Strukturelle Gewalt gehört thematisiert

Von wegen es ist schon alles in Ordnung: Wir Eltern tun den Kindern keinen Gefallen, wenn wir Rassismus und Unterdrückung totschweigen.

Die Zukunft unserer Kinder wird durch das vermittelte Wertesystem mitbestimmt: Rassismus-Proteste in Sydney.  (Foto: Keystone)

In der pittoresken Idylle der glücklichen Schweizer Vorstadtfamilie ist es leicht, das Weltgeschehen zu ignorieren. Wir erfreuen uns aneinander und kämpfen mit den täglichen Herausforderungen, die uns direkt betreffen. Zugegeben: Mit Kindern gehen einem die Sorgen nie aus. Eine der grössten Sorgen vieler Eltern ist, dass ihr Kind Opfer werden könnte: Opfer von Mobbing, sexuellen Übergriffen und anderen Formen von Gewalt.

Eher selten denken wir darüber nach, wo denn all die Täter*innen herkommen und wer sie erzogen hat. Und mit Täter*innen meine ich nicht nur organisierte Nazis, Vergewaltiger und Mobberinnen. Ich meine auch die, die mitlaufen, wegschauen und profitieren. Ja, in unterschiedlichem Ausmass tragen wir alle Schuld an Unrecht, Unterdrückung und Gewalt. Die Welt besteht nicht aus zwei Gruppen von Menschen, den Guten und den Bösen. Man kann sogar ganz gut Opfer und Täter zugleich sein.

Unser aller Verantwortung

Wir Eltern tragen viel Verantwortung: nicht nur unsere Kinder vor anderen zu schützen, sondern auch andere vor unseren Kindern und den Erwachsenen, zu denen sie heranwachsen. Es ist unsere Pflicht, Kinder so zu erziehen, dass sie sich ihren Mitmenschen gegenüber gerecht und empathisch verhalten. Klar, das liegt nicht allein in unserer Hand, denn wir haben keine alleinige Kontrolle darüber, was aus unseren Kindern wird. Aber wir können ihre Moral entscheidend mitgestalten. Dazu braucht es selbstverständlich mehr, als nebenbei einmal einzugreifen mit: «Pfui, ‹behindert› sagt man nicht!»

Strukturelle Gewalt ist ein System: Rassismus-Demo am Pfingstmontag in Zürich. Foto: Dominique Meienberg

Rassismus ist nicht einfach eine abschätzige Aussage, Misogynie nicht der eine Übergriff und Transfeindlichkeit nicht nur die Verwendung eines falschen Pronomens. Strukturelle Gewalt ist ein System, das Menschen in Klassen unterteilt und ihnen einen Wert beimisst. Eine Kultur, die viele glauben lässt, sie stünden über anderen. Ein Wertesystem, aus dem immer wieder auffällig grobe, noch viel öfter aber subtile Unterdrückung hervorgeht. Und nein, dafür müssen wir nicht in die USA schauen.

Fast alles kann altersgerecht besprochen werden

Es ist eine Illusion der Privilegierten, zu denken, dass ja alles in Ordnung sei. Eine oberflächliche Analyse, die bestenfalls Unwillen signalisiert. Wer ernsthaft eine bessere Welt will, beschäftigt sich mit den Strukturen und Vorurteilen, die marginalisierten Menschen das Leben schwer machen. Dazu gibt es nur einen Weg: Betroffenen zuhören. Persönlich, an Vorträgen, über Bücher, Blogs, Podcasts, Youtube oder Twitter – Möglichkeiten gibt es nun wirklich genug.

Was wir als Eltern dabei lernen, können wir unseren Kindern vermitteln. Von den Grundlagen der menschlichen Gleichwertigkeit bis hin zu nicht diskriminierenden Begriffen. Und natürlich, dass wir marginalisierte Gruppen und unterdrückte Individuen hören, sehen und schützen müssen.

Das bedingt, dass wir mit Kindern schon früh über viele Themen reden. Über schöne wie körperliche und geschlechtliche Vielfalt, aber auch über weniger schöne wie Hass und Gewalt. In meiner Erfahrung kann man fast alles altersgerecht vermitteln. Dass Eltern dabei zeitlich und inhaltlich unterschiedliche Schwerpunkte setzen – so viel erzieherische Freiheit darf sein. Ich ärgere mich jedoch über eine Verweigerungshaltung mit dem Argument «Kinder lernen den Ernst des Lebens noch früh genug kennen» und «Lasst Kinder Kinder sein». Auch das ist eine privilegierte Perspektive. Betroffene können nämlich nicht einfach so tun, als wäre auf dieser Welt alles in Ordnung.

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