Freitagsfrage

Wie sag ich meiner Tochter, dass sie nervt?

Kleine Besserwisser können zum Fremdschämen sein. So bringt man sie auf den richtigen Weg, ihre Bedürfnisse auszudrücken.

Wie reagieren die Gspändli auf das «besser wissen» der Tochter? Illustration: Benjamin Hermann

In letzter Zeit muss ich mich für meine Tochter (8) regelmässig fremdschämen. Ständig weiss sie alles besser als ihre Spielgefährten. Und selbst wenn wir Freunde zu Besuch haben, kann sie es nicht lassen, die Erwachsenen am Tisch zu belehren. Zwischendurch sind ihre altklugen Beiträge ja witzig, aber meist nerven sie nur. Wie soll ich ihr sagen, dass sie mit ihrem Verhalten auf Dauer nicht gut ankommen wird? Kathrin

Liebe Kathrin

Herzlichen Dank für Ihre Frage. Sie erleben Ihre Tochter als besserwisserisch und befürchten, dass dieses Verhalten bei den Gspändli nicht gut ankommt.

Aber, was kommt denn gut an? Untersuchungen in der Sozialforschung (Coie & Dodge 1988) haben gezeigt, dass es beliebten Kindern gut gelingt, mit Gleichaltrigen Kontakt aufzunehmen und aufrecht zu erhalten. Sie zeigen sich kooperativ, sind sensibel für die Bedürfnisse anderer, freundlich und umgänglich. Es gelingt ihnen gut, ihre eigenen Gefühle zu regulieren.

Diese Ergebnisse aus der Forschung können uns Anhaltspunkte geben; Kindergruppen haben jedoch ihre eigenen Regeln. Wie reagieren denn die Gspändli auf das «besser wissen» Ihrer Tochter? Haben Sie den Eindruck, dass es die Kinder stört, und woran erkennen Sie das? Allenfalls irritiert das Verhalten ihrer Tochter lediglich Sie, oder decken sich Ihre Beobachtungen auch mit denjenigen Ihres Partners?

Wenn Kinder Erwachsenen gegenüber in ihren Äusserungen nicht altersentsprechend daherkommen, spricht man gerne von «altklug». Die einen finden das taktlos, weil es an Respekt gegenüber Erwachsenen fehle, andere sehen darin eine Imitation erwachsenen Verhaltens mit dem Wunsch dazugehören zu wollen.

Fremdschämen kann ein heftiges Gefühl sein, das uns möglicherweise unbedacht handeln lässt.

Nicht selten schämen sich Eltern an Stelle ihrer Kinder dann für deren Verhalten – besonders, wenn sie selber sehr einfühlsam sind.

Scham ist ein Gefühl von Angst und Schmerz, sagt der Psychoanalytiker Micha Hilgers. Eine Blossstellung geht mit einer Herabsetzung des Selbstwertgefühls einher. Fremdschämen kann also ein heftiges Gefühl sein, das uns Erwachsene möglicherweise unbedacht handeln lässt – zum Beispiel: Wenn wir uns für ein «altkluges» Kind entschuldigen oder uns zu Bemerkungen hinreissen lassen, wie «Ach, das tut er/sie immer, er/sie will sich halt wichtig machen!» entspannt das die Situation in keiner Weise. Im Gegenteil:  Solche Aussagen entwerten und beschämen ein Kind. Und Zeuge der Beschämung eines Kindes zu sein, lässt die anderen Anwesenden sich wiederum für die Eltern fremdschämen.

Für Kinder ist es schwierig einzuschätzen, wann ihr Beitrag jeweils als witzig oder nervig empfunden wird. Besprechen Sie solche Situationen deshalb mit Ihrer Tochter – aber unbedingt im Nachhinein. Dabei soll es nicht um die Botschaft gehen «wenn du dich so verhältst, dann wirst du auf Dauer nicht gut ankommen». Hören Sie stattdessen zu, wie sie sich gefühlt hat und was sie mit ihren Äusserungen erreichen wollte.

Es ist wichtig, die Bedürfnisse, welche zum Verhalten geführt haben, zu kennen. Ihre Tochter will ja nichts Böses, sondern wählt lediglich einen ungeschickten Weg, ihren Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen. Besprechen Sie mit ihr auch, wie die Aussagen bei den Anwesenden wohl ankommen. So können Sie gemeinsam alternative Verhaltensweisen ermitteln, welche ihre Bedürfnisse etwas sozialverträglicher machen.

Kennen Eltern die Beweggründe des Kindes, können sie adäquater reagieren.

Wenn Sie Ihre Tochter gerne in ihren sozialen Kompetenzen unterstützen möchten, dann spielt es eine Rolle, in welchem Bereich Sie Bedarf vermuten: Soll es darum gehen, dass sie ihre eigenen Gefühle erkennt und lernt damit einen besseren Umgang zu finden? Dann können Sie Ihre Tochter in unterschiedlichen Situation danach fragen, wie es ihr geht. Sie können dazu auch einen Stimmungsflip zur Hilfe nehmen. Bewältigt sie herausfordernde Gefühle erfolgreich, ist es nützlich herauszufinden, was ihr dabei geholfen hat. Das wird ihr in der Folge auch helfen, diese Gefühle bei anderen zu erkennen.

Wenn es darum geht, dass Ihre Tochter die Dinge, die sie besser weiss, künftig etwas netter zu formulieren lernt, können Sie das exemplarisch im Familienalltag integrieren: Wenn Ihre Tochter (oder ein anderes Familienmitglied) sich Ihnen gegenüber besserwisserisch verhält, können Sie sagen: «Du hast ja recht, aber wenn du das so hervorhebst, dann ist das sehr unangenehm für mich.» Oder «Oh, du meinst also …! Ich könnte deine Meinung jedoch noch besser verstehen, wenn du das anders sagen würdest. So zum Beispiel …» Ihre Tochter kann viel von Ihnen lernen, wenn Sie transparent bleiben und die Kommunikation in der Familie offen gestalten. Vielleicht entdecken Sie auf der Website Wikihow noch weitere Anregungen für sich.

Wenn Eltern die Beweggründe des Kindes kennen, dann können sie gelassener und adäquater reagieren, falls wieder einmal eine ähnliche Situation auftreten sollte.

Ich wünsche Ihnen alles Gute!
Daniela