Die Regeln des Digitaldating

Zeitvertreib ohne Hintergedanken: Digitaldating muss man verstehen und mögen. Foto: iStock

Da meine verehrten Leser anscheinend keine klaren Vorstellungen davon haben, was ein Date sein soll und wozu es gut ist, möchte ich die Definition einmal ganz genau darlegen. Beginnen muss ich wohl beim sogenannten Digitaldating. Dieses wird, wie hier fälschlich angenommen, nicht in der Absicht betrieben, sexuelle Kontakte herzustellen – ausser, es findet auf Tinder und ähnlichen Apps statt. Aber dann nennt man es international nicht Digitaldating, sondern Online-Dating oder schlicht tindern. Und Tinder-Dates sind Tinder-Dates und keine echten Dates.

Digitaldating aber wird im Gegensatz dazu ohne Ziel betrieben. Es dient allein zum Zeitvertreib und als Flirt-Maschinerie, die irgendwann zu einem echten Date führen kann, aber nicht muss. Es kann auch schlicht dazu dienen, sich gegenseitig in Erinnerung zu halten, etwa bis die Zeit für ein Wiedersehen reif ist. Oder wenn man eigentlich grade anderweitig versorgt ist, aber den Draht nicht abreissen lassen möchte.

Humor und Eloquenz sind gefragt

Digitaldating heisst so, weil man sich digital datet und nicht in echt. Es heisst nicht so, weil man sich digital anmacht, um sich dann zu treffen und zu vögeln. Dass sich zwei, die sich nur übers Digitaldating und nicht in echt kennen, in der Absicht treffen, den Geschlechtsakt durchzuziehen und das dann auch tun, habe ich noch nie gehört. Dazu ist Digitaldating eigentlich der falsche Weg. Wird es sicher auch geben, aber das sind dann ganz andere Milieus.

Digitaldating ist Fun, man braucht viel Humor und Eloquenz. Wer stumpf ist und nichts zu sagen oder zu senden hat, kann nicht mitmachen. Die meisten Digitaldater beabsichtigen beiderseits gar kein Treffen in real, sondern wollen gamen. Ich persönlich habe sehr viele Digitaldater in meinem Netzwerk, die ich fast alle sehr schätze, die sich unregelmässig und meistens auf ein bestimmtes, aktuelles Thema bezogen melden, und denen es trotz Flirtation nicht um ein Treffen geht. Es ist eine ganz besondere Virtualität, die man verstehen und mögen muss.

Mit vollkommen Wildfremden geht das nicht und kommt auch nie zustande. Man kennt den anderen vom Sehen, von weitem, Freund von Freunden oder durch seine Position in der Gesellschaft. Wenn mich  jemand anchattet und nach zwei Sätzen fragt: Kann ich dich anrufen, das Tippen nervt? – dann ist Schluss, denn der hat das Prinzip Digitaldating nicht verstanden. Wer will denn telefonieren? Telefonieren kommt nach dem ersten Date und ist sehr intim. Digitaldating bedeutet aber nichts, ist unverbindlich und als Game zu verstehen.

Flirten auf dem Sofa

Die Regeln des digitalen Flirtings sind eigentlich bei uns in Europa allen so bekannt, als hätte es staatlich organisierte Schulungskurse gegeben. Diese Regeln werden normalerweise streng eingehalten. Digitaldating ist ein geistiges Flirttraining mit hohem Unterhaltungswert. Zudem ist Flirten ja etwas sehr Schönes und durch das digitale Zeitalter jetzt allgegenwärtig. Denn es ist atmosphärisch verlagert und muss nicht mehr Auge in Auge stattfinden. Das nimmt der Flirtation die unnötige Schwere, macht sie leicht und überall anwendbar. Man muss sich noch nicht mal vom Sofa oder aus seinem Bett erheben und kommt dennoch in den Genuss angenehmer Stimulation.

Warum alle Welt die Regeln des Digitaldating kennt und schätzt, diese aber ausgerechnet einigen Lesern dieses Blogs unbekannt sind, ist noch unerforscht. Ich kann nur sagen: ausprobieren!

34 Kommentare zu «Die Regeln des Digitaldating»

  • Kerstin sagt:

    Hey Leute, virtual dating ist absolut das Beste was es gibt. Couch und Kaffee Unterhaltung mit lustigen, spannenden und tiefsinnigen Themen mit Menschen die auf einer Wellenlänge sind. Aber Achtung: auch hier muss der Funken springen. Menschen die in der realen Welt schon Mühe haben im Umgang mit anderen, werden es auch digital nicht einfacher haben.

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    beim digitaldating brauchts wohl wirklich viel „humor…“. und man merke – „sie schauen nie so aus wie auf dem foto – nie. 🙂
    ich habe meine frau – ich weiss – to-tal veraltet, noch in einer netten bar spontan kennengelernt. ohne den ganzen on-line-firlefanz. zum glück.

    • Andrea sagt:

      Wieso wissen Sie, dass die Frauen nie so ausschauen, wie auf dem Bild, wenn sie ihre Frau vor dem ganzen Onlinefirlefanz kennengelernt haben? Offene Ehe?

    • Rodolfo sagt:

      @ Andrea
      Philipp hat das von mir, bin da länger und an verschiedenen Orten aktiv und es stimmt, leider, so gewaltig, so schnell können sich Falten und Runzeln doch gar nicht entwickeln, musste ich vielfach bemerken. Wobei – ich denke auch bei den Männlein ist das Foto meistens eher schmeichelnd und schon älter wie man live dann erfährt, der Bauch gewachsen, der Coiffeur schon pensioniert, die Dusche kaputt

  • Hansli sagt:

    Ich kenne absolut niemand der ihr Digirgendwas macht. Abgehsehen von einigen wenigen Herren, betreibt auch niemand Onlinedating um in möglichst vielen Betten herumzuhüpfen, sondern um einen Partner zu finden.

  • Peter sagt:

    Herrlich – das kann auch nur von einer Frau kommen !! Digital Dating ist der rosarote Versuch, den Traumprinzen kennen zu lernen – und nein, alle Männer dort wollen nicht ihren Geschlechtstrieb ausleben und sind ebenso auf der Suche nach ihrer Traumprinzessin !!
    Wenn Mann früher in Diskos auf die Jagd gegangen ist und nur eine begrenzte Menge an Jagdwild vorgefunden hat, potentiert das DD jetzt die Menge des zu erlegenden Wildes. Man kann sogar simultan jagen !
    Gilt natürlich auch für das Wild – es kann sich in aller Ruhe den Jäger aussuchen, von dem es sich erlegen lassen will.
    Die einzige Hürde die es aber beim DD zu nehmen gilt, wenn die Traumwelt auf die reale trifft….
    Trotzdem gibt es immer noch Frauen, die glauben, Männer wollen reden…

    • Nina sagt:

      Sie werden lachen, aber es gibt tatsächlich Männer die manchmal reden wollen und einen intelligenten Dialog durchwegs gut finden. Digitales Dating ist wirklich gut, wenn man nicht wirklich einen Mann real sehen will, aber auch nicht auf die Aufmerksamkeit der Männer verzichten will. Wie immer in der digitalen Welt: keine identifizierbaren Fotos, nicht die private Telefonnummer oder das Festnetz (ok ist Zweitnummer oder Geschäftshandy), keine Wohnadresse, kein Arbeitsort, nicht der volle Namen, keine Fotos von Kindern oder andere Personen. Online ist so sicher, als ob man all die Infos im HB auf der Hauptanzeigetafel publiziert. Zu gefährlich.

    • Michelle sagt:

      Was für eine herrliche Jagdgeschichte. Ob digital oder real, in meiner Generation erlegen Frauen auch gerne mal einen Hirschen – und sind froh, wenn er nicht zu viel labert 🙂

  • Anh Toàn sagt:

    Bei einem Flirt muss es nicht um Sex oder eine Beziehung gehen: Was Sie online tun, heisst flirten und nicht daten.

    • Anh Toàn sagt:

      Also iternational halt, heisst dies flirten und nicht daten, vielleicht sagt man dem in Berlin daten zu flirten aber was bedeutet dann Flirten in Berlin?

      • Nicolas Herrigel sagt:

        Anh – was immer das für ein Name sein mag weiblich oder männlich … flirten ist das spielerische abtasten und Informationen sammeln und kann bei match gleich oder zu einem späteren Zeitpunkt zu einem date übergehen oder führen. Aber egal wie man es nennt … es findet eben nicht nur im Kopf statt, wenns nicht kribbelt ist es nicht flirten …

  • Anh Toàn sagt:

    Ist Flirten das Gleiche wie Daten? Was ist der Unterschied?

  • Anh Toàn sagt:

    Flirten Sie nur oder daten Sie?

    • Nina sagt:

      Es ist völlig wurscht wie Sie es nennen. Hauptsache man landet im Bett oder sonstwo.

      • Anh Toàn sagt:

        Ich habe bei der Arbeit oft und gerne geflirtet, heute gibt es weniger Gelegenheit, gerade weil ausgeschlossen war, für mich zumindest, im Bett oder sonstwo zu landen.

        Bei einem Date aber geht es um Evaluation eines Sexual- oder Beziehungspartners. Flirten ist erwartungsfrei, investitionsfrei, beliebig, will die nicht, kann ich mit der nächsten auch. Ein Date beeinhaltet Verbindlichkeiten, Anstrengung und daraus resultieren Erwartungen. (Sie hat sich aufgerüscht und er will Döner oder Pub) Inhaltlich macht Frau Kiani diesen Unterschied durchaus, aber hier verwendet sie daten für flirten um daraus zu schliessen, ihre Leser verstehen daten nicht. Es geht nicht um online oder offline, virtuell oder real, es geht um flirten und daten.

  • zysi sagt:

    Da in dieser virtuellen Welt….gibt es da eigentlich auch Flirtroboter?

  • Ralphi sagt:

    Sie scheinen Ihrer Leserschaft nicht gerade ein hohes Niveau zuzutrauen, wenn Sie dieser ein Date erklären müssen…

    • Maike sagt:

      Guter Beitrag – das ist eben die Krux, wenn man ganz normale Dinge mit Anglizismen beschreibt. Da ändert sich dann schnell die Bedeutung. Ein Hausmeister oder Hauswart wird jetzt zum Facilty Manager, eine Herausforderung eine Challange und eine Verabredung zu einem Date. Wenn man des jetzt aber wieder zurück übersetzt, entsteht auf einmal ein ganz breites Spektrum. Und so bekommt auf einmal die stinknormale Verabredung noch ganz andere Interpretationsmöglichkeiten. Mit oder ohne Anfassen, mit oder ohne Austausch von Flüssigkeiten… Alles uralter Wein in neuen Schläuchen.

  • Ichbinesoderso sagt:

    Digitaldating ist ein cooler zeitvertreib. Du kannst alles sein was du willst, mal Frau mal Mann, mal jung mal alt, mal reich mal arm.

  • Nicolas Herrigel sagt:

    Im Gegensatz zur Autorin, mag ich am sogenannte ‚Digitaldating‘ mit Menschen in Kontakt zu treten die mir anfangs komplett unbekannt sind und womöglich auf der anderen Hälfte der Kugel leben. Es ist das bestmögliche und effizienteste Mittel zur Völkerverständigung und somit zur Erhaltung des Friedens. Beim ersten Kontakt weiss man nicht ob es eine Frau ein Mann ein Roboter oder ein Kind ist. Entgegen den Angaben im Profile gilt es erst mal das herauszufinden. Niemand kann sich hinter einer Maske verstecken, es gilt nur das geschriebene Wort. Alles muss man daraus herauslesen können. Das ist wirklich spannend, jemanden so zu entdecken und die Kontakte so auszufiltern und dann zu pflegen. Krass war ein Mann der sich als Frau ausgab um an Typen ranzukommen und der Typ dann eine Frau war.

    • Nina sagt:

      Auf welchen Plattformen sind Sie global unterwegs?

      • Nicolas Herrigel sagt:

        @nina… eben – das ist einer der Punkte … reine dating Plattformen sind boring … auf Plattformen der gemeinsamen Interessen trifft man die wirklich witzigen und interessanten Leute … und Interessen sind International. In der Regel also Fachspezifische chats.

  • Parzival sagt:

    Es gibt Leute, die wollen ihrem Gegenüber diktieren, wie sie zu flirten/daten haben oder was sie für einen Flirt bzw. ein Date zu halten haben. Und dann gibt es Leute, die sich das bieten lassen und andere, die mit gesundem Selbstwertgefühl selbstbestimmt agieren ohne übergriffig zu werden.

  • peter huber sagt:

    Hatte ich so noch nie gelesen, aber bringts genau auf den Punkt. Geiler Text!

Kommentar

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