Fasten im Lockdown?

Die ursprünglichen Pläne unserer Autorin, vor Ostern zu fasten, wurden von Corona überholt. Verzicht wurde durch die Krise zur Normalität.

Ein Verzicht auf Fleisch wirkt schon fast banal: Heute verzichten wir noch auf ganz andere Dinge. Foto: iStock

Die Zeit vor Ostern wollten wir zum Anlass nehmen, uns in Genügsamkeit zu üben. Die Ironie des Schicksals belächelt diese Bemühungen gerade ein bisschen. Erinnert ihr euch? Es gab ein Leben davor, das war voll von Überfluss, Konsumwahn und erfüllten Wünschen. In dieser Zeit, die erst ein paar Wochen her ist, sich aber Jahrzehnte weit weg anfühlt, haben wir uns als Familie gedacht: «Hey komm, wir verzichten in der Fastenzeit auf Fleisch.» Einfach, um uns bewusst zu werden, wie viel wir haben, und wieder etwas mehr Dankbarkeit dafür zu entwickeln. Wir wollten uns und unseren Kindern in Erinnerung rufen: Wenn wir weniger an Materiellem haben, macht uns das nicht unbedingt unglücklicher. Im Gegenteil.

Ganz ehrlich: Das klingt heute etwas banal, um nicht zu sagen lächerlich. Denn mittlerweile verzichten wir nicht nur auf das Wienerli zum Kartoffelsalat, sondern eben auch auf Schule, Kita und Spielgruppe, Ausflüge, Restaurants, Spielplätze, Familienbesuche. Ganz normale Dinge fallen weg wie gemeinsames Einkaufen, gemütlich in einem Café Zeitung zu lesen oder eine kleine Zugfahrt zu unternehmen. Übersetzt auf unseren Alltag mit drei kleinen Kindern bedeutet dies, die ganze Struktur ist dahin und wir müssen uns komplett neu einfinden. Was vorher durch fixe Zeiten und Termine geregelt war, ist jetzt eine grüne Wiese. Nur ist sie wegen Corona abgesperrt. Morgens um acht haben wir bereits mit Wasserfarben gemalt, Lego gespielt und die Puppen angezogen. Und jetzt? Wir haben alle Zeit der Welt – aber nichts zu tun.

Nie hatte ich mehr Lust auf einen Besuch im Kinderzoo

Eigentlich könnte man annehmen, dass sich das Gefühl vom Ballast-Abwerfen, das ich mir durch den selbst auferlegten Fleischverzicht erhofft hatte, jetzt umso mehr einstellt. Schliesslich sind wir keinen materiellen Verführungen mehr ausgesetzt. Wir sind gezwungen, uns auf uns selber zu fokussieren, im Hier und Jetzt zu leben. Aber so richtig warm werde ich damit trotzdem nicht. Vielleicht auch deshalb, weil die neuen Einschränkungen nicht freiwillig sind. Vielmehr fühle ich mich fremdgesteuert und eingeengt. Nie hatte ich mehr Lust auf einen Besuch im Kinderzoo oder darauf, wieder einmal im Hallenbad zu planschen, als jetzt, wo es partout nicht möglich ist. Bei allem Verständnis für den Ernst der Lage wünsche ich mir meine Freiheit und meine Selbstbestimmtheit zurück.

Bei den Kindern schlägt diese Langeweile schnell in gegenseitiges Foppen und Ärgern über. Sie sind übermütig, voller Tatendrang. Normalerweise würden wir an solchen Tagen auf den Spielplatz gehen, um wieder runterzukommen. In diesen Tagen versuche ich, ihnen den Rahmen zu geben, den sie dringend brauchen, und achte darauf, dass wir die Essens- und Schlafenszeiten einhalten und nicht den ganzen Tag im Pyjama umherhüpfen. Ich tue etwas, was ich sonst zu vermeiden versuche: Ich tigere um ihr Spiel herum und greife gleich ein, wenns zu bunt wird. Versuche, ihnen ein angeleitetes Programm zu bieten, das sowohl den fast 6-jährigen Kindergärtler fordert als auch mit der streitlustigen 2-Jährigen kompatibel ist. Denn sobald ich ihnen den Rücken zudrehe, setzen sie das Bad unter Wasser oder malen sich mit Filzstift Tattoos auf die Arme.

Es bleibt mir also nicht viel anderes übrig als zu träumen von einem Sommer voller Badibesuche, Schifffahrten und Picknicks; am besten mit Grosseltern, Tanten, Onkeln und sämtlichen Cousinen und Cousins unserer Kleinen. Vor allem aber träume ich von einer Welt, wie wir sie vorher für selbstverständlich genommen haben. Eine, in der wir uns wieder frei bewegen können.

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15 Kommentare zu «Fasten im Lockdown?»

  • 13 sagt:

    Ich bin der Überzeugung, dass dieser krampfhafte Versuch Normalität in eine aussergewöhnliche Situation zu bringen, ein Gefühl von Ohnmacht oder Überforderung fördert. Warum nicht die aussergewöhnliche Situation als solche annehmen? Gerade für Menschen, die nun Zeit haben, weil sie nicht oder nur verkürzt arbeiten müssen:
    Ein Pyjama-Tag für die ganze Familie? Tönt doch entspannend. Badevergnügen im eigenen Bad mit Malfarben, Mami und/oder Papi mit einem Cocktail auf einem bequemen Stuhl daneben?
    Ein grosses Picknick auf dem Wohnzimmerboden?
    Warum nicht mal Sachen tun, die man sonst nicht tut? Den Zustand als Abenteuer annehmen anstatt als Verzicht?

  • Seraphim sagt:

    Habe gerade 10 Tage gefastet. Tat gut und war einfacher als die letzten Jahre.

    Man zum austauschen chatten?

  • Alam sagt:

    Nein die Covid-Massnahmen sind nicht Peanuts. Und ja, sie bedeuten viel Verzicht. Viele Spielplätze sind gesperrt. Nicht jede Familie hat den Wald um die Ecke. Um Menschenansammlungen auszuweichen, muss man je nach Wohnsituation weiter weg als üblich.
    Wer von den Kommentarschreibenden hat Kinder im Alter von Frau Lüönds Nachwuchs? Wer erinnert sich noch daran, was es alles braucht, bis die Rasselbande „ausgehfertig“ ist? Deshalb hier auch mal ein Dankeschön an die Familien, die zu Hause bleiben!

    • Miriam sagt:

      Genau das habe ich mir auch gedacht beim Lesen der Kommentare. Sie schreibt von einem 6- und einem 2-jährigen Kind , das dritte ist evt. noch ein kleines Baby oder ein Krabbelkind, welches alle Schubladen ausräumt und den ganzen Tag Chaos produziert…. ?Unsere Kinder sind 3,5 und 7 und ganz ehrlich, ich habe in der letzten Zeit oft gedacht, wie froh ich doch bin, dass die Coronakrise nicht vor 2 oder 3 Jahren war! Übrigens, die Kinder sind super kreativ, ich sehe durchaus auch Chancen für die Kinder, aber es darf doch auch gesagt werden wenns anstrengend ist.

  • Maurer sagt:

    Das ist jetzt mal ein herzhafter Bericht. So ist halt das Leben mit kleinen Kindern. Ich erinnere mich an unsern Versuch 3 Wochen ohne TV und Game-boy vor 30 Jahren. Die erste Woche nur Streit und Ärger. Danach wurde es schön – wir konnten einander zuhören, jassen etc.

  • Reincarnation of XY sagt:

    einfach mal zum Nachdenken:

    Vielleicht wäre „tätowierte“ Kinderarme zulassen Ihr neues Fasten?

    • tststs sagt:

      Ach, vermissen Sie auch die Perspektive im Ganzen?

      Es sollten sich doch die meisten bewusst sein: Was bei uns unter Lockdown/Eingesperrt-sein läuft, ist für einen grossen Teil der Menschheit die Vorstellung eines All-Inclusive-Urlaubs, den sie sich nie und nimmer leisten können!

      Oder wie sagte ein guter Bekannter: Hesch gnueg zFresse, flüssend Wasser und WLan. Und die reded vo Nostand!

      • Reincarnation of XY sagt:

        Eigentlich ging es mir um den Fasten Gedanken.
        Früher wurde gefastet, um Sündenschuld abzubüssen. Heute fastet man, um (abzunehmen, zu detoxen) neue Erfahrungen zu machen = sich positiv weiterzuentwickeln, flexibler zu werden.

        Wenn ich den Text lese, scheint mir, der Fingerzeig des Schicksals würde der Autorin sagen: Fleisch und Genuss ist nicht dein Problem (darum würdest du auch ohne Probleme darauf verzichten), aber den Kindern mehr Freiraum geben, dich mal für eine gewisse Zeit von deinen engen Ordnungsvorstellungen zu lösen – ist vielleicht die wichtigere Lektion als selbstgewählte „Genügsamkeit“. 🙂

  • Alex sagt:

    „Wir haben alle Zeit der Welt – aber nichts zu tun.“ Wow, welch erbärmliche Ideenlosigkeit. Fällt der Konsumwahn weg, ist man gleich aufgeschmissen. Mir tun die Kinder Leid, ich kann nur erahnen, was diese als Erwachsene darstellen werden.

    • tststs sagt:

      Nun ja, wie gesagt, Lange-Weile will gelernt sein.

      Und die Ideenlosigkeit anderer der Lächerlichkeit preiszugeben, zeugt jetzt auch nicht gerade vom Meistergrad im Langeweile-Ertragen 😉

  • tststs sagt:

    1. Lange-Weile will halt auch gelernt sein.
    2. Ich schliesse mich Peter Steinmann an: So what? Überlegen Sie sich, wohin Sie die Energie stecken wollen: die Kids überwachen oder im Nachhinein aufräumen/putzen? Ebä… 😉

  • Maike sagt:

    Also man kann sich das Leben auch selber richtig schwer machen ! Wenn Sie fasten wollen, bitte – dann tun Sie es doch. Wozu braucht es da einen Anlass wie Ostern ? Das kann an jedem x-beliebigen Tag losgehen.
    Hat man Kinder zu Hause, muss man sich natürlich Gedanken machen, wie man deren Energie sinnvoll kanalisiert. Vielleicht sieht man anhand dieser Aufgabe auch mal den Job der Betreuer im Kindergarten und der der LehrerInnen in einem anderen Licht – aber das nur so nebenbei.
    Sie können mit ihren Kindern doch trotz CV raus an die frische Luft ! Es ist ja nicht so, das der CV wie eine Zecke im Grass auf seine Opfer lauert. Halten sie Abstand zu anderen Personen und schärfen Sie Ihren Nachwuchs ein, nicht alles anzufassen. Danach ordentliches Händewaschen und desinfizieren.

    • tststs sagt:

      Wenn Sie fasten wollen, bitte – dann tun Sie es doch. Wozu braucht es da einen Anlass wie Ostern ? Das kann an jedem x-beliebigen Tag losgehen.

      Es nennt sich: Ritual.

  • Peter Steinmann sagt:

    Und warum gehen Sie nicht auf den Spielplatz oder in den Wald? Was ist so schlimm an angemalten Armen? Man kann es sich auch kompliziert machen…

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