Darum haben meine Kinder keinen Götti

Einen Götti brauche heute niemand mehr, sagt unser Papablogger. Seine Ablehnung gegenüber dem Brauch hat allerdings ganz persönliche Gründe.

Ein Ausflug mit dem Götti? Viel zu wenig progressiv! Foto: Unsplash

Meine Französischlehrerin in der Sek hat mich nur einmal gelobt. In der Landschulwoche in der Achten, als ich auf ihr Vierjähriges aufpasste: «Du kannst wirklich gut mit Kindern.» Psst, kleines Geheimnis: Ich mag Kinder auch viel lieber als das Passé simple.

Kinder mögen und gut mit ihnen umgehen können – das hilft, wenn man sich später welche zulegen möchte. Allenfalls auch schon vorher, wie in der Bibel steht: «Wer gut mit Kindern sei, werfe den ersten Schein – jeweils zu Geburtstagen und Weihnachten.»

Was ich sagen will: Ich war gutes Götti-Material. Und so erhoffte ich mir damals als Jugendlicher, vielleicht schon in wenigen Jahren die Patenschaft eines frisch geschlüpften Rollschinklis übernehmen zu können. Als Einstieg in die Welt der Verantwortung. Bevor ich dereinst die geistige Reife entwickelt haben würde, um eigene Kinder grosszuziehen. Solche, die man selber baden muss, nachdem sie im Streichelzoo mit Glacéresten im Gesicht vom Geissbock in den Sandkasten gefallen sind.

Kriegt denn niemand Kinder?

Doch ich sollte feststellen, dass «gut mit Kindern können» nicht reicht, um Götti zu werden. Es fehlte eine wichtige Voraussetzung: «gut mit Erwachsenen können». So eine Patenschaft kauft man ja nicht anonym für drei Bitcoins im Darknet.

Erst vermehrte sich in meinem Umfeld niemand. Ich hatte mich nämlich nicht um die bemüht, die sich in der entsprechenden Lebensphase befanden. Um meine älteren Cousinen und Cousins. Nachdem ich in der Spätpubertät immer öfter die Familienfeiern schwänzte, kamen ihre Kinderlein und als ich wieder auf den Feiern auftauchte, hatten die schon einen bis fünf Göttis.

Dann schossen sie aus den Kreisssälen

Irgendwann ploppten auch in meinem Freundeskreis immer mehr Babys auf. Allerdings ohne dass ich ihnen das Weihwasser von der Stirn tupfen durfte, denn ich ward weiterhin kein Götti. Regelmässig Kontakte pflegen – da bin schwach. So habe ich zwar Freunde, bin aber niemandes BFF. In den niederen Freundschaftsrängen unter dem Best Friend Forever wird es jedoch schwierig: Schliesslich reissen sich auch die Geschwister beider Eltern um den Göttititel, und bei durchschnittlich 1,5 Kindern ist der Konkurrenzkampf hart.

Niemand will für sein Kind einen Götti in der Midlifecrisis, dessen Porsche kein Isofix hat.

Es war sicher auch Pech dabei, nie zur richtigen Zeit (Niederkunft) am richtigen Ort (Lebensmittelpunkt der Neueltern) zu stehen. Schmerzlich kommt hinzu, dass ich auch kein Onkel bin. Nicht einmal nach grosszügigen Definitionen. Kein über drei Ecken angeheirateter Stief-Schwipp-Schwonkel. Nichts.

Götti? Der Brauch kann weg

Die Hoffnung ist längst tot. Inzwischen bin ich zu alt, um zum Götti berufen zu werden. Da hilft nicht einmal meine D-Prominenz als Papablogger. Niemand will für sein Kind einen Götti in der Midlifecrisis, dessen Porsche kein Isofix hat. (Klarstellung: Ich besitze keinen Porsche, kaufte mir aber kürzlich eine Kettensäge. Nur schreit das auch nicht gerade: «Hier, halte mit der anderen Hand mein Neugeborenes!»)

Zum Glück habe ich mir längst eigenen Nachwuchs gebastelt. Und trotzdem betrübt mich manchmal die fehlende Abwechslung. Selbst der Leopard im Berner Tierpark leckt sich nicht mehr mit der Zunge über den Mund, weil ich immer die gleichen zwei Kinder an ihm vorbeischiebe.

Ich tue, als wäre ich progressiv, wenn ich sage: «Götti, das braucht es heute nicht mehr.» Dabei ist es nichts anderes als eine verbitterte Abrechnung mit der Gesellschaft, dass meine Kinder keinen Götti haben.