Ich und mein Holz

Unser Papablogger war schon immer ein Waldkind. Doch es brauchte den Lockdown, damit er den Wald wiederentdeckte.

Wo kann man die Gedanken am besten sortieren? Im Wald. Illustration: Benjamin Hermann

Freitag, 17. April

Seit Beginn des Lockdown schleiche ich wieder öfter durch den Wald. Ich war schon immer ein Waldkind, aber in letzter Zeit entfremdeten wir uns. Meine Schuld. Die Arbeit und andere Verpflichtungen. Aber jetzt, wo sich das Leben im Haus und bei schönem Wetter ums Haus abspielt, habe ich den Wald wiederentdeckt.

Es begann vor einem Monat mit dem täglichen Waldspaziergang – Beebers stets im Tuch vorgeschnallt, während meine Frau im Homeoffice Videokonferenzen abhielt. Die lärmenden Kinder aus dem Aufnahmebereich des Mikrofons und dem Kamerawinkel evakuieren, so der Plan. Leider begleitet uns der Brecht nur etwa jedes dritte Mal. Er scheint kein Waldkind zu sein. Noch nicht. Beebers aber wandert gerne mit mir durch Dornen, über Stümpfe und schaut andächtig in die Baumkronen.

Wir wohnen nicht nur neben einem Wald, uns gehört sogar eine kleine Parzelle. Wald ist finanziell so ziemlich das Wertloseste, was man an Grund besitzen kann, aber emotional bereichernd und in schwierigen Zeiten irgendwie beruhigend. Heute stand ich neben einer über hundertjährigen Douglasie, die gefühlt bis zum Mond reicht, und dachte: «Mein Baum!» Und zu den Kindern: «Das wird irgendwann euer Baum sein, wenn wir ihn nicht vorher in wohlige Winterwärme umtauschen.»

Ich glaube nicht an «Kraftorte», aber im Wald, da geht es mir gut. Allerdings brauchte es einen Lockdown, um mir wieder bewusst zu werden, wo ich meine Gedanken am besten sortieren kann. Wenn der Lockdown dereinst vorüber ist, muss ich mir wohl selber Auszeiten schaffen. Vielleicht kaufe ich eine Kettensäge, nehme mir im Winter ein paar Wochen frei und fälle Bäume. Die Douglasie lasse ich erst mal stehen.

Musiktipp: «Holz» von den 257ers

Corona-TagebuchDurch Homeschooling und Homeoffice sind sich Eltern und Kinder zurzeit so nahe wie nie. Im Mamablog berichten wir von Montag bis Freitag um 17 Uhr vom ganz normalen Wahnsinn aus dem Lockdown: von Kindern, Schule, Arbeit, Patchwork, Beziehungen, Social Distancing und kleinen Errungenschaften im neuen Alltag. Den nächsten Eintrag von Markus Tschannen lesen Sie am nächsten Dienstag. Wir wünschen Ihnen ein schönes Wochenende!

7 Kommentare zu «Ich und mein Holz»

  • Maike sagt:

    Ein Wald hat etwas. Er kann beruhigend auf Menschen einwirken. Schon mal vom Buch – Das geheime Leben der Bäume – gehört ?
    Bäume stehen nicht einfach nur da und wandeln CO2 in O2 um. Viele stehen über ihr Wurzelwerk miteinander in Kontakt und kommunizieren miteinander. Der Wald ist ein riesiger Organismus und wir stehen erst ganz am Anfang, ihn zu verstehen. Wenn uns das überhaupt gelingen sollte.

  • Rachel sagt:

    Hey Markus. Wennt de Hilf bim sagu brüchsch, iische eltschte Botsch isch de Forstwart… Grüoss usum Wallis – Rachel

  • Sportpapi sagt:

    „Leider begleitet uns der Brecht nur etwa jedes dritte Mal. Er scheint kein Waldkind zu sein.“
    Hm ja. Also bleibt er bei der Mutter zu Hause, die eigentlich arbeiten sollte. Da wäre mir jetzt der Wunsch des Kindes ziemlich egal, ehrlich gesagt.

    • Technisch gesehen ist er natürlich bei der Mutter zu Hause. Aber das Kind ist sechs, kann sich selber beschäftigen und die Tür zum Homeoffice bleibt geschlossen.

      Klar, ich würde mich auch freuen, wenn der Brecht uns auf dem Waldspaziergang begleitet, aber schleif mal ein Sechsjähriges durchs Unterholz. Das geht ganz schön in den Rücken.

      • zysi sagt:

        Den 6 jährigen gilt es auch nicht zu Schleifen, ausser man vollzieht eine anderweitig pädägogisch wertvolle Lektion, nein – eher ein Begleiten bis zur eigenen Laubhütte und dort dann mit bspw. Beil, CH Sackmesser, Lupe, Sammeltasche die Zeit verbringen – meistens endet dies mit “ i wott no nid heiga“…

      • Klar, manchmal klappt das, manchmal nicht. Ich respektiere, wenn das Kind mal nicht mitkommen will. Es hat ja auch noch anderes zu tun.

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