Die harten Prüfungen fürs Erwachsenen-Diplom

Stärker werden mit einer Sonnenbrille – auch das ist möglich. Foto: Tim Savage (Pexels)

Erwachsenwerden ist ein langer Prozess, er kommt in Schritten und das zu Lernende wird auch abgefragt. Wenn man die Prüfung nicht besteht, wird man wieder und wieder geprüft, bis man es hinbekommt. Umso glücklicher bin ich heute, denn ich habe gestern eine Prüfung, von der ich nichts ahnte, bravourös bestanden!

Über Ostern war ich ein paar Tage im eiskalten und dunkelgrauen Berlin, und um mich etwas aufzumuntern, kaufte ich mir eine neue Sonnenbrille. Sie war nicht teuer, 255 Euro, und der Verkäufer sagte, ich solle Tax free einkaufen. Nee danke, sagte ich. Ich hasse Tax free, Schlange stehen, Formulare, wieder Schlange, und am Ende merkt man gar nicht, ob man etwas zurückbekommen hat. Der Brillentyp liess aber zu meinem Erstaunen nicht locker und zeigte auf einen Eingang: «Gehen Sie dahin, ist doch schade, Sie bekommen es sofort bar auf die Hand.»

Der Zoll und ich

«Ja, lass uns das doch machen», sagte dann auch meine Begleitung, und drei Minuten später hatte ich 27 Euro, meine Brille, aber keine Quittung mehr. Gestern Abend am Gate fiel mir die Brille im Koffer ein, und mir wurde heiss und kalt. Der Zoll in Kloten und ich, wir kennen uns. Ich hatte die ersten Jahre, als ich neu in der Schweiz war, nach jeder Rückreise aus London und Paris die Ehre, den schmallippigen Herren näher zu kommen, heulend zugesehen, wie sie unverschämt in meinen Slips und BHs wühlten und Berge von neugekauftem Designerzeug wie Heroinsäckli aus meinen Koffern zogen und mich unter weiteren Tränen zum Bancomaten scheuchten, um mehrere Tausend Franken Zoll und Busse cash zu hinterlegen.

Ich bin von diesen Schocks dermassen traumatisiert, dass ich einmal bei Ankunft aus Mallorca, als mich der Zöllner wie eine alte Bekannte grüsste,  sofort nach rechts in den Sadomaso-Raum lief, um mich misshandeln zu lassen, und der Typ ganz cool «Naaaa, nächschte Mol!» murmelte.

Jetzt hatte ich auch noch das Geld für die Brille schon eingesackt und wurde während des Fluges hochgradig paranoid. Ich schob einen Dolby Surround Film, wie sie mich wegen der popeligen 27 Euro herausziehen, weil man ihnen gemeldet hat, wer alles Tax free bekommen hat, und wie sie meinen Trolley durchsuchen und auch noch das Stück Leberwurst finden. Dann versuchte ich mich zu beruhigen, niemand würde wegen einer Brille dem Zoll etwas melden und ich könne durchlaufen wie immer in den letzten zwei Jahren, als ich nichts dabeihatte – an Ostern wird eh kein Zoll da sein. Um mich gleich wieder zu geisseln, warum ich auf den verdammten Verkäufer gehört hatte, ich wusste doch, das Tax free nervt.

Schluss mit Schmuggeln

Als wir landeten, war ich schweissgebadet und ein Schatten meiner selbst, die Brille hatte ich in meine Manteltasche gestopft. Ich überlegte nun ernsthaft, ob ich bei Rot durchlaufen sollte, entschied mich aber für Grün, Rot war etwas übertrieben. Es stand tatsächlich einer an der Wand zum Sadomaso-Raum. Ich rannte direkt auf ihn zu und jammerte ihn an: «Ich hab mir in Berlin eine Sonnenbrille gekauft, und ich hab auch Tax free gemacht.» Er sah mich an: «Was hat sie gekostet?» «255 Eurooo!»

Er deutete mit dem Kopf an, ich solle weitergehen. Ich blieb stehen. «Ich habe auch keine Quittung mehr!» Er wiederholte die Kopfbewegung: geh! Aber ich wollte bleiben, ihm alles erzählen, mich an seine Schulter lehnen, mich trösten lassen – und ging dann doch weiter.

Draussen überkam mich ein Glücksgefühl ohnegleichen. Einen Schweizer Zöllner anzusprechen, war schon der Wahnsinn, aber sich selbst anzuzeigen, ist die Königsdisziplin. Ich bin erwachsen, ich schmuggle nichts mehr ins Land und lass es darauf ankommen. Also bitte!

47 Kommentare zu «Die harten Prüfungen fürs Erwachsenen-Diplom»

  • Pjotr Müller sagt:

    Leider einmal mehr durchgefallen. Aber Sie haben ja noch Zeit.

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    werte frau kiani. a) 255 euro für eine sonnenbrille IST teuer. b) wenn man sie auf dem kopf hat, und das etui ohne preisetikett in der handtasche, ist es unmöglich zu eruieren, wo sie das (einzel)teil gekauft haben. haben sie nicht noch 10 andere in originalverpackung im gepäck, sieht jeder zöllner von (gewerbsmässigem) schmuggel logischerweise ab. c) erwachsen sein heisst nichts anderes als für sich selber und sein (näheres) umfeld verantwortung zu übernehmen. der zoll ist ermessensfrage und hat mit verantwortung relativ wenig zu tun. d) sado/maso-räume hatten sie ja schon in berlin, nicht…? 🙂

    • Michael sagt:

      Mit c) komme ich nicht klar. Bin dann schon erwachsen, wenn ich mit 5 Jahren am Mittagstisch für mich entscheide, das ich den Spinat nicht essen will ? Ich übernehme dann die Verantwortung für mich selber, und fechte dazu auch einen Streit mit Vater oder Mutter durch.
      In meinen Augen gibt es keine Definition, ab wann man erwachsen ist.

      • Wäis Kiani sagt:

        Dann bin ich schon längst erwachsen! Ich wurde als Kind sogar immer gefragt, was ich essen will, weil meine Mutter keine Lust auf das Theater am Tisch hatte. Sie hat gefragt, ich habs bestellt, und es war Ruhe. Sehr erwachsen.

  • Jean Liebchen sagt:

    echt, IHRE Probleme möchte ich haben, Shopping-Queen!

  • romeo sagt:

    Krieg ich einen Rabatt aufs Tagi-Abo für so einen Schrott?

  • Mike sagt:

    Sie haben echt ein hartes Leben.

  • Tigifix sagt:

    Einfach dumm dieser Artikel

  • Jasi sagt:

    Das wäre auch einfacher gegangen: Zollbestimmungen lesen! Dann hätten Sie gewusst, dass man bis 300 CHF zollfrei einführen darf – ausser es handelt sich um Alkohol oder Tabakwaren.

    • Peter sagt:

      die 300 CHF im Reiseverkehr sind zutreffend, und ausserdem nach Abzug der dt USt berechnet, also nach Abzug von 19 Prozent, also 41 Euro. Also ist 214 Euro der massgebliche Wert und also noch weit unter 300 CHöFs.

      • Wäis Kiani sagt:

        Darum gings gar nicht.. rechnen Sie aber ruhig noch etwas herum.

        • UrsO sagt:

          Doch! Das Thema und die emotionalen Wallfahrten darum erreicht schon eine gewisse Blogwürdigkeit. Nur hätte die Sonnenbrille eben schon viel teurer sein sollen um als Aufhänger gerechtfertigt zu sein.

  • Schlaubi Schlumpf sagt:

    Verantwortung gehoert zum Erwachsensein!

    Liebe Frau Kiani, es gibt genaue Einfuhrbestimmungen, die darlegen, ab wann was wie zu versteuern, oder evtl zu verzollen ist. Wenn man fuer mehrere CHF 1000 Designerkleidung kauft, ist es klar, dass man dies deklarieren muss und eintsprechende Abgaben zu leisten hat. Alles andere ist rechtlich fragwuerdig. Zum Erwachsensein gehoert, dass man sich damit auseinandersetzt.
    Ein Gegenstand von 255 Euro inkl. Mehrwertsteuer (19% da in D gekauft), kostet umgerechnet ca. 250 CHF (= nach Abzug der Mehrwertsteuer), liegt also unter dem Freibetrag von CHF 300. Somit haben Sie sich in diesem Fall nicht selber angezeigt, da Sie keine Straftat begangen haben.

  • Peter Mayer sagt:

    Es verwundert mich überhaupt nicht, dass viele Leute heutzutage eine extreme Anspruchshaltung bezgl. Lohn, Wohnung und Freizeit haben.

    255 EUR ist sehr teuer für eine Sonnenbrille!

    • Wäis Kiani sagt:

      Aber die anderen, die in Frage kamen, haben alle schon 400 gekostet,ich habe extra wegen Ihnen die billige genommen, und jetzt werde ich trotzdem gescholten! Nie wird man gelobt! Immer nur Schelte…

      • Bernd sagt:

        Doch. Hast du gut gemacht. 400 Euro ist viel, da sind 255 Euro ja gerade zu geschenkt 😁

        • Wäis Kiani sagt:

          Finde ich auch!

          • Lichtblau sagt:

            Ich finde den Stunt spannend beschrieben. Zudem gibt‘s Lob für die Leberwurst. Sonnenbrillen kriegt man auch bei uns, vergleichbare Leberwurst leider nicht. War es eine grobe „Hausmacher“? Oder eine feine vom Kalb mit Trüffeleinlage? Und was ist mit Stück gemeint – etwa ein ganzer Ring?

          • Wäis Kiani sagt:

            Danke, ich sehe, Sie sind eine Kennerin, um ganz ehrlich zu sein, es waren 2 Stück, ein Stück feine Kalbs (ohne Trüffel) und ein Stück grobe Hausmacher, kein ganzer Ring (Pfälzer?) sondern je ein 4 cm breites Stück, abgeschnitten, das reicht, sonst muss man wieder alles wegwerfen. Ich hatte auch etwas Brot dabei natürlich, Sanssoussi von Butter Lindner,sonst macht ja die ganze Leberwurstnummer keinen Sinn. seufz.

  • Martina sagt:

    Ufff, das wilde und atemlose Leben der Frau K., da tschudderets mich echt grad bisschen bei so viel Spannung! Zum Glück ist alles gut ausgegangen.

  • Martin Muheim sagt:

    Ich würde auch gerne über die Belanglosigkeiten meines Lebens schreiben und dafür noch Geld kassieren.
    Wie schafft man das?

  • Simon Affentranger sagt:

    Jetzt hab ich doch tatsächlich gedacht, da sprächen Sie wieder einmal etwas an, das mich interessieren könnte und zagg, hab ich wieder 10 Minuten vergeudet anstatt zu arbeiten. Sie schreiben wie eine Teenager-Tussi. Und das meine ich nicht einmal beleidigend, sondern beschreibend. Lassen Sie es doch bitte sein.

    • Wäis Kiani sagt:

      nein, lasse ich nicht sein. Lesen Sie doch den Wetterblog, wir haben hier doch wirklich für jeden etwas…

      • Simon Affentranger sagt:

        Sie sind auch so berechenbar. Selbst diesen arroganten Kommentar konnte man voraussehen (ok, mein Kommentar war hart, fair enough). „Wer mein Tussi-Leben nicht mag, der soll sich doch mit etwas anderem beschäftigen.“ Na ja, ich les nun mal öfters was vom Tagi. Und ein Blog für unsere Altersklasse wäre grundsätzlich was Nettes. Nur Sie sind konstant uninteressant. Und das dürfte nicht nur an meiner subjektiven Wahrnehmung liegen. Good byeee

        • Wäis Kiani sagt:

          bye Felicia!

          • Wäis Kiani sagt:

            (Sie sind ein zudem ein harter Masochist,ich bin seit Oktober 2017 konstant uninteressant, und Sie lesen immer noch GIERIG jeden Post u machen sich die Mühe, Ihre Enttäuschung auch noch hier schriftlich kundzutun… – mehr Arbeit als Zollbestimmungen lesen-…das ist wie sich darüber aufregen, dass nachts die Sonne nicht scheint… herrlich)

          • Simon Affentranger sagt:

            Wenn Sie einmal Ihre billige Sonnenbrille von der Nase nähmen, würden Sie allenfalls auch einmal etwas Sonnenlicht erhaschen. Es dürfte Ihr Leben etwas aufhellen. Enjoy spring! *kussmund*

          • Baby sagt:

            Die Hoffnung stirbt zuletzt:-)

    • andere Tina sagt:

      @Affentranger: Okay, also Sie nehmen sich 10 Min. um den Artikel zu lesen. Und regen sich dann tatsächlich darüber auf, dass Sie Ihre Zeit vergeudet haben? Aber es geht noch weiter: Sie brauchen dann wohl mindestens weitere 10 Min. (wahrscheinlich länger), um Ihre Kommentare zu schreiben. Das hat beinahe schon Unterhaltungswert.

  • Hans Müller sagt:

    Oh Mann Leute was soll dass? Die Kolumne ist zum Wegschmeissen (..vor Lachen..).
    Soll mir ja keiner versuchen die Schwester zu belehren. 🙂

  • Patrice Bozzi sagt:

    Das Tragische ist, Frau Kiani kanns viel besser als hier. Nämlich in der Weltwoche. Und wahrscheinlich noch anderswo.

  • Marek sagt:

    Die Freigrenze liegt bei 300.- ChF… und 255.- Euro sind 299,92 Schweizer Franken, wo liegt jetzt Ihr Problem Frau Wäis. Und wenn sie schon so oft fliegen, dann sollten sie sich schon ein wenig auskennen mit der Materie vom Fliegen und deren Zollbestimmungen oder sie haben einfach Ihre Fantasie freien lauf gelassen. Aber so wie ich sie kenne, werden sie sicher wieder irgendeine Antwort finden um das brühmte letzte Wort zu haben, wetten!

  • Marek sagt:

    Vielleicht sollten sie sich mal dies zu Gemühte nehmen:
    Wahnvorstellungen (Paranoia) Von Wahnvorstellungen bzw. Paranoia spricht man dann, wenn eine Person Bedrohungen wahrnimmt, die nicht real vorhanden sind. In der Regel treten Wahnvorstellungen im Rahmen einer Psychose auf. Der Grund hierfür ist ein gestörter Hirnstoffwechsel.

    • andere Tina sagt:

      @Marek: Sie nehmen einen unterhaltsamen Blogbeitrag, dessen Humor Sie aber offenbar nicht verstehen und pathologisieren daraufhin die Autorin? Echt jetzt???

  • Heinz sagt:

    Naja, nach den recht guten Blogeinträgen in letzter Zeit liegt so ein querschläger schon drin.

  • Franz sagt:

    Ich kann mich zu 100% mit dem Artikel identifizieren. Sehr treffend beschrieben… mag kein Taxfree und habe panische Angst vor dem Zoll! Umso schöner wenn man sich dann nicht nur über das neue Sonnenbrillen Modell freuen kann, sondern auch über die Heldenhafte Geschichte dazu;-)

  • Chinsabang sagt:

    Ich finde es lustig, immer wenn man deklariert nehmen es die Zöllner locker.

  • Shopping-Queen sagt:

    Selten so gelacht! Zuerst über den Blog – dann über die Kommentare!

  • Andrews Garden sagt:

    Gut gibt es Wäis mit Erwachsenen Diplom am Zoll.
    Während die Süsse dem Zöllner denletzen Nerv beinahe geraubt hat mit dieser Schwachstrom Nummer, ist mein Gepäck gefüllt mit allem was es Zoll frei nicht ins Land schaffen sollte, sauber durchgeflutscht.
    Danke Wäis 🙂

  • Lorenzo sagt:

    Ganz raffiniert diese Wäis Kiani, da hat sie doch mit diesem Sonnenbrillentrick glatt die Leberwurst durchgeschmuggelt! Grossartig!

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