blieb aber aus – vielleicht auch, weil der Vatikan die Veranstaltung im Vorfeld gutgeheissen hatte.

Armes Christentum?

Morgan bemüht ein beliebtes Argument, das sich in immer anderen Ausformungen findet und so geht: Linke Universalisten würden mit zwei Ellen messen. Andere Kulturen seien wichtiger als die eigene. Minoritäten würde zu viel Gewicht beigemessen. Und während man das Recht anderer auf religiöse Gefühle hochhalte, trete man das Christentum mit Füssen.

Leider ist das ein etwas weinerliches Argument. Lange genug war der Westen die dominierende Kultur mit weissen Männern an der Macht. Und wenn diese sich nun darüber beklagen, dass man auf andere mehr Rücksicht nehmen würde als auf sie, tönt das ein bisschen kindisch.

Womit sie hingegen recht haben: Gewisse Universalisten schiessen mit ihren Kämpfen übers Ziel hinaus. Wenn Studenten universitäre Safe Spaces brauchen, um frei denken zu können, oder wenn Studentinnen mit Cultural-Appropriation-Shitstorms bedacht werden, weil sie ein chinesisches Kleid tragen, dann darf man das ebenfalls hinterfragen.

Beispiel für fruchtbaren kulturellen Austausch

Piers Morgan liegt dennoch falsch. Dass keine erbosten Katholiken vor dem Museum «Vogue»-Magazine verbrennen, ist ein gutes Zeichen. Und es müsste möglich sein, auch eine Gala zum Thema Islam zu veranstalten – ohne dass dabei wütende Mobs sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt sehen. Man kann die Met-Gala nämlich auch anders interpretieren. Nämlich als Verneigung der Mode vor der Bilderwelt der Kirche, als Respektbekundung für den Beitrag des Katholizismus zur modernen Kunst. Ein Beispiel für fruchtbaren kulturellen Austausch.

Und bevor er sich das nächste Mal als Katholik angegriffen fühlt, sollte er vielleicht mal darüber nachdenken, was seine Kirche von seinen diversen gescheiterten Ehen hält.