Corona-Ferien? Von wegen!

Das ungewohnte Zuhausebleiben mag für Kinder und Eltern am Anfang aufregend sein – der Spass ist aber bald vorbei.

Homeoffice und Kinderbetreuung gleichzeitig – das zehrt an den Nerven. Foto: Keystone

Die Sonne scheint, Vögel zwitschern, meine grosse Tochter schaukelt seit gut einer halben Stunde im Garten unseres neuen Hauses. Ihre Geschwister wuseln irgendwo herum, jemand schreit, dass er Hunger hat, jemand anderes grölt die Titelmelodie von Paw Patrol mit. Die Blumen blühen, die Luft ist lau, es riecht nach Frühling, Fischstäbchen und Ferien.

Es sind aber keine Ferien, sondern ein Corona-Lockdown. Die Kinder, die gerade so friedlich miteinander sind, hatten vor einer halben Stunde einen Lagerkoller, und der nächste wird nicht lange auf sich warten lassen. Denn über eine App regnet den Grossen eine Hausaufgabe nach der anderen aufs Handy, und die Kleinen stellen bereits nach einem Tag fest, dass es so ganz ohne Kita und ans Haus gebunden nicht annähernd so lustig ist, wie sie gedacht haben.

In ihrer Arbeit schmiedet die Lebenskomplizin mit ihrem Team Notfallpläne für die kommenden Wochen, während für mich und meine Kolleginnen und Kollegen als selbstständige Freiberufler praktisch alles zum Erliegen kommt: Lesetouren, Moderationsaufträge, Vorträge, Seminare und dergleichen mehr werden abgesagt oder verschoben.

Leichtsinnige Risikogruppen

Und während man noch überlegt, wie man wohl den Verlust von ganzen Monatsgehältern kompensieren soll, arbeitet eine befreundete Ärztin im Krankenhaus bis zur Erschöpfung, weil so viele Menschen Hilfe brauchen. Rien ne va plus – nichts geht mehr. Schulen und Kitas dicht, Spielplätze werden abgeriegelt, öffentliche Einrichtungen geschlossen.

Richtig so. Denn besagte Ärztin ist auf dem Weg zur Arbeit noch an Cafés vorbeigefahren, wo Menschen bei Kaffee und Kuchen die Sonne geniessen, als ob nichts wäre. Ich möchte mir nicht ausmalen, wie ich reagieren würde, wenn ich dort genau die Altersgruppe die Köpfe zusammenstecken sehen würde, die als besonders vulnerabel identifiziert wurde und für die all diese Vorsichts- und Eindämmungsmassnahmen vor allem getroffen wurden.

Kampf ums Toilettenpapier

Stattdessen überlege ich, wie ich die Waschmaschine am besten auf den Esstisch wuchten kann, weil sie sich dort besser zerlegen lässt. 60 Cent in Münzen und eine Sicherheitsnadel aus dem Flusensieb zu fischen, war offenbar nicht genug. Auf Youtube herausfinden, wie man mit einer dünnen Schnur die nicht mehr zu öffnende Tür der Maschine trotzdem noch aufkriegt, anscheinend auch nicht.

Inzwischen sind die «Hunger»-Rufe zu einem Chor angeschwollen. Kochen und einkaufen muss ich auch noch. Oder einkaufen und kochen? Auf jeden Fall kann ich die Kinder nicht mitnehmen, obwohl sie gerne würden. Aber das Coronavirus/Covid-19 ist kein Spass und Social Distancing nicht nur ein nett gemeinter Vorschlag. Und die Prepper, die sich in den Supermärkten um Toilettenpapier und Mehl streiten, so, als planten sie, Unmengen Brote und Torten zu backen, um sie anschliessend in stundenlangen Sitzungen wieder auszuscheissen, sind echt kein Umgang für Kinder.

Instagram-Influencer, die Klorollengewinnspiele für ihre Follower veranstalten, übrigens auch nicht, aber das ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.

https://twitter.com/Timotion/status/1239222953813909505

Einstweilen gibt es viel zu tun. Diesen Text zu schreiben zum Beispiel (Nachtarbeit, ick hör dir trapsen), Urlaub stornieren, rumtelefonieren, die Kinder bei Laune halten und um sie herumarbeiten. Und das alles ohne Fremdbetreuung. Ohne Grosseltern, weil das ja gerade der springende Punkt ist. Irgendwann, wenn das alles vorbei ist, müssen wir alle sehr ernsthaft darüber miteinander reden, für wie selbstverständlich und nebensächlich wir Kümmern, Pflegen und Versorgen nehmen. Und wie unfassbar systemrelevant diese Dinge sind.

Kinderbetreuung, Lehrstoffvermittlung, Alten- und Krankenpflege – das sind keine belanglosen Nebentätigkeiten für unser Wirtschaftssystem, sondern unverzichtbare Voraussetzungen, ohne die rein gar nichts geht. Sie merken, ich bin ein bisschen geladen. Vielleicht bringt mich die Wut ja durch die nächsten Wochen. Oder «Die Sendung mit der Maus». Die gibt es ab heute täglich zu sehen. Immerhin etwas.

Liebe Eltern, welche Themen beschäftigen Sie in diesen schwierigen Zeiten besonders? In welchen Situationen wären Sie froh um Expertentipps oder Erfahrungsberichte von anderen Müttern und Vätern? Schreiben Sie uns in der Kommentarspalte!

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