Freitagsfrage

Ich habe ein Duracell-Kind!

Hat das Kind Energie für zwei, kann das die Eltern ganz schön schlauchen. Erziehungsberaterin Daniela Melone weiss Rat.

Nur noch einmal! Der Bewegungsdrang der Kinder kann für Eltern anstrengend sein. Illustration: Benjamin Hermann

Unser Sohn (2) hat Energie für zwei. Er braucht total viel Bewegung, kann schlecht stillsitzen und schläft tagsüber kaum mehr. Im Gegensatz zu ihm bin ich an den zwei Tagen, an denen ich allein mit ihm bin, total ausgepowert – viel mehr als bei der Arbeit, obwohl auch die sehr anstrengend ist. Ich weiss, dass sich Kinder viel bewegen sollten, und ich möchte ihn da natürlich auch nicht bremsen. Was soll ich tun? Olivia

Liebe Olivia

Herzlichen Dank für Ihre Frage. Ja, manche Zweijährige scheinen über beinahe «ausserirdische» Energiereserven zu verfügen! Viele kleine Kinder sind in den ersten Lebensjahren sehr bewegungsfreudig und auch der Tagschlaf nimmt deutlich ab. Laut Untersuchungen des Entwicklungspädiaters Remo Largo gibt es Kinder, die mit 24 Monaten tagsüber nicht mehr schlafen.

Haben Sie den Eindruck, dass Ihr Sohn genug Schlaf kriegt? Manche Kleinkinder sind derart ins Entdecken vertieft, dass sie kaum zum Schlaf kommen, obwohl sie diesen noch brauchen würden. In der Folge sind sie sozusagen zu müde zum Einschlafen. Falls Ihr Sohn sich öfters die Augen reibt und quengelig ist, lohnt sich ein Gang zur nächsten Mütter- und Väterberatungsstelle, um über sein Schlafverhalten zu sprechen. Wenn Sie den Eindruck haben, Ihr Kind unterscheide sich mit seinem Bewegungsdrang über die Massen von anderen Kindern in seinem Alter, können Sie dies auch beim nächsten Kinderarzttermin erwähnen.

In Ihrer Frage geht es weniger um Ihren Sohn als um Sie. Was raubt Ihnen im Zusammensein mit Ihrem bewegungsfreudigen Sohn so sehr die Energie? Natürlich bringen emsige Kinder auch die Eltern in Bewegung. Wie sehr und auf welche Weise, hängt aber auch von deren Erziehungsvorstellungen ab: Wie aktiv möchten Sie in die Handlungen Ihres Sohnes involviert sein? Welche Alternative gibt es für Sie, und wie sieht es Ihr Partner? Erlebt er das Zusammensein mit dem Sohn ebenfalls als energieraubend?

Wo tanken Sie Energie? Wo kommen Sie zur Ruhe? Und wie können Sie sich entlasten?

Sie schreiben, Sie seien erwerbstätig. Es erstaunt mich daher nicht, dass Sie sich ausgepowert fühlen. Denn: Die Zeit, die Sie für die hauptverantwortliche Betreuung und Erziehung eines Kindes bis 18 Jahren aufwenden, entspricht in etwa einer Vollzeitstelle. «Sie konzentriert sich auf die erste Zeit und beträgt zu Beginn – geschätzter Normalfall – etwa das Doppelte», sagt der Ethiker Christof Arn. In der täglichen Familienarbeit kommen dann Regenerationsarbeit, Beziehungsnetzpflege und allfällige Freiwilligenarbeit dazu. Und natürlich die Hausarbeit!

Verschiedene Untersuchungen in europäischen Ländern haben dokumentiert, dass die mit Kinderbetreuung verbrachte Zeit in den letzten Jahrzehnten gestiegen ist. Diese Verhaltensveränderung wird mit intensivierten gesellschaftlichen Erwartungen an Elternschaft und Kindererziehung in Zusammenhang gebracht. Es wird von der «Ideologie der intensiven Mutterschaft» gesprochen. Und dies in einer Zeit, in der die mütterlichen Erwerbsarbeitsquoten steigen und die Kinderzahl gesunken ist. «Insbesondere erwerbstätige Mütter maximieren die Zeit mit ihren Kindern, indem sie bei anderen Tätigkeiten (Hausarbeit, persönliche Aktivitäten) Zeit einsparen», schreibt die Soziologin Caroline Berghammer. Diese «Rechnung» kann nicht aufgehen!

Ich kehre zurück zu meiner eingangs gestellten Frage: Was raubt Ihnen die Energie? Ich vermute ein Zusammentreffen von Mehrfachbelastung, eigenen Erziehungsvorstellungen und dem Bewegungsdrang Ihres Sohnes. Eine wichtige Frage ist daher: Wo tanken Sie Energie? Wo kommen Sie zur Ruhe? Und wie können Sie sich entlasten?

Wenn ich mit Müttern über Entlastung spreche, mache ich oft die Erfahrung, dass sie diese zwar gern hätten, es für sie aber schwierig ist, ihre Ideen dafür umzusetzen. Ich höre dann «ja, ja, ich weiss, aber …»

Mein Vorschlag:

  1. Schreiben Sie sich alle Ihre Ideen auf, wie Sie Energie tanken können. Alle, auch wenn sie noch so unrealistisch erscheinen. Ignorieren Sie Ihre «innere Kritikerin» vorerst getrost.
  2. Nehmen Sie jede einzelne Idee und fragen Sie sich: Wenn ich diese Idee jetzt realisieren würde, was bräuchte es dazu?
  3. Erst jetzt betrachten Sie jede einzelne Idee kritisch und konstruktiv: Was kann durch die Idee verbessert werden? Welche Chancen und Risiken entstehen dadurch? Was denken Sie darüber?

Diesen Prozess können Sie allein, mit Ihrem Partner oder auch mit anderen Müttern zusammen durchspielen. Dadurch, dass innere kritische Stimmen erst im letzten Schritt beachtet werden, können auch innovativere Ideen geprüft werden.

Ich wünsche Ihnen alles Gute!

Daniela