Sind schlechte Schüler wirklich schlecht?

Kinder, die in der Schule Mühe haben, stellen ihre Eltern vor Herausforderungen. Was hilft – und wie man seinen Nachwuchs am besten unterstützt.

Es sind nicht wenige, die an einer Lernschwäche leiden: Eine Teenagerin verzweifelt am Schulstoff. Foto: iStock

Ein schulisch schlechtes Kind vergleicht sich mit anderen und stellt fest, dass seine Leistungen nicht mit den Erwartungen der Umwelt, sprich jener der Eltern und Lehrer mithalten können. Es fühlt sich als Versager. Tag für Tag. Dabei sind es die Schüler, die es zu bewundern gilt, dass sie diese Mühsal tagtäglich auf sich nehmen, es immer wieder erneut versuchen – auch wenn nicht wenige von ihnen innerlich bereits abgeschlossen haben mit der Schule.

Die Gründe für leistungsschwache Schüler sind vielfältig. Nicht immer lassen sie sich leicht abspeisen mit lapidaren Aussagen und Vermutungen wie: «Die sitzt halt zu viel vor der Glotze», oder: «Der ist nur faul, der Bub.»

Aber eine Dyskalkulie (Rechenschwäche) oder eine LRS (Lese-Rechtschreibe-Schwäche) lässt sich nun mal nicht wegtherapieren; es lassen sich höchstens Methoden einüben, die das Verständnis von Zahlen und Buchstaben fördern. Auch ein ADHS lässt sich selbst mit Medikamenten nicht wegradieren. Sauerstoffmangel bei der Geburt und andere Geburtsschäden sind irreparabel und können sich nachweislich negativ auf die intellektuelle Leistung auswirken. Tatsache ist: Es gibt diese Kinder – und es sind nicht wenige, die an einer Lernschwäche leiden oder kognitiv nicht mithalten können.

Zwischen schlechtem Gewissen und Zukunftsängsten

Gerade dieses Unwissen und das Unverständnis in unserer Leistungsgesellschaft lassen manche Eltern verzweifeln. Wo bleibt ihr Vertrauen ins viel beschworene «Alles wird gut»? Wo bleibt die Gelassenheit, und warum lässt es sich so schwer ertragen, wenn das eigene Kind in der Schule nicht zurechtkommt?

Es gibt Eltern, die sich selbst als Versager erleben, und zwar in Bezug auf ihre Erziehung. Sie quälen sich mit dem Gedanken, selber schuld an der schulischen Misere ihrer Kinder zu sein. Das schlechte Gewissen schlummert unter dem Kopfkissen und lässt die elterliche Seele des Öfteren schlecht schlafen. Gedanken kreisen: Haben wir zu viel Druck ausgeübt? Haben wir es schleifen lassen? Sie fragen sich, warum sie sich schämen und es hassen, wenn die Frage aufkommt, wie es ihrem Kind in der Schule geht. Oder schlimmer noch, wenn Zeugnisnoten bei Kaffee und Kuchen in der elterlichen Runde besprochen werden! All dies zerrt an den Kräften.

Eltern von «schlechten» Schülern gehen einen schmalen Grat.

Andere Eltern wiederum plagen vor allem Zukunftsängste. Es sind liebende Eltern, wie alle. Und liebende Eltern haben die Zukunft im Auge. Sie befürchten, dass alles bachab geht, die Kinder den Übertritt in die Sek A nicht schaffen, keine Lehrstelle finden, auf der Strasse landen. Diese Angst ist nicht unbegründet, sind die Anforderungsprofile für etliche Berufe doch enorm hoch.

Ja, Eltern von «schlechten» Schülern gehen einen schmalen Grat. Ständig stehen sie wie Kaffeefiltermaschinen den Forderungen der Schule gegenüber, indem sie versuchen, den Druck und den Schulstoff zu filtern und in verdünnter Form ihren Kindern zu verabreichen. Es braucht viel Fingerspitzengefühl, Verständnis gepaart mit Beharrlichkeit, eine Engelsgeduld und Nerven wie Drahtseile. Eltern, die Schulkinder haben, welche eben nicht als Selbstläufer durch die Schuljahre flutschen, können ein Lied davon singen. Und eine Arie auf den Hausaufgabenstress dazu.

Was also können diese Eltern Gutes tun, für sich selber und für ihre Kinder?

  • Für das Kind körperlich, emotional und moralisch zur Verfügung stehen.
  • Auf Dauerpredigten und Drohungen verzichten.
  • Zuversicht ausstrahlen anstatt Schreckensszenarien entwerfen!
  • Niemals dem Kind abnehmen, was es selber kann!
  • Weniger Lernstoff abfragen, sondern mit dem Kind über Gott und die Welt reden – auf diese Weise also sein Interesse wecken.
  • Sich selber mal auf die Schulter klopfen. Ihr täglicher Einsatz ist eine Leistung.
  • Das Gefühl der Wertschätzung auch einem Kind vermitteln, welches schulisch nicht top ist.
  • Richten Sie Ihr Augenmerk auf die momentanen Interessen Ihres Kindes!
  • Schaffen Sie Situationen, in denen es Anlass zur Freude und zum Lachen gibt.
  • Sorgen Sie für Erfolgserlebnisse. Fördern Sie die Stärken Ihres Kindes!
  • Hadern Sie nicht. Denken Sie: Wer weiss, wofür es gut ist! Sie werden an Ihrer Lebensaufgabe wachsen und reifen – wie Ihr Kind!

Und das Allerwichtigste: Bleiben Sie ihrem Kind nahe! Bemühen Sie sich, es als Ganzes zu sehen, nicht nur als Schüler.

Lassen Sie es nicht zu, dass Aussenstehende oder die Gesellschaft ihr schulisch schwaches Kind als minderwertig betrachten. Stehen Sie für ihr Kind ein. Es verdient die gleiche Anerkennung wie Gymischüler. Erfahrene Wanderer wissen: Geradlinige Wege sind langweilig und monoton. Eine Wanderung über Stock und Stein, Hindernisse, Umwege und Abzweigungen: Davon lässt sich später spannend berichten. Letztlich führt jeder Weg irgendwann irgendwo hin. Irgendwie.

Und zum Schluss folgendes Zitat für die Kühlschranktür von Stacia Tauscher: «Wir sorgen uns, was morgen aus unserem Kind werden wird, dabei vergessen wir, dass es heute schon jemand ist.»

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