Wenn Mama zusammenbricht

Mit 40 ist man mitten in der Rushhour des Lebens. Doch was, wenn eine Depression dazwischenkommt? Unsere Autorin erzählt vom Tag, der ihr Leben komplett veränderte.

Von wegen Schwindel: Eine Depression kann die komplette Wahrnehmung verändern. Foto: Keystone

Inzwischen ist er ziemlich genau zwei Jahre her: dieser Tag, der mein Leben komplett auf den Kopf gestellt hat. Ich war im Bahnhof Bern, auf dem Heimweg von der Arbeit. Bis zu diesem Moment war meine Welt in bester Ordnung. Ich fühlte mich so fit und gesund wie schon lange nicht mehr, hatte Energie wie selten und war drei Monate zuvor nach meiner Mutterschaftspause wieder voller Elan in meinen Fernsehjob eingestiegen.

Mein Kleiner, inzwischen zehn Monate alt, war zu diesem Zeitpunkt wesentlich pflegeleichter als die vierjährige Schwester in ihrer Anfangszeit. Eben noch hatte ich eine Kolumne darüber geschrieben, dass mit 40 das Leben so richtig beginne. Ich war also voll im Saft, hatte weder Schlaf- noch Konzentrationsschwierigkeiten, war nicht müde, nicht deprimiert und hatte auch sonst keinerlei Symptome, die auf einen Zusammenbruch hingedeutet hätten. Und nun freute ich mich, dass ich an diesem Tag im Büro etwas früher Schluss machen konnte und den Zug um 17.34 Uhr erwischen würde. Kurzum: Es war alles in bester Ordnung.

Nächster Halt: Inselspital

Bis ich in der Bahnhofsunterführung vor der grossen Anzeigetafel stand. Und meine Welt zu wanken begann. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Decke kam mir entgegen, der Boden unter meinen Füssen ebenso. Es war der schlimmste Schwindel, den ich je hatte. Was ich nicht wusste: Er würde noch über Stunden, ja Tage anhalten. Es fühlte sich an wie in einem Vakuum auf hoher See. «Schnell hinsetzen», dachte ich und eilte zum Perron. Eine unsichtbare Macht wollte mein Hirn rausreissen, zog daran und dehnte es wie einen Kaugummi, den man langzieht. Ich fühlte mich wie in einem Science-Fiction-Film, nur war ich leider mitten in der Realität, in der Rushhour des Lebens. Es war 17.34 Uhr. Die Zugtüren schlossen, der Zug fuhr davon. Ohne mich. Ich sass noch immer auf der Bank von Perron 7, und nichts war mehr wie vorher.

Es erwischte mich mit solcher Wucht, dass sofort klar war: Es geht nicht ohne Klinik.

Statt nächster Halt Thun hiess es nächste Station Inselspital. Ich lag auf dem Krankenbett und fiel gleichzeitig ins Bodenlose. Nach einer schlaflosen Nacht durfte ich nach Hause. Man wolle weitere Abklärungen vornehmen, MS sei nicht ganz ausgeschlossen, aber für den Moment sei alles okay.

Doch für mich war nichts mehr okay. Tagelang bewegte ich mich in dieser komischen Parallelwelt, die so gar nichts mehr mit meiner bisherigen Wirklichkeit zu tun hatte. Meine Wahrnehmung: verschwommen und verschoben. X-mal tauschte ich meine Linsen und musste jedes Mal erneut feststellen, dass diese verzerrte Wahrnehmung nichts mit meinen Augen zu tun hatte. Irgendwann kamen Panikattacken hinzu. Eines Nachts war ich mir sicher: «Jetzt verlierst du den Verstand.» Am nächsten Morgen war es da: dieses Gefühl, das unverkennbar eine Depression ist. Und das ich nicht meinem allerärgsten Feind wünschte. Dieses Depressionsgefühl liess nicht mehr zu, dass ich weiterarbeitete, und auch nicht, dass ich für meine Kinder sorgen konnte. Mich hatte es mit solcher Wucht erwischt, dass sofort klar war: Es geht nicht ohne Klinik. Diagnose: mittelschwere Erschöpfungsdepression. Vermutlich auch ein Anteil Postpartaler Depression, denn nur kurz vorher hatte ich meinen Sohn abgestillt.

Es kann jeden treffen

Begriffe und Ausdrücke wie Wahnsinn, verrückt sein, «meine Welt gerät ins Wanken» oder «es zieht mir den Boden unter den Füssen weg» schienen plötzlich ganz einleuchtend. Nur dass man dies lieber niemals erfahren hätte.

Depression, das war mir als Journalistin nicht fremd. Ich hatte schon viel dazu recherchiert, gefilmt, Interviews mit Betroffenen und Experten geführt – und hätte nie, nie, nie im Leben gedacht, dass es mich einmal selbst erwischen könnte.

Und nun musste ich erfahren, dass es eben doch jeden treffen kann. Die Jüngste in der Klinik war 15, der Älteste 90. Künstler, Spitzensportlerin, Informatiker, KV-Angestellte, Bankerin, Bauarbeiter, Polier, Krankenschwester: Sie alle sassen mit mir in einer Runde. Auch wenn ich mich anfangs wie im Irrenhaus fühlte, merkte ich schon bald, dass es der richtige Weg war. In der Klinik wurde mir geholfen. Dort zeigte man mir Wege und Werkzeuge, um aus der tiefen Dunkelheit zurück ins Licht zu finden.

Das Therapieangebot war breit: von verschiedensten Körpertherapien über Ergotherapie bis hin zur Aromatherapie und zum Achtsamkeitstraining. Was klingen mag wie ein Wellnessprogramm, sind bewährte Methoden, um eigene Frühwarnzeichen zu erkennen, um die Abwärtsspirale stoppen zu können. Um sich selbst wieder zu spüren. Denn die Sinne, die Selbstwahrnehmung spielen ja verrückt in diesem Ausnahmezustand Depression.

Meine Depression, mein Schosshündchen

Genauso wichtig waren aber auch Psychotherapie und Psychopharmaka. Gegen Letztere habe ich mich anfangs vehement gesträubt. Heute bin ich froh, dass mich mein Therapeut irgendwann davon überzeugen konnte. Zwar heilen Medikamente keine Depression. Aber sie helfen, im allerschlimmsten Moment Stabilität zu schaffen. Damit man überhaupt wieder fähig wird, sich auf die anderen Therapien einzulassen.

Winston Churchill nannte seine Depression den «schwarzen Hund». Ein Hund, der riesig und gefährlich ist, der beisst und bellt. In der Klinik lernt man, diesen Hund an die Leine zu nehmen. Und in der nachfolgenden Therapie lernte ich, ihn zu einem fügsamen Schosshündchen zu machen. Heute, zwei Jahre später, geht es mir wieder gut. Ganz selten noch wedelt das Schosshündchen um mich herum oder bellt auch einmal. Die meiste Zeit schläft es friedlich in seiner Hundehütte.

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