Die guten Seiten der Corona-Krise

Nach Corona alles zurück auf Start? Bitte nicht, findet unsere Autorin. Ihre Gründe.

Wie wird die Welt nach Corona aussehen? Vielleicht werden wir die Natur dann wieder stärker schätzen. Foto: Getty Images

Manchmal fühle ich mich in diesen seltsamen Tagen so, wie sich Tarzans Jane gefühlt haben muss, als dessen riesige Pranke sie aus ihrem Leben gerissen und in den dunklen Dschungel gehoben hat, wo keines der ihr bekannten Gesetze noch galt. Denn wie die zappelnde Blondine wurden wir die letzten Wochen alle aus unserem Alltag und unseren Strukturen gerissen, ohne zu wissen, was die unbekannte Welt für uns bereithalten wird.

Wenn ich aber zu stark zur Jane mutiere, erinnere ich mich und die Kinder jeweils gebetsmühlenartig daran, dass Corona für sie und uns gesunde Erwachsene in der Regel nicht gefährlich ist und wir diesen rigorosen Rückzug aus Solidarität zu den Geschwächten und Alten unserer Gesellschaft und zur Sicherstellung des Gesundheitswesens tun. Und ich erinnere sie und mich an die malträtierte Natur, für die jede Minute dieses Stillstands das Beste ist, was ihr hat passieren können – was uns beispielsweise der Himmel, der sich in einem smogfreien Blau zeigt, gerade eindrücklich beweist.

Das Coronavirus geht, der Klimawandel bleibt

Ja, das Coronavirus kann angesichts der weltweiten Opferzahlen Angst machen. Doch ich vertraue darauf, dass unsere Solidarität Früchte trägt und uns, in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft, die Normalität zurückbringen wird. Der Klimawandel hingegen wird ohne eine weltweite Einschränkung von Konsum, Industrie und Mobilität unaufhaltsam voranschreiten und das Leben kommender Generationen auf den Kopf stellen. Die momentan anspruchsvolle Situation macht nun genau jenen wichtigen Verzicht möglich, der bis vor kurzem noch undenkbar gewesen wäre. Denn der Wohlstand in unserem Land ist zwar ein riesiges Geschenk, hat uns aber nicht gelehrt, uns einzuschränken, Unsicherheiten auszuhalten, Kontrolle abzugeben und zu erkennen, wie klein und verletzlich wir letztlich sind.

Immer schneller, höher und besser lautete die Devise.

Unsicher war das Leben ja schon immer und die Welt bedrohter denn je, was sich am fetten Buffet unserer Breitengrade aber jeweils ganz gut wegschieben liess. So wird dieses Virus auch zur Projektionsfläche verdrängter Verletzlichkeit und Ängste, die es an die Oberfläche spült.

Geplatzte Sicherheitsblase im Zeitalter der Machbarkeit

Sehr lange durften wir in der Schweiz in einer Sicherheitsblase leben, während an vielen Orten der Welt das Elend tobte. Wir aber erlebten das Zeitalter der Machbarkeit: Immer schneller, höher und besser lautete die Devise. Selbst wenn viele von uns ein zunehmendes Unbehagen beschlich, schien es doch aussichtslos, sich diesen Gesetzen zu entziehen und uns nicht immer noch etwas mehr anzustrengen. Die Uhren diktierten uns ja nicht nur die Zeit, sondern auch, wie viele Schritte wir noch machen müssen, um unseren körperlichen Optimalzustand zu erreichen. Und wir waren stets darum bemüht, eine immer noch bessere Variante von uns selbst, der Firma und auch aus unseren Kindern zu pressen.

Nun wurden all diese Mechanismen jäh gestoppt. Wir werden auf uns selbst und das Rudimentäre zurückgeworfen, und das Virus bietet uns damit auch die Chance zu erkennen, was wirklich zählt.

Lasst uns also bei aller Verunsicherung immer wieder an das Gute glauben, das dieser Stillstand mit sich bringt. Denn wer weiss: Vielleicht lernen unsere Urenkel ja dereinst in der Schule, dass dieses beunruhigende Virus zwar viele Opfer verursachte, aber unserer Welt auch den dringend notwendigen Wandel brachte. Bleibt also zu hoffen, dass nach überstandener Krise nicht einfach alles zurück an den Start geht – und sich die gemachten Erkenntnisse festigen.

Weitere Beiträge zum Thema: