Raus aus dem Katastrophenmodus

Unser Autor ist coronamüde. Er will endlich wieder über den Gefahrenhorizont hinausblicken – mit dieser Strategie.

Irgendwo da draussen spielt das richtige Leben: Maskierte Passagiere blicken aus einem Tram in Bern. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Alles einsteigen, alles einsteigen, Corona-Extrarunde, wer will noch mal, wer hat noch nicht?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die allermeisten nicht wollen. Die Pandemie läuft immer noch, wir drehen uns im Dreivierteltakt auf einem trunkenden Schiff, alles bewegt sich. In deutschen Supermärkten wird das Personal zusammengebrüllt und beschimpft, wenn es auf die Maskenpflicht hinweist. In den sozialen Netzwerken werden Bilder und Anekdoten herumgereicht, wie fahrlässig sich die Leute hier und da und im Urlaub benehmen, und mittendrin versuchen Eltern die Einschulung ihrer Kinder doch noch irgendwie feierlich zu gestalten.

Was das angeht, sind die Lebenskomplizin und ich fein raus. Keine Kinder zur Einschulung und keine im Abitur. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie sehr mich das stressen würde.

Corona ist nicht der grosse Gleichmacher

Als meine grossen Kinder vor Jahren noch in Süddeutschland in die Kita gegangen sind, wurde dort einmal Halloween gefeiert, indem die Kinderschar mit Laternen auf dem zugegeben grossen Aussengelände im Kreis liefen, während die Eltern hinter einem Absperrband zugucken durften. Was ich so höre, lässt mich vermuten, dass es vielfach so ähnlich abgelaufen ist. Gar kein Bock einfach.

Denn so richtig fein raus ist man eben auch nicht – auch wenn allen klar sein sollte, dass Corona nicht «der grosse Gleichmacher» ist. Dass jemand im Hotelgewerbe oder auf einer Pflegestation anders dimensionierte Sorgen hat als ein freiberuflicher Autor, der im Schutze seiner eigenen vier Wände vor sich hinschreiben kann, sollte allen klar sein. Und dass sich das alles mit mehr Zeit und mehr Geld leichter bewältigen lässt als wenn man nicht einfach mal eben so auf Homeschooling und Ganztagsbetreuung umstellen oder Dinge im Internet bestellten kann, ist auch keine Neuigkeit.

Wenn alle von uns so viel Geld auf dem Konto hätten wie Arnold Schwarzenegger und Zeiten wie diese damit verbringen könnten, auf der eigenen riesigen Ranch Esel und Pony auf dem Fahrrad Auslauf zu verschaffen, dann hätten wir wohl alle deutlich weniger Stress (und mehr Esel- und Ponybilder in Whatsappfamiliengruppen).

Zum üblichen Mass an Beschissenheit der Dinge

Aber auch dann ist ja immer noch Pandemie. Menschen sterben, berufliche Existenzen zerbrechen, Familien wissen vor Überforderung nicht mehr weiter. Und das alles neben dem üblichen Mass an Beschissenheit der Dinge, mit dem man sowieso fertig werden muss.

Ich für meinen Teil bin das alles sehr müde. Inzwischen behelfe ich mir mit einer Technik, die ich auch schon in den 9 Monaten Kinderfront ohne Lebenskomplizin angewendet habe: ich schmiede Pläne, tagträume und halte durch. Ich versuche mir selbst Pausen von dem ganzen Irrsinn zu geben.

Im Angesicht der Pandemie ist das allerdings gar nicht so einfach wie sonst. Möchte ich wirklich darüber nachdenken, ob und wenn ja wo wir im nächsten Jahr die Familienferien verbringen? Und wenn ich mir das jetzt nicht gestatte: Wann wird der Zeitpunkt erreicht sein, an dem es zu spät ist, weil alle anderen es längst getan haben? Zieht man sich mit Pläne machen nicht gerade nur runter oder ist es eine Möglichkeit, sich durch die gröbsten Tiefs durchzuhangeln? Meistens fühlt es sich nach Letzterem an.

Was uns durchhalten lässt

Ich will nicht länger nur im Katastrophenmodus denken und handeln, ich brauche ein paar Fixpunkte, auf die zuzulaufen es sich lohnt. Wen ich treffen möchte, wo ich sein will, was ich essen mag und wie viel ich schreiben werde. Eine Kollegin von der FAZ ist kürzlich aus einem Flugzeug gesprungen und hat dabei zumindest für einen Moment das Gefühl des Eingesperrtseins und der Unsicherheit überwunden.

Man mag das für nutzlos oder frivol halten. Ich glaube, dass es genau das ist, was uns durchhalten lässt: ein gutes Essen, ein warmer Sommerabend, eine tolle Zeit mit der Familie, ein wunderbares Buch, eine Aktivität nur für uns. Dinge, die – wenn wir sie irgendwie ermöglichen und uns erlauben können – über den jetzigen Gefahrenhorizont hinausweisen. Machen Sie es gut!