Die geile Tante Heidi

M&W

Akute Midlife-Crisis: Anders ist die Liaison von Heidi Klum mit Tom Kaulitz nicht zu erklären. Fotos: Getty

Sie haben es vermutlich nicht mitbekommen, weil es Sie auch nicht sonderlich interessiert, aber Heidi Klum, die ja schon länger nicht mehr mit ihrem viel jüngeren Toyboy Vito Schnabel zusammen ist, hat letzte Woche vor den Augen von diversen Celebs wie Rita Ora und Pharrel Williams bei einem Event in West-Hollywood einen der beiden Tokio-Hotel-Brüder, Tom (28), nach ausführlichem Speicheltest und Körpercheck abgeschleppt. Abgeschleppt, das muss ich wohl für meine gemeinen Leser erklären (die ungemeinen wissen es natürlich), bedeutet, wenn man sich nachts jemandem vom anderen Geschlecht aus sexuellem Interesse erfolgreich nähert, um dann diesen Ort gemeinsam zwecks weiteren Austauschs von Vertraulichkeiten zu verlassen, wie es auch hier geschah.

Heidi fuhr um 22.00 fröhlich mit dem Ex-Popstar in seinem Auto von dannen in den aufregenderen Teil der Nacht. Tom Kaulitz, der noch nie cool war und seit Jahren mit seinem Bruder Bill zu dem gehört, was man bei uns als Cervelat-Prominenz bezeichnet und von dem man sich beschämt abwendet, wenn man sich zufällig irgendwo aus Versehen in der Nähe von einem der beiden Brüder befindet, ist eigentlich ein Kandidat für eine «Holt mich hier raus»-Show. Aber nicht für Heidi.

«Sie will sich an ihrem Vito rächen» schreibt die Boulevardpresse, aber das glaube ich nicht. Ich glaube, Heidi befindet sich im Zenit der Midlife-Krise, was mit 44 auch ihr gutes Recht ist. Und im Gegensatz zu meiner Peergroup, die in Langweile versinkt, weil es nichts mehr zu erleben gibt, da man das Vierfache von dem, was auf der Wunschliste stand, knapp überlebt hat, hat Heidi ihr Leben voll und ganz der Karriere, harter Disziplin und dem Geldscheffeln gewidmet. Und jetzt sieht sie, dass etwas gefehlt hat: Vergnügen! Sie ist reich und berühmt, aber hat nie die Freiheiten und Unbeschwertheit der Jugend genossen.

Mitleid statt Entsetzen

Die Autorin dieses Essays (r.) 2009 mit Heidi Klum und einer Journalisten-Kollegin. Foto: PD

Sie kennt den sorglosen Hedonismus nicht, der sich irgendwann einfach abschaltet, und man sich Gedanken um Altersvorsorge macht, so wie ich seit ein paar Wochen. Und da sie zwar, wie ich bei einem gemeinsam verbrachten Tag am Meer feststellen durfte, super aussieht, sich aber ansonsten in ihrem Kopf nur ein Hohlraum befindet, der ihr lästige Gedanken nach dem wahren Sinn des Lebens erspart, kann sie die Abteilung «Vergnügen» (bzw. das, was sie dafür hält, denn sie hat ja keine Ahnung, was ihre Begeisterung für einen Tom beweist), jetzt mühelos nachholen. Auf sinnlosen Events herumstehen hat sie ja drauf, aber jetzt darf sie sich gehen lassen, sich mit Fuck Boys wegballern, vor versammelter Mannschaft knutschen, fummeln und es herrlich finden, wenn die Leute «schockiert» sind.

Niemand ist schockiert, man tippt sich nur an die Stirn und hat Mitleid. Denn wenn der ganze Drill, die Diäten, grauenvolle und lebenszeitfressende Disziplin, schmerzvolles Training, der super Body, das gigantische Vermögen jetzt dazu führen, dass man auch nur eine einzige Unterhaltung mit einem Tom Kaulitz führen muss, dann ist man doch froh, dass man etwas zuviel von dem köstlichen Nektar des Amüsements aus dem süssen Brunnen der Jugend getrunken hat und sich jetzt gepflegt im stillen Kloster der Langeweile ein wenig um seine Rente sorgen darf.