Tag 21–26: Ein Nachmittag mit der Immigrationspolizei

maximilian am Freitag, den 8. August 2014

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Nachdem in Aktöbe (Kasachstan) von Viktor und seinem Mechanikerteam unser Krankenwagen wieder flottgemacht worden war, machten wir uns auf, das letzte Drittel bis an die russische Grenze zu meistern. Dieses Mal stand pures Geniessen auf dem Programm: geteerte Strassen, weite Landschaften und Grenzkontrollen unter Freunden.

Kasachstan hat nur im Südosten an der Grenze zu China und Tadschikistan das Altaigebirge und ist sonst ein eher flaches Land. Da wir die nördliche Route gewählt hatten, sollten wir das Gebirge jedoch erst später sehen. Die folgenden 3000 Kilometer waren geprägt von der weiss glühenden Wüste nördlich von Aktau, den immer grüner werdenden Steppen im Norden und den Wäldern im Osten. Alle hatten sie aber die Weite gemein, und aufgrund der wenigen Bezugspunkte und der unendlich geraden Strassen verlor man oft das Gefühl von Raum und Zeit. Nach den ganzen Strapazen der vergangenen Woche eine verdiente Abwechslung.

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Aus der Wüste Richtung Norden. Die Strassenverhältnisse wurden immer besser.

Astana, wo wir zwei Nächte verbrachten, ist seit 1998 die neue Hauptstadt Kasachstans. Der neue Wohlstand und das wirtschaftliche Wachstum des Landes konnten wir hier direkt bestaunen. Wenn auch im sowjetischen Gewand. Unglaublich zu sehen, wie hier in kürzester Zeit gigantische Regierungsviertel entstanden sind. In der Verlängerung des komplett neu erschaffenen Zentrums gehen die gerade erst errichteten Strassen in offene Bauflächen und danach direkt in die Steppe über. Ein Ende des politisch getriebenen Wachstums (die Bevölkerung ist seit 1989 um das Achtfache gewachsen) ist nicht abzusehen. Von der Hauptstadt ging es in östlicher Richtung weiter auf die russische Grenze zu.

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Astana könnte man gut und gerne als Retortenstadt bezeichnen. Der Präsidentenpalast erinnert an das Weisse Haus und den Bundestag in Berlin.

In Semey wurde unsere Erholung dann kurz unterbrochen. Nur 50 Kilometer vor Russland machten wir ein paar letzte Besorgungen und mussten uns leider noch einmal mit der Polizei auseinandersetzen. Versehentlich hatten wir uns nicht rechtzeitig im Land registriert.

Die Polizei in Kasachstan hinterlässt Eindruck. Die Uniformen sind sauber und gebügelt, sitzen immer perfekt, und die Sterne und die Schnellfeuerwaffen sind stets poliert. Nachdem wir aber ungewollt einen Einblick hinter die Kulissen der Immigrationspolizei erhalten hatten, bekamen wir einen völlig anderen Eindruck.

Hinter der Fassade warteten in einem vergilbten Raum zwei steinalte Rechner mit Windows 98. Da jedoch Bussenzettel noch nicht digitalisiert sind, kämpften wir uns ohne Blue Screens durch die kyrillischen Zeichen der Formulare. Ausser dem Tisch mit den Computern und zwei kaputten Stühlen gab es sonst nur chaotische Büroregale und riesige verrostete Karteischränke. Die halb offenen Aluminiumkonstruktionen mussten schon mehrere Jahrzehnte alt sein. In tausend kleine Fächer quetschten sich unendlich viele graugelbliche Papiere mit abgewetzten Kanten, die halb hinaushingen. Zum Glück hatte unser Fall nichts damit zu tun. Abschliessend und nach freundlicher Begleitung des Beamten auf die Poststation zum Bezahlen der Strafe machten wir uns am Nachmittag auf zur russischen Grenze. Der Grenzübergang selber verlief überraschend zügig und ohne Probleme.

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Über vier Stunden und 200 Dollar für vier Stempel – dass unsere Namen auf dem Ausreisedokument vertauscht wurden, war dann auch egal.

Die erste Strecke in Russland zog sich einige Stunden bis nach Barnauel durch eine monotone Landschaft von immer wieder gleich anzusehenden Getreidefeldern. Doch die M52 hatte auf dem Weg in die Mongolei noch eine Überraschung parat. Nach einer weiteren Nacht im Krankenwagen trauten wir unseren Augen kaum. Wir fanden uns inmitten einer wunderschönen alpinen Landschaft wieder. Satte Nadelwälder, klare Flüsse, viele wunderschöne Rast- und Zeltplätze, kleine touristische Örtchen und das Altaigebirge, das sich vor uns auftürmte. Je näher wir der Grenze kamen, desto schöner wurde die Landschaft. Wir nahmen uns Zeit, machten einige Pausen, in denen wir im Fluss badeten, kochten oder lokalen Honig von einer Bäuerin kauften (dieser wird, genauso wie Holundersirup und -saft, an jeder Ecke verkauft).

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Die M52: Camping-Côte-d’Azur der Russen.

Es waren die bis dato schönsten Kilometer unserer Reise, die jedoch nur ein Vorgeschmack auf die Mongolei sein sollten. Als wir abends an der Grenze eintrafen, war diese jedoch geschlossen. Auch ein Vorgeschmack auf die Mongolei. Wir gönnten uns zur Feier des Tages die letzten mitgebrachten Biere, bevor am nächsten Morgen das längste Geduldsspiel mit einer Grenzbehörde beginnen sollte.

Tag 17–20: Die Höllenetappe von Aktau

maximilian am Freitag, den 1. August 2014
Mongolia Rallye

Von Zürich quer durch die Türkei, Aserbeidschan, Kasachstan, Kirgistan und Sibirien und schliesslich in die mongolische Steppe: Verfolgen Sie Max und Moritz auf ihrem Roadtrip.

Kasachstan hiess unsere nächste grosse Etappe. Doch bevor wir in den Genuss der weiten Landschaften und endlos langen und geraden Strassen kommen sollten, stand uns ein weiteres Mal Customs Control bevor.

Wir wachten am Morgen im Zollhafen von Aktau auf, um die ausstehende Zollabfertigung nach unserer Fährfahrt endlich abzuschliessen. Trotz der Tortur der vergangenen Woche glaubten wir, dass es sich hierbei um reine Routine handeln würde. Schliesslich hatten wir alle notwendigen Dokumente in der letzten Nacht erhalten.

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Fünf Stunden später, nachdem wir diverse Gelder gezahlt, man uns lange Zeit ignoriert und wir alle Einfuhrgenehmigungen erhalten hatten, waren wir jedoch eines Besseren belehrt worden. Mit einem eingeübten Ausdruck von Selbstverständlichkeit ging es dann im letzten Akt auf die lang ersehnte Zollschranke zu. Vor der Durchfahrt sollte uns eigentlich noch eine gründliche Untersuchung des Autos bevorstehen. Wir versuchten es trotzdem … und hatten Glück!

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Runter von der Fähre und raus aus dem Zoll! Endlich halten wir alle Dokumente in unseren Händen.

Der Grenzbeamte, bei dem wir uns noch in der Nacht nach Toilette und Wi-Fi erkundigt hatten, warf einen kurzen Blick in das Auto und winkte uns erstaunlicherweise einfach durch. Nach ersten ungläubigen Blicken sprangen die vor der Schranke auf Dokumente wartenden Trucker applaudierend auf. Einer salutierte sogar. Nach einer ganzen Woche der Ungewissheit, des zermürbenden Wartens und einem letzten prüfenden Blick in den Rückspiegel Richtung Zollschranke war es geschafft: Wir waren wirklich in Kasachstan angekommen!

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Grosse Mütze, neugierig und meistens sehr freundlich: Die Verkehrspolizei in Kasachstan.

Was folgte, war eine gelungene Überraschung von einem Land, von dem wir kaum wussten, was uns dort erwarten würde. Die Landesdurchquerung wurde dank den Kasachen zu einer unvergesslichen Woche. Ob ein ehemaliger Kommilitone, der uns in Atyrau in Empfang nahm, oder seine Freunde, die uns in Astana die Stadt und das Nachtleben zeigten, oder einfache Bauern, mit denen wir morgens Kaffee tranken, da wir neben ihren Weidenflächen und Kamelen die Nacht verbracht hatten: Man war immer freundlich und hiess uns willkommen. Selbst die Polizei, die uns siebenmal anhalten sollte, war bis auf wenige Ausnahmen höflich und liess mit sich reden. Auch das eine Mal, bei dem wir ums Schmiergeld nicht herumkamen, war die Verhandlung mit erstaunlich viel Lachen verbunden, so absurd es sich anhören mag.

So positiv das Bild der Menschen in Nachhinein auch war, so brutal empfingen uns Kasachstans Strassen am 17. Tag auf dem ersten Stück von Aktau nach Atyrau. Nach den ersten Kilometern auf einer nagelneuen Teerstrasse, auf der wir durch eine unglaublich schöne Wüstenlandschaft zu fliegen schienen, endete die Strasse, und es begann die Höllenetappe von Aktau. Georgien und Aserbeidschan waren nur zum Aufwärmen. Diese 150 Kilometer lange Strasse hatte es in sich.

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Kurz hinter Aktau ging es vom Teer direkt auf die Höllenetappe.

Man kann bei dieser nicht asphaltierten Schotterpiste, bespickt mit tiefen Löchern, grossen Steinbrocken, dem abgefahrenen Felsuntergrund und messerscharfen Kanten eigentlich nicht von Strasse sprechen. Die harten Schläge und brutalen Erschütterungen, denen wir und unser Krankenwagen mehrere Stunden ausgesetzt waren, dauerten bis in die Nacht hinein. Sie zerrte unglaublich an unseren Nerven und kostete den Wagen die hinteren Stossdämpfer, das Seitentrittbrett und verursachte einen enormen Verschleiss an den Reifen und Bremsen.

Etwas traumatisiert, stets in Angst, es könnte ein weiterer solcher Abschnitt folgen, kämpften wir uns in den drei Folgetagen in den Norden des Landes. Aktöbe war eigentlich nur ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Astana. Doch wir versuchten spontan unser Glück bei Viktor, einem Renault-Händler, dem wir von unserem Vorhaben und den Problemen mit der Hydraulik erzählten. Im nächsten Augenblick war unser Renault auf einer Hebebühne, umringt von zeitweise zehn Mechanikern. Ohne die passenden Ersatzteile, aber mit grossem Erfindergeist wurde alles innert weniger Stunden repariert, und das, ohne dass ein einziger Dollar verlangt wurde. Mit einem tollen Mittagessen und vielen Umarmungen wurden wir in Richtung Astana verabschiedet.

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Mit viel Kreativität wurde die Hydraulik durch eine Metallfeder ersetzt.

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Renault-Händler Viktor war stolz, uns in der Not helfen zu können.

 

Die landschaftlich bisher schönste Strecke und eine Stadt, die ihre Einwohnerzahl seit 1998 verachtfacht hat: davon und vom Weg über Sibirien in die Mongolei im nächsten Blog.

Lieber Gruss

Max und Moritz

Tag 14-16: Tanz und Musik auf dem Kaspischen Meer

maximilian am Montag, den 28. Juli 2014

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Am 14. Tag unserer Reise kamen wir unserem zweiten grossen Meilenstein, der Überquerung des Kaspischen Meeres, ein grosses Stück näher. Nach zermürbenden Tagen am Hafen in Baku war die Fähre am späten Abend eingelaufen. Unser Krankenwagen wurde im Schiffsbauch der `Azerbaijan` verstaut und wir bezogen die uns zugewiesene Kajüte.

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Die kasachische Hafenstadt Aktau glaubten wir nun zum Greifen nahe. Gemäss Sascha, einem der gut gelaunten Seemänner, sollte die Überfahrt am nächsten Morgen geschafft sein. Beim Anblick der sanitären Anlagen und dem Rest des Schiffes ein wahrhaft schöner Gedanke. Wir beobachteten vom Heck die Verlandung der restlichen LKW. Doch leider sollte die Fähre an diesem Abend nicht mehr ablegen. Erst gegen vier Uhr morgens wurden wir durch das Ablegemanöver aus dem Schlaf geholt, bereits ahnend, dass Sascha unrecht behalten sollte.

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Auch wenn die eigentliche Überfahrt nur einen Tag dauerte, so hiess es erneut Geduld haben. Wir erreichten unseren Zielhafen in Aktau am späten Abend des 15. Tages, doch der Kapitän drosselte die Fahrt und wir legten schliesslich den Anker einige Seemeilen vor dem Hafen.

Auch wenn wir über den Tag einige Trucker kennengelernt hatten, tappten wir erneut im Ungewissen ob und wann wir einlaufen würden. Die fragwürdigen Gestallten schienen die Zeit abseits der Schotterpisten in Aserbaidschan sichtlich zu geniessen. Sie waren überwiegend damit beschäftigt sich dreckige Witze zu erzählen oder stellten ihre beeindruckenden Bäuche (inkl. Stickwunden) zur Schau. Jegliche Frage nach der Weiterfahrt beantworteten sie unklar.

Die Tatsache, das wir kein Wort Russisch sprachen, hielt uns nicht davon ab mit ein paar aserbaidschanischen Studenten den Abend zu verbringen und deren nationale Tänze zu lernen. Mit Hand und Fuss thematisierten wir alles von A bis Z. Autos aus Deutschland. Uhren aus der Schweiz. Politik, Wetter und Essen. Wann wir einlaufen würden war aber auch hier nicht herauszufinden.

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Vielleicht morgen um 9 Uhr hiess es auf einmal. Wieder ein Tag mehr den wir verlieren würden und unser Proviant war auch aufgebraucht. Das WM-Finale konnten wir bei Seegang nur via SMS verfolgen (Danke an Sponsor Sunrise & Teresa). Dank des tollen Abends mit Tanz, Musik und Titel fanden wir uns jedoch mit der Situation ab und machten Pläne wie wir unsere verzögerungsbedingten Visaprobleme in den Griff bekommen könnten.

16. Tag. Gleiches Bild: Ungewissheit und Warten und auch um 9 Uhr war nichts passiert. Wir verbrachten also den ganzen Tag an Bord mit Blick auf den ersehnten Hafen. Erst gegen Mitternacht lichtete die Fähre unverhofft den Anker und wir fuhren endlich ein. Die Trucker – auch erfreut, dass es endlich runter ging von der Fähre – machten noch ein paar Erinnerungsfotos von uns.

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Nachdem wir die diversen Kontrollen des kasachischen Zolls überstand hatten, war das Geduldsspiel um zwei Uhr morgens leider immer noch nicht beendet. Die Zollabfertigung der Fahrzeuge konnte erst am nächsten Morgen um 9 Uhr abgewickelt werden.

Drei Kasachen, die mit uns zusammen die Nacht auf dem Zollgelände verbringen mussten, gaben uns jedoch zu verstehen, dass in Kasachstan alles geregelt ablaufen würde. 9 Uhr heisst 9 Uhr. Sie zeigten uns, welche Route wir nehmen müssten, um auf dem schnellsten Wege über Almaty das Land zu durchqueren. Es schien nun möglich, die Zeit wieder aufzuholen und wir freuten uns aus unsere nächste Etappe durch Kasachstan. Nachdem wir noch mit den dreien und ein paar Hafenarbeitern ein paar Bier getrunken hatten, ging es viel zu spät aber glücklich in den Krankenwagen.

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Liebe Grüsse

Max & Moritz

PS: Nochmals Danke für die zahlreichen Spenden und Nachrichten auf unseren Facebook Account. Wir versuchen sie so gut es geht zu beantworten!

Tag 11–14: Ein wenig Bestechung

maximilian am Dienstag, den 22. Juli 2014
Mongolia Rallye

Von Zürich quer durch die Türkei, Aserbeidschan, Kasachstan, Kirgistan und Sibirien und schliesslich in die mongolische Steppe: Verfolgen Sie Max und Moritz auf ihrem Roadtrip.

Mit «Good Luck» wurden wir von unseren geliebten Georgiern an der nördlichen Grenzstation nach Aserbeidschan verabschiedet. Was das heissen sollte, wurde uns bereits auf den ersten Metern im Land an einem Militärposten deutlich gemacht: Wir wurden getrennt durch die kilometerlange Grenzstation geschickt. Einer zu Fuss, einer mit dem Krankenwagen. Alles war nach festen Abläufen geregelt und etwas beklemmend. Nach dem Bezahlen einer kleinen Steuer durften wir einreisen.

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Danke Georgien, wir kommen wieder. Jetzt brauchen wir aber erst einmal «Good Luck» in Aserbeidschan.

Wir fuhren über komplett abgetragene Strassen, in denen wir unseren Renault durch von schweren Lastfahrzeugen tief ausgefahrene Sand- und Schotterfurchen kämpften. In Baku angekommen, mussten wir auf die Fähre kommen, die uns über das Kaspische Meer nach Kasachstan bringen soll. Das wurde zur bislang grössten Herausforderung unserer Reise.

Wir wussten bereits von Freunden, dass es bei Fährangelegenheiten in Baku etwas unorganisierter zugehen würde als an der Grenze. Welche Ausmasse die gesamte Überfahrt, aber auch das Einschiffen annehmen sollte, war uns aber nicht bewusst.

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400 Kilometer Schotter und Schlaglöcher lohnen sich: Aserbeidschan ist abseits der Strasse wunderschön.

Nach der ersten Nacht packten wir unsere Sachen und fuhren durch die Stadt zum Hafen. Hier muss man kurz erwähnen, dass Baku an der Küste geprägt ist von einer achtspurigen Einbahnstrasse entlang imposanter Hotel- und Behördenpaläste. So lässt sich erklären, dass wir es trotz einer korrekten Wegbeschreibung zweimal verpassten, den kleinen staubigen Sandweg entlang einer Baustelle zu erkennen, der uns zum Ticketoffice führte.

Als «Ticketoffice» kann man das heruntergekommene und provisorisch wirkende Zimmerchen hinter einer rostigen Stahltür und Gitterfenstern eigentlich nicht bezeichnen. Es steht im krassen Widerspruch zu der penibel gepflegten Altstadt und den architektonischen Superlativen der Küstenstrasse. Zusammen mit ähnlich alten Baracken des Zolls befindet man sich nur wenige hundert Meter von der besagten Strasse in einer anderen Welt.

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Hinter dieser Stahltür befindet sich die Schaltstation des Hafens von Baku – auf 2 Quadratmetern.

Die Tür war verschlossen. Die nächsten Tage verbrachten wir daher mit Warten vor dem Ticketoffice. Wer es verpasst, sein Fahrzeug halb legal zwischen Trucks auf das Schiff zu mogeln, muss mindestens eine Woche warten. Zeit, die wir nicht haben.

Unterschiedliche Leute, zuständig oder nicht, nannten uns immer unterschiedliche Öffnungszeiten, die meist nicht zutrafen: Mittwoch um 9 Uhr gebe es Tickets, sagte man uns. Die Fähre komme um 18 Uhr – oder nein, doch um 17 Uhr, und Tickets gebe es keine. Dann die Info, die Fähre sei nicht für Fahrzeuge geeignet, bloss für Passagiere – und sie fahre nun doch donnerstags. Tickets bekomme man nur direkt vor dem Ausschiffen. Aber donnerstags fahre sie immer vom anderen Hafen,  vielleicht… So warteten wir in der Hoffnung darauf, dass jemand vorbeikommen und uns weiterhelfen würde.

Nebst Hafenarbeitern, anderen Weltreisenden und Truckern begegneten wir am zweiten Tag Abul Faz. Abul ist ein grimmiger Typ, der kein Wort Englisch spricht. Die kleinen Brocken Informationen, die er uns immer wieder gestikulierend hinwarf, stellten sich im Laufe der Tage jedoch als hilfreich heraus. Am dritten Tag tauchte er plötzlich wieder auf mit der Ansage, dass die Fähre am anderen Hafen einlaufen könnte. Trotz des obligatorischen Schulterzuckens folgten wir seinen Anweisungen.

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Die Fähre legt ab, wenn sie ablegt. Wir warten eisern bei 37 Grad.

Es folgten weitere Tage mit Warten bei 37 Grad auf dem offenen Hafengelände. Samstagmittag war es so weit: Die Qarabag erreichte den Hafen, wir kauften unser lange ersehntes Ticket. Bald wurden erste Pässe der Trucker kontrolliert. Dann doch wieder ein zermürbendes Signal: Der Motor unserer Fähre hatte den Geist aufgegeben. Und da war auch unser neuer Freund Abul das erste Mal ratlos.

Gegen Abend trudelte die erlösende Nachricht ein, dass die havarierte Fähre ausgetauscht werden könne. Nach einer kleinen Bestechung eines Zolloffiziers war es um Mitternacht endlich geschafft und wir durften unsere Kajüte (3 Quadratmeter «gross») auf der Azerbaijan beziehen. Kasachstan, here we come!

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Unsere Geduld wird – endlich – belohnt: Die Überfahrt nach Kasachstan kann beginnen.

 

Tag 7–11: Unerwartetes Georgien

maximilian am Mittwoch, den 16. Juli 2014
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Von Zürich quer durch die Türkei, Aserbeidschan, Kasachstan, Kirgistan und Sibirien und schliesslich in die mongolische Steppe: Verfolgen Sie Max und Moritz auf ihrem Roadtrip.

Die Nachnamen der Einheimischen enden meist auf «wili». Die Beziehungen zu Armenien und Russland sind nicht die besten. Das Land ist teilweise korrupt. Adscharien wurde 2004 wieder aufgenommen. Und man würde gerne der Europäischen Union beitreten. Das ist grob zusammengefasst unser Wissensstand über Georgien.

Das Land und die Stadt Tiflis haben jedoch ohne Zweifel unsere ursprünglichen Vorstellungen komplett über den Haufen geworfen und uns überrascht. In Trabzon, an der türkischen Schwarzmeerküste und nur wenige Kilometer von der georgischen Grenze gelegen, brachen wir am 7. Tag unserer Reise morgens auf. Entgegen unseren bisherigen Erfahrungen konnten wir ohne Probleme alle türkischen und georgischen Grenzkontrollen passieren und mit dem Krankenwagen einreisen.

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Güle güle Türkei.

Die ersten Eindrücke von Georgien bekamen wir in der aberwitzigen Stadt Batumi, keine zehn Kilometer hinter den Grenzstationen. Von der ursprünglichen Hafenstadt und der kommunistischen Ära sind noch riesige Betonkästen zu erkennen, zwischen denen man seit ein paar Jahren futuristische Glaspaläste errichtet – offensichtlich ein Versuch, die Stadt zu erneuern. Als Resultat ergeben sich ein krasser Kontrast und ein fast schizophrenes Stadtbild mit schmutzigen Steinstränden, McDonald’s-Weltraumstationen, kommunistischen Wohnblocks und gigantischen Hotelbaustellen entlang der Küste.

Wir hatten – wenn überhaupt – nur die Vorstellung von einer grösseren, vielleicht etwas vernachlässigten Hafenstadt am Meer gehabt. Auf einen solchen Bauwahn waren wir jedoch nicht vorbereitet. Was bleibt von dieser Überraschung, ist vor allem der Wunsch, in zehn Jahren nochmals in der Stadt vorbeizuschauen, um zu sehen, ob das Experiment geklappt hat.

Wir verliessen Batumi in östlicher Richtung mit dem Ziel, das 450 Kilometer entfernte Tiflis noch vor Einbruch des Abends zu erreichen. Mit jedem Kilometer, den wir uns von der Küste entfernten, wurde es ländlicher, und das Bild entsprach mehr unseren ursprünglichen Vorstellungen von Georgien. Dichte und von vereinzelten Nebelschwaden durchzogene Wälder drängten sich in eine leuchtend grüne Berglandschaft. Die vierspurigen Schnellstrassen der Türkei wichen kurvigen Bergpässen.

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Georgischer Gegenverkehr.

In den engen Strassen kam bald die nächste Herausforderung. Lastwagen, Jeeps, rostige Kleintransporter, Pferdekarren und andere Fahrzeuge versuchten ständig, an den unmöglichsten Stellen zu überholen. Ob direkt vor der Linkskurve, bei auf der Strasse stehenden Kühen oder unterhalb steiler Felswände – das Motto war klar: Einfach Gas geben. Selbst die vielen Polizeistreifen, die uns ständig entgegenkamen oder am Strassenrand warteten, schienen den Wahnsinn nie als solchen zu erkennen.

Mongolia Ralley

Waghalsiges Überholmanöver in den georgischen Bergen.

Zum Glück endete dieses verrückte Schauspiel, als wir uns Tiflis näherten und wieder auf richtigen Schnellstrassen unterwegs waren.

Tiflis erreichten wir erst in der Nacht. Wir fuhren in eine saubere und hell strahlende Stadt mit beleuchteten Burgen und Gebäuden, die auf uns wie gigantische futuristische Skulpturen wirkten. Am Tag darauf erkundeten wir den Ort. Was wir fanden, war eine sehr sichere Stadt, die es irgendwie geschafft hatte, jahrhundertealte Stadtteile mit modernen Opern und Regierungsgebäuden so zu kombinieren, dass ihr nicht der Charme genommen wurde.

Tiflis ist nicht allzu touristisch. Man stösst im historischen Stadtzentrum auf viele traditionelle Restaurants. Wir genossen die Gastfreundschaft der Einheimischen bei leckerem lokalem Essen. Junge Georgier erzählten uns von der starken Wandlung Georgiens in den letzten zehn Jahren und dass man die Stadt und das Land heute kaum wiedererkennen würde. Nach einem Machtwechsel im Zuge der Rosenrevolution im Jahr 2003 schaffte die neue Regierung eine Kehrtwende im Kampf gegen die Korruption.

Mongolia Ralley

Max erkundet die Altstadt.

Wir verliessen schweren Herzens Georgien, um weiter Richtung Aserbeidschan zu ziehen. Unser nächstes Ziel ist Baku, wo wir mit der Fähre nach Kasachstan übersetzen wollen. Es wird die voraussichtlich härteste Etappe unserer Reise.