Von Paar zu Paar

Warum die Liebe schwindet

Was tun, wenn die Phase der Verliebtheit vorbei ist? Unsere Paartherapeutin weiss, wie eine Beziehung nicht nur am Leben bleibt, sondern auch wachsen kann.

Sieht es nur das Altbekannte? Dieses Paar hat sich offensichtlich auseinandergelebt. Illustration: Benjamin Hermann

«Wohin verschwindet der Rausch des Anfangs nach ein paar Monaten oder spätestens Jahren? Und was kann man gegen das Abflachen der Intensität der Beziehung tun?» Diese Fragen stellen mir Paare, die schon viele Jahre zusammen sind, in der Beratung regelmässig, da sie sich ihre Beziehung nach und nach immer fader anfühlt. 

Und sie sagen: «Wir wollen sie zurück, die Faszination der Verliebtheitsphase!» Doch geht das überhaupt? Und was ist in der Zwischenzeit passiert?

Die Phase der Verliebtheit

Wer erinnert sich nicht gern an die Zeit der Verliebtheit, in der alles rosarot und voller Hingabe war, in der man sich auf Händen getragen fühlte und zum Nabel der Welt wurde. In der man kaum glauben konnte, dass eine so perfekte Version Mensch einen liebt und man sich dadurch gleich ein wenig vollkommener fühlte? 

Nebst den Hormonen, die unser Gehirn in dieser Phase fluten und uns in einen körpereigenen Drogenrausch versetzen, gibt es noch eine andere Begebenheit, die für diesen speziellen Zustand ebenso wichtig ist: das Resonanz-Phänomen.

Der Partner wird zu einer wunderbaren Erweiterung des eigenen Selbst.

Zu Beginn einer Beziehung liegt der Fokus der Aufmerksamkeit sehr intensiv auf dem Partner. Die beiden stimmen sich aufeinander ein, sodass sie sich – ähnlich wie Musikinstrumente – gegenseitig zum Klingen bringen: Sie gehen in Resonanz. Dabei können sie psychisch und emotional so sehr miteinander verschmelzen, dass sie dank sogenannten Spiegelneuronen sogar fühlen, was der andere fühlt. Der Partner wird zu einer wunderbaren Erweiterung des eigenen Selbst, ergänzt es und verkehrt vermeintliche Unzulänglichkeiten ins Gegenteil. So oder so ähnlich jedenfalls beschreiben viele meiner Klienten die Phase der Verliebtheit – und sehnen sich zurück nach dieser traumhaften Symbiose.

Während der ersten Verliebtheit sehen unsere Partner in uns die beste Version, die wir nur sein können – und das fühlt sich natürlich fantastisch an. Mehr noch: Ein Paar sieht ineinander Möglichkeiten, Chancen und Eigenschaften, die man selbst so nicht wahrnimmt. Wir geben dem Gegenüber also eine Vorstellung dessen, was wir sein könnten. In der Psychologie spricht man von einem Möglichkeitsraum, der eröffnet wird und zur Weiterentwicklung anregt. Dieses Gefühl der gegenseitigen Resonanz befriedigt auf einen Schlag viele unserer zentralen psychologischen Grundbedürfnisse. Beispielsweise jene nach Bindung, Selbstwertstärkung und Lustempfinden.

Warum also hört diese Resonanz plötzlich auf, wenn sie sich doch so toll anfühlt? Und müssen wir tatsächlich akzeptieren, dass sie einfach wegfällt?

Woran Beziehungen erlahmen

Einerseits hängen die schrumpfenden Verliebtheitsgefühle damit zusammen, dass man sich – ähnlich wie bei Drogen – an den Stoff gewöhnt, den man täglich konsumiert und der Rausch dementsprechend abnimmt. Andererseits fangen wir an, unseren Fokus mehr und mehr vom Partner wegzulenken, da wir ja mittlerweile wissen, wer er ist und vor allem, wie er tickt. Jeden Tag die gleiche Routine!

Im Allgemeinen haben Menschen die Angewohnheit, Abläufe und Situationen, die sie schon gut kennen, so einzustufen, als wüssten sie genau, was als nächstes auf sie zukommt. Keine Überraschung mehr, kein Staunen mehr möglich! Die Erwartungen an die gewohnte Routine können hilfreich sein, weil sie unser Gehirn entlasten und so Energie sparen. Doch sie verführen auch dazu, zu verpassen, dass sich die Begebenheiten vielleicht verändert haben. Regelmässig höre ich von Paaren: «Ich kenne ihn in- und auswendig!», «Ich weiss genau, was sie denkt!» oder «Da gibt es nichts Neues mehr zu entdecken!»

Sie verpassen die Veränderung, weil sie nur das Altbekannte sehen.

Diese Pseudo-Resonanz ist allerdings trügerisch. Und bestimmt kein Zeichen von Wertschätzung. Denn wir entwickeln uns ständig weiter. Wir eignen uns neue Interessen und tieferes Wissen an, machen Erfahrungen und haben (neue) Träume. Aber viele verpassen es, sich der neusten Version ihres Partners zuzuwenden. Sie verpassen die Veränderung, weil sie nur das Altbekannte sehen. Und manchmal auch sehen wollen. Was zur Folge hat, dass die Resonanz schwindet, man sprichwörtlich «aneinander vorbei» redet und der Partner fremd wird. Und dies, paradoxerweise, weil man sich vor lauter Zusammensein kaum mehr wirklich sieht! So kann aus einem zu viel an Nähe schleichend ein zu viel an emotionaler Distanz entstehen.

Eine normative Aufgabe jeder modernen Paarbeziehung ist es, eine gesunde Balance zwischen Nähe und Distanz zu finden. Denn die Verschmelzung der Verliebtheitsphase ist auf Dauer nicht gesund – und würde auch unsere Mitmenschen zur Verzweiflung bringen! Verpasst man es aber nach und nach, sich regelmässig «emotional abzugleichen», also auf der gleichen Wellenlänge zu schwimmen, droht die Gefahr der Entfremdung, mit der so viele Paare zu mir in die Beratung kommen. Man kennt sich eigentlich gar nicht mehr richtig, weil man sich zu vertraut ist.

Bleiben Sie neugierig!

Wann haben Sie Ihren Partner zum letzten Mal gefragt, worüber er gerade nachdenkt? Welcher Film oder Artikel sie gerade beschäftigt? Was seine Wünsche für die Zukunft sind? Sich gegenseitig gesagt, was sie an der Beziehung schätzen? Oder wann haben Sie das letzte Mal eine Überraschung für die Partnerin geplant?

Ich empfehle Paaren, die wieder mehr in die Resonanz kommen möchten, dass sie sich beispielsweise regelmässig auf dem Sofa treffen, alle Störfaktoren ausschalten und sich solche und ähnliche Fragen stellen. Dass sie sich über ihre Stimmungen, Sorgen, Ängste, aber auch über Wünsche und Hoffnungen austauschen. Sie sollen neugierig aufeinander bleiben. Den anderen sehen und sich selbst dabei authentisch zeigen. Ich verspreche, ihr werdet Neues erfahren!

Kleiner Tipp am Rande: Dieselben Fragen darf man sich gerne auch selbst stellen, denn wir verpassen es ebenso oft, uns in unseren Veränderungen wahrzunehmen und halten uns so für eine veraltete Version unserer Selbst.

Den Zauber des Anfangs kann man auch wieder aufleben lassen, wenn man sich zu einem gemeinsamen Date trifft und sich dabei bewusst vorstellt – als wäre es das erste Mal. Sich also dementsprechend zurechtmacht, sich vielleicht erst im Restaurant trifft oder den Partner sogar mit einem Geschenk überrascht. Man kann sich auch die gleichen Fragen stellen wie damals und wieder genauso neugierig alles aufsagen, was das Gegenüber sagt. Wie am Anfang eben!

Gemeinsam in den Sonnenuntergang …

Wollen wir eine Partnerschaft langfristig nicht nur am Leben erhalten, sondern auch wachsen lassen, ist es also wichtig, dass wir in Kontakt und Resonanz miteinander bleiben. Dass unsere Neugierde auf den Partner nicht nachlässt und wenn sie es tut, wir aktiv Gegensteuer geben. Denn ja, alles ändert sich – auch unser Gegenüber. Die Resonanz zwischen den Partnern kann gefördert werden, indem wir uns gegenseitig immer wieder begeistern wollen. Wenn wir also regelmässig unsere beste Version zeigen. Letztlich bleiben Beziehungen am Leben, wenn wir etwas dafür tun, damit unser Partner sich immer wieder neu in uns verliebt.

Darum mein Tipp an die Paare, die noch lange fasziniert voneinander bleiben wollen: Hört nicht auf, Euch so zu sehen, wie Ihr heute seid und vergesst nicht, dass niemand genau die Person geblieben ist, in die man sich einst verliebt hat! Lernt jeden Tag die aktuelle Version Eures Partners zu verstehen und zu lieben – bevor es jemand anderes tut.

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