Corona-Tagebuch

Neuer Alltag, verzweifelt gesucht

Ab heute berichten eine Mutter und zwei Väter täglich vom ganz normalen Ausnahmezustand. Zum Start erzählt Michèle Binswanger, wie sich ihr Leben seit dem Lockdown verändert hat.

 

Mit Teenies im Lockdown: Seit zwei Wochen ist unsere Autorin Vollzeitmutter – und schreibt Tagebuch. Illustration: Benjamin Hermann

Corona-TagebuchDurch Homeschooling und Homeoffice sind sich Eltern und Kinder zurzeit so nahe wie nie. Im Mamablog berichten wir von Montag bis Freitag um 17 Uhr vom ganz normalen Wahnsinn aus dem Lockdown: von Kindern, Schule, Arbeit, Patchwork, Beziehungen, Social Distancing und kleinen Errungenschaften im neuen Alltag.

 

Dienstag, 31. März

Wie anders mein Leben geworden ist, seit ich mit meiner Familie im Lockdown zu Hause sitze, sehe ich, wenn ich die Kühlschranktür öffne. Ich war immer heimlich etwas neidisch auf die voll gefüllten Kühlschränke anderer Mütter. Das Zeichen einer guten Mutter: immer genug Essen auf Vorrat zu haben, um die Brut jederzeit mit Futter ruhigstellen zu können. Ganz im Gegensatz zu meinem Kühlschrank, der immer einen leicht vernachlässigten Eindruck machte.

Als berufstätige Mutter und Wochenaufenthalterin ist man immer unterwegs nach irgendwohin, muss Mahlzeiten mit der Voraussicht eines Heerchefs planen und den Kühlschrank organisieren. Eingekauft wird nur kurzfristig, es soll ja schliesslich nichts verderben. Berufstätige Mutter bin ich zwar immer noch, aber von meinem rasenden Pendlerleben ist nichts geblieben. Gestrandet im Homeoffice mit der Familie, spielt sich mein Leben heute auf wenigen Quadratmetern und höchst eingeschränkten Sozialkontakten ab. Doch nach dem Schock und Chaos der ersten Tage beginnt sich in der dritten Woche so etwas wie Alltag zu etablieren.

Will ich etwas von meinen Teenies mitbekommen, muss ich auf den ältesten Muttertrick zurückgreifen.

Dabei habe ich Glück. Meine Kinder sind gross genug, dass sie sich auch gern mal selbst zurückziehen, und die Wohnung ist gross genug, dass das auch möglich ist. Und so muss ich, wenn ich etwas von meinen Teenies mitbekommen will, auf den ältesten Muttertrick der Welt zurückgreifen und ihnen leckere Dinge kochen. Und deshalb liebe ich den Blick in den Kühlschrank: endlich Vollzeitmutter, endlich Mahlzeiten planen und entsprechend einkaufen, endlich Vorräte im Haus haben und aus dem Vollen schöpfen.

Ja, auch ich finde den Lockdown schwierig, denn natürlich gibt es neben den Mutter- und Haushaltspflichten noch die Arbeit und den ganzen Rest zu erledigen. Und ja, auch ich bin noch auf der Suche nach dem neuen Alltag, der Sicherheit vertrauter Abläufe. Und auch ich schwanke, wie viele andere, zwischen Phasen der Klaustrophobie und Verzweiflung. Wenn die Angst zupackt und man sich nackt und ungeschützt vorkommt. Aber es hilft nichts, wir müssen da durch.

Und manche Dinge bleiben gleich. Dass Kinder essen wollen und dass Mütter und Väter dafür sorgen, dass sie welches kriegen. Dass es einzukaufen und Mahlzeiten zu organisieren gilt. Rund um die Mahlzeiten kann sich schliesslich so etwas wie eine Struktur etablieren. Und rund um diese Struktur vielleicht, wer weiss, ein Alltag. Und so spaziere ich dieser Tage, wenn mir alles über den Kopf zu wachsen scheint, zum Kühlschrank, baue mich auf an seiner Fülle und plane die nächste Mahlzeit.

Morgen und übermorgen berichten die Papablogger Yannick Wiget und Markus Tschannen an dieser Stelle von ihrem Homeoffice-Alltag mit Kindern. Der nächste Tagebucheintrag von Michèle Binswanger erscheint am Freitag, um 17 Uhr. Bleiben Sie wohlauf!

9 Kommentare zu «Neuer Alltag, verzweifelt gesucht»

  • Frédéric Keller sagt:

    Ich finde auch, dass man das Tagebuch für die Normalos von der Strasse öffnen müsste. Ein Wirt, dessen Bar zugemacht wurde. Eine Zahnärztin, die mit ihren ganzen Ersparnissen im Februar eine Praxis eröffnet hat. Einen Immunsupprimierten, der seit Jahren im „Corona-Modus“ leben muss, um sich zu schützen. Oder eine serbische Putzfrau im Spital, die jetzt auf einmal als „Heldin“ gerühmt wird, auch Sa/So krampfen muss und doch keinen Franken mehr Lohn erhält.
    Solche Berichte aus dem richtigen Leben würde mich wesentlich mehr interessieren

  • Blüemlisalp sagt:

    Guter Text und gute Idee mit dem Tagebuch.

    Zu den nächsten Beiträgen: Wäre es nun nicht die Chance, „normale“ Menschen zu Wort kommen zu lassen, die wirklich vom „Lockdown“ betroffen sind (analog dem Coiffeur)? Oder die unverzichtbare Jobs haben?

    Vom Papablogger haben wir doch schon in früheren Beiträgen gehört, dass er schon immer nach dem „Corona-Regime“ gelebt habe. Also alles paletti für ihn. Und die Grosseltern können wir im Moment alle nicht besuchen. Sehe jetzt nicht ganz, was da noch Neues kommen könnte.

    Wie oben geschrieben finde ich es eine schöne Idee mit dem Corona-Tagebuch, aber sehe wie hier gerade eine (journalistische) Chance vergeben wird, wenn „nur“ auf die üblichen Blogautoren zurückgegriffen wird.

    • Blog-Redaktion sagt:

      Vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Es freut uns, dass Ihnen das neue Format gefällt. Wir möchten im Mamablog in diesen Tagen möglichst vielen Menschen eine Stimme geben und unterschiedliche Perspektiven zeigen. Mit der Auswahl unserer Tagebuch-Crew haben wir das ein Stück weit versucht. Viele Gruppen und Schicksale kamen bisher aber noch zu kurz, da haben Sie recht. Drum auch an dieser Stelle unser Aufruf: Welche Themen beschäftigen Sie im Moment besonders? Worüber sollten wir in den kommenden Wochen unbedingt berichten? Schreiben Sie uns eine Mail: blogs@tamedia.ch. Herzliche Grüsse und bleiben Sie gesund, die Mamablog-Redaktion.

  • Sonusfaber sagt:

    Der Wohlstand, an sich in meinen Augen ein erstrebenswerter Zustand, hat unsere Anpassungsfähigkeit massiv beeinträchtigt, ja uns enorm verweichlicht. Derart, dass ich mich bisweilen fremdschämen muss. Wir beklagen Zustände, um es schonungslos zu sagen, die sich unsere Ahnen gegen Ende des 19. Jahrhunderts nicht einmal in ihren gewagtesten Träumen hätten vorstellen können. Man lese dazu zum Beispiel „Der Stammbaum“ des Tessiners Piero Bianconi. Oder etwas über den dreissigjährigen Krieg und dessen Folgen. Was dem Lamentieren trotzdem kein Ende setzen dürfte …

    • Muttis Liebling sagt:

      Objektiv ist es ein unwahrscheinliches Glück, wenn nach 100 Jahren erstmals wieder eine Pandemie ausbricht, der Erreger aber so harmlos in Infektiosität, Morbidität als auch Letalität ist. Es hätte in allem 3 Kategorien in Grössenordnungen schlimmer kommen können, z.B. analog Ebola.

      Jetzt können alle Staaten und die WHO relativ risikoarm Strategien entwickeln, die auch dann greifen, wenn bei der nächsten Pandemie ein etwas potenterer, stärker mutierender Virus antritt. Fehlende, weil stark vernachlässigte Ausrüstung und Infrastruktur, darf nicht noch einmal passieren. Man kann ein medizinisches Versorgungssystem nicht auf Kante nähen.

      Der grösste Versager in CH ist der Med. Dienst des Militärs, der keine Notfalllazaretten für Folgen von ABC- Waffen bereit hält.

      • Aquila Chrysaetos sagt:

        Die Armee hat überhaupt nicht versagt, ihr wurden schlicht und einfach in den letzten 30 Jahren die Mittel und der Auftrag entzogen.
        Noch anfangs der 80er gaben wir 20% des Bundesbudget für Verteidigung aus, jetzt noch knapp 6%.

        Von links bis rechts wurde die Armee für ihre Notspitäler und ihre Notlager belächelt. Alles abgeschafft nach Ende des kalten Krieges auf Grund des Budgetdruckes und weil es von der Politik als nicht mehr zeitgemäss abgetan wurde. Das alles war aber bis vor kurzem noch vorhanden.

        Und gleichzeitig werden an die Armee Anforderungen gestellt, für die sie von der Politik gar nicht mehr die Mittel bekommt.

        Wenn schon hat die Politik versagt (und somit letztlich in der CH auch der Stimmbürger).

      • Sportpapi sagt:

        @Aquila Chrysaetos: Das ist richtig. Allerdings habe ich vom Militär auch nie gehört, dass Sie mehr Geld für Notspitäler und Notlager benötigen. Es ging eigentlich immer nur um Flieger, Waffen und Autos.

      • Aquila Chrysaetos sagt:

        @ Sportpapi:

        Die Armee hat halt verschiedene Aufgaben, wenn man sich die Mühe macht die regelmässigen erscheinenden Sicherheitsberichte durchzulesen.

        Man kann der Armee nicht den Auftrag geben, die Luftverteidigung und den Luftpolizeidienst sicherstellen, und dann kein Kampfflugzeug zur Verfügung stellen. Das scheint mir recht paradox.

        Aber die nächsten Jahren wird die Corona-Pandemie sowieso von Links bis Rechts missbraucht werden um ihre politischen Ziele zu erreichen. Fängt beim Verhindern der Erneuerung der Luftwaffe an und hört bei der Schliessung von überflüssigen Landspitälern auf.
        Für alles mögliche wird Covid nun herhalten, um Investition, die einem politisch nicht genehm sind, zu verhindern.

        Die Armee hat mit ihrem Budget versucht, allen Aufträgen gerecht zu werden

      • Sportpapi sagt:

        @Aquila Chrysaetos: Die Armee kann in ihrem Budget schon entscheiden, was sie tut. Und sicherlich hätte sie für Notfallspitäler eher Zustimmung erhalten, als für neue Flieger, wenn sie dafür zusätzliche Mittel beantragt hätte.
        Aber auch hier: Nutzt ja nichts, jetzt überall nach Fehlentscheidungen zu suchen, die zu jenem Zeitpunkt den meisten Beteiligten richtig erschienen waren.

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